Schrift:
Ansicht Home:
Wirtschaft

Euro-Poker

Griechische Medien wittern Rauswurf-Strategie

Wollen es die Europartner auf ein Scheitern der Verhandlungen mit Athen ankommen lassen? Das unterstellen Zeitungen in Griechenland. Selbst die Opposition spricht von Demütigung.

Von
Donnerstag, 25.06.2015   08:40 Uhr

Es könnte der vorläufige Showdown in der Griechenland-Krise sein: In Brüssel laufen hektische Verhandlungen über weitere Milliardenhilfen für das Land. Kommt keine Einigung zustande, droht Griechenland die Pleite und das Ausscheiden aus dem Euro, der sogenannte Grexit. Ab 9 Uhr soll auf höchster Ebene weiterverhandelt werden.

Entsprechend aufmerksam verfolgen griechische Medien und Politiker, wie die Gespräche in Brüssel (die aktuellen Ereignisse können Sie hier im Newsblog verfolgen) zwischen Ministerpräsident Alexis Tsipras und den Geldgebern verlaufen. SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeiter Giorgos Christides hat mit griechischen Politikern gesprochen und an diesem Donnerstagmorgen auch die Aufmacher und Kommentare in wichtigen Zeitungen gelesen. Dabei wurde deutlich: Sogar regierungskritische Blätter und Vertreter der Opposition zeigen Verständnis für Ministerpräsident Tsipras. Sie werfen den Europartnern vor, die Regierung in Athen demütigen zu wollen, und kritisieren die bislang ergebnislosen Verhandlungen.

Die konservative Zeitung "Kathimerini" konstatiert, trotz Marathonverhandlungen sei die Kluft zwischen Griechenland und den Geldgebern noch sehr groß. Im Leitartikel wird dafür den europäischen Partnern eine Hauptverantwortung zugewiesen. "Es ist deutlich geworden, dass eine mächtige Gruppe in Europa Griechenland aus der Eurozone raushaben will", heißt es. Diese Gruppe nutze Verhandlungsfehler der Athener Regierung, um den Rauswurf zu forcieren. "Unsere Partner und Geldgeber müssen mithelfen, eine realistische Einigung zu finden und eine klare Zusage für eine Umschuldung machen, vorausgesetzt Griechenland erfüllt seine Zusagen."

Selbst Konservative sprechen von Demütigung

Der Blick in die Presse zeigt, dass der Druck auf Tsipras groß ist, in der Frage der Entlastung bei den Schulden einen Erfolg mit nach Hause zu bringen. Sein Koalitionspartner sieht dies sogar als Voraussetzung, um überhaupt einer Vereinbarung mit den Geldgebern zuzustimmen. Auch in seiner eigenen Partei steht Tsipras unter Druck. Ein Sprecher der Parlamentsfraktion von Syriza bezeichnete die Vorschläge der Gläubiger als "vernichtend". Die Geldgeber setzten ihre "Erpressung" damit fort.

Selbst Politiker der Konservativen und Liberalen sagen in Gesprächen, dass sie angesichts der derzeitigen Verhandlungen den Eindruck haben, dass es in Europa entweder die Strategie gebe, die griechische Regierung zu demütigen - oder das Land gleich aus der Währungsunion zu drängen.

Die Zeitung "Ta Nea" (Mitte-links) schreibt, heute dürfte seit dem Wahlerfolg von Syriza im Januar der wichtigste Tag für das Land bevorstehen. "Tsipras kompromisslos beim Thema Schulden", heißt es. Nach der plötzlichen Unnachgiebigkeit aufseiten der Gläubiger hätten die Verhandlungen einen Eskalationspunkt erreicht.

Zynismus am Tag der Entscheidung

Die linksgerichtete Zeitung "Efimerida ton Syndakton" fordert, Tsiras dürfe nicht einen Schritt zurückweichen. "Geldgeber wollen die Regierung demütigen", schreibt das Blatt. Indem die Gläubiger Gespräche über eine Umschuldung verweigerten und Forderungen etwa nach einer Erhöhung der Mehrwertsteuer stellten, schaffen sie nach Ansicht der Zeitung eine Friss-oder-stirb-Atmosphäre.

Die konservative Zeitung "Eleftheros Typos" sieht hinter der harten Haltung des IWF einen "deutschen Drahtzieher".

"Avgi", ein Organ der Regierungspartei Syriza und damit quasi Tsipras' Verlautbarungsorgan, schreibt: "D-Day - Europa entscheidet über seine Zukunft". Das Blatt druckt die erste Seite der satirischen französischen Zeitschrift "Charlie Hebdo". Darauf ist die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, zu sehen, die den Kopf eines Griechen in einen Eimer voll Wasser drückt. "Rettet Europa - Ertränkt einen Griechen", steht daneben.

