Schrift:
Ansicht Home:
Wirtschaft

Airlines und die Boeing 737 Max

Abhängig vom Unglücksflieger

Nach dem Absturz in Äthiopien wird die 737 Max für Boeing zum großen Problem. Doch eine Stornierungswelle muss der Flugzeugbauer bisher nicht fürchten. Vielen Airlines fehlen schlicht die Alternativen.

REUTERS

Auslieferung einer Boeing 737 Max 8 an Air China

Von
Dienstag, 19.03.2019   16:15 Uhr

Der ganz große Börsenkrach ist ausgeblieben für Boeing - trotz des verheerenden Unglücks mit der neuen 737 Max. Zwei dieser Mittelstreckenjets sind in den vergangenen sechs Monaten abgestürzt, erst vor Indonesien, am vorvergangenen Sonntag dann in Äthiopien. 346 Menschen haben dabei ihr Leben verloren. Und in beiden Fällen deutet vieles darauf hin, dass Konstruktionsfehler der 737 Max das Desaster ausgelöst haben. Das hieße: Boeing Chart zeigen ist verantwortlich.

Diesen Montag hat die französische Luftsicherheitsbehörde BEA nach einer Untersuchung der Flugschreiber der abgestürzten 737 Max in Äthiopien Gemeinsamkeiten mit dem ersten Unglück bestätigt. Alle großen Staaten und Wirtschaftsräume haben Flugverbote für das Boeing-Modell verhängt, Hunderte teils nagelneue Jets stehen am Boden. Vorerst, wohlgemerkt.

AP

Maschinen des Boeing-Modells 737 Max in Phoenix

So groß das Entsetzen bei Angehörigen, Flugpassagieren, Piloten und Crewmitgliedern ist - an der Börse hält es sich in Grenzen. In den ersten beiden Tagen nach dem Absturz hat die Boeing-Aktie zwar etwa zwölf Prozent an Wert verloren. Seither hat sie sich aber mehr oder weniger gefangen. Dabei haben sich zuletzt wieder die Hiobsbotschaften gehäuft: Weitere Flugverbote, Berichte über grundlegende Konstruktionsfehler bei der 737 Max und über die fragwürdige Zusammenarbeit des Konzerns mit der US-Aufsichtsbehörde FAA. Doch die Aktionäre lässt das offenbar kalt. Weil sie nicht erwarten, dass das Milliardengeschäft mit dem Kassenschlager 737 Max dauerhaft gestört wird.

Wie kann das sein?

Mehr als 70 Fluglinien und Flugzeug-Leasinggesellschaften haben den neuen, spritsparenden Mittelstreckenjet geordert. Zusammen beläuft sich ihr Auftragsvolumen auf gut 5000 Exemplare. Rund 370 davon wurden bereits ausgeliefert. Dass die nun stillgelegten Maschinen gar nicht mehr in die Luft gehen, dass die Fluggesellschaften in großem Stil ihre Bestellungen zurücknehmen und dass die 737 Max vom Verkaufsschlager zum Ladenhüter werden könnte - solche Szenarien erscheinen unwahrscheinlich.

Schließlich gibt es ein simples, aber gutes Argument: Denjenigen Airlines, die viele Boeing 737 Max geordert haben, fehlt eine Alternative.

"Es wird sicher ein paar Abbestellungen der 737 Max geben", prognostiziert Wolfgang Donie, Luftfahrtanalyst der Norddeutschen Landesbank. "Aber die Zahl wird sich in Grenzen halten." Auch Gerald Wissel, Chef des Hamburger Luftfahrt-Beratungshauses Airborne Consulting, ist überzeugt: "Es wird wohl keine massenhaften Annullierungen der 737 Max geben - so besorgniserregend das alles ist, was jetzt ans Licht kommt."

Videoanalyse: Wie Boeing sich selbst kontrolliert

Foto: DPA

Bislang haben hauptsächlich asiatische Airlines angekündigt, ihre Max-Bestellungen zu überprüfen. Der größte dieser Kunden ist Vietjet. Die vietnamesische Billigfluglinie, die 200 Maschinen geordert hat, erklärte, sie werde eine Entscheidung treffen, sobald mehr über die Unglücksursache bekannt sei. Malaysia Airlines stellt eine Bestellung von 25 Flugzeugen infrage. Die indonesische Garuda erwägt, eine Order über 20 Max-Jets zu annullieren. Und Lion Air hat nach dem Absturz der eigenen Maschine entschieden, sich bis zur Veröffentlichung eines Untersuchungsberichts keine weitere 737 Max ausliefern zu lassen.

Wirklich storniert hat bislang allerdings noch keine einzige dieser Airlines. Und europäische wie auch amerikanische Boeing-Kunden halten sich bedeckt. Ein Sprecher von TUIfly etwa erklärt auf Anfrage des SPIEGEL: "Wir müssen erst einmal die Ergebnisse der Ermittlungen abwarten." Der Verbund der TUI Airlines hat 54 Exemplare der 737 Max bestellt. Es würde für ihn schwierig werden, an andere, gleichwertige Flugzeuge heranzukommen.

BOEING /EPA-EFE/REX

Die Boeing 737 Max 8

"Die Produktion von Airbus ist über Jahre ausverkauft"

Denn de facto gibt es am Markt ein Duopol - Boeing und Airbus. Nur diese beiden Hersteller bieten Flugzeuge in dieser Größenklasse in Serienfertigung an: Boeing die 737 und Airbus die A320-Reihe. Wer also keine Boeing mehr kaufen will, muss zu Airbus. Und sich dort hinten anstellen in eine lange Warteschlange.

