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Wirtschaft

Steigende Wohnkosten, aggressive Investoren

Wo die Mieterangst regiert

In Berlin haben sich die Mieten in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt. Vor allem für Geringverdiener ist das oft eine Katastrophe. Wenn sie eine neue Wohnung suchen müssen, haben sie kaum eine Chance.

Foto: SPIEGEL TV
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Sonntag, 24.03.2019   13:49 Uhr

Jana Blank packt schon mal die wichtigsten Sachen zusammen - denn die Räumungsklage, so fürchtet sie, könnte jeden Tag kommen. Doch wohin sie mit ihren drei Töchtern dann gehen soll, weiß die Alleinerziehende nicht. "Was mir natürlich Angst macht, ist, mit den drei Kindern die Wohnung und die Existenz zu verlieren", sagt die 46-Jährige.

Ihr Vermieter hat Blank fristlos gekündigt, nachdem sie mehrmals ihre Miete zu spät überwiesen hat. Doch etwas Neues findet sie nicht. Niedergeschlagen berichtet sie von den Tränen der Töchter, die nicht wegwollen aus dem gewohnten Umfeld, von Schule und Freunden. "Die Gesamtsituation in der Familie ist extrem angespannt," sagt sie.

Die Geschichte von Jana Blank ist nur eine in der von SPIEGEL TV produzierten ZDF-Reportage "Mieterangst", die diesen Sonntag ab 18 Uhr zu sehen ist. Der Film erzählt von verzweifelten Mietern, knallharten Wohnkonzernen wie Vonovia und ausländischen Privatinvestoren, die gern ein Stück abhaben wollen vom boomenden deutschen Immobiliengeschäft.

Besonders drastisch ist die Lage in Berlin - einer immer noch vergleichsweise armen Stadt, die in den vergangenen zehn Jahren zum neuen Eldorado für Immobilieninvestoren geworden ist. In keiner anderen deutschen Großstadt sind die Mieten so stark angestiegen wie hier. Laut Berechnungen des Forschungsinstituts empirica kostete eine 60- bis 80 Quadratmeterwohnung im Jahr 2008 in Berlin noch günstige 5,14 Euro pro Quadratmeter, 2018 waren es 9,70 Euro - eine Steigerung um fast 90 Prozent. Zum Vergleich: In Hamburg ging es im selben Zeitraum um 35 Prozent nach oben, in Stuttgart um 48 und in München um 51,5 Prozent.

Vor allem Geringverdiener bleiben da oft auf der Strecke. Jana Blank wohnt in einer Altbauwohnung im Berliner Stadtteil Weißensee. Ihr Haus wurde von einer Baugenossenschaft an einen ausländischen Investor verkauft, der aus den großen Wohnungen kleine Apartments macht, um sie teuer weiterzuvermieten. Blank ist die letzte Altmieterin. Sie zahlt für 100 Quadratmeter rund 1000 Euro Warmmiete - ein Preis, für den sie in der Gegend kaum eine Wohnung ähnlicher Größe finden wird. "Ich habe hier im Stadtbezirk geguckt, ich habe im Nachbarstadtbezirk geguckt - es ist eigentlich aussichtslos, was Passendes zu finden, also für 'ne Familie mit Kindern", berichtet Blank.

DPA

Wohnblöcke in Berlin

Schon jetzt geht von Blanks Einkommen gut die Hälfte für die Miete drauf - ein Problem, das in Deutschland mittlerweile viele Menschen kennen. Laut Daten von Eurostat für das Jahr 2015 (neuere sind nicht verfügbar) mussten die unteren 20 Prozent der Haushalte im Schnitt 43,3 Prozent ihres Einkommens für Miete, Wasser und Energie aufbringen. Nur in Ungarn ist dieser Wert noch höher. Das geht aus einer aktuellen Anfrage des Linken-Chefs und Bundestagsabgeordneten Bernd Riexinger hervor.

