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Wirtschaft

Bilanzen der Bistümer

Das versteckte Vermögen der katholischen Kirche

Immobilien, Aktien, Beteiligungen: Das Vermögen der katholischen Kirche in Deutschland ist riesig. So setzt es sich zusammen.

imago images/imagebroker
Von , und (Grafik)
Donnerstag, 30.05.2019   20:03 Uhr

Die katholische Kirche predigt seit Jahrzehnten Armut. Papst Johannes XXIII. sprach schon vor dem Zweiten Vatikanum in den Sechzigerjahren von einer Kirche der Armen; Papst Franziskus rief 2013 nach einer "armen Kirche für die Armen".

Nur, so recht gelingen will es ihr in Deutschland nicht: Die Kirchensteuereinnahmen sprudeln weiter und die meisten deutschen Bistümer verbuchen Jahr für Jahr üppige Überschüsse. Und dann war da der Skandal mit dem Bling-Bling-Bischof genannten Franz-Peter Tebartz-van Elst: Kirchensteuerzahler empörten sich just auch im Jahr 2013 über den Koi-Karpfenteich und die teure Badewanne des Geistlichen. Die Kosten für seine neue Bischofsresidenz in Limburg summierten sich auf rund 31 Millionen Euro. Tebartz-van Elst wurde nach seinen Exzessen suspendiert - und erhielt einen hochdotierten Posten im Vatikan. Die Kirche versprach Transparenz bei den eigenen Finanzen.

Mehr als fünf Jahre sind seit dem Skandal um Tebartz-van Elst vergangen. Was hat sich seither getan? Wie transparent geht die Kirche heute mit ihrem Vermögen um?


Der Flickenteppich


Fast alle katholischen Bistümer haben inzwischen Bilanzen und Jahresabschlüsse nach den Standards veröffentlicht, die das Handelsgesetzbuch für Unternehmen vorschreibt. Lediglich im Erzbistum Bamberg dauert die Umstellung noch an, ein Sprecher hat die Veröffentlichung einer ersten Bilanz für den Herbst 2019 angekündigt.

Schaut man sich die Jahresabschlüsse der Diözesen an, werden große Unterschiede deutlich. Zum einen bei Fragen zur Bilanz im engeren Sinne: wie vermögend ein Bistum ist und wie es sein Geld angelegt hat. Zum anderen macht ein Blick auf die Abschlüsse deutlich, dass eine genaue Beurteilung des Vermögens immer noch schwierig ist.

"Kirche kann nicht nur auf die verfasste Kirche reduziert werden", erklärt der Kirchenfinanzen-Experte und Politologe Carsten Frerk. "Es gibt eine Vielzahl von Rechtsträgern, die man gar nicht immer im Blick hat." Es geht um Klöster, Verbände, Krankenhäuser, Pfarreien, die in den Bilanzen der Bistümer in der Regel nicht erfasst sind.

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Das Vermögen der katholischen Kirche: Der Glaube und das Geld

Auch die Domkapitel, Bischöflichen Stühle oder Stiftungen haben mitunter eigene Abschlüsse, die sich nochmal auf ein paar wenige bis hin zu ein paar Hundert Millionen Euro belaufen können. Außerdem haben die Ökonomen Spielräume, wie sie das Vermögen jeweils bewerten. "Finanzen sind Bistumssache", heißt es seitens der Deutschen Bischofskonferenz zur Frage nach dem Vermögen, von einem Konzern Kirche kann also keine Rede sein.


Die Finanzlage


Der Vergleich der Jahresabschlüsse zeigt zunächst, was viele Katholiken geahnt haben: Die Erzbistümer Paderborn, Köln und München-Freising verfügen über das größte bilanzierte Vermögen. Sie wiesen jeweils zwischen 3,4 und 4,4 Milliarden Euro an Aktiva auf. Sie zählen auch zu den Bistümern, die Jahresüberschüsse im zwei- und im Fall von München gar im dreistelligen Millionenbereich verzeichnen konnten.

Ganz anders etwa das Erzbistum Hamburg, in dem der Anteil an Katholiken an der Bevölkerung nur sehr gering ist. 2017 schloss die Diözese in der Diaspora mit einem Minus von mehr als 15 Millionen Euro - und will mehrere Schulen schließen.

Zuletzt tief in den roten Zahlen war auch das Erzbistum Freiburg. Grund dafür dürfte jedoch der Skandal um zu wenig abgeführte Sozialabgaben für seine Mitarbeiter sein. Die Erzdiözese musste insgesamt 160 Millionen Euro zurückstellen. Einem Sprecher zufolge sind die Rückstellungen in der Rechnungslegung Ende 2017 "vollumfänglich" enthalten.

Ihr Geld parken die Bistümer in Deutschland überwiegend in Finanzanlagen wie Wertpapieren oder Immobilienfonds. Katholische Institute wie die Pax Bank helfen, das Vermögen zu mehren. Im Bistum Paderborn belief sich der Anteil an Wertpapieren im Anlagevermögen auf mehr als 3,7 Milliarden Euro, die Finanzanlagen insgesamt entsprachen mit knapp 4 Milliarden Euro gut 90 Prozent des ausgewiesenen Vermögens.

