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Wirtschaft

IW-Chef Hüther

"Ich glaube nicht, dass ein Familiensplitting kommt"

Das von der Union geplante Familiensplitting ist einer Untersuchung zufolge teuer, bevorzugt Besserverdienende und hält Mütter von der Rückkehr in den Job ab. Wirtschaftsforscher Michael Hüther plädiert stattdessen für bessere Kinderbetreuung und fordert Unternehmen auf, mehr für Familien zu tun.

DPA

Familie in Bayern: Viel Geld mit geringer Wirkung

Mittwoch, 04.09.2013   17:59 Uhr

Hamburg - Bundesregierungen versprechen gern mehr Geld - vor allem wenn es an gesellschaftliche Gruppen fließen soll, gegen die keiner etwas haben kann. Familien zum Beispiel. CDU und CSU wollen Eltern und Kindern mehr Geld auszahlen und sie steuerlich zudem stärker fördern - mit der Ausweitung des Ehegattensplitting zum sogenannten Familiensplitting. Das Unions-Modell sieht vor, den Grundfreibetrag bei der Einkommensteuer für Kinder anzuheben und das Einkommen rechnerisch auf die ganze Familie zu verteilen. Parallel dazu soll das Kindergeld um 35 Euro steigen.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat das Modell durchgerechnet und ist zu einem ernüchternden Ergebnis gekommen: Gutverdiener würden deutlich stärker profitieren als Menschen mit geringen Einkommen, Hartz-IV-Empfänger gingen komplett leer aus. Gleichzeitig ist die Maßnahme auch noch teuer: Die öffentlichen Kassen würden mit mehr als sieben Milliarden Euro belastet.

Auch der Chef des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln (IW), Michael Hüther, hält das Familiensplitting für unnötig. Eltern sei mit besserer Kinderbetreuung und flexibleren Arbeitszeiten mehr geholfen als mit Geld, sagt Hüther im Interview mit SPIEGEL ONLINE:

SPIEGEL ONLINE: Die Kinderbetreuung wird bereits ausgebaut, sogar einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz gibt es bereits. Warum wird trotzdem immer noch geklagt, für Familien werde zu wenig getan, und warum kündigen fast alle Parteien weitere Wohltaten an?

Hüther: Ich sage es mal so: Für eine Bundesregierung ist es relativ einfach, ein Betreuungsgeld einzuführen oder das Kindergeld zu erhöhen. Bei der Kinderbetreuung ist sie aber auf die Länder und Gemeinden angewiesen. Da kann der Bund zwar Geld überweisen, aber die Kommunen versuchen häufig, ihre Finanzlage auch auf diesem Wege zu stabilisieren.

SPIEGEL ONLINE: Die Union möchte das Ehegattensplitting, das es so nur noch in Luxemburg und Polen gibt, zu einem Familiensplitting ausweiten. Halten Sie das für sinnvoll?

Hüther: Ich persönlich sehe das Ehegattensplitting gar nicht so kritisch, wie das immer diskutiert wird, aber eine Ausweitung zum Familiensplitting ist meiner Meinung nach nicht zielführend. Zum einen bin ich bei Familienförderung über die Steuerpolitik generell skeptisch. Der Steuertarif muss leistungsgerecht und fair sein, auch bei Familien - aber die Instrumente gibt es alle schon.

Das Unionsmodell sieht ja auch noch vor, das Kindergeld um 35 Euro zu erhöhen, was den Staat immens viel Geld koste, aber keinen greifbaren Effekt haben wird. Das Betreuungsgeld ist in diesem Zusammenhang besonders negativ: Es gibt Müttern auch noch den vollkommen falschen Anreiz möglichst lange der Arbeit fern zu bleiben. Wenn man die zwei Milliarden Euro, die das Betreuungsgeld kostet, in Kindertagesstätten und Ganztagsschulen stecken würde, wo wir die größten Probleme haben, dann wäre viel gewonnen.

SPIEGEL ONLINE: Heißt das, die Parteien sollten komplett darauf verzichten, den Familien etwas Gutes tun zu wollen?

Hüther: Das deutsche Familienleistungssystem geht ja schon vom Kindergeld über den Kinderfreibetrag und die Ausbildungsförderung bis zum Freibetrag für Alleinstehende, ich glaube nicht, dass man da noch etwas draufsetzen muss. Aus Sicht der Eltern fehlt es nicht am Geld, sondern an der Infrastruktur und der Zeitsouveränität. Diesen Mangel können Sie mit finanziellen Mitteln nicht kompensieren.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie wirklich, dass die Parteien das Thema Familienpolitik im Wahlkampf aussparen werden?

Hüther: Ich sehe da zwischen den Parteien eigentlich keine substantiellen Streitpunkte. Außer beim Betreuungsgeld gibt es einen großen Konsens: Die Kinderbetreuung muss ausgebaut werden, da sind sich alle einig. Ich glaube nicht, dass wir ein Familiensplitting bekommen. Das hatte die Union schon 1994 in ihrem Wahlkampfprogramm. Die Einführung ist sehr kompliziert und das Steuerrecht wird dadurch auch nicht einfacher - und effektiv ist es auch nicht.

