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Wirtschaft

Arbeitsmarkt in Deutschland

3,4 Millionen Menschen haben mehrere Jobs

Statt Feierabend wartet der zweite Job: Immer mehr Menschen üben mehr als eine Beschäftigung aus. Das geschieht wahrscheinlich oft aus Geldnot.

picture alliance / dpa

Pizzalieferant (Archivbild)

Sonntag, 03.02.2019   12:50 Uhr

Die Zahl der Mehrfachbeschäftigten ist in den vergangenen 15 Jahren kontinuierlich gestiegen. Rund 3,4 Millionen Menschen in Deutschland üben aktuell mehr als einen Job aus, das sind 150.000 mehr als noch Mitte 2017. Das geht aus der Antwort der Bundesagentur für Arbeit (BA) auf eine Anfrage der Linken im Bundestag hervor.

"Einkommen aus einem Job reicht nicht"

Die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Sabine Zimmermann, die die Anfrage gestellt hatte, sagte der dpa: "Für immer mehr Beschäftigte reicht das Einkommen aus einem Job nicht mehr aus."

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), die Forschungseinrichtung der BA, wies darauf hin, dass Nebenjobber im Schnitt in ihrem Hauptjob deutlich weniger verdienten als Menschen ohne Nebenjob. IAB-Forschungsbereichsleiter Enzo Weber: "Das deutet darauf hin, dass relativ viele Nebenjobber auf das zusätzliche Geld angewiesen sind."

Das treffe aber nicht auf alle zu. Zweitjobs kämen nicht nur in bestimmten Branchen, bei bestimmten Personen oder im Fall bestimmter Motive vor, sagte Weber.

Nebenjob, der Spaß bringt

Laut einem Bericht des IAB gibt es neben finanziellen Motiven auch andere Gründe für einen Zweitjob, etwa den Hauptjob um Tätigkeiten zu ergänzen, die Spaß machen oder Prestige einbringen. "Beispiele sind der Universitätsprofessor, der als Berater in Wirtschaft oder Politik tätig ist, oder aber der Fließbandarbeiter, der abends gegen Entgelt Konzerte mit der Band gibt."

Vor allem machte Weber darauf aufmerksam, dass der erste Minijob im Nebenjob für den Arbeitnehmer komplett steuer- und abgabenfrei ist. "So eine starke Subvention möchten dann natürlich ganz verschiedene Personen nutzen."

Angesichts der schwachen Lohnentwicklung bis Mitte/Ende der Nullerjahre habe für diesen Zeitraum wohl die Zahl derer zugenommen, deren Einkommen ohne Nebenjob nicht ausreiche. Nachdem die Löhne seit Jahren aber wieder deutlich stärker gestiegen seien, sei die extreme Begünstigung von Nebenjobs die wohl wichtigste Ursache für deren Zunahme, so Weber.

Minijobs tragen nicht zur Alterssicherung bei

Politikerin Zimmermann forderte: "Minijobs müssen in sozialversicherungspflichtige existenzsichernde Beschäftigung überführt werden." IAB-Forscher Weber wies auf Nachteile der Begünstigung von Nebenjobs hin. Für diese Jobs werde meist nicht in die Rentenkasse eingezahlt, sie trügen also nicht zur Alterssicherung bei.

"Und die meisten Nebenjobs dürften auch nicht zu nachhaltiger beruflicher Entwicklung und Arbeitsmarktintegration führen." Bei Geringverdienern könne die Kopplung einer Unterstützung an einen Nebenjob auf ein falsches Gleis führen. Arbeitsmarktintegration gelinge eher im Hauptjob.