Auch im Ordinariat in Freiburg versteht man es, Geld in Finanzprodukte zu investieren. Das wird beim Blick in die Bilanz jedoch erst auf den zweiten Blick erkennbar: Offiziell belaufen sich die Finanzanlagen auf gerade mal 38.050 Euro. Allerdings verfügt das Erzbistum über Forderungen von gut 948 Millionen Euro an den Katholischen Darlehensfonds, der Geld anlegt. Er verwaltet das Kapital der Erzdiözese und ihrer Einrichtungen - und gewährt bei Bedarf Darlehen.

Die Finanzanlagen der Bistümer führen immer wieder auch zu Skandalen. Vor ein paar Jahren hatte eine katholische Bank trotz Ethikversprechens etwa in Rüstung investiert, das Bistum Eichstätt wiederum verzockte Dutzende Millionen Euro mit riskanten Immobiliendeals in den USA. 2017 hatte Eichstätt von seinen 311 Millionen Euro Wertpapiervermögen 76 Prozent in Mischfonds angelegt.


Die Immobilienfrage


Die katholische Kirche verfügt auch über zahlreiche Gebäude. Nach Angaben der Deutschen Bischofskonferenz gibt es bundesweit allein 24.189 Kirchengebäude im engeren Sinne, meist denkmalgeschützt. Hinzu kommen zahlreiche weitere Gebäude wie Pfarrhäuser, Kindergärten, Schulen, Verwaltungsgebäude, aber auch jede Menge vermietete Immobilien - oft in bester Innenstadtlage. Wie groß dieser Schatz aus Grundbesitz und Immobilien ist, lässt sich nur schwer ermitteln.

Das liegt daran, dass die Gebäude nirgends zentral erfasst sind und gerade Kirchen oft nur mit Erinnerungswerten in den Jahresabschlüssen auftauchen. So ist beispielsweise der Aachener Dom in der Bilanz des Domkapitels mit zwei Euro bilanziert - mit je einem für Gebäude und Grundstück. Es käme aber wohl auch niemand auf die Idee, den Dom für ein Parkhaus für die angrenzende Fußgängerzone zu verscherbeln. Die kultur- und kirchengeschichtliche Bedeutung ist enorm, der wahre Wert dürfte nur schwer zu ermitteln sein und solch ein Gebäude ist auch nur schwer verkäuflich. Zugleich kosten Unterhalt und Instandsetzung aber auch viel Geld.

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Das Vermögen der katholischen Kirche: Der Glaube und das Geld

Doch das gilt längst nicht für alle Gebäude, zumal sich hinter der Bilanz teils große andere Immobilienwerte verstecken: In Form von Beteiligungen an Wohnungsbaugesellschaften oder nicht marktbewerteten Mietshäusern. Das Erzbistum Köln ist etwa mit mehr als 40 Prozent an der Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft beteiligt, die insgesamt 25.000 Wohnungen verwaltet.

Kirchenfinanzen-Experte Frerk geht zudem allein beim Erzbistum München von Tausenden Immobilien aus. Er schätzt deshalb, dass das tatsächliche Vermögen mindestens doppelt so groß sein könnte wie ausgewiesen. Hinzu kommt: In Deutschland wurden laut Bischofskonferenz 366 katholische Kirchen profaniert (entweiht) - und 84 davon verkauft. Für Frerk steht daher fest: Die Finanzberichte der Bistümer sind nur "der Anfang einer Transparenz".


Wie reich muss Kirche sein?


Im Vergleich mit anderen Ländern ist die katholische Kirche in Deutschland reich. Dafür hat Experte Frerk in gewissem Maß auch Verständnis: "Kirche ist ein personalintensives Unternehmen mit Hunderttausenden Mitarbeitern." Der Reichtum und die hohen Einnahmen führen aber auch dazu, dass Bischöfe hierzulande ähnlich wie Staatssekretäre bezahlt werden, während der Erzbischof von Lyon monatlich gerade mal um die tausend Euro verdient. Doch auch in Frankreich, so Experte Frerk, "gibt es eine sehr lebendige Kirche". "Ein katholischer Priester lässt sich einfach von Familien zum Mittagessen einladen und da wird dann auch gut gekocht."

Ist das etwas, worauf sich auch die deutsche Amtskirche vorbereiten muss? Noch sorgen Babyboomer und hohe Gehälter für gute Kirchensteuereinnahmen - hinzu kommen Hunderte Millionen Euro an Staatsleistungen pro Jahr. Bis 2060 rechnen die Kirchen in Deutschland aber nur noch mit der Hälfte ihrer Mitglieder, über Alternativen zur Kirchensteuer wird deshalb längst nachgedacht.

