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Wirtschaft

Gefahren für die deutsche Konjunktur

China, Chips und Trump

Deutsche Bank, Bayer, BASF, Siemens, Ford oder Miele und Schaeffler streichen Jobs. Läuft es gut, werden die Deutschen den notwendigen Strukturwandel kaum spüren. Aber drei Faktoren sprechen dagegen.

Oliver Berg/dpa

Ford-Produktion in Köln (Archivbild)

Eine Kolumne von
Sonntag, 07.07.2019   13:17 Uhr

Zuerst das Positive: Die Arbeitslosigkeit in Deutschland ist so niedrig wie kaum irgendwo sonst im Westen. Und so wird es wohl zunächst auch bleiben. Die Prognosen fürs nächste Jahr sagen voraus, dass die Arbeitslosenquote hierzulande abermals geringer ausfallen wird als die Vergleichswerte für die USA und erst recht als für Frankreich und Italien.

Die Angst vor Arbeitslosigkeit, viele Jahre lang das bestimmende Lebensgefühl der Bundesbürger, ist weitgehend verschwunden.

Doch hinter den positiven Zahlen verbergen sich enorme Umwälzungen. In Deutschland kündigt sich ein Strukturwandel an, den andere Länder bereits hinter sich haben und der viele Gewissheiten hierzulande ins Wanken bringen kann.

Strukturwandel ist eine schmerzhafte Angelegenheit

Denn niedrige Arbeitslosenzahlen bedeuten nicht unbedingt, dass alles bleibt, wie es ist. Unter der statistischen Benutzeroberfläche entfaltet sich manches Drama: Menschen verlieren ihre Jobs, finden neue, verlassen ihren Wohnort, ziehen anderswohin. Unternehmen werden umgebaut, neu sortiert, einige Branchen schrumpfen, andere wachsen. Strukturwandel ist eine schmerzhafte Angelegenheit.

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Die Einschläge kommen näher. Deutsche Bank, Bayer, BASF, Siemens, Ford, selbst heimatverbundene Familienunternehmen wie Miele und Schaeffler streichen Stellen. Schlaglichter, die zeigen, wie stark vor allem die Industrie hierzulande unter Druck ist.

Mehr als eine vorübergehende Schwächephase

Deutschlands Wirtschaft besteht immer noch zu fast einem Viertel aus Industrie. Nirgends sonst in vergleichbar reichen Ländern ist der Fertigungsanteil an der Wirtschaftsleistung so groß.

Anderswo hat die Bedeutung der Industrie in den vergangenen Jahrzehnten deutlich abgenommen. Deutschland hingegen spezialisierte sich immer weiter auf seine Stärken: Auto, Maschinen und Anlagen, Chemie. Die Güter dieser Branchen machen den größten Teil der deutschen Exporte aus. (Achten Sie Montag auf neue Daten vom deutschen Export und von der Produktion.) Doch nun kommt die Industrie gleich aus mehreren Richtungen gleichzeitig unter Druck.

Die Stimmung bei den Managern in produzierenden Unternehmen ist gedämpft; der Ifo-Konjunkturklimaindex fürs Verarbeitende Gewerbe ist auf dem niedrigsten Stand seit Jahren. Die Auftragseingänge sind rückläufig. Immerhin jedes zwölfte Industrieunternehmen erwartet für die kommenden drei Monate Kurzarbeit.

Vieles spricht dafür, dass die derzeitige Schwächephase der Industrie über das übliche konjunkturelle Auf und Ab hinausgeht.

Drei Risiken für die deutsche Wirtschaft

Strukturelle Verschiebungen sind am Werk, die bleibende Veränderungen verursachen werden. Insbesondere drei Faktoren spielen eine Rolle:

Schwächere Schwellenländer: Bei wichtigen Kunden der deutschen Industrie hat sich das Entwicklungstempo verlangsamt. In den Schwellenländern, zumal in China, ist die Phase der raschen Industrialisierung der vergangenen zwei Jahrzehnte vorbei. Der Bedarf an Maschinen, Fabriken und Autos wächst auch dort nicht unbegrenzt weiter.

Digitalisierung: Die nächste Stufe der Digitalisierung dürfte sich besonders stark in der Fertigung niederschlagen. Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) kommt zu dem Ergebnis, dass infolge der Digitalisierung bis 2025 rund 1,3 Millionen Jobs wegfallen werden. Auf längere Sicht seien ein Fünftel aller Jobs in Deutschland bedroht, sagt die Industrieländerorganisation OECD vorher, ein weiteres Drittel werde einem tiefgreifenden Wandel unterliegen.

