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Wirtschaft

Frauenquote für Aufsichtsräte

Goldene Röcke gesucht

Die Koalition will große Firmen zu einer Frauenquote in Aufsichtsräten zwingen. Davon profitieren erfahrungsgemäß jene Frauen, die schon jetzt solche Posten haben. SPIEGEL ONLINE stellt Kandidatinnen für deutsche Konzerne vor.

DPA

Multi-Aufsichtsrätin Leibinger-Kammüller (mit dem niederländischen König Willem-Alexander (l.): Viel zu kontrollieren

Von und
Mittwoch, 26.11.2014   19:28 Uhr

Hamburg - Deutschland bekommt norwegische Verhältnisse. So kann man das nennen, was die Regierungskoalition nach langem Ringen beschlossen hat. Ab 2016 müssen in den Aufsichtsräten von rund 100 börsennotierten Unternehmen mindestens 30 Prozent Frauen vertreten sein. In Norwegen gilt bereits seit sechs Jahren eine Quote von 40 Prozent.

Der Aufsichtsrat ist in Deutschland zur Kontrolle des Vorstands da. Er beruft Vorstandsmitglieder und kann sie absetzen. Im Aufsichtsrat sitzen einerseits Vertreter der Arbeitnehmer - also meist von Gewerkschaft und Betriebsrat - und auf der anderen Seite die Vertreter der Kapitals, also der Aktionäre. Auf der Kapitalseite gibt es in der Regel besonders wenig Frauen.

Die neue Regelung soll nun auf drei Säulen basieren:

Für einige Unternehmen dürfte es schwer werden, die feste Quote für den Aufsichtsrat zu erfüllen. Beim Medizinkonzern Fresenius etwa sitzt derzeit keine einzige Frau im Kontrollgremium. "Starre Quoten sind kein Mittel, Frauen in Führungspositionen zu bringen", heißt es dort denn auch auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa.

Ein Blick nach Norwegen zeigt, was auch in Deutschland bald passieren könnte. Dort wird die Quote nämlich durchaus erfolgreich eingehalten. Allerdings führte sie dazu, dass einige Frauen in eine ganze Reihe von Aufsichtsräten einzogen, weil man auf die Schnelle nicht genügend geeignete Kandidatinnen fand. Die neuen Multi-Aufsichtsrätinnen werden in Norwegen auch "goldene Röcke" genannt.

Auch in Deutschland sind die Frauen mit ausreichend Erfahrung und Qualifikation schon heute rar. Große Konzerne wie die Deutsche Bank holen sich deshalb gleich reihenweise Aufsichtsrätinnen aus dem Ausland. Kleineren Unternehmen gelingt dies nicht so einfach.

Also müssen auch in Deutschland die "goldenen Röcke" ran. Damit folgen die Frauen dem Vorbild der Männer: Multi-Aufsichtsräte wie Ulrich Lehner, Werner Wenning oder Gerhard Cromme sitzen schon seit Jahren nebenberuflich in gleich mehreren Konzern-Aufsichtsräten.

Doch wer kommt bei den Frauen in Deutschland als Multiaufsichtsrätin in Frage? SPIEGEL ONLINE zeigt die wichtigsten Kandidatinnen.

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Ann-Kristin Achleitner übt ihren Job als Professorin an der TU München nur noch in Teilzeit aus. Dafür ist die 48-jährige Aufsichtsrätin bei den Dax-Konzernen Munich Re, Linde und Metro sowie beim französischen Energiegiganten GDF Suez. Ihr Mann Paul Achleitner ist Aufsichtsratschef der Deutschen Bank.

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Renate Köcher ist Geschäftsführerin beim Institut für Demoskopie Allensbach. Nebenbei sitzt sie bei Allianz, BMW und Infineon im Aufsichtsrat.

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Nicola Leibinger-Kammüller (55) ist Erbin und Geschäftsführerin des Maschinenbauers Trumpf. Zugleich sitzt sie in den Aufsichtsräten von Lufthansa, Siemens, Axel Springer sowie dem Mittelständler Voith.

Die ehemalige Nokia-Managerin Sari Baldauf (59) hat sich in Deutschland einen Namen gemacht. Die Finnin sitzt im Aufsichtsrat von Daimler und der Deutschen Telekom.

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Einst war Dagmar Kollmann Deutschland-Chefin der US-Bank Morgan Stanley, jetzt sitzt sie im Aufsichtsrat der Deutschen Telekom und der KfW Ipex-Bank. Zudem ist die 50-Jährige stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende bei der ehemaligen Skandalbank Hypo Real Estate und deren Tochter Deutsche Pfandbriefbank.

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Die Rechtsanwältin Jella Bella-Heinacher (54) ist Geschäftsführerin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), wo sie die Interessen von Aktionären vertritt. Als Aufsichtsrätin ist sie beim Rohstoffunternehmen K+S, dem Reisekonzern Tui und der Création Tapeten AG aktiv.

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Simone Bagel-Trah ist nicht nur die Ururenkelin des Henkel-Gründers Fritz Henkel, sondern auch Aufsichtsratsvorsitzende des Düsseldorfer Konzerns. Außerdem sitzt die 45-Jährige beim Chemie- und Pharmagiganten Bayer und beim Edelmetallkonzern Heraeus im Kontrollgremium.

