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Wirtschaft

Falsche Selbsteinschätzung

Warum Merz nicht zur Mittelschicht gehört

Er hat Millionen verdient, besitzt zwei Flugzeuge und arbeitet für den weltgrößten Vermögensverwalter. Dennoch zählt sich Friedrich Merz zur "gehobenen Mittelschicht". Wo beginnt Reichtum in Deutschland?

picture alliance/dpa

Friedrich Merz

Von und
Donnerstag, 15.11.2018   16:50 Uhr

"Sind Sie Millionär?" Als Friedrich Merz am Mittwoch von "Bild"-Journalisten diese Frage gestellt wurde, kam der Kandidat für den CDU-Vorsitz ins Stottern. Erst auf mehrmalige Nachfrage räumte er ein, er liege "jedenfalls nicht drunter".

Das Zögern ist verständlich, denn Reichtum ist für deutsche Politiker nicht gerade ein Vorteil. Während in den USA viele Wähler Donald Trump gerade wegen seines Rufs als Immobilienmagnat auch für einen guten Präsidenten hielten, gilt wirtschaftlicher Erfolg in Deutschland eher als verdächtig. Und den hat Merz seit seinem Abschied aus der Politik fraglos gehabt - unter anderem als Aufsichtsratschef für die Deutschlandtochter des US-Vermögensverwalters Blackrock.

Umso beachtlicher ist, wie Merz sich jetzt innerhalb der Gesellschaft verortet: Auf die Frage, ob er zur reichen Oberschicht zähle, sagte er: "Also, ich würde mich zu der gehobenen Mittelschicht in Deutschland zählen." Doch ist jemand noch Mittelschicht, der wie Merz zu Terminen gerne mit einem seiner zwei Privatflugzeuge erscheint?

Man könnte Merz zugutehalten, dass es keine verbindliche Definition der Mittelschicht gibt. Zum Teil wird sie über die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Milieu definiert. Darauf wollte wohl auch Merz hinaus, als er darauf hinwies, "seit vielen Jahrzehnten" mit Frau und Kindern in der "kleinen Stadt" Brilon im Sauerland zu leben.

Doch der Bewerber um die Merkel-Nachfolge sagte auch, er sehe sich nicht als Teil "dieser kleinen, sehr vermögenden, sehr wohlhabenden Oberschicht - dazu gehöre ich sicher nicht." Spätestens an diesem Punkt wird Merz' Selbsteinschätzung zweifelhaft.

Seit seinem Abschied aus der Bundespolitik hat der Jurist zahlreiche gutdotierte Jobs angehäuft:

Und das ist nur eine Auswahl. In der Vergangenheit saß Merz außerdem im Beirat der Commerzbank sowie den Aufsichtsräten des Immobilienkonzerns IVG, des Versicherungskonzerns Axa und des Bundesligisten Borussia Dortmund. Heute leitet er auch die Aufsichtsräte des Hygienepapierherstellers Wepa und des Flughafens Köln-Bonn.

Die genaue Höhe von Merz' Gehältern ist in vielen Fällen nicht bekannt. Sicher aber ist: Er hat vielfach sechsstellige Summen und über die Jahre auch Millionen verdient. Damit aber gehört Merz nicht mehr zur Mittelschicht - auch nicht zur oberen. Das verdeutlicht eine Studie des arbeitgeberfinanzierten Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln.

Wer gehört zur Mittelschicht?

Einkommensgrenzen in Prozent des Medianeinkommens und monatliches Haushaltsnettoeinkommen

Einkommens
-grenzen
Single Paar ohne Kinder Paar mit einem Kind unter 14 Jahren Paar mit zwei Kindern unter 14 Jahren
Relativ Reiche Mehr als 250% Mehr als 4400 Mehr als 6590 Mehr als 7910 Mehr als 9230
Einkommensstarke/ obere Mitte 150 bis 250% 2640 bis 4400 3960 bis 6590 4750 bis 7910 5540 bis 9230
Mitte im engeren Sinne 80 bis 150% 1410 bis 2640 2110 bis 3960 2530 bis 4750 2950 bis 5540
Einkommensschwache/ untere Mitte 60 bis 80% 1050 bis 1410 1580 bis 2110 1900 bis 2530 2220 bis 2950
Relativ Arme Weniger als 60% 0 bis 1050 0 bis 1580 0 bis 1900 0 bis 2220

