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Wirtschaft

Panikmache oder Schönfärberei

Wie schlimm wird der Abschwung?

Lange sah es so aus, als ob der Aufschwung unkaputtbar sei. Doch das ist vorbei. Mit der Konjunktur geht es abwärts - offen ist nur, wie tief der Fall sein wird.

Fabian Bimmer / REUTERS

Containerschiff im Hamburger Hafen: Panikmache oder Schönfärberei

Eine Kolumne von
Sonntag, 07.04.2019   17:02 Uhr

Typisch, meinte "binibona", "Glaskugel raus, Artikel schreiben und auf Reaktionen hoffen. Ende des Jahres entweder als Prophet auftreten oder die Gründe nennen, die das Desaster abgewendet haben. Wer allerdings zu fest daran glaubt, den trifft die sich selbst erfüllende Prophezeiung."

"binibona" ist das Pseudonym eines Kommentators - oder einer Kommentatorin - im SPIEGEL-ONLINE-Forum. Bei der Passage handelt sich um einen Kommentar zu meiner Kolumne vom 30. Dezember 2018.

Zum Jahreswechsel hatte ich einige Überlegungen angestellt, was der heraufziehende konjunkturelle Abschwung wohl bringen könnte. Der Text enthielt diverse Zahlen und Quellen - so viele, dass ich mir Sorgen machte, Langeweile zu provozieren. Aber auch Männer, die in Glaskugeln starren, brauchen nun mal eine Faktenbasis…

"binibonas" Kommentar habe ich ausgewählt, weil er mir typisch scheint. Wenn es darum geht, sich mit der Zukunft zu befassen, herrscht verbreitetes Unbehagen. Die Kritik changiert dann zwischen drei Extremen: Panikmache (in Wahrheit werde alles schon nicht so schlimm), Schönfärberei (in Wahrheit werde alles noch viel schlimmer) und Scharlatanerie (niemand könne die Zukunft kennen).

Andererseits zeigen Umfragen, dass eine große Mehrheit der Leser genau dies vom Wirtschaftsjournalismus erwartet: Entwicklungen zu thematisieren, die künftig relevant werden. Keine Prophezeiungen, keine Vorhersagen mit Wahrheitsanspruch - sondern skeptische Überlegungen über die Zukunft auf Basis von Fakten und Indizien.

Anders als Propheten, die zumeist nicht so lange leben, als dass man sie für falsche Vorhersagen zur Rechenschaft ziehen könnte, sind wir mit einem unendlichen Strom neuer Zahlen und Ereignisse konfrontiert, die eine ständige Überprüfung der Zukunftsperspektiven erlauben.

Derzeit ist es wieder so weit. Die Weltwirtschaft wartet auf ein Update.

Die Industrie, Ground Zero des Abschwungs

Ab Donnerstag tagen in Washington der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank. Heerscharen von Finanzministern, Notenbankern und Ökonomen werden erwartet. IWF-Chefin Christine Lagarde hat bereits durchblicken lassen, dass ihre Volkswirte die Prognosen gesenkt haben und dass die weltwirtschaftliche Lage "zerbrechlich" sei, also in eine ausgewachsene Rezession umschlagen könnte (neue Zahlen vom IWF gib es am Dienstag).

Pünktlich zur Washingtoner Frühjahrstagung hat der IWF zudem das Crashrisiko auf den globalen Immobilienmärkten kalkuliert - nicht gerade beruhigende Berechnungen angesichts der extrem hohen Bewertungen und Schulden in vielen Ländern.

In der abgelaufenen Woche haben die deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute bereits einen scharfen Rückgang des Wirtschaftswachstums hierzulande diagnostiziert.

Gerade die deutsche Industrie belastet die Entwicklung, und dort besonders der lahmende Autoabsatz. Die produzierenden Unternehmen verzeichnen einen drastischen Rückgang der Auftragseingänge, den stärksten seit der Schockrezession des Jahres 2009 (Montag gibt es neue Zahlen vom deutschen Exportgeschäft).

Hinzu kommt die gestiegene politische Unsicherheit (achten Sie diese Woche auf den Fortgang des Brexit-Dramas, insbesondere den EU-Sondergipfel am Mittwoch, zwei Tage vor dem derzeit gültigen Austrittsdatum.) Der nach wie vor schwelende Handelskonflikt zwischen den USA und China hilft auch nicht gerade bei der Stabilisierung der Erwartungen (neue Außenhandelszahlen aus Peking gibt's Freitag).

Das große Bild in groben Strichen

All diese Entwicklungen bestätigen das Bild, das sich schon länger abzeichnet. Grob skizziert sieht es in etwa so aus:

All das wäre noch kein "Desaster", wie "binibona" formulierte. Aber die Zeiten würden deutlich ungemütlicher.