Das Interview führte Nicolai Kwasniewski

insgesamt 27 Beiträge
andere Hobbys 04.09.2013
1. Man sollte sich vielleicht
von der Argumentation trennen, dass etwas fuer den Staat teuer ist und er Kosten hat. Der Staat ist ein Umverteilungsinstrument fuer Steuereinnahmen. Die Kosten fallen daher nur beim Steuerzahler an. Und natuerlich ist es ein [...]
von der Argumentation trennen, dass etwas fuer den Staat teuer ist und er Kosten hat. Der Staat ist ein Umverteilungsinstrument fuer Steuereinnahmen. Die Kosten fallen daher nur beim Steuerzahler an. Und natuerlich ist es ein guter Ansatz, wenn das Geld sofort beim Steuerzahler bleibt und nicht wieder vom Staat nach dem Giesskannenprinzip ueber dem Buerger ausgekippt wird. Wie kann es fuer den Staat teuer sein, wenn das Geld beim Buerger bleibt ??? Das passt natuerlich dem Staatsapparat nicht , wenn muendige Buerger ihr Geld selbst verwalten. Neben einer Schuldenbremse sollte auch eine Einnahmenbremse fuer den Staat eingefuehrt werden, so dass nicht immer neue Begerlichkeiten auftauchen und ueber Steuererhoehungen abgedeckt werden koennen.
stupp 04.09.2013
2. Ehegatten- vs. Familiensplitting
Das Ehegattensplitting findet Herr Hüther gut, aber das Familiensplitting nicht? Mit anderen Worten: Das Fördern der Institution Ehe ist besser als das Fördern von tatsächlichen Kindern. Soll man das verstehen? Apropos: [...]
Das Ehegattensplitting findet Herr Hüther gut, aber das Familiensplitting nicht? Mit anderen Worten: Das Fördern der Institution Ehe ist besser als das Fördern von tatsächlichen Kindern. Soll man das verstehen? Apropos: Beim Splitting BEKOMMT niemand Geld vom Staat, sondern es muss WENIGER ABGEGEBEN werden. Ein nicht unbedeutender Unterschied!
böseronkel 04.09.2013
3. Hüther?
Sollte der Hüther der sozialen Ungerechtigkeit plötzlich seine soziale Ader entdeckt haben? Eigentlich höchst unwahrscheinlich. Aber die schwarz/gelben Wahlkämpfer sollten sich diese Einschätzungen mal intensiv zu Gemüte [...]
Sollte der Hüther der sozialen Ungerechtigkeit plötzlich seine soziale Ader entdeckt haben? Eigentlich höchst unwahrscheinlich. Aber die schwarz/gelben Wahlkämpfer sollten sich diese Einschätzungen mal intensiv zu Gemüte führen. Der gute Peer scheint ja beim Fernsehduell und bei der Wahlkampfveranstaltung im Bundestag am 03.09. durchaus die Resozialdemokratisierung der SPD vonnöten zu halten. Aber dies kommt sicher zu spät.
Scheidungskind 04.09.2013
4. ...
War ja zu erwarten, dass die Arbeitgeber alles für Teufelszeug halten, was Mütter davon abhält, sich mehr als ein Jahr ihrem Kind zu widmen, statt möglichst billig weiterzuschuften und ihren Kindern ein gehetztes Leben [...]
War ja zu erwarten, dass die Arbeitgeber alles für Teufelszeug halten, was Mütter davon abhält, sich mehr als ein Jahr ihrem Kind zu widmen, statt möglichst billig weiterzuschuften und ihren Kindern ein gehetztes Leben zwischen Feierabend und Arbeitsbeginn zu bescheren. Wie war nochmal der Zusammenhang zwischen seelischer Verletzlichkeit im Erwachsenen-Alter sowie frühkindlichem Stress und unsicherer Bindung zur Mutter? Liebe Kinder, in diesem Land möchtet Ihr nicht geboren werden! Ihr stört nur.
carlogesualdo 04.09.2013
5. Kinder werden auch älter
Meine Söhne, 14, 16 und 17 Jahre alt, brauchen keine Betreuung mehr, aber sie kosten viel Geld! In vier Jahren studieren sie wahrscheinlich alle drei gleichzeitig. Das bedeutet eine monatliche Belastung von mindestens 1500 €. [...]
Meine Söhne, 14, 16 und 17 Jahre alt, brauchen keine Betreuung mehr, aber sie kosten viel Geld! In vier Jahren studieren sie wahrscheinlich alle drei gleichzeitig. Das bedeutet eine monatliche Belastung von mindestens 1500 €. Mehr Geld würde mir da mit Sicherheit helfen!

Zur Person

  • IW Köln
    Michael Hüther ist seit 2004 Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln. Nach seinem Studium der Wirtschaftswissenschaften und der Mittleren und Neueren Geschichte war er zunächst Leiter des wissenschaftlichen Stabes beim Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ("Fünf Weise") und Chefvolkswirt der DekaBank.

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