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Wirtschaft

Osteuropäer in Großbritannien

Warum der Brexit auch ein Polexit wird

Die Polen sind die größte ausländische Gruppe in Großbritannien. Nach der EU-Osterweiterung wurden sie als Fachkräfte angeworben - nun verändert der Brexit auch ihr Leben. Sind sie auf der Insel noch willkommen?

Kristian Buus/Getty Images

Polnische Handwerker in London

Von
Mittwoch, 27.03.2019   14:29 Uhr

Als die Polen im Mai 2004 EU-Bürger wurden, waren viele von ihnen in Großbritannien heiß begehrt. "Schon kurz nach dem Beitritt erhielten wir einen Brief aus England - unterschrieben von dem damaligen Premierminister Tony Blair", erinnert sich der polnische Arzt Jacek Waroski gemeinsam mit seiner Frau Milena, ebenfalls Medizinerin. Die Botschaft des Schreibens damals: Man brauche sie und heiße sie herzlich willkommen. "Und wir waren keine Ausnahme. Viele unserer Kollegen fanden zu der Zeit solche Post in ihrem Briefkasten", sagt Waronski.

Eine solche Begeisterung für die Neu-Mitglieder war damals alles andere als üblich in der EU. Zu groß war im Westen die Angst vor dem "polnischen Klempner", der etwa in Frankreich zum Synonym für billige Arbeitskräfte avancierte. Gleich 15 Mitgliedstaaten schotteten ihren Arbeitsmarkt vor den Bürgern aus den neuen Mitgliedstaaten vorübergehend ab. Deutschland und Österreich machten gar bis zum Jahr 2011 dicht.

Eine von insgesamt drei Ausnahmen war 2004 Großbritannien. Die Briten öffneten ihren Markt nicht nur für die ost- und mitteleuropäischen Arbeitskräfte, sondern preschten bei deren Anwerbung regelrecht vor.

Beim Ehepaar Waronski hinterließ dies Wirkung. "Obwohl mich damals viele gefragt haben, was ich mit 44 Jahren in England will, wanderten wir 2005 nach Großbritannien aus", erzählt Jacek Waronski. Das Angebot war einfach zu lukrativ. "Trotz jahrelanger Berufserfahrung verdiente ich in Polen als Krankenhausarzt nur ungefähr 1200 Zloty (etwa 300 Euro - die Redaktion)", so der Mediziner. Auch die Arbeitsbedingungen seien in Großbritannien damals besser gewesen. "Und es war eine gute Entscheidung", sagt seine Frau Milena. "Egal ob am Arbeitsplatz oder in der Schule unseres Sohnes. Man hieß uns willkommen und unterstützte uns."

Doch nicht nur gezielt angeworbene Akademiker und Fachkräfte suchten nach dem EU-Beitritt Polens ihr Glück auf der Insel. Durch die höheren Löhne und den offenen Zugang zum Arbeitsmarkt entwickelte sich das Vereinigte Königreich zum beliebtesten Auswanderungsziel der Polen, selbst wenn viele dort nicht ihren eigentlichen Berufen nachgehen konnten. In der polnischen Presse fand man seit 2004 regelmäßig Berichte über Lehrer oder andere gut ausgebildete Staatsbedienstete, die in England Jobs als Tellerwäscher oder Putzkräfte annahmen und damit immer noch mehr verdienten als mit ihren erlernten Berufen in der Heimat.

Fast eine Million Polen im Land

Die Präsenz der Polen in Großbritannien ist auch heute noch unüberhörbar. Nach Englisch ist Polnisch mittlerweile die meistgesprochene Sprache, wie Zahlen des britischen Statistikamtes belegen. Laut dem letzten Migrationsbericht des Office of National Statistics (ONS) vom November 2018 leben in England, Wales, Schottland und Nordirland 985.000 polnische Einwanderer. Zum Vergleich: Aus der ehemaligen britischen Kolonie Indien verzeichnete das ONS 374.000 Migranten.