Und falls es doch besser kommen sollte als derzeit erwartet? Dann freuen wir uns.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der bevorstehenden Woche

Montag

Yokohama - Nach Ghosn - Nissan hat zum außerordentlichen Aktionärstreffen geladen. Carlos Ghosn, lange gemeinsamer Chef von Nissan und Renault, saß monatelang in Untersuchungshaft wegen angeblicher Selbstbedienung im Amt. Derzeit wartet er in Japan auf seinen Prozess. Die Kooperation zwischen beiden Konzernen geht weiter. Der neue Renault-Chef Senard soll in den Nissan-Verwaltungsrat einziehen.

Wiesbaden - Deutsche Konjunktur - Das Statistische Bundesamt legt neue Zahlen zur deutschen Ausfuhr vor.

Dienstag

Washington - Globale Konjunktur - Der Internationale Währungsfonds (IWF) stellt seinen halbjährlichen weltwirtschaftlichen Ausblick vor.

Brüssel - Seidenstraße und Chinopa - EU-China-Gipfel: EU-Kommissionspräsident Juncker und Ratspräsident Tusk empfangen chinesische Regierungsvertreter. Unter anderem geht es um den Klimaschutz und den Welthandel.

Mittwoch

Brüssel - Kleinbritannien und Europa - EU-Sondergipfel zum Brexit: Die Staats- und Regierungschefs treffen sich, um über die verworrene Lage zu beraten. Wird es eine weitere Verlängerung über den 12. April hinausgehen? Ist sogar eine lange Verlängerung drin? Für die EU ein Balanceakt: einerseits weiterhin handlungsfähig bleiben (auch mit einem halbausgetretenen Großbritannien), andererseits keinen bitteren Bruch zwischen den Briten und dem Kontinent provozieren. Ein Gipfel von tatsächlich historischer Bedeutung.

Frankfurt - Leere Köcher - EZB-Ratssitzung: Im Anschluss wird Präsident Draghi die geldpolitischen Entscheidungen der Zentralbank vor der Presse erklären. Angesichts von Nullzinsen und zurückliegenden Wertpapierkäufen sind die weiteren Handlungsmöglichkeiten der EZB beschränkt.

Donnerstag

Washington - Rezessionsalarm - Auftakt zur Frühjahrstagung von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank. Erwartet werden Dutzende von Finanzministern und Notenbankchefs.

Wiesbaden/Peking - Preisfragen - Neue Zahlen zur Inflation von den Statistikämtern in Deutschland und China.

Neu Delhi - Elefantös - In der größten Demokratie der Welt beginnen die Parlamentswahlen, die bis zum 19. Mai dauern werden. Premier Modi und seine hindunationalistische Partei haben trotz großer Versprechungen einer raschen wirtschaftlichen Modernisierung eine bestenfalls gemischte Bilanz zustande gebracht. Die oppositionelle Kongresspartei, seit Jahrzehnten geführt von Mitgliedern der Familie Gandhi, hat zuletzt in Regionalwahlen wieder aufgeholt.

Freitag

London/Brüssel - B-Day - Kommt es nicht auf die letzten Meter doch noch zu einer Zustimmung zum Brexit-Vertrag – oder zu einer weiteren Verlängerung der Ausstiegsfrist –, scheidet Großbritannien um Mitternacht aus der EU aus. Ohne Vertrag, ohne Anschlussregelung, in wechselseitiger Verbitterung.

Luxemburg - Euro-Konjunktur - Die EU-Statistikbehörde Eurostat veröffentlicht neue Zahlen zur Wirtschaftsentwicklung im vierten Quartal 2018, die weiteren Aufschluss über die konjunkturelle Situation erlauben dürften.

Peking - Handelskrieg und so - Neue Außenhandelszahlen aus China.