SPIEGEL ONLINE

Titelseite von "Avgi" mit Karikatur von "Charlie Hebdo"

Zwar gibt es auch aus der Opposition Rückendeckung für Ministerpräsident Tsipras bei den Verhandlungen, doch Vertreter der konservativen Partei Nea Demokratia ließen gegenüber SPIEGEL ONLINE durchblicken, dass sie durchaus auf ein Scheitern der Regierung setzen und selbst die Macht übernehmen wollen - ohne Tsipras. Meinungsforschern zufolge könnte es Tsipras bei eventuellen Neuwahlen aber sogar nützen, dass es mit den Geldgebern zur Konfrontation kam. Unabhängig voneinander sagten zwei Meinungsforscher SPIEGEL ONLINE, wenn es zu vorgezogenen Neuwahlen käme, würde Tsipras wohl haushoch gewinnen.

Mit Material von Reuters und dpa

insgesamt 322 Beiträge
Eduschu 25.06.2015
1. Kunststück
Wenn selbst die, die diesen Schlamassel hauptsächlich zu verantworten haben, von Demütigung sprechen, dann muss es ja stimmen.
Wenn selbst die, die diesen Schlamassel hauptsächlich zu verantworten haben, von Demütigung sprechen, dann muss es ja stimmen.
deus-Lo-vult 25.06.2015
2.
"Sie werfen den Europartnern vor, die Regierung in Athen demütigen zu wollen, und kritisieren die bislang ergebnislosen Verhandlungen." Solange solche Sätze aus Griechenland zu hören sind, sollten eigentlich [...]
"Sie werfen den Europartnern vor, die Regierung in Athen demütigen zu wollen, und kritisieren die bislang ergebnislosen Verhandlungen." Solange solche Sätze aus Griechenland zu hören sind, sollten eigentlich jegliche Verhandlungen eingestellt werden. Wenn ich meine Schulden bei der Bank nicht zahlen kann, kann ich auch nicht die Bank verantwortlich machen und monatelang verhandeln. Dann wird mir der Geldhahn zugedreht. Fertig.
jgwmuc 25.06.2015
3.
Raus mit Ihnen wenn sie die Forderungen nicht akzeptieren. Wo gibt es sowas? Der Schuldner diktiert die Verträge und will sogar noch Milliarden Schuldenerlass. Wenn hier nachgegeben wird, ist das Ende des Euro und der EU [...]
Raus mit Ihnen wenn sie die Forderungen nicht akzeptieren. Wo gibt es sowas? Der Schuldner diktiert die Verträge und will sogar noch Milliarden Schuldenerlass. Wenn hier nachgegeben wird, ist das Ende des Euro und der EU eingeläutet. Alle Schuldnerländer werden dann den "Griechen" machen.
decathlone 25.06.2015
4. Warum...
stellen sich diese Journale nicht die Frage, warum es so kam? Griechenland wurde mit Steuergeldern der anderen EURO-Länder 5 Jahre Zeit geschenkt, um die Dinge zu wenden, die Strukturen zu ändern. Aber keine der Regierungen ist [...]
stellen sich diese Journale nicht die Frage, warum es so kam? Griechenland wurde mit Steuergeldern der anderen EURO-Länder 5 Jahre Zeit geschenkt, um die Dinge zu wenden, die Strukturen zu ändern. Aber keine der Regierungen ist das ernsthaft angegangen, Steuern einzutreiben, die Bürokratie zu bekämpfen. Es wurde immer nur an den Symptomen rumkuriert. Die Troika hat dem zugesehen. (Warum?) Jetzt ist das Verhältnis zerrüttet, auch wegen des unberechenbaren und arroganten Auftretens der letzten Regierung. Worüber beschwert man sich jetzt? Muss der Rest der Welt sich vom Morgen zum Abend mit Griechenland beschäftigen? Es gibt noch andere Probleme, die auch dringend sind. Wenn kein Vertrauen und kein gemeinsamer Weg mehr vorhanden sind, dann kommt es in der Regel zur Scheidung...
Luna-lucia 25.06.2015
5. Voraussetzung um überhaupt einer Vereinbarung
mit den Geldgebern ... Aber hallo! Es gibt doch glasklare Vereinbarungen! Die sind doch beim Abschluss dieses Programms festgeschrieben worden! Und jetzt? Soll es auf einen Schulendenschnitt hinauslaufen? Damit man schon am [...]
mit den Geldgebern ... Aber hallo! Es gibt doch glasklare Vereinbarungen! Die sind doch beim Abschluss dieses Programms festgeschrieben worden! Und jetzt? Soll es auf einen Schulendenschnitt hinauslaufen? Damit man schon am nächsten Tag, mit "befreiten" Banken, neue Kredite aufnehmen kann!!?? Voll irre Vorstellung - denn dann müssten ja diese Banken erneut wegen der dann wieder Zahlungsunfähigkeit der Griechen, gerettet werden! Hier würde dann die Eurozone am ewigen Tropf hängen! Die Griechen würden sich ins Fäustchen lachen! und der Rest der braven Steuerzahler, würde ihr Wohlergehen auf ewige Zeiten bezahlen!
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!

Verwandte Artikel

Verwandte Themen

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP