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Wirtschaft

Griechenlands Sanierungschancen

Halbtot im Euro

Die neuen Reformvorschläge aus Athen kommen den Forderungen der Gläubiger weit entgegen. Doch die Probleme werden sie kaum lösen. Es hilft alles nichts: Griechenland braucht einen Schuldenschnitt.

AP

Graffiti in Athen: Neue Reformliste mit Belastungen für die Bürger

Eine Analyse von
Dienstag, 23.06.2015   13:47 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


An den Börsen jubeln sie schon. Weltweit schießen die Aktienkurse nach oben. Griechenland und seine Geldgeber scheinen sich auf den letzten Drücker doch noch irgendwie zu einigen.

Höhere Steuern, weniger Frühverrentungen, mehr Privatisierungen: Bis Ende der Woche soll alles festgezurrt sein. Dann können die Eurostaaten und der Internationale Währungsfonds (IWF) endlich die lange gesperrten Milliardenzahlungen freigeben, die Griechenland dringend braucht, um seine Schulden zu begleichen. Die Staatspleite wäre erst einmal abgewendet - und mit ihr auch das Horrorszenario eines Grexits, also eines Auseinanderbrechens der europäischen Währungsunion.

Das immerhin - so scheint es - können die Verhandlungen erreichen. Viel mehr aber auch nicht. Denn auch wenn es sich nun vielerorts so anhört: Griechenland wäre mit diesem Deal kaum geholfen.

Das liegt zum einen an den Reformvorschlägen, die Griechenland nun auf Druck der Geldgeber vorgelegt hat. Es geht darin im Wesentlichen um sechs Punkte:

All diese Vorschläge haben vor allem ein Ziel: Sie sollen der griechischen Staatskasse höhere Einnahmen bringen. Schon im laufenden Jahr soll der Primärüberschuss, also der Haushaltsüberschuss ohne die Aufwendungen für Zinsen und Schuldenrückzahlungen, bei einem Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung liegen. 2016 soll der Wert sogar auf zwei Prozent steigen. Ohne den Schuldendienst könnte Griechenland demnach schon in diesem Jahr aus eigener Kraft überleben.

Ob die Maßnahmen wirklich so viel Geld bringen, ist allerdings fraglich.

"Besser wäre es, das Renteneinstiegsalter schneller anzuheben anstatt die Beiträge zum Rentensystem zu erhöhen", sagt deshalb Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Doch von solch grundlegenden Reformen, die in die Struktur der sozialen Sicherungssysteme eingreifen, ist von griechischer Seite bisher kaum die Rede. Dabei wären gerade solche Schritte dringend notwendig - ebenso wie eine Reform des völlig ineffektiven Verwaltungsapparats.

An echten Reformen hat offenbar niemand Interesse

Die Regierung schone weiterhin ihr Klientel im öffentlichen Sektor, schimpft deshalb auch der griechische Kommentator Kostas Giannakidis. Besonders eindrucksvoll sei aber, dass die Geldgeber dies durchgehen lassen. An echten Reformen habe anscheinend niemand Interesse: "Die Griechen werden als Halbtote im Euro gehalten, und dann sehen wir weiter."

Dieser Devise folgen offenbar auch die Gläubiger des Landes, also allen voran die Eurostaaten und der IWF. Nicht anders ist es zu erklären, dass sie sich jeglicher Diskussion über den von Griechenland geforderten Schuldenschnitt verweigern.

Das Land ist mit rund 320 Milliarden Euro verschuldet, das entspricht etwa 180 Prozent seiner jährlichen Wirtschaftsleistung (siehe Grafik). Eine solche Last hat kein anderes Land in Europa zu tragen. Selbst der frühere Schuldeneuropameister Italien kommt nur auf rund 130 Prozent.

Dass Griechenland nun noch härter sparen muss, liegt auch an den hohen Kreditraten, die das Land in den kommenden Monaten an die Europäische Zentralbank und den IWF zurückzahlen muss.