insgesamt 80 Beiträge
mina2010 07.04.2019
1. Dass wird letzlich davon abhängen,
wie verantwortungsvoll die Medien mit diesem Thema umgehen. Leider erlebt man immer wieder effekthaschende Beiträge, die zu genereller Verunsicherung führen und ein Teil der "sogenannten" Krise beruht dann nur auf [...]
wie verantwortungsvoll die Medien mit diesem Thema umgehen. Leider erlebt man immer wieder effekthaschende Beiträge, die zu genereller Verunsicherung führen und ein Teil der "sogenannten" Krise beruht dann nur auf "Panikmache". Seit den 80er Jahren haben wir kein Erdöl mehr. Nach Tschernobil ist Europa fast ausgestorben. Seit Deepwater Horizon ist der Pazifik ein totes Wasser. Und die Vogelgrippe hat die halbe Menschheit ausgerottet. An diesen Ecken fehlen mir dann immer entsprechende Artikel ... war zwar Mist, aber nochmal davongekommen. Von den bisher fetten Zeiten haben die Bosse was bemerkt, bei Ottonormalverdiener ist da kaum was angekommen. Die Herrschaften haben da sicher schon die Notfallpläne in der Tasche ... Personalabbau, Produktionsverlagerung ins Ausland. Alternativ freundliche Förderungen aus öffentlichen Geldern, die Ottonormalverdiener dann über Steuererhöhungen oder noch einen Soli schultern darf. Wie sagt Vdl:"Wir sind auf dem richtigen Weg!"
Nordstadtbewohner 07.04.2019
2. Der Arbeitsmarkt wird stabil bleiben
Ich kann Henrik Müller nur zustimmen. Auch wenn die Konjunktur zurückgehen oder gar stark einbrechen wird, der deutsche Arbeitsmarkt wird stabil bleiben. Da ist einerseits der demografische Wandel, andererseits die nach wie vor [...]
Ich kann Henrik Müller nur zustimmen. Auch wenn die Konjunktur zurückgehen oder gar stark einbrechen wird, der deutsche Arbeitsmarkt wird stabil bleiben. Da ist einerseits der demografische Wandel, andererseits die nach wie vor vielen unbesetzten Stellen in der Privatwirtschaft, die schon seit langer Zeit nicht besetzt werden können. Man schaue da nur in die Pflegebranche. Sicherlich wird die Industrie Federn lassen (müssen), aber der Wandel von der Industriegesellschaft hin zur Dienstleistungsgesellschaft ist seit Jahrzehnten im Gange. Dazu kommt, dass im Zuge einer andauernden Wirtschaftskrise arbeitssuchende Industriearbeiter umschulen und ihr Geld als dringend benötigte Pflegekräfte verdienen können, wenn sie denn nur wollen. Oder das Beispiel Bundeswehr und Ford... Bei meinem Arbeitgeber ist es so, dass wir für die nächsten Jahre mehr als genug Aufträge haben, eigentlich sogar mehr, als wir haben wollen. Von daher wird die Krise kein Problem sein. Am Ende steht daher wieder ein Aufschwung.
Haarfoen 07.04.2019
3. Endlich mal eine Verschnaufpause ...
Puuh ... irgendwie ackern alle wie die Wahnsinnigen. Vielleicht gibt es ja mal eine kleine Pause, genügend Arbeitskräfte haben wir ja auch nicht. Der Sommer kommt, 10% weniger produzieren und mal öfters am Badesee liegen und [...]
Puuh ... irgendwie ackern alle wie die Wahnsinnigen. Vielleicht gibt es ja mal eine kleine Pause, genügend Arbeitskräfte haben wir ja auch nicht. Der Sommer kommt, 10% weniger produzieren und mal öfters am Badesee liegen und etwas mit den Kids unternehmen. Das haben wir uns ganz eindeutig verdient. Ob die "Eliten" dabei Geld verlieren, kann einem egal sein. Mir zumindest. Ich wünsche allen Lesern einen schönen Sommer!
mercuriusstraat13 07.04.2019
4. und wieder ein Experte ...
Leute, die ihr Wochenende damit verbringen, eine Kolumne zu schreiben, sind sicherlich nicht die, die wissen, wie es geht. Die haben das nämlich gar nicht mehr nötig. Die liegen in der Sonne und geben keine Tipps. Alle, die [...]
Leute, die ihr Wochenende damit verbringen, eine Kolumne zu schreiben, sind sicherlich nicht die, die wissen, wie es geht. Die haben das nämlich gar nicht mehr nötig. Die liegen in der Sonne und geben keine Tipps. Alle, die noch arbeiten müssen, sind hier leider keine Experten, sorry.
curiosus_ 07.04.2019
5. Tja, Herr Müller..
---Zitat von Henrik Müller--- Deutschland vor! Die Bundesrepublik ist die einzige größere europäische Volkswirtschaft, die noch über nennenswerte konjunkturpolitische Spielräume verfügt. Die Staatsschuldenquote wird 2020 [...]
---Zitat von Henrik Müller--- Deutschland vor! Die Bundesrepublik ist die einzige größere europäische Volkswirtschaft, die noch über nennenswerte konjunkturpolitische Spielräume verfügt. Die Staatsschuldenquote wird 2020 auf 53 Prozent der Wirtschaftsleistung sinken, prognostizieren die Forschungsinstitute. Die Forderungen aus dem Ausland nach höheren öffentlichen Ausgaben dürften laut und lauter werden. Die Bundesregierung und die Wirtschaft sollten sich darauf vorbereiten und überzeugende Antworten parat haben, am besten eine Investitions- und Innovationsoffensive. ---Zitatende--- ..Sie wiederholen sich. Wie schon damals, zu Zeiten des [url=http://www.spiegel.de/forum/wirtschaft/wirtschaftsausblick-2019-investiert-endlich-thread-845713-1.html#postbit_71249725]Kommentars von binibona[url], soll nun mal wieder der deutsche Staat die Welt retten. _Dann bleibt mir nichts anderes übrig als mich ebenso zu wiederholen._ (http://www.spiegel.de/forum/wirtschaft/wirtschaftsausblick-2019-investiert-endlich-thread-845713-5.html#postbit_71252574). Spart Aufwand.
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