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Wirtschaft

Weltwirtschaftsforum in Davos

Dialog in düsteren Zeiten

Brexit, Handelskrieg, Klimakatastrophe: Die Lage der Welt wirkt 2019 finster. In Davos sollen Staats- und Unternehmenschefs trotzdem optimistisch an Lösungen arbeiten. Ohne die Amerikaner dürfte das schwierig werden.

AP

Protest gegen das Weltwirtschaftsforum in Bern

Aus Davos berichten und
Montag, 21.01.2019   18:58 Uhr

Reden hilft - so könnte ein etwas bescheideneres Motto des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos lauten. Laut offiziellem Leitspruch will man ab Dienstag in den Schweizer Alpen wieder "den Zustand der Welt verbessern". Selbst die notorisch optimistischen Veranstalter räumten diesmal aber vorab ein, es sei "einfach, einen düsteren Blick auf die Aussichten der Welt im Jahr 2019 zu werfen".

Tatsächlich ist die Lage ernst: Die in Davos seit Langem propagierte Philosophie von globalisierter Wirtschaft, multilateraler Politik und liberalen Gesellschaften steckt in der Krise:

Trump brüskiert die Veranstalter

In dieser Zeit zunehmender Spaltung und Renationalisierung wirkt das Elitentreffen in Davos wie ein Relikt aus der liberalen Globalisierungsära. Doch die Veranstalter um den Deutschen Klaus Schwab (lesen Sie hier ein Interview) setzen unbeirrt auf den Dialog - auch wenn der zunehmend mit Populisten und Autokraten stattfinden muss.

So kommt Bolsonaro in diesem Jahr nach Davos, um sein Programm vorzustellen. Es dürfte ein ähnlich schwieriger Empfang werden, wie ihn Trump im vergangenen Jahr erlebte. Wie geht man mit jemandem um, der sich so offensichtlich gegen die gemeinsamen Werte stellt? Diese Frage wussten sowohl die Organisatoren als auch die versammelten Topmanager damals offenbar nicht wirklich zu beantworten. Die deutschen Konzernlenker blamierten sich gar bei einem im Fernsehen ausgestrahlten Abendessen mit Trump, als der Präsident die Unternehmensbosse wie Schuljungen nach ihren Investitionsplänen in den USA abfragte.

Das alles hat Trump offenbar so gut gefallen, dass er auch diesmal wieder nach Davos kommen wollte - mit einer großen Delegation von Außenminister Michael Pompeo über Finanzminister Steven Mnuchin bis zu Handelsminister Wilbur Ross. Doch angesichts des innenpolitischen Streits über sein Mauerbauprojekt an der Grenze zu Mexiko und die dadurch verursachte Haushaltssperre in den USA strich der US-Präsident in der vergangenen Woche nicht nur seine eigene Reise, sondern auch die seiner Minister. Ein Affront, der zeigt, was multilaterale Treffen wie das in Davos für ihn wirklich bedeuten: Er liebt sie, solange er dort glänzen kann - aber er scheut auch nicht davor zurück, sie innenpolitischen Zwecken zu opfern.

Damit ist auch die Hoffnung gestorben, Amerikaner und Chinesen könnten in Davos hinter den Kulissen über ihren seit Monaten schwelenden Handelskonflikt sprechen - und vielleicht sogar eine Lösung finden. Die Zeit drängt: Bis zum 1. März haben die USA und China eine Art Waffenruhe im Handelskrieg vereinbart - gibt es bis dahin keine Einigung, treten neue Strafzölle in Kraft.

REUTERS

Schweizer Ort Davos

Die Sorgen der Manager

Die chinesische Regierung dürfte dabei wohl ein größeres Interesse an einer Einigung haben als die Amerikaner. Denn erstens wäre Chinas Wirtschaft nach Expertenschätzungen von weiteren Zöllen stärker betroffen als die amerikanische - schon, weil sie mehr auf den Export angewiesen ist. Und zweitens deuteten zuletzt gleich mehrere Indikatoren auf eine spürbare Abkühlung des jahrelang kräftigen chinesischen Wachstums hin - da käme eine Eskalation des Handelskonflikts mit weiteren Einbußen sehr ungelegen.

Wohl auch deshalb hat der chinesische Präsident Xi Jinping seinen Vize und Vertrauten Wang Qishan nach Davos geschickt, der sich in vergangenen Krisensituationen einen Ruf als Troubleshooter erarbeitet hat und dem zudem exzellente Kontakte zur US-Finanzwelt nachgesagt werden.

Sollte der Handelskrieg eskalieren, droht das Jahr 2019 für die Weltwirtschaft noch unangenehmer zu werden, als es ohnehin schon aussieht. Laut einer Umfrage der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) unter mehr als 1300 Unternehmenschefs in 91 Ländern, gehen 29 Prozent davon aus…, dass das Wachstum in den kommenden zwölf Monaten zurückgeht. Das ist der höchste Wert seit sieben Jahren, bemerkenswert ist vor allem der sprunghafte Anstieg bei der Zahl der Pessimisten.

Auch die deutschen Bosse sind so pessimistisch wie lange nicht mehr. Hierzulande gehen 29 Prozent von einer Verschlechterung der weltweiten Wachstumszahlen aus - zum Vergleich: Im vergangenen Jahr waren es gerade mal zwei Prozent. Nur noch 38 Prozent der befragten deutschen Vorstandschefs rechnen mit einer Verbesserung.