Nahezu alle Experten sind sich einig, dass Griechenland seine Schulden nicht vollständig wird zurückzahlen können. Dafür bräuchte es schon ein gewaltiges Wirtschaftswunder - und das ist in dem strukturschwachen Land weit und breit nicht in Sicht.

Ein Schuldenschnitt ist also unausweichlich. Zumindest ein Teil des Geldes sollte den Griechen erlassen, Zins und Tilgung für den Rest langfristig gestreckt werden. Nur so werden sie künftig aus eigener Kraft und ohne neue Hilfen von außen wirtschaftlich bestehen können. Doch die Regierenden in den Eurostaaten scheuen davor zurück, aus Angst davor, den eigenen Steuerzahlern die Milliardenverluste erklären zu müssen. Politisch mag das vernünftig sein, ökonomisch nicht.

Zusammengefasst: Griechenland und seine Geldgeber könnten sich in dieser Woche auf eine Verlängerung des Hilfsprogramms einigen. Doch ein Grund zum Jubeln ist das nicht. Denn mit den Vorschlägen, die nun diskutiert werden, ist dem Land langfristig nicht zu helfen - erst recht nicht, wenn dazu kein Schuldenschnitt gehört.

Die Chronik der Griechenlandkrise

Am 1. Januar 2001 tritt Griechenland der Eurozone bei. Bei der Einführung des Euro 1999 war das Land noch nicht dabei. Erst im Jahr 2000 erfüllte es die sogenannten Konvergenzkriterien des Maastrichter Vertrages - zumindest auf dem Papier.

Im November 2004 wird klar: Die Regierung in Athen hat sich die Aufnahme in die Eurozone mit gefälschten Finanzdaten erschummelt. Alle Haushaltsdefizite vergangener Jahre waren in Wahrheit deutlich höher als zuvor an Brüssel gemeldet. So übertrafen die neuen Schulden in jedem Jahr die im Stabilitätspakt erlaubte Obergrenze von drei Prozent der Wirtschaftsleistung. Langjähriger Berater der Griechen war die US-Investmentbank Goldman Sachs.

Ende Oktober 2009 zeichnet sich zum ersten Mal so etwas wie eine Griechenland-Krise ab. Das voraussichtliche Haushaltsdefizit liegt bei rund 12,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, doppelt so hoch wie zunächst angenommen. Die neue Regierung von Ministerpräsident Giorgos Papandreou kündigt Sparmaßnahmen an.

Mitte Dezember 2009 stuft die Rating-Agentur Standard & Poor's Griechenlands Kreditwürdigkeit herab. Zuvor hatte dies schon die Agentur Fitch getan. Warnungen vor einer drohenden Staatspleite werden lauter. Der Kurs des Euro bricht ein. Bundeskanzklerin Angela Merkel beschwichtigt: "Ich bitte im Interesse einer sachlichen Diskussion, das nicht überzubewerten."

Im Frühjahr 2010 wird es eng: Griechenland bekommt nur noch sehr schwer Geld an den Finanzmärkten. Die Eurostaaten und der Internationale Währungsfonds (IWF) springen dem Land bei. Anfang Mai schnüren sie ein Rettungspaket mit Krediten über 110 Milliarden Euro, 30 Milliarden davon übernimmt der IWF, auf Deutschland entfallen 22,4 Milliarden Euro. Die Bundesregierung peitscht das Gesetz im Eilverfahren durch den Bundestag. Die Geldgeber sehen die Griechen-Krise offenbar als temporäres Problem: Die Laufzeit der Kredite beträgt nur drei Jahre. Kurz darauf geraten auch andere Länder wie Irland und Portugal ins Wanken.

