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Wirtschaft

Wirtschaft in der Türkei

Kurs auf Crash

Der Türkei-Boom ist vorbei - eine Gefahr für Präsident Erdogan: Sein politischer Erfolg beruhte darauf, dass es den Menschen gut geht. Jetzt wird die Ankurbelung der Wirtschaft zur patriotischen Pflicht.

Getty Images

Wechselstube in Istanbul

Von und , Istanbul
Montag, 26.12.2016   17:07 Uhr

Es sollte eine dieser typischen türkischen Erfolgsgeschichten werden, mit gewagter Architektur und viel Glas. "Modern East" heißt die Shopping Mall im Osten Istanbuls, tatsächlich sieht der Komplex sehr modern aus. Der zum Hamburger Otto-Konzern gehörende Spezialist für Einkaufszentren, ECE, eröffnete die Mall erst im Mai und übernahm das Management.

Ein halbes Jahr später ist es vorbei. Der türkischen Eigentümerfamilie wird vorgeworfen, der Gülen-Bewegung nahezustehen, die nach Ansicht der türkischen Regierung hinter dem Putschversuch vom 15. Juli steckt. Die Mall wurde beschlagnahmt, ein staatlicher Treuhänder eingesetzt. ECE ist deshalb ausgestiegen. Wichtige Entscheidungen seien von den regierungstreuen Verwaltern nicht mehr getroffen worden, vieles sei liegengeblieben. Man habe sich nicht mehr in der Lage gesehen, "Modern East" vernünftig zu betreiben - und habe den Vertrag gekündigt, sagte ein ECE-Sprecher auf Nachfrage.

Die "Säuberungen" nach dem Umsturzversuch, wie die türkische Regierung sie selbst nennt, haben damit auch Folgen für die deutsche Wirtschaft. ECE betreibt derzeit insgesamt 13 Center in der Türkei, ein weiteres soll im kommenden Jahr eröffnen. Die Türkei ist für das Hamburger Unternehmen nach Deutschland der zweitwichtigste Markt - ein Markt, der Hoffnungen machte und jetzt Sorgen bereitet.

Der Fall ist beispielhaft für die Lage der türkischen Wirtschaft: Einer in den zurückliegenden Jahren leistungsstarken, Erfolg versprechenden Ökonomie droht aus politischen Gründen der Abstieg. Hunderte Wirtschaftsleute sind in den vergangenen Wochen und Monaten festgenommen worden, in vielen Betrieben wurden staatliche Verwalter eingesetzt.

Deutlich werden die Turbulenzen auch am Wertverlust der türkischen Lira, die massiv von der Zentralbank in Ankara gestützt wird. Sie ist im Vergleich zum Dollar so schwach wie seit 1981 nicht mehr. Entsprechend steigen die Preise, die Inflation hat schon jetzt ein Rekordniveau erreicht.

Die Regierung weiß: Ein weiterer Verfall der Landeswährung hätte dramatische Folgen - auch für Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan, der gerade dabei ist, sein ersehntes Präsidialsystem durchzusetzen, das alle Macht auf ihn konzentriert. Denn Erdogan wurde vor allem deshalb immer wieder mit großer Mehrheit von den Menschen gewählt, weil es ihnen unter seiner Regentschaft wirtschaftlich immer besser ging.

AP

Präsident Erdogan

Doch jetzt ist die türkische Wirtschaft erstmals seit 2009 eingebrochen, die Arbeitslosigkeit auf ein Sieben-Jahres-Hoch geklettert. Hält diese Entwicklung an, dürfte sich Erdogans treuester Wahlhelfer, der Kapitalmarkt, von ihm abwenden. Das Vertrauen von Konsumenten und Investoren in die Türkei jedenfalls ist eingebrochen.

Schon fordert die Regierung die Türken auf, ihre Ersparnisse in Euro und Dollar in Lira zu wechseln, um die Währung zu stützen. "Wer fremde Währungen unterm Kissen liegen hat, sollte sie in Gold oder in Lira umtauschen", forderte Erdogan die Bevölkerung kürzlich auf. "Lasst uns nicht dazu beitragen, dass fremde Währungen immer stärker werden." Und wie um die Menschen zu beruhigen, rief er ihnen zu: "Die Krise wird uns nur minimal betreffen." Damit wollte er an den weltweiten Finanzcrash erinnern, als er sich 2008 ähnlich geäußert hatte, und tatsächlich war die Türkei damals von der Krise weitgehend verschont geblieben.

"Anzeichen einer schweren Wirtschaftskrise"

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Goldhändler in Istanbul

Prompt fordern jetzt Universitäten ihre Studenten auf, dem Aufruf des Präsidenten zu folgen und Fremdwährungen in Lira zu tauschen. Patriotische Händler bieten all jenen Sonderangebote, wer nachweisen kann, Dollar oder Euro in Lira gewechselt zu haben.

Doch ob es diesmal wieder so glimpflich für die türkische Wirtschaft ausgeht wie bei der Finanz- und Wirtschaftskrise vor acht Jahren, ist zweifelhaft. "Die Regierung kann den Einbruch der Wirtschaft hinauszögern, aber ich fürchte, sie wird ihn nicht mehr verhindern können", sagt der Istanbuler Ökonom Mustafa Sönmez. "Uns steht ein langer Winter bevor." Seyfettin Gürsel, Wirtschaftsprofessor an der Istanbuler Bahcesehir Universität, spricht von "Anzeichen einer schweren Wirtschaftskrise". "Leistungsbilanzdefizit und Arbeitslosigkeit steigen. Die Menschen haben das Vertrauen in die Zentralbank verloren."