Werte gerundet auf 10 Euro. Für Alleinstehende betrug das Medianeinkommen: 1758 Euro.
Quelle: IW Köln

Die Autorin Judith Niehues orientiert ihre Definition der Mittelschicht am Medianeinkommen - also dem Wert, der die Haushalte in zwei gleich große Mengen teilt. Auch die Familiensituation, Bildungsabschlüsse und Berufe werden berücksichtigt. Zur eigentlichen Mittelschicht gehört demnach, wer zwischen 80 und 150 Prozent des Medianeinkommens zur Verfügung hat. Zur "oberen Mitte" - jener Gruppe, die auch Merz gemeint haben dürfte - gehört man mit maximal 250 Prozent des mittleren Einkommens. Darüber liegen die "relativ Reichen".

Um noch zur oberen Mitte zu gehören, darf ein Paar mit zwei Kindern auf ein Nettoeinkommen von maximal 9230 Euro pro Monat kommen - ein Wert, den das Ehepaar Merz weit überschreiten dürfte. Gemessen am Einkommen ist der CDU-Politiker also "relativ reich".

Theoretisch könnte Merz aber nur sogenannter Einkommensmillionär sein, einen großen Teil seiner Gehälter also wieder ausgegeben haben. Es wäre allerdings überraschend, wenn ein Wirtschaftsanwalt mit Nähe zur Finanzindustrie nicht ein paar lohnende Anlagemöglichkeiten gefunden hätte. Merz sprach gegenüber "Bild" denn auch von "wirtschaftlichen Verhältnissen", die ihm eine "hohe persönliche und politische Unabhängigkeit" gäben.

Schon mit einem Vermögen von 2,5 Millionen Euro würde Merz zum obersten Prozent der Vermögenden gehören. Zu diesem Schluss kommt Stefan Bach vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) aufgrund aktueller Berechnungen. Zu den obersten zehn Prozent würde er sogar bereits mit einem Vermögen von knapp einer halben Million Euro gehören. Das Medianvermögen hingegen - jene Mitte also, zu der Merz sich zählt - liegt nur leicht über 60.000 Euro.

Bewusst kleingeredet oder falsch eingeschätzt?

Wie also kommt Merz zu seiner Aussage? Entweder hat er seine wahren Vermögensverhältnisse bewusst kleingeredet - aus Sorge, dass sie ihm im Rennen um den CDU-Vorsitz schaden könnten. Oder aber Merz hat tatsächlich unterschätzt, wie viel reicher er im Vergleich zum Durchschnittsbürger ist.

Das wäre einerseits keine gute Erklärung für einen Politiker, der nun als Hoffnung des konservativen Bürgertums in die Politik zurückkehren will. Es wäre andererseits aber auch nicht ungewöhnlich.

In Befragungen rechnen sich regelmäßig Menschen der Mittelschicht zu, die laut Definition eigentlich nicht dazugehören. Viele Nutzer des Einkommens- und Vermögensrechners von SPIEGEL ONLINE sind deshalb überrascht, wo sie im Vergleich tatsächlich stehen.

"Besonders Menschen mit hohem Einkommen unterschätzen ihre Einkommensposition in der Gesellschaft substanziell", schreibt IW-Forscherin Niehues. Doch der Mittelschicht rechnen sich umgekehrt auch viele Menschen zu, deren Einkommen dafür eigentlich zu niedrig ist.

So gesehen wäre Friedrich Merz dann doch wieder einer von vielen.