Ein Jahr später spitzt sich die Schuldenkrise erneut zu. Weil absehbar ist, dass Griechenland sich nicht wie geplant bereits 2012 am Kapitalmarkt finanzieren kann, braucht es mehr Geld von den Staaten der Eurozone und dem Internationalen Währungsfonds. Am 10. Mai 2011 kündigt die griechische Regierung ein neues Sparpaket an. Wenige Tage später legen gewaltsame Demonstrationen Teile des Landes lahm. Die Polizei muss das Parlament gegen wütende Bürger verteidigen. Sie feuert Tränengas, Demonstranten werfen Steine zurück, attackieren die Limousine von Ministerpräsident Papandreou.

Zweites Rettungspaket, erster Versuch: Ein Sondergipfel der Eurostaaten beschließt am 21. Juli 2011 ein neues Hilfspaket für Griechenland mit einem Volumen von 109 Milliarden Euro. Der Großteil des Geldes soll aus dem europäischen Rettungsschirm EFSF und dem Internationalen Währungsfonds kommen. Erstmals sollen aber auch private Gläubiger beteiligt werden - auf freiwilliger Basis.

Ende Oktober 2011 legt die Troika aus EU, IWF und Europäischer Zentralbank (EZB) einen neuen Bericht zur Finanzsituation Griechenlands vor. Die Experten zeichnen darin ein düsteres Bild: Die Lage des Landes hat sich in den vorangegangenen Monaten weiter verschlechtert. Auf einem EU-Gipfel am 26. Oktober schmieden die Staats- und Regierungschefs einen neuen Rettungsplan: Private Gläubiger sollen auf mehr als 50 Prozent ihrer Forderungen gegenüber Griechenland verzichten. Das trifft vor allem europäische Banken. Athen soll weitere 100 Milliarden Euro erhalten, mit zusätzlichen 30 Milliarden Euro soll der Schuldenschnitt abgesichert werden.

Turbulente Herbsttage: Am 31. Oktober kündigt Griechenlands Ministerpräsident Papandreou überraschend eine Volksabstimmung über die Beschlüsse des Eurogipfels und die damit verbundenen Sparauflagen für sein Land an. Beim G20-Gipfel in Cannes nehmen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy Papandreou Anfang November ins Gebet. Daraufhin lässt dieser den Referundumsplan fallen und tritt zurück. Loukas Papademos, der Ex-Vizepräsident der Europäischen Zentralbank, tritt am 11. November 2011 an die Spitze einer Übergangsregierung.

Im Februar 2012 stimmt das griechische Parlament einem neuen Sparprogramm zu. In Athen kommt es zu gewalttätigen Ausschreitungen. Die internationalen Geldgeber hatten auf verschärfte Reformen gepocht - im Gegenzug verabschieden die Euro-Finanzminister das zweite Rettungspaket. Neben dem Schuldenschnitt für die privaten Gläubiger enthält es auch die im Oktober angekündigten Hilfen in Höhe von 130 Milliarden Euro. Für die Kredite aus dem ersten Hilfspaket von 2010 werden die Zinsen halbiert. Der Schuldenschnitt wird am 9. März 2012 wirksam.

Bei der Parlamentswahl am 6. Mai 2012 strafen die Griechen die Traditionsparteien Nea Dimokratia (ND) und Pasok ab, die aus ihrer Sicht das Land einem internationalen Spardiktat unterworfen haben. Parteien wie Syriza, die eine Aufkündigung der Sparvereinbarungen fordern, legen kräftig zu. Eine Regierungsbildung scheitert. Nach der Neuwahl am 17. Juni wird ND-Chef Antonis Samaras als Ministerpräsident vereidigt. Unterstützt wird seine Regierung von Pasok und der demokratischen Linken (Dimar). Das bei den Wahlen zweitplatzierte Linksbündnis Syriza ist jedoch nicht beteiligt.

Die Lage an den Finanzmärkten spitzt sich im Sommer 2012 wieder zu. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler sinniert über einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone. Der Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi erklärt am 26. Juli, die EZB werde "alles Notwendige tun, um den Euro zu erhalten" - und leitet damit eine Wende in der Eurokrise ein. Von nun an schwindet die Angst davor, dass die griechische Krise auch Länder wie Italien oder Spanien anstecken könnte.