Handelskrieg: Die globale Protektionismuswelle ist dabei, eine destruktive Dynamik zu entfalten. Die Weltwirtschaft droht in eine unkooperative Logik der eskalierenden Handelsbeschränkungen abzurutschen - Zoll, Gegenzoll, Gegengegenzoll…. Besonders betroffen: die Autoindustrie sowie der Maschinen- und Anlagebau, Deutschlands Vorzeigeindustrien. Bereits jetzt beeinträchtigt die handelspolitische Unsicherheit das Branchenklima.

Das heißt nicht, dass die Arbeitslosigkeit wieder die Größenordnung erreichen wird wie in den düsteren Neunzigerjahren. In anderen Branchen entstehen zusätzliche Jobs. Und die Alterung der Gesellschaft begrenzt das Angebot an Arbeitskräften. Auch wenn die Zahl der Arbeitslosen in den kommenden Monaten leicht ansteigen sollten, wie das IAB prognostiziert, werden kaum wieder Millionen Menschen dauerhaft vom Erwerbsleben ausgesperrt sein.

Ödnis und Verunsicherung

Doch eine teilweise Deindustrialisierung bringt eigene Herausforderungen mit sich. So verzeichnen Länder mit schrumpfender Industrie häufig eine steigende Einkommensungleichheit. In Deutschland hingegen war die Verteilung der Einkommen in den vergangenen zehn Jahren weitgehend stabil.

Auch die relativ ausgewogene Regionalstruktur der Bundesrepublik - getragen von mittelständischen Industrieunternehmen in ländlichen Gegenden - könnte deutlich metropolenlastiger werden, wie das in anderen Ländern längst der Fall ist.

Beide Tendenzen schlagen sich in der Politik nieder. Viele Bürger empfinden ihre Existenz als zunehmend unsicher, fühlen sich selbst und ihre Heimatregion abgehängt. Was wiederum das Erstarken von populistischen Bewegungen begünstigt; wir sprachen drüber.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der bevorstehenden Woche

Montag

Wiesbaden - Industrie in Zeiten des Handelskriegs - Neue Zahlen vom Statistischen Bundesamt zur deutschen Ausfuhr und zur Produktion.

Mittwoch

Washington - Bühne frei für Jay - Anhörung von Fed-Chef Jerome Powell vor dem US-Kongress. Interessant wird vor allem sein, wie - und ob überhaupt – er die Unabhängigkeit der US-Notenbank gegen die Angriffe von Präsident Trump zu verteidigen gedenkt.

Donnerstag

Frankfurt - Vorbereitungen für die Zeit nach Draghi - Die EZB veröffentlicht mit Zeitverzögerung das Protokoll ihrer letzten Ratssitzung. Die Börsen werden genau hinschauen – in der Hoffnung, auf Material zur Spekulation über den künftigen Kurs der Notenbank zu stoßen.

Freitag

Peking - Heiße Zeiten - Chinas Zoll veröffentlicht Außenhandelszahlen für das zweite Quartal. Wie stark leidet die Volksrepublik unter dem Schlagabtausch mit den USA?

