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Wirtschaft

Immobilienverkauf

Regierung verzichtet vorerst auf Gesetzesänderung zu "Share Deals"

Wer Grundstücksgeschäfte geschickt als Firmenkäufe deklariert, kann massiv Steuern vermeiden. Nach SPIEGEL-Informationen lässt die Große Koalition die Chance auf eine Gesetzesänderung ungenutzt.

Julian Stratenschulte/ DPA

Neubauten in Hannover

Freitag, 02.08.2019   18:07 Uhr

Die schwarz-rote Bundesregierung tut sich offenbar schwer damit, Steuerschlupflöcher zu schließen. Insbesondere über geplante Verschärfungen zu den sogenannten Share Deals ist sich die Große Koalition nach SPIEGEL-Informationen uneins.

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"Share Deals" sind Konstruktionen, bei denen Investoren nicht Häuser und Grundstücke kaufen und verkaufen, sondern Unternehmen. Stellen die Beteiligten es geschickt an, lässt sich damit die Grunderwerbsteuer größtenteils sparen.

Zwar verabschiedete das Kabinett jetzt auf Initiative von Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) einen Gesetzentwurf, der Steuervermeidungsmodelle bei Immobiliengeschäften einschränken soll. Zugleich verzichtete die Große Koalition aber darauf, die Gesetzesverschärfung zum Bestandteil des Jahressteuergesetzes zu machen, das in der Regel vom Parlament ohne große Änderungen verabschiedet wird.

Im Jahressteuergesetz stehen fiskalische Neuregelungen, etwa Steuervorteile für Elektroautos oder die Mehrwertsteuersenkung für E-Books. Ursprünglich sollten auch die "Share Deal"-Regelungen hier verankert werden.

Die steuerbegünstigten Geschäfte betreffen dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) zufolge Hunderttausende Wohnungen in Deutschland. Demnach wurden zwischen 2007 und 2017 rund 1,8 Millionen Wohnungen in entsprechenden Megadeals durch Investoren gekauft. Dem Fiskus entgehen dadurch jährlich hohe dreistellige Millionenbeträge.

Mehrere Bundesländer versuchen seit Jahren, dieses Steuerschlupfloch zu schließen; Anfang des Jahres hatten sie sich mit dem Finanzministerium auf eine moderate Gesetzesänderung verständigt.

Allerdings ist das Vorhaben in der Koalition umstritten. Der CDU-Finanzpolitiker Andreas Jung begrüßte die Herauslösung aus dem Jahressteuergesetz, sie ermögliche "die notwendige intensive Beratung" der Share-Deal-Verschärfung. Die oppositionelle Finanzpolitikerin Lisa Paus (Grüne) warnt vor der Gefahr einer "weiteren Entkernung des ohnehin schon verwässerten Gesetzentwurfs".