Wenn es um die EU-Osterweiterung geht, sind die Zahlen des britischen Statistikamtes aber nicht nur im Hinblick auf Polen interessant. Aus dem 2,8 Millionen Einwohner zählenden Litauen wanderten bis 2018 rund 230.000 Personen ein. Lettland, mit 1,9 Millionen Einwohnern auch eher ein kleines Land, verlor 113.000 Bürger gen Großbritannien. Und mit 433.000 Personen stellen Rumänen die mittlerweile zweitgrößte Einwanderungsgruppe auf der Insel, obwohl sie selbst erst seit 2007 EU-Bürger sind. Von den insgesamt elf ostmitteleuropäischen Staaten, die seit 2004 der EU beigetreten sind, fehlen lediglich die Tschechen, Esten, Slowenen und Kroaten unter den 25 größten Einwanderungsgruppen des Königreichs.

Für die ostmitteleuropäischen Ursprungsländer hat die Migration zwei Seiten. Einerseits verloren diese Staaten, die bereits seit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 mit den Auswirkungen der Auswanderung zu kämpfen haben, weitere Einwohner und zum Teil hochqualifizierte Arbeitskräfte. Andererseits spielen die Migranten eine nicht zu unterschätzende Rolle für die Wirtschaft ihrer Herkunftsstaaten. Allein die in Großbritannien lebenden Polen haben nach Angaben der polnischen Nationalbank zwischen 2004 und 2018 rund elf Milliarden Euro in ihre Heimat überwiesen.

Ob auch in Zukunft der Geldfluss aus Großbritannien so konstant bleiben wird, ist jedoch fraglich. Seit dem Brexit-Referendum ist die Einwanderung aus Ostmitteleuropa bereits zurückgegangen. Zum einen mag das am Wertverlust des britischen Pfunds liegen. Eine noch größere Rolle dürfte aber die negative Stimmung spielen, die mittlerweile gegenüber EU-Migranten herrscht. "Direkt nach dem Brexit-Referendum haben uns unsere Leser regelmäßig über fremdenfeindliche Angriffe berichtet", sagt Agnieszka Nowicka, Redakteurin des "Polish Express", eines Nachrichtenportals für in Großbritannien lebende Polen. "Heute hat sich die Lage beruhigt. Doch in der polnischen Community herrscht große Sorge, dass mit dem offiziellen EU-Austritt Großbritanniens die Aggressionen gegenüber Migranten aus der Europäischen Union zunehmen werden."

"Sorge vor verbalen Attacken und körperlichen Angriffen"

Nach Meinung von Barbara Drozdowicz dürfte eine erneute Zunahme der fremdenfeindlichen Stimmung auch der entscheidende Grund sein, weshalb EU-Migranten aus Ostmitteleuropa Großbritannien bei einem Brexit verlassen würden. "Die Sorge vor erneuten verbalen Attacken und körperlichen Angriffen ist einfach zu groß", sagt die Geschäftsführerin des East European Research Centre, einer in London ansässigen Hilfsorganisation für die Einwanderer.

Weniger große Sorgen bereitet den Migranten laut Drozdowicz dagegen ihr eigener Status nach dem Brexit, selbst wenn der EU-Austritt ungeordnet verlaufen sollte. "Die britische Regierung hat mehrmals betont, dass die in Großbritannien lebenden EU-Bürger ein fester Bestandteil der hiesigen Gesellschaft sind", sagt sie.

Dass dies nicht nur leere Worte sein sollen, zeigte die Regierung in London in einem im Dezember veröffentlichten Dokument. Dieses garantiert in Großbritannien lebenden EU-Bürgern auch bei einem "No Deal" alle Rechte. Vorausgesetzt, die Migranten lebten schon vor dem 29. März 2019, dem ursprünglich geplanten Brexit-Datum, im Land. Bis zum 31. Dezember 2020 hätten die betroffenen Personen dann Zeit, sich um eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung zu bemühen.