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Katja Windt ist mit 45 Jahren eine der jüngsten Aufsichtsrätinnen. Hauptberuflich ist sie Präsidentin der Jacobs University Bremen, nebenbei kontrolliert sie die Deutsche Post und den Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport.

insgesamt 42 Beiträge
spiegelleser987 26.11.2014
1.
Wenn man sich mal die Liste der Aufsichtsratsmitglieder/innen ansieht, muss man auch schon etwas verwundert zusehen. Wer in einem Aufsichtsrat sitzt, sitzt noch in vielen anderen Aufsichtsräten. Muss man da nur sitzen und nicht [...]
Wenn man sich mal die Liste der Aufsichtsratsmitglieder/innen ansieht, muss man auch schon etwas verwundert zusehen. Wer in einem Aufsichtsrat sitzt, sitzt noch in vielen anderen Aufsichtsräten. Muss man da nur sitzen und nicht arbeiten? Aber die Frau Prof. Achleitner kann einem leid tun. ... Teilzeitjob an der TU München. Da kann man auf die nächste Statistik warten: ...Frauen in Teilzeitjobs.
yossariania 26.11.2014
2. Wenn die Prognose stimmt,
ist die Quote ein Schuss in den Ofen: Entweder werden die Aufsichtsrätinnen aus dem Ausland geholt, oder die Frauen, die jetzt schon in Aufsichtsräten sitzen, sitzen dann in noch mehr Aufsichtsräten, und für die Frauen, die [...]
ist die Quote ein Schuss in den Ofen: Entweder werden die Aufsichtsrätinnen aus dem Ausland geholt, oder die Frauen, die jetzt schon in Aufsichtsräten sitzen, sitzen dann in noch mehr Aufsichtsräten, und für die Frauen, die eigentlich mit der Quote gefördert werden sollen, findet sich kein Platz in den Aufsichtsräten, sie bleiben dort stecken, wo sie auch jetzt schon sind. Folgerichtig wäre eine Verschärfung der gesetzlichen Regelungen: erstens, das Verbot ausländische Aufsichtsrätinnen zu wählen und zweitens das Verbot für Aufsichtsrätinnen in mehr als einem Aufischtsrat zu sitzen oder einer anderweitigen Tätigkeit (Teilzeitprofessorin, Universitätsprofessorin etc.) nachzugehen.
großwolke 26.11.2014
3.
Gut Ding will Weile haben. Ich bin kein Riesenfan der Quote, aber auch in Norwegen braucht Spitzenpersonal Zeit zum Wachsen. Klar, setzt man Knall auf Fall Quoten durch, erreicht man Effekte wie den beschriebenen als [...]
Gut Ding will Weile haben. Ich bin kein Riesenfan der Quote, aber auch in Norwegen braucht Spitzenpersonal Zeit zum Wachsen. Klar, setzt man Knall auf Fall Quoten durch, erreicht man Effekte wie den beschriebenen als Begleiterscheinung zum Auftakt. Dann muss man das Ding aber auch mal so ungefähr 20 Jahre in Ruhe lassen, damit die Mädels, die bei der Einführung so einer Regelung angefangen haben, entsprechende Lebensentscheidungen zu treffen, in der Breite dahin kommen können wo sich diese Entscheidungen vielleicht auszahlen. Viel verlangt für die kurzatmige Mediendemokratie von heute, aber nur so gehts, wenn man es denn ernsthaft mit einer Quote machen will.
keery 26.11.2014
4.
Das sollte dann aber auch für Männer gelten. Keine aus dem Ausland und keiner in mehreren Aufsichtsräten.
Zitat von yossarianiaist die Quote ein Schuss in den Ofen: Entweder werden die Aufsichtsrätinnen aus dem Ausland geholt, oder die Frauen, die jetzt schon in Aufsichtsräten sitzen, sitzen dann in noch mehr Aufsichtsräten, und für die Frauen, die eigentlich mit der Quote gefördert werden sollen, findet sich kein Platz in den Aufsichtsräten, sie bleiben dort stecken, wo sie auch jetzt schon sind. Folgerichtig wäre eine Verschärfung der gesetzlichen Regelungen: erstens, das Verbot ausländische Aufsichtsrätinnen zu wählen und zweitens das Verbot für Aufsichtsrätinnen in mehr als einem Aufischtsrat zu sitzen oder einer anderweitigen Tätigkeit (Teilzeitprofessorin, Universitätsprofessorin etc.) nachzugehen.
Das sollte dann aber auch für Männer gelten. Keine aus dem Ausland und keiner in mehreren Aufsichtsräten.
enivid 26.11.2014
5. Es gibt ja bereits
Frauen in den obersten "Etagen". Haben die es etwa einfach so geschafft? Ohne Quote nur mit Leistung? Ich hab das Gefühl, dass viele meinen das so etwas gar nicht geht. Ich hoffe das dagegen geklagt wird und die [...]
Frauen in den obersten "Etagen". Haben die es etwa einfach so geschafft? Ohne Quote nur mit Leistung? Ich hab das Gefühl, dass viele meinen das so etwas gar nicht geht. Ich hoffe das dagegen geklagt wird und die Diskriminierung gegen Männer sofort wieder kassiert wird. Wenn es so weitergeht hat man in diesem Land als weißer, deutscher männlicher nicht-Migrant keine Chance mehr. Interessante Entwicklung diese Gleichberechtigung!
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