Am 8. Oktober 2012 besucht Angela Merkel zum ersten Mal seit Ausbruch der Krise Griechenland. Sie lobt die Fortschritte des Landes. Der IWF dagegen glaubt nicht, dass Griechenland den Sanierungszeitplan einhalten kann. Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble tritt Spekulationen über einen Euro-Austritt Griechenlands entgegen. Dabei gelingt ihm ein legendärer Satz auf Denglisch: "I think there will be no Staatsbankrott in Greece."

Griechenland erhält weitere Zugeständnisse: Am 27. November 2012 einigt sich die Euro-Gruppe mit dem IWF auf eine Anpassung des zweiten Rettungspakets: Die Regierung in Athen soll mehr Zeit für die Umsetzung der Sparvorgaben bekommen. Daraus ergibt sich eine Finanzlücke von 14 Milliarden Euro, die unter anderem mit günstigen Zinsen auf bereits gewährte Kredite gestopft werden soll.

Im Juni 2013 räumt der Internationale Währungsfonds (IWF) Fehler bei der Rettungspolitik ein. Beim ersten Hilfsprogramm aus dem Mai 2010 habe man zu optimistische Annahmen zugrunde gelegt. Weder der Schuldenstand noch das Wachstum hätten sich so entwickelt wie damals angenommen. Die griechische Wirtschaft schrumpft 2013 das fünfte Jahr in Folge. Seit 2008 ist das Bruttoinlandsprodukt um gut 22 Prozent eingebrochen, die Staatsverschuldung ist wieder höher als vor dem Schuldenschnitt.

2014 scheint die jahrelange Talfahrt endlich zu Ende zu gehen. Die griechische Regierung erwartet sogar ein kleines Wirtschaftswachstum - und wird forsch: Anfang April leiht sich das Land erstmals seit vier Jahren wieder langfristig Geld am Kapitalmarkt. Die Investoren sind begeistert - und geben den Griechen drei Milliarden Euro zu 4,75 Prozent Zinsen.

Ende 2014 laufen die Hilfen der Europartner für Griechenland aus - und Ministerpräsident Antonis Samaras wird nicht müde zu betonen, dass kein neues Geld nötig sei. "Die Ära der Rettungspakete geht zu Ende", jubelt er. Ende November meldet der SPIEGEL, es werde wohl doch ein weiteres Hilfspaket geben. Zehn Milliarden Euro aus dem Rettungsfonds ESM sollten umgewidmet werden.

Am 29. Dezember 2014 scheitert die Wahl des Staatspräsidenten im dritten Wahlgang - die griechische Verfassung sieht für diesen Fall Neuwahlen vor, die am 25. Januar stattfinden sollen. Das könnte die große Chance für das linke Syriza-Bündnis und dessen Chef Alexis Tsipras sein. Tsipras lehnt die Reformauflagen von EU und Internationalem Währungsfonds (IWF) ab und will im Falle eines Wahlsiegs einen Schuldenschnitt durchsetzen. Bei den Geldgebern stößt das nicht auf Begeisterung. Anfang Januar 2015 meldet der SPIEGEL, die Bundesregierung sei bereit, Griechenland notfalls aus der Eurozone ausscheiden zu lassen. Die Finanzmärkte reagieren schockiert.

Am 25. Januar 2015 gewinnt Alexis Tsipras mit seinem Linksbündnis Syriza die Parlamentswahl. Die absolute Mehrheit verfehlt er dabei knapp – und muss eine Koalition eingehen. Als Partner wählt Syriza ausgerechnet die rechtspopulistischen Unabhängigen Griechen. Am 26. Januar wird Tsipras als Ministerpräsident vereidigt.