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Wie fraglich die in dem Dokument genannten Richtlinien bei der jetzigen chaotischen Situation rund um den Brexit jedoch sind, zeigt die Politik des britischen Innenministeriums. Dieses habe erst vor zwei Wochen eine Informationskampagne zu dem Thema gestartet, sagt Drozdowicz. "Und Aufklärung ist dringend notwendig. Denn die Gefahr ist groß, dass viele Migranten von dieser Regelung nichts wissen."

Viele in Großbritannien lebende EU-Bürger entscheiden sich laut Drozdowicz noch für einen anderen Weg, um möglichen Problemen durch den Brexit aus dem Weg zu gehen: Sie nehmen die britische Staatsbürgerschaft an.

So hat es mittlerweile auch das Ärzte-Ehepaar Waronski gemacht. "Mein Mann und unser Sohn, der mittlerweile selber in der Nähe von Manchester als Arzt arbeitet, haben seit einiger Zeit den britischen Pass", sagt Milena Waronski. Ihre Familie kann noch aus einem anderen Grund vergleichsweise entspannt auf den Brexit blicken: Seit zwei Jahren leben und arbeiten die Waronskis auf der Kanalinsel Guernsey, die rechtlich in Kronbesitz ist und nicht der EU angehört.

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Doch längst nicht alle Arbeitsmigranten wollen in Großbritannien bleiben. "Für Fachkräfte, die ein lukratives Angebot bekommen, ist ein Umzug in ein anderes Land eine interessante Option", sagt Expertin Drozdowicz. Und dass diese auch für deutsche Unternehmen attraktiv sind, zeigte bereits die Düsseldorfer Uni-Klinik. Anfang Februar sorgte sie für Schlagzeilen, weil sie mit polnischsprachigen Anzeigen um Pflegekräfte in Großbritannien warb.

Großes Interesse an den Arbeitsmigranten haben aber auch deren Heimatländer. So hat unter anderem die polnische Regierung in den vergangenen Monaten mehrmals ihre Landsleute zur Rückkehr aufgefordert und dabei mit der boomenden polnischen Wirtschaft geworben.

Tatsächlich ist Polen mittlerweile selbst auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen. Doch ob die guten Wirtschaftszahlen und Sozialprogramme wie das von der PiS-Regierung eingeführte Kindergeldprogramm "500+" ausreichen, um auch Polen aus Großbritannien anzulocken, darf bezweifelt werden. "Das sind Bedingungen, die eine Rückkehr erleichtern", sagt Drozdowicz, die selbst in London lebt. Doch das Lohngefälle zwischen Ost und West sei immer noch zu groß. "Bisher kehren vorwiegend nur die zurück, die eh in ihre Heimat zurückkehren wollten."