Neben Trumps Handelspolitik sorgt viele europäische Unternehmen auch der Brexit. Wenn die Weltelite wieder aus Davos abreist, bleiben nur noch zwei Monate bis zum offiziellen Ende der Austrittsverhandlungen zwischen EU und Großbritannien. Und nach dem Scheitern von Theresa Mays Deal im britischen Unterhaus werden Handelsminister Liam Fox, Wirtschaftsminister Greg Clark oder EU-Chefunterhändler Michel Barnier in Davos viele besorgte Fragen dazu beantworten müssen, wie es nun weitergehen soll.

Ähnliches könnte für die italienische Delegation mit Ministerpräsident Giuseppe Conte und Finanzminister Giovanni Tria gelten, die im Streit um die Neuverschuldung kürzlich den Bruch mit Brüssel riskierten.

Angesichts der auch in Europa angespannten Lage dürften zwei deutsche Davos-Besucherinnen besonders viel Aufmerksamkeit bekommen: Angela Merkel wird ebenso erwartet wie Annegret Kramp-Karrenbauer, die von ihr nach dem CDU-Vorsitz auch die Kanzlerschaft übernehmen könnte. Auch die Minister Peter Altmaier, Andreas Scheuer, Jens Spahn und Ursula von der Leyen haben sich angekündigt - deutlich mehr deutsche Regierungsvertreter als in vielen Vorjahren.

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Sie alle werden auch über ein Thema reden, das laut dem in der vergangenen Woche vorgelegten Weltrisikoberichts des WEF mittlerweile ganz oben auf der Liste der großen Sorgen steht: der Klimawandel und dessen Folgen. Auch Cyberkriminalität gehört demnach zu den großen Gefahren unserer Zeit. Von allen Risiken sei es aber "bei der Umwelt am offensichtlichsten, dass die Welt in eine Katastrophe steuert", heißt es in dem Bericht. "Globale Risiken nehmen zu, aber der kollektive Wille, sie zu bekämpfen, schwächt sich ab. Stattdessen nimmt die Spaltung zu." So düster klangen die Berufsoptimisten des WEF selten. Ob Reden da noch hilft? Es gibt jedenfalls viel zu besprechen.

insgesamt 14 Beiträge
franziska3 21.01.2019
1. Die Wahrheit
Dass dieses Forum sehr viel Geld verschlungen hat, sehr viel Kohlendioxyd in die belastete Atmosphäre gepustet hat durch zusätzliche Transportmittel jeder Art, ist allgemein bekannt. Der tatsächliche Nutzen außer ein paar [...]
Dass dieses Forum sehr viel Geld verschlungen hat, sehr viel Kohlendioxyd in die belastete Atmosphäre gepustet hat durch zusätzliche Transportmittel jeder Art, ist allgemein bekannt. Der tatsächliche Nutzen außer ein paar nichtsagenden Absichtserklärungen jeglicher Art bleibt mir verschlossen. Deshalb: Ich finde es nicht schrecklich, dass der "Gipfel" an Bedeutung verliert.
haarer.15 21.01.2019
2. Weltwirtschaftsforum in Davos
Die Lage der Welt hat sich doch schon mit Amtsantritt von Trump verfinstert. Klar ist dieser Mann ein Teil des Problems. Aber unter ihm wird nichts besser werden - im Gegenteil. Vielleicht sollte man gerade deswegen in Davos ein [...]
Die Lage der Welt hat sich doch schon mit Amtsantritt von Trump verfinstert. Klar ist dieser Mann ein Teil des Problems. Aber unter ihm wird nichts besser werden - im Gegenteil. Vielleicht sollte man gerade deswegen in Davos ein starkes Zeichen setzen, dass es ohne Amerika eben gehen muss. Die haben sich in eine selbstgewählte Isolation begeben. Hier braucht es mehr Selbstbewusstsein und neue Strategien, um auch ohne Amerika zurechtzukommen. Warum nicht ?
Gut Reden 21.01.2019
3. Klimakatastrophe?
Klar, drunter machen wir´s nicht. Verfielfacht die Flugpreise für Passagiere, schafft die Kreuzfahrtschiffe ab, dann trifft es die Richtigen. Die Wasser predigen und Wein saufen. Und lasst uns unsere Autos.
Klar, drunter machen wir´s nicht. Verfielfacht die Flugpreise für Passagiere, schafft die Kreuzfahrtschiffe ab, dann trifft es die Richtigen. Die Wasser predigen und Wein saufen. Und lasst uns unsere Autos.
spon-facebook-10000523851 21.01.2019
4. Diese und viele andere selbst verursachte
und ignorierte, of sogar gefoerderte Probleme. Wie's aussieht, hilft da nur noch ein "schoener und befreiender" Krieg. Und auf den marschieren wir ja nun zu.
und ignorierte, of sogar gefoerderte Probleme. Wie's aussieht, hilft da nur noch ein "schoener und befreiender" Krieg. Und auf den marschieren wir ja nun zu.
frankfurtbeat 21.01.2019
5. Davos ...
Davos ist so unnütz wie die Fliege auf dem ...haufen. Da kommen Politiker ,selbsternannte Wirtschaftsgurus und Nieten in Nadelstreifen zusammen ... verbraten ohne Ende Steuergelder um hinterher mit fadenscheinigen [...]
Davos ist so unnütz wie die Fliege auf dem ...haufen. Da kommen Politiker ,selbsternannte Wirtschaftsgurus und Nieten in Nadelstreifen zusammen ... verbraten ohne Ende Steuergelder um hinterher mit fadenscheinigen Absichtserklärungen in den Medien zu glänzen. Das braucht niemand ...

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