Verhandlungen mit Gläubigern
IWF-Chefin Lagarde hält Euro-Austritt der Griechen für möglich
Lange galt das Ausscheiden Griechenlands aus dem Euroraum als ein Szenario, das unbedingt vermieden werden muss. Jetzt mehren sich die Stimmen, die einen sogenannten Grexit in Betracht ziehen. Anlässlich des Treffens der G7-Finanzminister und -Notenbankchefs in Dresden äußerte sich IWF-Direktorin Christine Lagarde dazu.
"Der Austritt Griechenlands ist eine Möglichkeit", sagte Lagarde der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("FAZ") in ihrer Freitagausgabe. Ein solcher Schritt wäre nach Lagardes Worten "kein Spaziergang", bedeutete aber "wohl nicht das Ende des Euro". Nach SPIEGEL-Informationen rechnet der IWF bei einem Ausstieg Griechenlands aus dem Euro mit schweren wirtschaftlichen Verwerfungen.
Lagarde widersprach erneut griechischen Äußerungen, wonach die laufenden Verhandlungen mit den Gläubigern - dem IWF, der EU-Kommission und der Europäischen Zentralbank (EZB) - kurz vor dem Abschluss stünden. "Es ist sehr unwahrscheinlich, dass wir in den nächsten Tagen eine umfassende Lösung erreichen werden", sagte sie. Nachdem es aus Athen vor zehn Tagen positive Signale gegeben habe, "waren wir in der vergangenen Woche dann wieder ernüchtert". Es sei noch "ein weites Feld zu beackern".
Angesichts des drohenden griechischen Staatsbankrotts schloss die IWF-Chefin die Auszahlung weiterer Kredite des Fonds ohne den Abschluss einer sauberen Reformvereinbarung aus. "Wir haben Regeln, wir haben Prinzipien. Es darf keine halbgare Programmüberprüfung geben", sagte Lagarde. Diese Überprüfung gehe "nicht im Hauruck-Verfahren".
Damit ist eine reguläre Auszahlung der noch vorhandenen Kredite bis zum Ende des Hilfsprogramms der Eurostaaten bis Ende Juni praktisch ausgeschlossen. Denn diese setzt eine Vereinbarung aller drei "Institutionen" mit Athen voraus; erst danach könnten die zuständigen Gremien der Gläubiger die noch vorhandenen Kredite von insgesamt 7,2 Milliarden Euro freigeben.
Athen läuft die Zeit davon: Griechenland muss trotz leerer Kassen bis zum 5. Juni 300 Millionen Euro an den IWF zurückzahlen. Insgesamt sind im Juni etwa 1,55 Milliarden Euro beim IWF fällig.
Die G7-Länder demonstrierten beim Thema Griechenland große Einigkeit. Während sich Athen weiter zuversichtlich zeigte, dass bis zum kommenden Sonntag eine Übereinkunft mit den Geldgebern erzielt wird, dämpften die Verhandlungspartner die Hoffnung auf eine rasche Einigung über weitere Hilfen für das pleitebedrohte Euroland. "Die griechische Lesart wird hier in Dresden von niemandem geteilt", heißt es.
An diesem Freitag gehen die zweitägigen Beratungen der Vertreter aus Deutschland, den USA, Japan, Großbritannien, Frankreich, Kanada und Italien (G7) zu Ende. Am Mittag wollen Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) und Bundesbankpräsident Jens Weidmann als Gastgeber Bilanz ziehen.
bos/dpa