Wie funktioniert die Civey-Methodik?
Das Meinungsforschungsinstitut Civey arbeitet mit einem mehrstufigen vollautomatisierten Verfahren. Alle repräsentativen Echtzeitumfragen werden in einem deutschlandweiten Netzwerk aus mehr als 20.000 Websites ausgespielt ("Riversampling"), es werden also nicht nur Nutzer von SPIEGEL ONLINE befragt. Jeder kann online an den Befragungen teilnehmen und wird mit seinen Antworten im repräsentativen Ergebnis berücksichtigt, sofern er sich registriert hat. Aus diesen Nutzern zieht Civey eine quotierte Stichprobe, die sicherstellt, dass sie beispielsweise in den Merkmalen Alter, Geschlecht und Bevölkerungsdichte der Grundgesamtheit entspricht. In einem dritten Schritt werden die Ergebnisse schließlich nach weiteren soziodemografischen Faktoren und Wertehaltungen der Abstimmenden gewichtet, um Verzerrungen zu korrigieren und Manipulationen zu verhindern. Weitere Informationen hierzu finden Sie auch in den Civey FAQ.
Warum ist eine Registrierung nötig?
Die Registrierung hilft dabei, die Antworten zu gewichten, und ermöglicht so ein Ergebnis für die Umfragen, das für die Wahlbevölkerung in Deutschland repräsentativ ist. Jeder Teilnehmer wird dabei nach seinem Geschlecht, Geburtsjahr und Wohnort gefragt. Danach kann jeder seine Meinung auch in weiteren Umfragen zu unterschiedlichen Themen abgeben.
Wie werden die Ergebnisse repräsentativ?
Die Antwort jedes Teilnehmers wird so gewichtet, dass das Resultat einer Umfrage für die Grundgesamtheit repräsentativ ist. Bei der Sonntagsfrage und beim Regierungsmonitor umfasst diese Grundgesamtheit die wahlberechtigte Bevölkerung in Deutschland. Die Gewichtung geschieht vollautomatisiert auf Basis der persönlichen Angaben bei der Registrierung sowie der Historie früherer Antworten eines Nutzers. Weitere Details zur Methodik stehen im Civey-Whitepaper.
Erreicht man online überhaupt genügend Teilnehmer?
Meinungsumfragen werden in der Regel telefonisch oder online durchgeführt. Für die Aussagekraft der Ergebnisse ist entscheidend, wie viele Menschen erreicht werden können und wie viele sich tatsächlich an einer Umfrage beteiligen, wenn sie angesprochen werden. Internetanschlüsse und Festnetzanschlüsse sind in Deutschland derzeit etwa gleich weit verbreitet - bei jeweils rund 90 Prozent der Haushalte, Mobiltelefone bei sogar 95 Prozent. Die Teilnahmebereitschaft liegt bei allen Methoden im einstelligen Prozentbereich, besonders niedrig schätzen Experten sie für Telefonumfragen ein.
Es gibt also bei beiden Methoden eine Gruppe von Personen, die nicht erreicht werden kann, weil sie entweder keinen Anschluss an das jeweilige Netz hat oder sich nicht an der Umfrage beteiligen möchte. Deshalb müssen für ein aussagekräftiges Ergebnis immer sehr viele Menschen angesprochen werden. Civey-Umfragen sind derzeit neben SPIEGEL ONLINE in mehr als 20.000 andere Webseiten eingebunden, darunter auch unterschiedliche Medien. So wird gewährleistet, dass möglichst alle Bevölkerungsgruppen gut erreicht werden können.
Woran erkenne ich die Güte eines Ergebnisses?
Bis das Ergebnis einer Umfrage repräsentativ wird, müssen ausreichend viele unterschiedliche Menschen daran teilnehmen. Ob das bereits gelungen ist, macht Civey transparent, indem zu jedem Umfrageergebnis eine statistische Fehlerwahrscheinlichkeit angegeben wird. Auch die Zahl der Teilnehmer und die Befragungszeit werden für jede Umfrage veröffentlicht.
Was bedeutet es, wenn sich die farbigen Bereiche in den Grafiken überschneiden?
In unseren Grafiken ist der statistische Fehler als farbiges Intervall dargestellt. Dieses Intervall zeigt jeweils, mit welcher Unsicherheit ein Umfragewert verbunden ist. Zum Beispiel kann man bei der Sonntagsfrage nicht exakt sagen, wie viel Prozent eine Partei bei einer Wahl bekommen würde, jedoch aber ein Intervall angeben, in dem das Ergebnis mit hoher Wahrscheinlichkeit liegen wird. Überschneiden sich die Intervalle von zwei Umfragewerten, dann können streng genommen keine Aussagen über die Differenz getroffen werden. Bei der Sonntagsfrage heißt das: Liegen die Umfragewerte zweier Parteien so nah beieinander, dass sich ihre Fehlerintervalle überlappen, lässt sich daraus nicht ableiten, welche von beiden aktuell bei der Wahl besser abschneiden würde.
Was passiert mit meinen Daten?