Gründe für die derzeitige Schwäche liegen auch in der Struktur der türkischen Wirtschaft. Die Regierungspartei AKP gründet ihre Wirtschaftspolitik vor allem auf Bauprojekte. Erdogan hat in den vergangenen Jahren Autobahnen errichten lassen, Krankenhäuser, Einkaufszentren. In Istanbul entsteht gerade ein neuer Flughafen, der größte der Welt.

Für ihre vielen Investitionen braucht die Regierung Geld, das in der türkischen Privatwirtschaft aber nur eingeschränkt vorhanden ist. Die Türkei ist deshalb von ausländischen Kapitalgebern abhängig. Internationale Anleger haben seit Erdogans Regierungsantritt 2003 mehrere Hundert Milliarden Euro in die türkische Wirtschaft gepumpt. In den zwei Jahrzehnten zuvor waren es nur 35 Milliarden.

Reihenweise Hotels zum Verkauf

Jetzt aber ziehen sich Investoren zurück. Sie sorgen sich in der aktuellen politischen Lage - Unterdrückung von Opposition, Verfolgung von Kritikern, Konflikte mit und in den Nachbarstaaten -, dass ihr Geld in der Türkei nicht mehr sicher ist. In den ersten sechs Monaten 2016 haben Ausländer fünf Milliarden Euro in die türkische Wirtschaft gesteckt - nur noch halb so viel wie im Vorjahreszeitraum. Die Ratingagentur Moody's hat die Kreditwürdigkeit der Türkei Ende September auf Ramschniveau heruntergestuft, auch Fitch bewertet das Land jetzt schlechter.

Der Tourismus, neben der Bauindustrie einer der wichtigen türkischen Wirtschaftszweige, ist in diesem Jahr gar um ein Drittel eingebrochen. An der türkischen Riviera stehen reihenweise Hotels zum Verkauf.

Erdogan versucht mittlerweile verzweifelt, Geld aufzutreiben. Seine Regierung hat eine Sondersteuer für Benzin eingeführt, die Mehrwertsteuer soll erhöht werden. Premierminister Binali Yildirim drängt die Banken, die Zinsen niedrig zu halten, um das Wachstum nicht abzuwürgen - billiges Geld aber befeuert die Inflation und schwächt die Lira.

insgesamt 137 Beiträge
Un:sinn 26.12.2016
1. Zinsniveau
Die türkische Wirtschaft profitierte vom Zinsniveau in den klassischen Industriestaaten(Investoren). Zeigen sich in diesen höhere Zinsversprechen wird sich, bei immer unsicherer Kriegslage in der Türkei, das Wirtschaftswachstum [...]
Die türkische Wirtschaft profitierte vom Zinsniveau in den klassischen Industriestaaten(Investoren). Zeigen sich in diesen höhere Zinsversprechen wird sich, bei immer unsicherer Kriegslage in der Türkei, das Wirtschaftswachstum in der Türkei drehen
Mathesar 26.12.2016
2. Tja...
...dummerweise ist der Erfolg der letzten Jahre eben nicht auf Erdogan gebaut, sondern auf westliche Investoren. Es ist geradezu abgrundtief dumm zu meinen, das dieser Erfolg allein auf der türkischen Wirtschaft fußt. Diese ist [...]
...dummerweise ist der Erfolg der letzten Jahre eben nicht auf Erdogan gebaut, sondern auf westliche Investoren. Es ist geradezu abgrundtief dumm zu meinen, das dieser Erfolg allein auf der türkischen Wirtschaft fußt. Diese ist alleine nicht lebensfähig. Und die reiche arabische Welt kauft eher westliche Waren. Hybris kommt vor dem Absturz. Erdogan hat sein Volk ins Mittelalter geführt. Geistig wie wirtschaftlich. Viel Spaß dabei!
Die Happy 26.12.2016
3.
Das lässt mich doch etwas verwundert zurück. Nur 1/3 Verlust in der Touristikbranche? Gibt es denn tatsächlich noch vernünftige Menschen, die dorthin in Urlaub fahren?!
Das lässt mich doch etwas verwundert zurück. Nur 1/3 Verlust in der Touristikbranche? Gibt es denn tatsächlich noch vernünftige Menschen, die dorthin in Urlaub fahren?!
Architectus 26.12.2016
4. ...passt doch
Im Interesse der Demokratie kann man nur wünschen, dass die Wirtschaft in der Türkei so richtig einbricht und Erdogan seine Diktatorengelüste um die Ohren fliegen......anders werden seine Anhänger leider nicht aufwachen.
Im Interesse der Demokratie kann man nur wünschen, dass die Wirtschaft in der Türkei so richtig einbricht und Erdogan seine Diktatorengelüste um die Ohren fliegen......anders werden seine Anhänger leider nicht aufwachen.
MiniDragon 26.12.2016
5. Braindrain
Ist noch gar nicht so lange her, dass junge, gut ausgebildete Auslandstürken ins Land ihrer Eltern zurückkehrten. Aber seit Sommer dieses Jahres mußten viele der Rückkehrer erkennen, dass sie damit einen riesigen Fehler [...]
Ist noch gar nicht so lange her, dass junge, gut ausgebildete Auslandstürken ins Land ihrer Eltern zurückkehrten. Aber seit Sommer dieses Jahres mußten viele der Rückkehrer erkennen, dass sie damit einen riesigen Fehler gemacht haben.

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