insgesamt 161 Beiträge
marthaimschnee 15.11.2018
1. unterschätzen der eigenen Einkommensposition in der Gesellschaft
Böswillig heißt dies "Realitätsferne" und spricht Bände darüber, wo sich eine "Volkspartei" unter dessen Führung hin entwickeln wird. Warum es Merz trotzdem werden könnte, liegt darin begründet, daß [...]
Böswillig heißt dies "Realitätsferne" und spricht Bände darüber, wo sich eine "Volkspartei" unter dessen Führung hin entwickeln wird. Warum es Merz trotzdem werden könnte, liegt darin begründet, daß die anderen keinen Deut besser sind.
Freedom of Seech 15.11.2018
2. Hier ist die international gültige Defintion
In der Finanzwelt gilt folgende Definition für Reichtum: The most commonly quoted figure for membership in the high net worth club is $1 million in liquid financial assets. An investor with less than $1 million but more than [...]
In der Finanzwelt gilt folgende Definition für Reichtum: The most commonly quoted figure for membership in the high net worth club is $1 million in liquid financial assets. An investor with less than $1 million but more than $100,000 is considered to be "affluent" or perhaps "sub-HNWI." ... More than $30 million in wealth classifies a person as "ultra HNWI." Merz gehört vermutlich zum high-net worth club aber eben nicht zum ultra high networth club. Das hat er wohl gemeint un diese Defintion ist weltweit am verbreitesten und nicht die Definition im Artikel. Als hochbezahlter Angestellter ist es praktisch unmöglich in den obersten Club vorzustoßen, dazu muss man erben oder selbst Unternehmer sein was Merz nie war.
heidelbeere0815 15.11.2018
3. Nicht dumm
Der Mann ist ja nicht gerade dumm, er scheint schlicht keine Ahnung von den Einkommensverhältnissen großer Bevölkerungsteile zu haben. Er rechnet sich zur Mittelschicht, und diese soll ja entlastet werden. Da weiß die [...]
Der Mann ist ja nicht gerade dumm, er scheint schlicht keine Ahnung von den Einkommensverhältnissen großer Bevölkerungsteile zu haben. Er rechnet sich zur Mittelschicht, und diese soll ja entlastet werden. Da weiß die Tarifkraft, wie das gemeint ist. Auch wir geben einen großen Teil des Einkommens gleich wieder aus. Zwischenzeitlich ging ein halber Monatslohn von mir nur für die Kinderbetreuung drauf. Und unsere Stadt hat uns ausgerechnet, daß das richtig so ist. Millionäre sind keine guten Volksvertreter!
peter-11 15.11.2018
4. schon in Ordnung
er dürfte die wirtschaftlichen Zusammenhänge ziemlich gut verstehen. Schon klar, dass es jetzt denjenigen, die schon immer wegen Pöstchen gemosert haben, nun auch nicht recht ist. Allerdings entscheiden hier die CDU-Mitglieder [...]
er dürfte die wirtschaftlichen Zusammenhänge ziemlich gut verstehen. Schon klar, dass es jetzt denjenigen, die schon immer wegen Pöstchen gemosert haben, nun auch nicht recht ist. Allerdings entscheiden hier die CDU-Mitglieder und nicht die Neider der Nation.
kayakclc 15.11.2018
5. Typische deutsche Diskussion
Herr Merz hat gut verdient. Wahrscheindlich hat er auch über 20 Jahre eine 60-70 Stundenwoche gearbeitet. Ist am Ende nebensächlich, weil mich für jeder freut, der dem Steuerzahler nicht auf der Tasche liegt. Zudem: er wird ca [...]
Herr Merz hat gut verdient. Wahrscheindlich hat er auch über 20 Jahre eine 60-70 Stundenwoche gearbeitet. Ist am Ende nebensächlich, weil mich für jeder freut, der dem Steuerzahler nicht auf der Tasche liegt. Zudem: er wird ca 50% seines Einkommens an Steuern zahlen. Auch da freuen wir uns,denn die Steuersummen von Herr Merz pro Jahr wahrscheinlich größer ist, als jemand mit Mindestlohn in seinem ganzen Leben an Einkommensteuer bezahlen würde, also viel Zum Staathaushal und damit zum Wohl der Leistungsempfänger beiträgt, Warum in Deutschland unterschwellig immer eine Neiddebatte mitschwingt? Wie diese Eingekommensklassen zustandekommen, ist ja auch völlig willkürlich und eine persönliche Definitionsfrage - Frau Merkel und Herr Steinmeier sind doch keine Reichen, nur weil sie mehr als 6600€ verdienen. Kern der Debatte sollten die politischen Aussagen von Herr Merz sein, und nicht die Höhe seines Bankkontos. In der nächsten Woche gibt es dann noch einen Artikel zur Farbe seines Wagens und der Kawatte.

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