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Wirtschaft

Reformen, Banken, Infrastruktur

Spaniens kleines Wirtschaftswunder

Während die Wirtschaft in Italien seit Jahrzehnten dahinsiecht, boomt sie in Spanien seit dem Ende der Euro-Schuldenkrise wieder. Doch der Aufschwung ist zerbrechlich.

Javier Barbancho / REUTERS

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Samstag, 27.04.2019   16:34 Uhr

An diesem Sonntag wählt Spanien, und es ist völlig ungewiss, wer künftig die Macht in Madrid hat. Aber die Gläubiger des Landes sorgen sich nicht darum. Die Risikoprämien für spanische Staatsanleihen bewegen sich in Hundertstelprozentpunkt-Schrittchen. Nur 1,1 Prozent Rendite pro Jahr bekommen Anleger für die Schuldverschreibungen, die Madrid erst in zehn Jahren zurückzahlt. Trotzdem kaufen sie.

Bei Italien ging es 2018 ganz anders zu. Da stießen Anleger im großen Stil Anleihen ab. Zunächst, als die Populisten die Macht übernahmen, und später noch einmal, als Matteo Salvini, Luigi Di Maio und Co. ankündigten, mehr Schulden zu machen, als ihre Vorgänger mit der EU abgesprochen hatten. Als Ergebnis ist es für Italien heute mehr als doppelt so teuer, den Kapitalmarkt anzupumpen, wie für Spanien.

In der Euro-Schuldenkrise hatten beide Nationen einen schweren Stand. Sie wurden zu den sogenannten PIGS (Portugal, Irland, Griechenland, Spanien) gezählt - jenen europäischen Staaten, die besonders bankrottgefährdet waren. Spanien geriet damals näher an den Abgrund als Italien.

Seither aber erholt sich die iberische Wirtschaft rapide. Vier Jahre in Folge wächst sie deutlich stärker als der EU-Durchschnitt: lange Zeit mit mehr als drei Prozent pro Jahr. Italien indes bleibt zurück. Unlängst haben die Spanier die Italiener bei der Wirtschaftsleistung pro Kopf überholt. Und sie werden sie laut einer Prognose des Internationalen Währungsfonds in den kommenden Jahren weiter abhängen.

Warum läuft es in Spanien besser als Italien? Vier Thesen.

1. Spanien hat früh und konsequent reformiert

Mehr als sechs Millionen Arbeitslose hatte das Land im Jahr 2013. Mittlerweile sind es nur noch gut drei Millionen. Das liegt auch daran, dass die konservative Regierung unter dem langjährigen Premierminister Mariano Rajoy den Arbeitsmarkt liberalisierte.

Zum einen machte sie es den Betrieben einfacher, Mitarbeiter zu entlassen und die vorher hohen Abfindungen zu begrenzen. Entsprechend weniger Hemmungen haben Betriebe, neue Leute einzustellen.

Zum anderen räumte die Politik kriselnden Unternehmen die Möglichkeit ein, trotz bestehender Tarifverträge im Einvernehmen mit den Arbeitnehmern Arbeitszeiten zu ändern oder sogar weniger zu bezahlen. "Die Lohnkosten je produzierte Einheit sind in Spanien heute niedriger als vor der Krise", sagt der Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. So können spanische Unternehmen ihre Produkte auf den Weltmärkten relativ preiswert anbieten. Ergebnis: Die Exporte sind stark gewachsen, sie sind der Motor für den Aufschwung. In Italien hingegen, wo sich keine Regierung an so umfassende Reformen gewagt hat, steigen die Lohnkosten immer weiter.

Allerdings hat die Liberalisierung in Spanien Schattenseiten. Etwa die Millionen prekären Arbeitsverhältnisse: "Trabajos basura", "Mülljobs" nennt sie der Volksmund. Viele neue Stellen, etwa im boomenden Tourismus, bieten nur ein paar Stunden Arbeit pro Woche, die Bezahlung ist oft schlecht - auch wenn der neue sozialistische Premier Pedro Sánchez den Mindestlohn deutlich erhöht hat. Und: Jeder vierte Arbeitsvertrag in Spanien ist befristet. Dieser Anteil liegt weit über dem europäischen Durchschnitt.

2. Spanien hat seinen Bankensektor entschlossen aufgeräumt

41 Milliarden Euro musste Spaniens Regierung vom Euro-Rettungsfonds borgen, um marode Banken zu stützen. Insbesondere die Cajas (Sparkassen) hatten viele schlecht gesicherte Immobilienkredite vergeben - und dann platzte die größte Immobilienblase.