285 Prozent Mieterhöhung in 17 Jahren

Die Politik versucht seit Jahren, den Anstieg der Mieten zu bremsen. Doch gerade in Städten wie Berlin, wo der Renditehunger der Investoren besonders groß ist, gelingt das kaum. Die Mietpreisbremse, die im vergangenen Jahr noch einmal verschärft wurde, wird nach Angaben des Berliner Mietervereins oft einfach ignoriert. Und auch die Gesetze zum Milieuschutz, die es Investoren in bestimmten Gebieten erschweren sollen, Mieter durch teure Sanierungen und andere Tricks aus ihren Wohnungen zu drängen, lassen nach Ansicht von Experten zu viele Schlupflöcher offen. Der neueste Versuch der rot-rot-grünen Landesregierung könnte deshalb ein sogenannter Mietendeckel sein, den der Senat gerade diskutiert.

Wie dreist manche Vermieter mittlerweile vorgehen, zeigt sich auch in den Mietverträgen. Vor einigen Tagen machte auf dem Kurznachrichtendienst Twitter ein Foto eines Staffelmietvertrags aus Berlin-Prenzlauer Berg die Runde. Demnach sollte der Mietpreis von aktuell 1746 Euro im Monat bis 2036 auf 6716 Euro steigen. 285 Prozent Mieterhöhung in 17 Jahren.

Glücklich kann sich derzeit schätzen, wer auf so etwas nicht angewiesen ist, weil er eine Wohnung mit bezahlbarer Miete hat. Doch auch das ist Teil des Problems in angespannten Wohnungsmärkten wie Berlin oder anderen Großstädten. Denn während früher häufiger Wohnungen frei wurden, weil sich die Bewohner je nach Lebenslage vergrößern oder verkleinern wollten, bleiben mittlerweile viele Menschen so lange in ihren Wohnungen, wie es nur irgendwie geht.

Warum sollte auch ein Rentner aus einer 100-Quadratmeter-Wohnung ausziehen, für die er dank eines alten Mietvertrags nur 600 Euro Kaltmiete zahlt, um in eine 50-Quadratmeter-Wohnung zu wechseln, für die heute mindestens der gleiche Preis fällig wäre? Und auch manche Familie mit zwei Kindern quetscht sich lieber möglichst lange in die kleine Drei-Zimmer-Wohnung, weil sie sich den Umzug in eine größere Bleibe nicht mehr leisten kann. Lock-in-Effekt nennen Experten das.

So herrscht vielerorts praktisch Stillstand auf dem Markt. Und wer darauf angewiesen ist, eine neue Wohnung zu finden, hat es entsprechend schwer. Erst recht, wenn er wenig Geld zur Verfügung hat - wie Jana Blank und wie so viele andere Menschen in Berlin.


"Wohnstress - Mieterangst": Die Reportage von Ralf Wilharm sehen Sie am Sonntag, 24. März, um 18 Uhr im ZDF.

insgesamt 278 Beiträge
Haarfoen 24.03.2019
1. Wohneigentum in gesellschaftliches Eigentum überführen
Vermietetes Eigentum ab einer bestimmten Größe muss aus den Händen des Kapitals in gesellschaftliches Eigentum überführt werden, Wohngenossenschaften haben sich da bestens bewährt. Eine Enteignung ist nicht notwendig, [...]
Vermietetes Eigentum ab einer bestimmten Größe muss aus den Händen des Kapitals in gesellschaftliches Eigentum überführt werden, Wohngenossenschaften haben sich da bestens bewährt. Eine Enteignung ist nicht notwendig, Mieterträge über einer Größenordnung von z. B. 2.500.- € im Monat werden einfach mit 99% Steuern taxiert. Die Eigennutzung von Wohnfläche bleibt selbstverständlich unberührt. Damit hat sich das Thema dann erledigt. Die Ausbeutung der Menschen auf dem Wohnungsmarkt hat perverse Züge angenommen, das Leid der Betroffenen ist unendlich und einer humanen Gesellschaft nicht würdig. Aber nachdem alle die neo- liberalen Parteien wählen: Es geht weiter, bis es kracht. Solange, bis wir den sozialen Frieden komplett ruiniert haben.
joke61 24.03.2019
2. Angebot und Nachfrage,
so ist das halt in der freien Marktwirtschaft, werden hier wieder einige 'sorry' sozial verkümmerte Foristen posten. Dabei sitzen die dann sicher im selbst erworbenem Eigenheim, von 60 er Jahre - Anfang 2000 angeschafft, für [...]
so ist das halt in der freien Marktwirtschaft, werden hier wieder einige 'sorry' sozial verkümmerte Foristen posten. Dabei sitzen die dann sicher im selbst erworbenem Eigenheim, von 60 er Jahre - Anfang 2000 angeschafft, für einen Bruchteil der heutigen Preise, Schön geräumig und warm, zufrieden! und selber schuld, hätten die in der Schule aufgepasst, hätten die auch die Kohle, die teuren Mieten zu bezahlen! Mehr möchte ich hierzu nicht beisteuern! Außer: Die sozialen Ungrechtigkeiten werden unserer Demokratie irgendwanndas Genick brechen. Möglicherweise gibt es mich bis dahin nicht mehr. Für meine Kinder und meine Enkel tuts mir leid!
Grünspahn 24.03.2019
3.
Wenn ich den Beitrag recht verstanden habe, dann wurde der Dame gekündigt, weil sie ihren Pflichten aus den Meitvertrag nicht nachkam. Ich würde meinen Mietern auch kündigen, wenn sie die Miete nicht pünktlich überweisen. Die [...]
Wenn ich den Beitrag recht verstanden habe, dann wurde der Dame gekündigt, weil sie ihren Pflichten aus den Meitvertrag nicht nachkam. Ich würde meinen Mietern auch kündigen, wenn sie die Miete nicht pünktlich überweisen. Die Kosten laufen ja auch weiter und müssen pünktlich gezahlt werden. Ich verstehe nicht, warum gerade Fälle, bei denen das Verschulden auf Meiterseite liegt, immer als Aufhnger genommen werden um gegen angeblich böse Vermieter Stimmung zu machen. Jeder verlangt, dass der Arbeitgeber pünktlich das Gehalt zahlt, nur der Vermieter kann ja auf sein Geld warten.
mumuwilli1975 24.03.2019
4. Berlin
kommt ja wohl von einem ganz niedrigen Mietniveau. Ich erinnere an eine Freundin (muss so gegen 2009 gewesen sein). Sie zahlte für ihre 80qm Whg in der Berliner Innenstadt gerade mal 500 EUR kalt. Nun ist es halt teurer geworden. [...]
kommt ja wohl von einem ganz niedrigen Mietniveau. Ich erinnere an eine Freundin (muss so gegen 2009 gewesen sein). Sie zahlte für ihre 80qm Whg in der Berliner Innenstadt gerade mal 500 EUR kalt. Nun ist es halt teurer geworden. Ich zahle als Alleierziehende nun 1000 EUR für 110qm in einer doch teuren Gegend. Dann muss man sich etwas einfallen lassen, Jobwechsel etc. Immer dieses Jammern !
Marut 24.03.2019
5. Kein Land zum leben
Deutschland ist eben kein Land mehr, in dem Menschen in erster Linie leben, sondern eine Spielwiese für Investoren, auf der hilflos Schafe stehen, die man unbegrenzt melken kann. Die Schafen trauen sich nicht, sich zu wehren und [...]
Deutschland ist eben kein Land mehr, in dem Menschen in erster Linie leben, sondern eine Spielwiese für Investoren, auf der hilflos Schafe stehen, die man unbegrenzt melken kann. Die Schafen trauen sich nicht, sich zu wehren und die Investoren quetschen so lange, bis nichts mehr rauskommt.

