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Wirtschaft

Abschwung und Handelskrieg

Dem deutschen Exportmodell droht das Ende

Lange galt Deutschlands Wirtschaft als vorbildlich. Doch die weltweite Konjunkturschwäche und die Abkehr vom Freihandel gefährden das exportorientierte Erfolgsmodell. Auf die Industrie warten heftige Verwerfungen.

imago/ imagebroker

Containerterminal mit Frachtkränen an der Elbe

Eine Kolumne von
Sonntag, 06.01.2019   11:27 Uhr

Wir sind auf dem Weg zu einem Kapitalismus ohne Kapital. Und dieser neue Kapitalismus arbeitet nach anderen Regeln als die traditionelle Variante. Es kommt nicht mehr so sehr darauf an, wie viel ein Unternehmen oder eine Volkswirtschaft an physischen Gütern produzieren kann. Mehr und mehr steht die Schaffung immaterieller Werte im Vordergrund: Wissen, Ideen, Design, Organisationskonzepte, soziale Normen und dergleichen.

So legen es die britischen Ökonomen Jonathan Haskel und Stian Westlake in ihrem Buch "Capitalism without Capital" dar. Wer es gelesen hat, fragt sich, ob wir in Deutschland nicht auf dem falschen Trip sind.

Ist es möglich, dass viele der stolzen Industriekonzerne und produzierenden Mittelständler eher die Vergangenheit als die Zukunft darstellen? Laufen gerade wir Deutschen einem Trugbild nach? Jedenfalls steht die deutsche Wirtschaft bei immateriellen Wirtschaftsgütern (sogenannte "intangibles") im internationalen Vergleich nicht sonderlich gut da, wie die Analysen der beiden Briten zeigen.

Profiteure der Globalisierung

Bislang ist Deutschland mit seinem großen Industriesektor sehr gut gefahren. Kein anderes hochentwickeltes Land verfügt über ein so breites Netz an produzierenden Unternehmen. Immer noch macht die Industrie 23 Prozent der nationalen Wertschöpfung aus. Der Anteil ist seit mehr als 20 Jahren stabil.

International gesehen ist die Bundesrepublik damit eine rare Ausnahme. So ist in Frankreich, den USA, Großbritannien oder den Niederlanden der Beitrag der Industrie im gleichen Zeitraum stark gesunken. Heute liegt er dort rund zehn Prozentpunkte unter dem deutschen Niveau. Auch in Schweden, das noch zur Jahrtausendwende genauso viel Industrie besaß wie die Bundesrepublik, ist der Fertigungssektor geschrumpft.

Gerade wegen seiner Industrielastigkeit hat Deutschland enorm von der Globalisierung profitiert: Die deutsche Wirtschaft hat noch all das im Angebot, was Schwellenländer wie China brauchen und was andere reiche Volkswirtschaften kaum noch produzieren - Autos, Maschinenbau, Chemie. Die Frage ist, ob diese Wirtschaftsstruktur auch in Zukunft noch trägt. Warnsignale gibt es jedenfalls diverse.

Konjunktur und Konflikt

So ist die Produktion im wichtigen Automobilsektor zuletzt geschrumpft (was auch an den Verzögerungen wegen des neuen Abgastests WLTP lag und sich in den kommenden Monaten relativieren könnte). Der Maschinen- und Anlagenbau, der 2018 noch mit sieben Prozent gewachsen ist, rechnet für 2019 mit einer deutlichen Abschwächung der Dynamik (am Mittwoch gibt es neue Zahlen zum Auftragseingang.) In der Chemie seien die Geschäftserwartungen der Unternehmen "unterkühlt", meldet der Branchenverband VCI.

Deutschlands Industrie lebt überwiegend vom Export (neue Zahlen dazu ebenfalls am Mittwoch). Doch die Unternehmen sehen die Entwicklungen auf den Auslandsmärkten immer pessimistischer, wie sich am Ifo-Index der Exporterwartungen ablesen lässt, der seit Monaten sinkt.

Es ist ein Mix aus konjunkturellen Faktoren und strukturellen Verschiebungen, die der Industrie zu schaffen machen. Praktisch überall auf der Welt flaut der Aufschwung der vergangenen Jahre ab. Parallel dazu wandeln sich die internationale Ordnung und das technologische Umfeld:

Vor diesem Hintergrund ist es möglich, dass Deutschland in den kommenden Jahren ähnliche strukturelle Verschiebungen erleben wird wie in der Vergangenheit bereits Frankreich oder Schweden. Kann man sich darauf vorbereiten?