Wenige Tage nach der Wahl reist Euro-Gruppenchef Jeroen Dijsselbloem nach Athen. Er will mit der neuen griechischen Regierung darüber sprechen, wie es mit dem Hilfs- und Reformprogramm weitergeht. Doch was er erlebt, ist eine knallharte Abfuhr. Griechenland weigere sich, weiter mit der Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und IWF zusammenzuarbeiten, sagt Finanzminister Giannis Varoufakis bei der gemeinsamen Pressekonferenz. Dijsselbloem steht auf und geht – es reicht nur noch für einen flüchtigen Händedruck.

Nach wochenlangem Ringen mit gegenseitigen Drohgebärden einigen sich Griechenland und die Euro-Finanzminister am 20. Februar in Brüssel auf eine Verlängerung des laufenden Hilfsprogramms. Doch das Geld soll erst fließen, wenn Griechenland konkrete Reformvorschläge vorlegt, die von den Gläubigern gebilligt werden.

Ende März 2015 legt Tsipras Reformvorschläge vor, die Gläubiger lehnen sie umgehend ab – so wie alle der zahlreichen Reformlisten, die im Frühjahr aus Athen nach Brüssel geschickt werden. Der Ton wird noch rauer, die Drohgebärden drastischer. Die Griechen holen viele Milliarden Euro von ihren Bankkonten. Dennoch scheint ein Kompromiss in letzter Sekunde zu gelingen – bis zum 26. Juni: Tsipras kündigt ein Referendum über die Forderungen der Geldgeber an und empfiehlt den Griechen, gegen sie zu stimmen, die griechischen Verhandler werden aus Brüssel abgezogen. Die Euro-Finanzminister beschließen, das Hilfsprogramm auslaufen zu lassen – ohne die letzte Tranche zu überweisen. Die griechische Regierung verhängt Kapitalverkehrskontrollen, vom 29. Juni an sind die Banken geschlossen, Abhebungen und Überweisungen gedeckelt.

In der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli endet das zweite Hilfsprogramm – und Griechenland bleibt zum ersten Mal seit Beginn der Krise eine Kreditrate schuldig: 1,54 Milliarden Euro hätte das Land an den IWF zahlen müssen. Die Geldgeber lehnen neue Verhandlungen bis zum Referendum am 5. Juli ab, Tsipras und Varoufakis knüpfen ihre politische Zukunft an ein Nein des Volks zu den Gläubiger-Forderungen. Im ganzen Land bilden sich lange Schlangen vor Geldautomaten, pro Tag gibt es höchstens 60 Euro. Rentner warten stundenlang vor den wenigen offenen Bankfilialen auf einen Teil ihrer Renten.

Am 5. Juli findet das Referendum über die Sparauflagen statt. Begleitet wird es zum Teil von scharfen Angriffen auf Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (beide CDU), der auf Plakaten als Vampir verunglimpft wird. Nachdem die Umfragen lange ein Kopf-an-Kopf-Rennen voraussagen, triumphiert am Ende Tsipras: 61 Prozent der Abstimmenden folgen seinem Rat, die Reformforderungen der Gläubiger abzulehnen.

Unmittelbar nach dem Referendumserfolg vollzieht Tsipras eine beachtliche Kehrtwende: Sein umstrittener Finanzminister Varoufakis tritt zurück und braust am 6. Juli mit Ehefrau Danae von dannen (Foto). Kurz darauf legt Tsipras mit Unterstützung der französischen Regierung ein umfassendes Reformpaket vor, das den Forderungen der Gläubiger weit entgegenkommt. Obwohl dies eine 180-Grad-Wende bedeutet, bekommt Tsipras in der Nacht auf den 11. Juli im Parlament eine Mehrheit für die Aufnahme von Verhandlungen – allerdings nur mithilfe der Opposition.