wbr/dpa

insgesamt 57 Beiträge
so-long 03.02.2019
1. Geldnot ist relativ
Die Konsumansprüche sind sehr verschieden. Entsprechend ist es der Geldbedarf. Der abgebildete Pizzabote ist Sinnbild: wer glaubt denn ernsthaft, daß sich mit einem solchen (Grund)Job der Lebensunterhalt in D bestreiten läßt? [...]
Die Konsumansprüche sind sehr verschieden. Entsprechend ist es der Geldbedarf. Der abgebildete Pizzabote ist Sinnbild: wer glaubt denn ernsthaft, daß sich mit einem solchen (Grund)Job der Lebensunterhalt in D bestreiten läßt? Welche Qualifikation ist dafür denn erforderlich?
tobias127 03.02.2019
2. ist doch alles super...
.... eine Altenpflegerin mit 2500 € mtl. zahlt 35 % Steuern und Sozialabgaben. Für ihre Einkäufe nochmals 19 % (bzw. 7% ) MwSt. Ich als Steuerberater habe gerade einer Mandantin dabei geholfen 6,5 Mio. € auf ihren Sohn zu [...]
.... eine Altenpflegerin mit 2500 € mtl. zahlt 35 % Steuern und Sozialabgaben. Für ihre Einkäufe nochmals 19 % (bzw. 7% ) MwSt. Ich als Steuerberater habe gerade einer Mandantin dabei geholfen 6,5 Mio. € auf ihren Sohn zu übertragen. Steuerbelastung 4,5 %. Die Altenpflegerin arbeitet auch noch 38 h / Woche, der Sohn meiner Mandantin arbeitet übrigens nicht mehr, war aber bei der Geburt schon so schlau, sich die richtigen Eltern auszusuchen. Läuft doch alles super bei uns (ok ok gebe ja zu, nur für den Sohn meiner Mandantin und auch ein wenig für mich).
wiescheid 03.02.2019
3. Wirklich sehr relativ
Mein Umfeld ist sicher nicht repräsentativ, aber alle die ich mit zwei Jobs kenne, sind im ersten nicht schlecht (aber auch nicht übermäßig) bezahlt (oft Sachbearbeiter im Büro), haben aber einen Lebensstandard, der deutlich [...]
Mein Umfeld ist sicher nicht repräsentativ, aber alle die ich mit zwei Jobs kenne, sind im ersten nicht schlecht (aber auch nicht übermäßig) bezahlt (oft Sachbearbeiter im Büro), haben aber einen Lebensstandard, der deutlich mehr Geld erfordert. Daher der zweite Job - aus deren Sicht "notwendig", ob das objektiv so ist, wenn damit das zweite Auto und der dritte Urlaub bezahlt werden, ist sicher nicht so eindeutig. Im übrigen das gleiche, was andere mit bezahlten Überstunden oder Schichtzuschlägen in meinem Umfeld auch machen - ich erstere vor Gründung einer Familie auch. Jetzt ist mir die Freizeit dann doch lieber...
tobias127 03.02.2019
4. ist doch alles super...
.... eine Altenpflegerin mit 2500 € mtl. zahlt 35 % Steuern und Sozialabgaben. Für ihre Einkäufe nochmals 19 % (bzw. 7% ) MwSt. Ich als Steuerberater habe gerade einer Mandantin dabei geholfen 6,5 Mio. € auf ihren Sohn zu [...]
.... eine Altenpflegerin mit 2500 € mtl. zahlt 35 % Steuern und Sozialabgaben. Für ihre Einkäufe nochmals 19 % (bzw. 7% ) MwSt. Ich als Steuerberater habe gerade einer Mandantin dabei geholfen 6,5 Mio. € auf ihren Sohn zu übertragen. Steuerbelastung 4,5 %. Die Altenpflegerin arbeitet auch noch 38 h / Woche, der Sohn meiner Mandantin arbeitet übrigens nicht mehr, war aber bei der Geburt schon so schlau, sich die richtigen Eltern auszusuchen. Läuft doch alles super bei uns (ok ok gebe ja zu, nur für den Sohn meiner Mandantin und auch ein wenig für mich).
lord-crumb 03.02.2019
5. sehr differenziert zu sehen
Wie der Bericht richtig anführt, kann man aus der Tatsache, dass jemand zwei Jobs ausübt nicht zwingend schlussfolgern, dass der Arbeitnehmer das notwendig hat. Beispielsweise haben auch sehr viele Klinikärzte einen zweiten [...]
Wie der Bericht richtig anführt, kann man aus der Tatsache, dass jemand zwei Jobs ausübt nicht zwingend schlussfolgern, dass der Arbeitnehmer das notwendig hat. Beispielsweise haben auch sehr viele Klinikärzte einen zweiten Arbeitsvertrag in einem angeschlossenen MVZ. Gerade in Zeiten von Personalknappheit haben Arbeitnehmer auch zwei Jobs weil sie sehr gefragt sind. Das Bild ist also sehr vielschichtig.

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