Kommt das deutsche Modell unter die Räder?

Noch gilt Deutschland international als vorbildlich. Andere Staaten beneiden die Bundesrepublik um ihren großen Industrieanteil. Donald Trump will wieder mehr Fabriken im eigenen Land sehen. Die EU hat sich vorgenommen, den Industrieanteil von bislang 16 auf 20 Prozent im Jahr 2020 anzuheben. Eine Gruppe von europäischen Staaten, die sich "Friends of Industry" nennt, trifft sich regelmäßig, um industriepolitisch Druck zu machen.

Doch wenn Sättigungstendenzen und Handelskonflikte die Zukunft bestimmen, dann droht auch das exportgetriebene Industriemodell Deutschlands unter die Räder zu kommen. Die Politik wird sich dem kaum entgegenstemmen können. Aber sie kann die Folgen abmildern und Wege in die Zukunft ebnen. So wäre mehr staatliches Geld für Forschung und Innovation gut angelegt.

Schließlich lebt der heraufziehende "Kapitalismus ohne Kapital" insbesondere von Wissen und Ideen - von Faktoren also, von denen man kaum genug haben kann.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der bevorstehenden Woche

Montag

Las Vegas - Brutal digital - Vor Beginn der Technik-Messe CES (bis Freitag) präsentieren sich diverse Konzerne der Presse, darunter Continental und Bosch.

Peking - Schwieriges China-Business - VW-Chef Diess übernimmt nun auch die direkte Verantwortung für das China-Geschäft. In Peking stellt er sich den Fragen der Presse.

Dienstag

Frankfurt (Oder) - Polit-Aufsteiger 2019? - Jahresauftakt-Klausur des Bundesvorstandes der Grünen: Im abgelaufenen Jahr konnte die ehemalige Alternativ-Partei vor allem in den Umfragen punkten. 2019 wird sich bei Europa- und Landtagswahlen zeigen, ob sie ihre Sympathisanten auch zu Wählern machen können.

Ankara - Nach Amerikas Abkehr - Besuch von US-Sicherheitsberater Bolton in der Türkei. Präsident Trump hatte den Krieg den "Islamischen Staat" für gewonnen erklärt und den Abzug der dortigen US-Soldaten angekündigt. Vor allem die bislang mit von den USA gestützten Kurden stehen nun massiv unter Druck - auch durch die Türkei.

Mittwoch

Wiesbaden - Deutschlands Ausfuhr - Das Statistische Bundesamt legt Zahlen zum Export im November vor. Nach einem schwachen Jahr waren sie im Oktober überraschend stark gestiegen.

Frankfurt - Vorzeigebranche unter Druck - Der Maschinen- und Anlagenbau-Verband VDMA präsentiert neue Zahlen zu den Auftragseingängen im November. Noch sitzt die Branche auf einem Auftragspolster.

Luxemburg - Europas Jobs - Europäische Statistikbehörde Eurostat veröffentlicht die Zahlen zur Entwicklung des Arbeitsmarkts in der EU.

London - Splendid Isolation? - Das britische Unterhaus debattiert wieder über den Brexit. Nachdem Premier May den Abstimmungstermin 11. Dezember kurzfristig abgesagt hatte, steht das Votum über den UK-EU-Brexit-Deal nun für die dritte Januarwoche an.

Donnerstag

Düsseldorf - Zuschlag! - Beginn der Tarifverhandlungen für die nordwestdeutsche Stahlindustrie. Die IG Metall fordert ein Plus von 6 Prozent.