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insgesamt 14 Beiträge
berndjag 02.08.2019
1. Besser so...einfach laufen lassen
Dann haben die vom Finanzamt Zeit sich ne halbe Stunde über einen verblichenen Tankbeleg von 44 Euro auf Thermopapier aufzuregen...
Dann haben die vom Finanzamt Zeit sich ne halbe Stunde über einen verblichenen Tankbeleg von 44 Euro auf Thermopapier aufzuregen...
mcsunny 02.08.2019
2. Genau - analog Dieselskandal. Dieselkandal 2.0 im Wohnungsbau
Immer schön die großen Investoren schonen. Lass mal die blöden Normalos für ihre Einfamilienhäuschen mit Grundstück heftig Steuern zahlen, aber die Investoren müssen natürlich geschont werden - klar doch, diese [...]
Immer schön die großen Investoren schonen. Lass mal die blöden Normalos für ihre Einfamilienhäuschen mit Grundstück heftig Steuern zahlen, aber die Investoren müssen natürlich geschont werden - klar doch, diese empfindlichen Pflänzchen, die durch Nichts-tun und herumschachern mit Immobilien die gesparten Steuern in die eigene Tasche stecken. Super gemacht Regierung !!! Und vor allem "die notwendige intensive Beratung der Share-Deal-Verschärfung", die muss natürlich abewartet werden, bis alle Lobbyisten ihren Beitrag geleistet haben und zum Schluss wahrscheinlich die komplette Steuerbefreiung herauskommt. Nur noch Irrsinn in diesem Land. Diese (sogenannte) Regierung ist nicht mehr zum Aushalten. Bitte Neuwahl, schnell. Damit da keine Missverständnisse aufkommen, ich bin absolut kein Sympathisant der AFD. Aber es ist einfach nicht mehr zum Ertragen, diese Regierung kümmert sich einen SCH... um das Gemeinwohl, nur um das Wohl von Lobbyisten. Ich schreibe hier lieber nicht wie ich das finde.
mcsunny 02.08.2019
3. Nachtrag zum meinem Kommentar.
Dieser Finanzminister Herr Scholz ist natürlich bei dem Vorschlag für eine neue Grundsteuer sehr eifrig. Diese Normalos, die keine Lobby haben, müssen natürlich alle wertvollen Edelstahlschrauben im Haus zählen und deren [...]
Dieser Finanzminister Herr Scholz ist natürlich bei dem Vorschlag für eine neue Grundsteuer sehr eifrig. Diese Normalos, die keine Lobby haben, müssen natürlich alle wertvollen Edelstahlschrauben im Haus zählen und deren Marktpreis ermitteln, müssen genau aufführen welche Qualität der Bodenbelag hat, wie die Fenster beschaffen sind, die Türen, die Dämmung der Wände, die Qualität der Elektro- und Wasserinstallation, damit auf den Cent genau der Marktwert ermittelt werden kann, um diesen zu besteuern. Danke Herr Minister, sie werden von der Finanz- und Wohnbau-Industrie den Orden am goldenen Band bekommen, damit die Schacherei von Immobilien für diese Klientel weitgehend steuerfrei bleibt.
mantrid 02.08.2019
4. Reaktionszeit einer Wanderdüne
Man kann privaten Haus- und Wohnungseigentümer eigentlich auch nur raten, diese Steuerumgehungsnummer durchzuziehen. Die Immobilie wird in eine GmbH eingebracht, die dann neue Eigentümerin ist und dann wird die GmbH verkauft. [...]
Man kann privaten Haus- und Wohnungseigentümer eigentlich auch nur raten, diese Steuerumgehungsnummer durchzuziehen. Die Immobilie wird in eine GmbH eingebracht, die dann neue Eigentümerin ist und dann wird die GmbH verkauft. Rechtlich bleibt die Immobilieneigentümerin die GmbH und schon hat man bis zu 6,5% Grunderwerbssteuer auf den Kaufpreis gespart. Unterstellt man einen Durchschnittspreis pro Immobile von 250.000 € und einen Grundwerbsteuersatz von 5%, sind das pro Immobilie 12.500 € x 1,8 Mio. Kaufvorgänge von 2007 bis 2017 stolze 22,5 Mrd. Euro. Statt ein paar hundert Millionen also wohl viel eher um die 2 Mrd. Euro pro Jahr! Und die Regierung sieht zu und macht ... nichts!
effing 02.08.2019
5. Ein weiteres Beispiel
...in einer unüberschaubar langen Reihe aus Beispielen, die immer das Gleiche zeigen: der arbeitstätige Normalbürger ist die Melkkuh in diesem Land. Dieser Teil der Bevölkerung finanziert den gesamten Staat, während sich die [...]
...in einer unüberschaubar langen Reihe aus Beispielen, die immer das Gleiche zeigen: der arbeitstätige Normalbürger ist die Melkkuh in diesem Land. Dieser Teil der Bevölkerung finanziert den gesamten Staat, während sich die untere Randgruppe durchfüttern lässt und die obere Randgruppe durch Tricksereien (möglich gemacht durch Ultra-komplexe Gesetzgebungen mit viel Raum für Interpretation) sich entzieht.

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