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Kleine Typologie der Makler

Kleine Typologie der Makler
Jeder Großstädter kennt zahlreiche Geschichten über abenteuerliche Wohnungsvermittlungen. Makler spielen dabei fast immer eine Rolle. Eine vollkommen unrepräsentative Umfrage in der Redaktion von SPIEGEL ONLINE hat ein paar dieser Geschichten ans Tageslicht gebracht - subjektive, selbst erlebte Einzelfälle allesamt.
Der Abwesende
Wir wussten über Freunde von einer leerstehenden Wohnung. Wir riefen den Makler an, der uns sagte: "Sie können sich die Wohnung jederzeit ansehen - da sind derzeit Handwerker drin." Das taten wir und teilten dem Makler mit, dass wir die Wohnung gerne nehmen würden. Zwei Tage später durften wir den Vertrag unterzeichnen - die beiden Gläser Mineralwasser im Maklerbüro kosteten uns sozusagen zwei Monatsmieten. Plus Mehrwertsteuer.
Der Marktwirtschaftler
Eine Freundin hatte ihre Wohnung gekündigt, ich habe mich bei dem Vermieter gemeldet und Interesse bekundet. Er war einverstanden, hatte aber bereits einen Makler eingeschaltet. Es folgte ein Treffen mit dem Makler in der Wohnung, wozu er ein kurzes Exposé mitbrachte - das war alles. Ich bekam die Wohnung - und eine Rechnung in Höhe von rund 1200 Euro. Auf die Bitte, mit dem Preis herunterzugehen, da er schließlich keine Arbeit mit der Wohnung gehabt hätte, antwortete der Makler: "Aber ich kann Ihnen doch kein Geld schenken. Es gibt noch viele Andere da draußen, die diese Wohnung gern hätten."
Die Sippe
Wir mussten vor dem Einzug unterschreiben, dass wir wissen, dass die Maklerin die Ehefrau des Hausbesitzers ist. Was wir später herausgefunden haben: Vater und Sohn haben den Immobilienbesitz gemanagt, Mutter und Tochter makelten - so bleibt das Geld garantiert in der Familie. Gezahlt haben wir natürlich trotzdem.
Die Satten
Vor vielen Jahren hatte ich auf der Suche nach einer Mietwohnung notgedrungen die Hilfe eines Maklers gesucht. Als ich mich vor kurzem wieder auf die Wohnungssuche machte, habe ich 14 Makler durchtelefoniert - keiner von denen führte überhaupt noch Wohnungsrecherchen durch. Die lachten nur über meine Nachfrage: "Recherche? Nee, das machen wir schon lange nicht mehr. Das sind ja viel zu viele, die suchen."
Die Konkurrenten
Nicht nur die Makler sind zuweilen ärgerlich, sondern auch jene Interessenten, die dem Makler einen Wink mit dem Zaunpfahl geben, um zu zeigen, wie solvent sie sind. Beispiel: Bei einer Besichtigung sagte ein Interessent zum Makler: "Ach, und sagen sie mal: Die Miete bezahlt man hier wirklich monatlich? Also, ich könnte ihnen auch gerne gleich das Geld für das ganze Jahr geben!"
Die Kreative
Ich habe mich damals riesig gefreut, als ich meine Wohnung ohne Makler gefunden hatte. Dann wollte allerdings die Hausverwalterin auf einmal eine dubiose "Vertragsausfertigungsgebühr" von 200 Euro. Das ist zwar gesetzlich nicht zulässig, wird aber trotzdem gemacht - und vermutlich immer gezahlt.
Die Steuersparerin
Meine Maklerin hat mir beim Einzug angeboten, ihr statt der regulären Maklercourtage von 1400 Euro nur 1000 Euro zu geben - schwarz und unter der Hand. Sie sparte damit die Steuer, ich 400 Euro. Ich konnte damals jeden Euro gut gebrauchen und habe das Angebot angenommen.

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