REUTERS

Aber bald begann das Aufräumen. Die Politik verstaatlichte kränkelnde Cajas und/oder zwang sie, miteinander zu fusionieren. Eine staatliche Bad Bank kaufte faule Kredite für einen Teil des Nennwerts auf, den Rest mussten die Sparkassen abschreiben. Viele Banken wiesen zuerst enorme Verluste aus. Aber danach waren sie das Gros der Schrottpapiere los. Das schuf Vertrauen, so konnten sich viele Banken bald wieder ohne große Probleme Geld leihen. Und so können sie nun ihrerseits wieder Kredite an Unternehmen vergeben - etwa für Investitionen in Maschinen. Die wiederum erhöhen die Produktivität der Betriebe.

"Spanien hat seinen Bankensektor gezielt restrukturiert", sagt Ulrich Stolzenburg, Ökonom am Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). "Italien hat die Probleme dagegen lange Zeit vor sich hergeschoben." Immerhin haben in den vergangenen Jahren auch viele italienische Institute ihre Bilanzen von fragwürdigen Krediten gesäubert. Dafür aber haben sie massenhaft italienische Staatsanleihen in ihren Portfolios. Wenn deren Kurse fallen, müssen sie wohl nochmals hohe Summen abschreiben.

3. Spanien hat bessere Grundlagen für Wachstum

Spanien steht demografisch besser da als Italien. Das Medianalter der Spanier beträgt 42,7 Jahre, das der Italiener 45,5. Das heißt: mehr jüngere, aktivere Menschen, weniger Pensionäre.

Dazu hat Spanien einen besonderen Standortvorteil - die Infrastruktur. Zwar haben der Staat und manche Regionalfürsten Milliarden versenkt mit mancherlei unnützen Projekten wie Geisterflughäfen. Aber das Hochgeschwindigkeits-Eisenbahnnetz ist das dichteste von Europa.

Marcelo del Pozo / REUTERS

Schnellzug AVE am Bahnhof in Sevilla

Auch an Autobahnen mangelt es nicht. Und: Vielerorts gibt es schnelles Internet. Während Mitte 2018 laut der OECD mehr als die Hälfte der Breitbandanschlüsse in Spanien Glasfaserverbindungen waren, lag der Anteil in Italien gerade mal bei vier Prozent. Immerhin war er noch etwas höher als in Deutschland mit 2,6 Prozent.

4. Boomender Tourismus - Wohl und Wehe zugleich

Der Aufschwung der vergangenen Jahre war auch das Resultat günstiger äußerer Umstände. Der Tourismus boomte - unter anderem wegen der unsicheren Lage in anderen Urlaubsländern wie der Türkei oder Ägypten. Der spanischen Automobilindustrie kam eine gute Weltkonjunktur entgegen. Dass die Regierung so niedrige Zinsen für ihre Schulden zahlt, hat sie unter anderem dem Anleihenkaufprogramm der Europäischen Zentralbank zu verdanken. Und wenn Madrid den Haushalt kräftig überzog, drückte die EU-Kommission schon mal ein Auge zu.

Clara Margais/ DPA

Spaniens Wirtschaft läuft - im Moment. Aber das Wachstum lässt bereits nach. Und wenn es einmal stagniert oder gar abwärts geht, sind viele spanische Arbeitnehmer kaum geschützt vor Kündigungen. Rapide steigen dürfte dann die Zahl der Arbeitslosen. Vom Staat haben die Entlassenen wenig Hilfe zu erwarten; das Sozialversicherungssystem schreibt schon jetzt Defizite in zweistelliger Milliardenhöhe. Es müsste grundlegend reformiert werden, aber mangels klarer politischer Mehrheiten ist bislang wenig passiert.

Hunderttausende Familien sind noch immer hoch verschuldet. Sollten die Zinsen einmal merklich steigen, werden sie in die Bredouille kommen. Und: Die Staatsverschuldung ist in der Krise durch die Bankenrettungen nach oben geschossen: von gut 40 Prozent der Wirtschaftsleistung im Jahr 2008 auf fast 100 Prozent. Sie könnte zum Problem werden, wenn der Boom einmal endet.