Die persönlichen Daten der Nutzer werden verschlüsselt auf deutschen Servern gespeichert und bleiben geheim. Mitarbeiter von Civey arbeiten für die Auswertungen lediglich mit User-IDs und können die Nutzer nicht mit ihrer Abstimmung in Verbindung bringen. Die persönlichen Angaben der Nutzer dienen vor allem dazu, die Antworten zu gewichten und sicherzustellen, dass die Umfragen nicht manipuliert werden. Um dies zu verhindern, nutzt Civey statistische wie auch technische Methoden. Darüber hinaus arbeitet Civey mit externen Partnern zusammen, die Zielgruppen für Werbetreibende erstellen. Nur wenn Nutzer die Datenschutzerklärung sowohl von Civey als auch von einem externen Partner akzeptiert haben, dürfen Ihre Antworten vom Partner zur Modellierung dieser Zielgruppen genutzt werden. Ein Partner erhält aber keine Informationen zu Ihren politischen und religiösen Einstellungen sowie solche, mit denen Sie identifiziert werden können. Civey-Nutzer werden auch nicht auf Basis ihrer Antworten mit Werbung bespielt. Der Weitergabe an Partner können Sie als eingeloggter Nutzer jederzeit hier widersprechen. Mehr Informationen zum Datenschutz bei Civey finden Sie hier.
Wer steckt hinter Civey-Umfragen?
An dieser Stelle haben Leser in der App und auf der mobilen/stationären Website die Möglichkeit, an einer repräsentativen Civey-Umfrage teilzunehmen. Civey ist ein Online-Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Berlin. Zur Erhebung seiner repräsentativen Umfragen schaltet die Software des 2015 gegründeten Unternehmens Websites zu einem deutschlandweiten Umfragenetzwerk zusammen. Neben SPIEGEL ONLINE gehören unter anderem auch der "Tagesspiegel", "Welt", "Wirtschaftswoche" und "Rheinische Post" dazu. Civey wurde durch das Förderprogramm ProFit der Investitionsbank Berlin und durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert.
insgesamt 118 Beiträge
Smarty- 07.07.2019
1. Prima
Dann danken wir Gott oder sonstigem, dass ein geldpolitischer Falke wie Herr Weidmann für die Spitze der EZB verhindert wurde (noch?). Der würde seine Geldpolitik der Preisstabilität gnadenlos durchboxen auch wenn die [...]
Dann danken wir Gott oder sonstigem, dass ein geldpolitischer Falke wie Herr Weidmann für die Spitze der EZB verhindert wurde (noch?). Der würde seine Geldpolitik der Preisstabilität gnadenlos durchboxen auch wenn die Konjunkturzahlen tiefrot sind.
delta120 07.07.2019
2. Der Brexit ist der Wunde Punkt
Ein harter Brexit und eine weitere Uneinigkeit der EU und USA bedroht die Wirtschaft. Sollte es zu einem harten Brexit kommen, dann bietet sich für die USA ein show down mit der EU an zum Jahresende an.
Ein harter Brexit und eine weitere Uneinigkeit der EU und USA bedroht die Wirtschaft. Sollte es zu einem harten Brexit kommen, dann bietet sich für die USA ein show down mit der EU an zum Jahresende an.
heikhen 07.07.2019
3. Erhöhung der Binnennachfrage
wäre eine Möglichkeit die reduzierte Exportleistung zu kompensieren. Investitionen in vernachlässigte Infrastruktur sind neben der BSP Wirksamkeit eine Möglichkeit die ZUkunftsfähig zu verbessern. Es gäbe Ansätze. Weg von [...]
wäre eine Möglichkeit die reduzierte Exportleistung zu kompensieren. Investitionen in vernachlässigte Infrastruktur sind neben der BSP Wirksamkeit eine Möglichkeit die ZUkunftsfähig zu verbessern. Es gäbe Ansätze. Weg von konsumtiven Programm hin zu investiven.
dirkozoid 07.07.2019
4. Deutsche Bank streicht Jobs?
Das liegt ja wohl an hausgemachten Problemen und hat wenig mit einem auf Deutschland begrenzten Strukturwandel zu tun.
Das liegt ja wohl an hausgemachten Problemen und hat wenig mit einem auf Deutschland begrenzten Strukturwandel zu tun.
Thomas Schröter 07.07.2019
5. Schlüsselkompetenzen outgesourced
Eine weitere Herausforderung ist, daß Deutschland bei der Erstellung proprietärer Informationstechnologien völlig abgehängt ist. Bei Software und elektronischer Hardware sind immer noch die USA dominant. Das und die [...]
Eine weitere Herausforderung ist, daß Deutschland bei der Erstellung proprietärer Informationstechnologien völlig abgehängt ist. Bei Software und elektronischer Hardware sind immer noch die USA dominant. Das und die Selbstüberforderung bei dem Versuch diesen Mangel auszugleichen, war schon der eigentliche Grund für den Untergang der DDR (Stichwort: Wettlauf um den Megachip, der am Ende nahezu alle Prioritäten der sterbenden DDR bestimmte). Schon damals war die Unfähigkeit die für den Export produzierten Maschinen mit wettbewerbsfähiger Digitaltechnik ausstatten zu können ein wesentlicher Grund für den alle Reserven aufzehrenden Aufholversuch der letzllich im ökonomischen Zusammenbruch mündete. Das droht so auch nun wieder dem vereinigiten Deutschland, dessen Digitalisierung überwiegend auf ausländischer und zu einem nicht unerheblichen Teil komprimitierter Informationstechnik beruht, deren Risiken und etwaige militärische Mißbrauchsfähigkeit immer weniger Kunden bereit sind zu akzeptieren.
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