Falls Tsipras sich von seinem Reformvorschlag eine schnelle Einigung erhofft hat, so wird aufs Gröbste enttäuscht. Zunächst bringt Finanzminister Wolfgang Schäuble vor einem Treffen mit seinen Amtskollegen die Option einen zeitweiligen Euro-Austritt ins Gespräch. Beim anschließenden Euro-Gipfel in der Nacht vom auf den 13. Juli verhindert EU-Ratspräsident Donald Tusk laut Teilnehmern ein Scheitern nur, indem er Merkel und Tsipras verbietet, den Raum zu verlassen. Am Ende wird Griechenland zwar ein neues Hilfsprogramm in Aussicht gestellt, nicht zuletzt auf Betreiben von Frankreichs Präsident Francois Hollande (M.). Doch Tsipras muss dafür Bedingungen akzeptieren, die deutlich härter als das ursprüngliche Angebot der Gläubiger sind.

Am 15. Juli muss das griechische Parlament die ersten Reformen beschließen, das Ultimatum haben die Euro-Partner gestellt. Für Tsipras und seinen neuen Finanzminister Efklidis Tsakalotos wird die Abstimmung jedoch zur Nervenprobe, denn der Widerstand in der Regierungspartei Syriza reicht bis zur Parlamentspräsidentin Zoi Konstantopoulou. Zwar bekommt Tsipras eine knappe Regierungsmehrheit zustande, doch die Spaltung seiner Partei ist nicht mehr zu übersehen. Darauf reagiert der Regierungschef, indem er zwei Tage später sein Kabinett umbildet und rebellische Minister entlässt. In der Nacht auf den 23. Juli werden weitere Reformforderungen verabschiedet, der Weg zu neuen Verhandlungen mit den Geldgebern ist vorerst frei.

Der Widerstand gegen den Reformkurs bleibt groß. Ab Januar 2016 blockieren griechische Bauern aus Protest gegen die geplante Rentenreform und Steuererhöhungen wochenlang Straßen, Bahnschienen und Grenzübergänge im ganzen Land. Anfang Februar kommt es zu einem mehrtägigen Generalstreik.

Für Griechenlands Bonitätsnoten ging es lange nur abwärts. Am 22. Januar 2016 aber kommt die Rating-Agentur Standard and Poor's zum Schluss, Griechenland erfülle weitgehend die Reformauflagen. Die Bewertung des Landes wird von B- auf CCC+ erhöht.

Die Proteste vor dem Parlament bleiben vergeblich: Am 8. Mai wird ein weiteres Sparpaket verabschiedet. Es ist mittlerweile das dreizehnte und hat ein Volumen von 5,4 Milliarden Euro.

Im Oktober 2016 bricht der seit langem schwelende Streit zwischen dem Internationalen Währungsfonds und den europäischen Geldgebern wieder auf. IWF-Chefin Christine Lagarde macht weitere Schuldenerleichterungen für Griechenland zur Bedingung für eine Beteiligung am dritten Kreditprogramm, Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble lehnt dies ab. Eine Einigung misslingt, der IWF beteiligt sich letztlich nicht mehr finanziell - obwohl dies eine wichtige Voraussetzung für die Zustimmung des Bundestags war.

Am 18. Mai 2017 verabschiedet das griechische Parlament ein neues Sparpaket. Es beinhaltet weitere Rentenkürzungen und Steuererhöhungen. Gegen die Beschlüsse protestieren die Gewerkschaften mit einem Generalstreik protestiert, vor dem Parlament kommt es zu Ausschreitungen.

Im September 2017 wird deutlich, dass Griechenland auch nach dem ersehnten Ende der Hilfsprogramme nicht komplett unabhängig wird. EU-Währungskommissar Pierre Moscovici stellt klar, dass das Land unter verschärfter Aufsicht bleibt, bis es drei Viertel seiner Kredite zurückgezahlt hat.