Dann werden die Gläubiger wieder genauer hinsehen, was in Spanien im Argen liegt. Wenngleich nicht so kritisch wie bei Italien.

insgesamt 38 Beiträge
eric111 27.04.2019
1. Yin und Yang
"Spaniens Wirtschaft läuft - im Moment. Aber das Wachstum lässt bereits nach." Wer mal die Wirtschaftsdaten und Arbeitslosenzahlen seit dem Ende des Franco-Regimes Mitte der 70er Jahre vergleicht stellt fest, dass [...]
"Spaniens Wirtschaft läuft - im Moment. Aber das Wachstum lässt bereits nach." Wer mal die Wirtschaftsdaten und Arbeitslosenzahlen seit dem Ende des Franco-Regimes Mitte der 70er Jahre vergleicht stellt fest, dass es unter sozialistischen Regierungen immer langsam aber sicher in die Krise ging und wenn die Konservativen an der Regierung waren, die Wirtschaft deutlich über EU-Schnitt florierte und die Arbeitslosenzahlen stetig sanken. Was gerade der Fall ist, ist noch die "gute Zeit" unter Rajoy, aber man merkt schon den sozialistischen Einfluss Sanchez, so stagniert es wieder langsam. Bis Sonntag (morgen). Da wird dieses Experiment des nur durch 2 Misstrauensanträge im Generalverbund mit Separatisten und Linksextremen Mitte letzten Jahres an die Regierung gekommenen Sanchez ein Ende finden. Auch wenn die Stagnation natürlich erst mit Verzögerung enden wird, kann man sicher in einem Jahr den Schub deutlich erkennen. Wie bislang immer.
thorstenkirsch 27.04.2019
2. Alles immer ne Frage der Sichtweise
Für eine Arbeit von 30 Minuten wird ein Vertrag gemacht - fällt also aus der Statistik Durchschnittliches Einkommen liegt bei unter 1000 Euro Netto und die Mieten steigen brutal, mittlerweile auf deutsches Niveau. Welchen [...]
Für eine Arbeit von 30 Minuten wird ein Vertrag gemacht - fällt also aus der Statistik Durchschnittliches Einkommen liegt bei unter 1000 Euro Netto und die Mieten steigen brutal, mittlerweile auf deutsches Niveau. Welchen Aufschwung meinen sie?????
eric111 27.04.2019
3. Nachtrag
Was die Verschuldung betrifft muss man aber auch noch klar hinzufügen, dass Spanien eines der wenigen Länder weltweit ist, welches diese überhaupt abbaut. Auch bei den 40 Millarden der Bankenrettung begann die Rückzahlung [...]
Was die Verschuldung betrifft muss man aber auch noch klar hinzufügen, dass Spanien eines der wenigen Länder weltweit ist, welches diese überhaupt abbaut. Auch bei den 40 Millarden der Bankenrettung begann die Rückzahlung Jahre vor der von der EU geforderten Frist. Spanien ist in diesen Dingen sehr flexibel und dreht lieber mal den Geldhahn knallhart zu, was Sozialleistungen angeht und nimmt die Konzerne in die Pflicht. Das geht, weil Spanier sehr solidarisch sind und dazu grundsätzlich nicht auf Kosten von Vater Staat leben, sondern auf intakte familiäre Strukturen setzen.
blaustift 27.04.2019
4. Pigs
Dies hier ist formal korrekt: https://en.wikipedia.org/wiki/PIGS_(economics) Warum der Artikel Spanien mit Italien vergleicht? Das ist mir unklar. Warum nicht mit Protugal? Oder mit Irland? Besser: alle PIGS/PIIGS Länder [...]
Dies hier ist formal korrekt: https://en.wikipedia.org/wiki/PIGS_(economics) Warum der Artikel Spanien mit Italien vergleicht? Das ist mir unklar. Warum nicht mit Protugal? Oder mit Irland? Besser: alle PIGS/PIIGS Länder sollten miteinander verglichen werden.
spon-facebook-10000795066 27.04.2019
5. Habe es nach recherchiert
Laut IMF ist der Export von Gütern von 312 Mrd in 2013 auf 335 Mrd angewachsen. Zwischenzeitlich waren es auch mal 270 Mrd. Woher soll auch das industrielle Wirtschaftswunder kommen? In Spanien ist man international eben nicht [...]
Laut IMF ist der Export von Gütern von 312 Mrd in 2013 auf 335 Mrd angewachsen. Zwischenzeitlich waren es auch mal 270 Mrd. Woher soll auch das industrielle Wirtschaftswunder kommen? In Spanien ist man international eben nicht konkurrenzfähig. Irgendwo bei den Dienstleistungen boomt es halt mal wieder. So wie es immer mal wieder war. Kaum versiegt dann das staatliche Ünterstützungsprogramm ist da dann auch wieder Feierabend. Alles beim Alten eben

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