Lesen Sie hier: Diese Alternativen zur Kirchensteuer gibt es

Doch Armut kann auch eine Chance sein - und die Glaubwürdigkeit stärken. Wie sagte 2011 Papst Benedikt XVI. in seiner vielbeachteten Freiburger Rede: "Die von materiellen und politischen Lasten und Privilegien befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein."

Statt auf das Geld kann sich die Kirche also getrost auf ihre Mitglieder konzentrieren. Von denen hatten zuletzt Tausende unter dem Slogan Maria 2.0 für mehr Rechte für Frauen in der Kirche protestiert.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung hieß es, die Freiburger Rede sei von 2013. Papst Benedikt XVI. hielt sie jedoch bereits 2011. Wir haben den Fehler korrigiert.

insgesamt 170 Beiträge
kai.friedrich 30.05.2019
1. Kirche ist out
Und warum das so ist, steht in diesem Artikel! Beschämend das der Staat und damit wir Bürger jeden Monat zur Kasse gebeten werden, auch wenn man überhaupt nicht in der Kirche ist. In dieser Institution passiert seit Jahren nix, [...]
Und warum das so ist, steht in diesem Artikel! Beschämend das der Staat und damit wir Bürger jeden Monat zur Kasse gebeten werden, auch wenn man überhaupt nicht in der Kirche ist. In dieser Institution passiert seit Jahren nix, vor allem in der Katholischen...
DerQQ 30.05.2019
2. Wo ist das Problem?
Wo ist das Problem, wenn wir Deutschen das gerne Monat für Monat bezahlen? Ist ähnlich wie beim Fußball. Da beschweren sich auch 99% der Leute über die enormen Summen und trotzdem bezahlen sie Unmengen an Sky, Eintritten oder [...]
Wo ist das Problem, wenn wir Deutschen das gerne Monat für Monat bezahlen? Ist ähnlich wie beim Fußball. Da beschweren sich auch 99% der Leute über die enormen Summen und trotzdem bezahlen sie Unmengen an Sky, Eintritten oder dem jährlichen Trikot.
luciust 30.05.2019
3. Ende des Steuerprivilegs
Und genau deshalb muss endlich eine Diskussion in Deutschland darüber geführt werden, ob die Religionsgemeinschaften ihr Recht nach Art. 140 GG in Verbindung mit Art. 137 Abs. 5 Weimarer Reichsverfassung (WRV) weiterhin Steuern [...]
Und genau deshalb muss endlich eine Diskussion in Deutschland darüber geführt werden, ob die Religionsgemeinschaften ihr Recht nach Art. 140 GG in Verbindung mit Art. 137 Abs. 5 Weimarer Reichsverfassung (WRV) weiterhin Steuern eintreiben dürfen. Und es würde sehr schnell den erzkonservativen Kräften ihre Machtbasis schmälern, wenn die Kirchen nur noch Spenden ihrer Mitglieder bekommen dürfen. Dann würden einige Themen, wie Zölibat, Frauen und Laien ganz neuen Schwung bekommen. Und nicht nur in Deutschland, mit ihren hier erzielten Steuern querfinanzieren sich die Kirchen nämlich auch anderswo.
gottschi21 30.05.2019
4. Und ewig grüßt der SPIEGEL...
mal wieder einer der einseitigen, "hach ist die Kirche so reich" Artikeln. Milliardenwerte in der Bilanz haben nichts mit Reichtum zu tun. Solange die Aufwendungen fast ausschließlich zur Glaubensverkündung und in den [...]
mal wieder einer der einseitigen, "hach ist die Kirche so reich" Artikeln. Milliardenwerte in der Bilanz haben nichts mit Reichtum zu tun. Solange die Aufwendungen fast ausschließlich zur Glaubensverkündung und in den Sozialen Bereich gehen, ist da überhaupt nichts falsch dran. Dies wurde im Artikel - wenig überraschend - aber allenfalls am Rande erwähnt. Schade, reißerisch aber wenig dran (drin). Sorgt bestimmt wieder für mächtig Clicks und gehässige Kommentare... Zweck scheinbar erfüllt...
iffelsine 30.05.2019
5. Sind doch Kirchengebäude seit Jahrhunderten die
mit Abstand größten Gebäude in den Ortschaften gewesen. Tausende von Tebarzen lebten in Saus und Braus und wenn Geld fehlte, kamen tolle Ideen wie z.B. die Ablassbriefe auf. Und statt das Vermögen beispielsweise für Kost [...]
mit Abstand größten Gebäude in den Ortschaften gewesen. Tausende von Tebarzen lebten in Saus und Braus und wenn Geld fehlte, kamen tolle Ideen wie z.B. die Ablassbriefe auf. Und statt das Vermögen beispielsweise für Kost & Logis der Millionen von Merkel gerufenen Flüchtlinge auszugeben, wird gebunkert und diese Art der Nächstenliebe lieber dem Steuerzahler überlassen. Da die Kirchen das Internet erfolgreich verdrängt haben ( sie haben ja 10G direkt im Himmel), sind sie ohnehin bald weg, vielleicht noch drei/vier Generationen und dann landet das Vermögen beim Staat...
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