insgesamt 31 Beiträge
KingTut 27.03.2019
1. Ein Widerspruch in sich
Was ich nicht verstehen kann: Großbritannien hat als Konsequenz aus dem Einmarsch in 171 Länder seit Jahrzehnten Menschen von dort aufgenommen, und ausgerechnet gegen die Polen richtet sich jetzt der ganze Zorn der Brexiteers. [...]
Was ich nicht verstehen kann: Großbritannien hat als Konsequenz aus dem Einmarsch in 171 Länder seit Jahrzehnten Menschen von dort aufgenommen, und ausgerechnet gegen die Polen richtet sich jetzt der ganze Zorn der Brexiteers. Wer von Polen nach Großbritannien übersiedelte, der tat dies um zu arbeiten und Steuern zu bezahlen. Sie bereichern dieses Land. Was die verbalen und körperlichen Attacken betrifft, so kann man nur hoffen, dass Presse und Politiker eine ähnlich kompromisslose Haltung gegenüber den Delinquenten einnehmen, wie das in Deutschland der Fall ist. Ich bleibe hoffnungsvoll, dass der Brexit letzten Endes nicht vollzogen wird und die Briten in einem neuerlichen Referendum für den Verbleib stimmen werden.
mapcollect 27.03.2019
2.
Wenn zuviele Zuwanderer aus einem Land oder einem Kulturkreis kommen bilden sich schnell Parallelgesellschaften und diese schüren immer Argwohn bei der einheimischen Bevölkerung. Die Polen arbeiten und zahlen Steuern - ja, [...]
Zitat von KingTutWas ich nicht verstehen kann: Großbritannien hat als Konsequenz aus dem Einmarsch in 171 Länder seit Jahrzehnten Menschen von dort aufgenommen, und ausgerechnet gegen die Polen richtet sich jetzt der ganze Zorn der Brexiteers. Wer von Polen nach Großbritannien übersiedelte, der tat dies um zu arbeiten und Steuern zu bezahlen. Sie bereichern dieses Land. Was die verbalen und körperlichen Attacken betrifft, so kann man nur hoffen, dass Presse und Politiker eine ähnlich kompromisslose Haltung gegenüber den Delinquenten einnehmen, wie das in Deutschland der Fall ist. Ich bleibe hoffnungsvoll, dass der Brexit letzten Endes nicht vollzogen wird und die Briten in einem neuerlichen Referendum für den Verbleib stimmen werden.
Wenn zuviele Zuwanderer aus einem Land oder einem Kulturkreis kommen bilden sich schnell Parallelgesellschaften und diese schüren immer Argwohn bei der einheimischen Bevölkerung. Die Polen arbeiten und zahlen Steuern - ja, aber, wie im Artikel angemerkt, fliessen auch viele Milliarden nach Polen wieder ab. Hinzu kommt, dass das Überangebot von Billiglöhnern aus dem Ostblock in vielen Branchen die Löhne gedrückt hat. Und ob ein neuerliches Referendum zum Brexit-Exit führt, ist vollkommen unklar, denn die Lager sind nach wie vor gespalten und etwa gleich stark. Hauptkritikpunkt der Brexiteers (und im übrigens der meisten EU-Kritiker) ist die Personenfreizügigkeit - und hier hat sich die EU kein Stück bewegt.
Ava_ 27.03.2019
3. Auch das Bild macht die Musik
Wieso wählen Sie hier ein Bild von Handwerkern, wenn in dem Artikel quasi keine vorkommen? Dafür aber ein Medizinerpaar. Gibt es von Polen nur Stockfotos von Baustellen?
Wieso wählen Sie hier ein Bild von Handwerkern, wenn in dem Artikel quasi keine vorkommen? Dafür aber ein Medizinerpaar. Gibt es von Polen nur Stockfotos von Baustellen?
Sportzigarette 27.03.2019
4. zu 2)
Sorry, aber gehören denn die Polen zu einem anderem Kulturkreis? Ich dachte, wir wären alle Europäer. Auch ist der Verweis auf die "billigen Arbeitskräfte" kaum haltbar. Da ist in Deutschland nicht anders. Spargel [...]
Sorry, aber gehören denn die Polen zu einem anderem Kulturkreis? Ich dachte, wir wären alle Europäer. Auch ist der Verweis auf die "billigen Arbeitskräfte" kaum haltbar. Da ist in Deutschland nicht anders. Spargel stechen, Weinlese, Pflege, Saisonarbeit in der Gatsro, oder Bautätigkeit ist so schlecht nicht bezahlt, aber ohne Arbeiter aus den Ostblockländern würde auch bei uns vieles nicht mehr funktionieren, weil diese Arbeiten kaum noch Deutsche oder Briten erledigen wollen. Ich sehe es jedes Jahr im Sommer an der Ostsee, viele junge Menschen sind lieber arbeitslos und hetzen gegen die Ostblockarbeiter, aber sie selbst sind zu bequem, am Wochenende zu arbeiten. Für meinen Bruder war dies der Grund, seine Gaststätte zu schliessen.
cobaea 27.03.2019
5.
...weil es wesentlich mehr polnische Handwerker im UK gibt als Ärzte.
Zitat von Ava_Wieso wählen Sie hier ein Bild von Handwerkern, wenn in dem Artikel quasi keine vorkommen? Dafür aber ein Medizinerpaar. Gibt es von Polen nur Stockfotos von Baustellen?
...weil es wesentlich mehr polnische Handwerker im UK gibt als Ärzte.
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