Am 21. Juni 2018 beschließen die Euro-Finanzminister die Überweisung einer letzten Zahlung über 15 Milliarden Euro sowie weitere Schuldenerleichterungen durch gestreckte Rückzahlungsfristen. "Ich denke, dies ist das Ende der griechischen Krise", sagt Finanzminister Euklid Tsakalotos. EU-Währungskommissar Pierre Moscovici behauptet sogar: "Die griechische Krise ist heute Abend vorbei." Das Land ist aber noch über Jahrzehnte an Auflagen der Geldgeber gebunden - darunter das konstante Erwirtschaften von Überschüssen.

insgesamt 215 Beiträge
Becks0815 23.06.2015
1. Die brauchen keinen Schuldenschnitt
...sondern endlich grundlegende Reformen des gesamten Systems. Leider schaffen die Griechen das seit Jahrhunderten nicht weswegen man sie in die Drachme entlassen sollte. Dann ist die Kohle zwar futsch aber das Problem ist [...]
...sondern endlich grundlegende Reformen des gesamten Systems. Leider schaffen die Griechen das seit Jahrhunderten nicht weswegen man sie in die Drachme entlassen sollte. Dann ist die Kohle zwar futsch aber das Problem ist endgültig vom Tisch.
karend 23.06.2015
2. .
"Griechenlands Sanierungschancen: Halbtot im Euro (...) Es hilft alles nichts: Griechenland braucht einen Schuldenschnitt" So läuft es, wenn der Patient alternativlos im Euroclub gehalten werden will/muss. Wie viele [...]
"Griechenlands Sanierungschancen: Halbtot im Euro (...) Es hilft alles nichts: Griechenland braucht einen Schuldenschnitt" So läuft es, wenn der Patient alternativlos im Euroclub gehalten werden will/muss. Wie viele Schuldenschnitte - offen oder verdeckt - dürfen es denn noch sein?
wuxu 23.06.2015
3. Und was kommt nach dem Schuldenschnitt?
Nach dem Schuldenschnitt können dann endlich wieder neue Schulden gemacht werden, Griechenland bliebe also im Euro und wieder passiert NICHTS. Wir sollten genau beobachten, was uns unsere Politiker zumuten.
Nach dem Schuldenschnitt können dann endlich wieder neue Schulden gemacht werden, Griechenland bliebe also im Euro und wieder passiert NICHTS. Wir sollten genau beobachten, was uns unsere Politiker zumuten.
schwaebischehausfrau 23.06.2015
4. Bessere Idee...
Wenn das Land seine ausstehenden 70 Milliarden Steuern endlich eintreibt, dann klappt's auch problemlos mit dem Schuldendienst. Und die 70 Milliarden sind ja nur die veranlagten Steuern - da sind die zig Milliarden, die durch [...]
Wenn das Land seine ausstehenden 70 Milliarden Steuern endlich eintreibt, dann klappt's auch problemlos mit dem Schuldendienst. Und die 70 Milliarden sind ja nur die veranlagten Steuern - da sind die zig Milliarden, die durch Schwarzarbeit und Steuerhinterziehung verloren gehen, noch nicht mal mit eingerechnet. Und wenn das alles nicht reichen sollte: Einfach eine Sonderabgabe von 30% auf alle Vermögen über 300.000 Euro - in einem sozialistischen Land kann man das ja wohl verlangen. Spätestens dann kann Griechenland seine Schulden sogar alle in 3 Jahren vorzeitig tilgen.
uselessdm 23.06.2015
5.
Der erste Schuldenschnitt hat ja schon so viel gebracht, das sollte man unbedingt wiederholen. Das Problem ist, wenn man die Schulden erlässt, aber der Staat an sich nicht funktioniert, dann sind die Schulden sofort wieder da. [...]
Der erste Schuldenschnitt hat ja schon so viel gebracht, das sollte man unbedingt wiederholen. Das Problem ist, wenn man die Schulden erlässt, aber der Staat an sich nicht funktioniert, dann sind die Schulden sofort wieder da. Es muss also erst geklärt sein wie es in zukunft laufen soll und dann kann man vielleicht über einen Schuldenschnitt nachdenken.

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