Freitag

Luxemburg - Der Lack ist ab - Europas Statistikamt Eurostat veröffentlicht Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt der EU im dritten Quartal. Bereits kurz vor Weihnachten wurde bekannt, dass Deutschlands BIP im fraglichen Zeitraum um 0,2 Prozent geschrumpft ist.

insgesamt 202 Beiträge
max-mustermann 06.01.2019
1.
Puh da haben wir ja nochmal glück gehabt und wir habe wieder einen Grund mehr gefunden warum die Unternehmen auch weiterhin keine anständigen Löhne bezahlen "können".
Puh da haben wir ja nochmal glück gehabt und wir habe wieder einen Grund mehr gefunden warum die Unternehmen auch weiterhin keine anständigen Löhne bezahlen "können".
Jacek G 06.01.2019
2.
Immaterielle Werte werden an der Börse als erstes abgestoßen, wenn die Zeiten schlechter werden. Dann wird immer auf feste Werte gesetzt. Das hat schon seinen Hintergrund. Und Maschinen werden immer gebraucht.
Immaterielle Werte werden an der Börse als erstes abgestoßen, wenn die Zeiten schlechter werden. Dann wird immer auf feste Werte gesetzt. Das hat schon seinen Hintergrund. Und Maschinen werden immer gebraucht.
tobidd 06.01.2019
3. Kommen sie Herr Müller
Also wirklich Herr Müller mit Angst verkauft man Artikel das ist klar. Und mein Komentar zu ihrem Artikel unterstützt das auch noch... Dennoch wieso ist regelmäßig das "deutsche System" in Gefahr bei einer [...]
Also wirklich Herr Müller mit Angst verkauft man Artikel das ist klar. Und mein Komentar zu ihrem Artikel unterstützt das auch noch... Dennoch wieso ist regelmäßig das "deutsche System" in Gefahr bei einer Wirtschaftskrise? Das deutsche System hat mehrere große Kriege unter anderem falls es ihnen entgangen ist den 1. und 2. Weltkrieg überstanden. Des weiteren ist ein Abschwung keine Gefahr für die deutsche Wirtschaft sondern eine Chance den Markt zu klären und zu bereinigen was am Ende ein größeres Wachstum schafft. Das Problem ist keinesfalls IRGENDEIN Außenpolitischer Event. Es wird immer ein innerpolitusches Problem sein. So wie aktuell zum Beispiel die Bildungspolitik die uns deutsche zu mittelmäßig guten Angestellten und Verbrauchern erzieht. hier muss angesetzt werden so, dass wir die nächste Krise als Chance sehen.
Nordstadtbewohner 06.01.2019
4. Wettbewerbsfähigkeit ist wichtiger denn je
Die drohende Weltwirtschaftskrise wird die Politiker in Deutschland und der EU endlich dazu bringen, wichtige Reformen durchzuführen und zwar in den Bereichen Steuern und Abgaben, sowie eine Verschlankung gesetzlicher [...]
Die drohende Weltwirtschaftskrise wird die Politiker in Deutschland und der EU endlich dazu bringen, wichtige Reformen durchzuführen und zwar in den Bereichen Steuern und Abgaben, sowie eine Verschlankung gesetzlicher Vorschriften (vor allem beim überbordenden Datenschutz) und den ausufernden Sonderrechten für Arbeitnehmer ( Stichwort Teilzeit). Die Steuern und Abgaben müssen gesenkt werden und damit einher die hohe Staatsquote, damit die hiesige Wirtschaft international konkurrenzfähig bleibt. Dann bleiben den Unternehmen hierzulande auch notwendigen Mittel, um in die Digitalisierung zu investieren.
dasfred 06.01.2019
5. Industrie lässt sich nicht aus dem Nichts schaffen
Unsere Maschinenbauer können mehr, als nur Maschinen bauen. Sie beobachten seit Jahrzehnten die Märkte, entwicken Lösungen für Probleme, die andere noch gar nicht erkannt haben und arbeiten vom Ingenieur bis zum Azubi in der [...]
Unsere Maschinenbauer können mehr, als nur Maschinen bauen. Sie beobachten seit Jahrzehnten die Märkte, entwicken Lösungen für Probleme, die andere noch gar nicht erkannt haben und arbeiten vom Ingenieur bis zum Azubi in der Werkshalle eng im Verbund mit dem Vertrieb. Theoretisch wissen viele Länder, was besser laufen muss, allein, es fehlt das Know-how für die Umsetzung. Dazu kommt, das eine Produktionsanlage einen materiellen Wert darstellt. Der Wert von Immateriellen Firmen ist dem Markt viel stärker ausgeliefert. Nachlassendes Interesse kann in kürzester Zeit ein erfolgreiches Startup ruinieren.
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