"Die Produktion von Airbus ist über Jahre ausverkauft", sagt Analyst Donie. So hat der europäische Konzern noch mehr als 5000 bestellte Exemplare der spritsparenden Modelle A320neo und A321neo in den Orderbüchern stehen. Es wird Jahre dauern, diese Aufträge abzuarbeiten - auch wenn Airbus im Werk Hamburg-Finkenwerder kürzlich eine neue, vierte Produktionslinie für die A320-Serie eröffnet hat.

Wenn diese Linie Mitte 2019 auf vollen Touren läuft, soll Airbus insgesamt 60 Maschinen pro Monat fertigstellen können. 2021 sollen es laut Auskunft eines Konzernsprechers dann 63 werden. Selbst also wenn alles läuft wie geplant, schafft Airbus maximal 760 A320 und A321neo im Jahr.

Hinzu kommt: Bislang ist längst nicht alles wie geplant gelaufen beim A320neo. Wegen nicht enden wollender Triebwerksprobleme verzögerte sich die Auslieferung der Jets; vergangenes Jahr standen zeitweise Dutzende halbfertige Flieger auf den Geländen von Airbus-Werken herum. Die Lufthansa, die dringend Maschinen brauchte, bestellte daraufhin sogar um - und orderte in der Not Maschinen vom Typ A320ceo mit alten, mehr Sprit fressenden Triebwerken. "Airbus könnte so kurzfristig keinen Ersatz für die Boeing 737 Max bereitstellen", sagt Luftfahrtexperte Wissel. Und wenn doch, dann würde sich der europäische Rivale diese Maschinen teuer bezahlen lassen.

Ohnehin passen die Airbus-A320-Modelle nicht zur Flottenstrategie vieler Airlines. Ryanair etwa setzt seit Langem ausschließlich auf die Boeing 737. Durch diese Standardisierung spart der irische Billigflieger Kosten: etwa für Wartung, Ersatzteile und Pilotenausbildung. Würde sich Ryanair jetzt A320-Jets zulegen, müsste die Linie ganz neue Strukturen aufbauen.

Mehr zum Thema bei SPIEGEL+

Fluggesellschaften wie Ryanair oder ihr US-Pendant Southwest sind auf die 737 Max angewiesen. Und sie brauchen die Maschinen möglichst bald, denn das Oster- und Frühjahrsgeschäft steht an.

Boeing seinerseits hat großes Interesse daran, so zügig wie möglich zu demonstrieren, dass die Maschinen sicherer werden. "Ich rechne mit einer schnellen Lösung, damit die Flugzeuge wieder starten dürfen", sagt Wissel.

Boeing-Chef Dennis Muilenburg hat am Montag ein baldiges Software-Update und Schulungen für die Piloten versprochen. Experten zufolge könnten in den kommenden Monaten größere Eingriffe bei der Flugzeug-Hardware folgen. All das soll den Airlines dabei helfen, verunsicherte Passagiere zu überzeugen, doch wieder in eine 737 Max einzusteigen.

Ein paar Abbestellungen könnte es dennoch geben: von Fluglinien, die sich mit ihren Max-Bestellungen übernommen haben - und denen die Unglücke nun einen Anlass liefern, ohne Vertragsstrafen aus der Sache herauszukommen. Vietjet könnte so ein Fall sein - 200 neue Jets erscheinen viel zu viel für den Billigflieger. Auch finanziell angeschlagene Airlines wie Malaysia oder Norwegian könnten die Gelegenheit nutzen. Die klamme Norwegian hat bereits angekündigt, von Boeing Kompensationen für ausgefallene Flüge zu verlangen.

Solche Zahlungen und mögliche Entschädigungen für Angehörige der Toten könnten Boeing dreistellige Millionenbeträge kosten, vielleicht auch einen kleinen Milliardenbetrag. So zynisch es klingt - bei einem Jahresgewinn von zuletzt mehr als zehn Milliarden US-Dollar ist das zu verkraften. Fundamental geschäftsschädigend wäre für den Konzern nur eine Welle von Abbestellungen für Hunderte Max-Jets. Und dieses Szenario erwartet kaum ein Experte.

Es sei denn, dass trotz der geplanten Nachrüstung noch eine dritte Max abstürzt. Dann würden wohl sehr viele Menschen in Panik geraten: Passagiere, Piloten, Besatzungsmitglieder. Und vielleicht sogar der eine oder andere treue Boeing-Aktionär.

insgesamt 82 Beiträge
nurEinGast 19.03.2019
1.
Interessant wird sein, zu sehen, ob die russischen und chinesischen Flugzeughersteller dieses Debakel für sich nutzen können. Prinzipiell könnten sie als die grossen Gewinner dieses Vorfalles hervorgehen. Es bleibt spannend!
Interessant wird sein, zu sehen, ob die russischen und chinesischen Flugzeughersteller dieses Debakel für sich nutzen können. Prinzipiell könnten sie als die grossen Gewinner dieses Vorfalles hervorgehen. Es bleibt spannend!
totalausfall 19.03.2019
2. Spannend
Ich halte die Maschine für gescheitert. Völlig egal was bei der Untersuchung raus kommt, da setzt sich die nächsten Jahre niemand freiwillig rein. Letztendlich entscheidet der Fluggast über die Bestellungen, nicht die [...]
Ich halte die Maschine für gescheitert. Völlig egal was bei der Untersuchung raus kommt, da setzt sich die nächsten Jahre niemand freiwillig rein. Letztendlich entscheidet der Fluggast über die Bestellungen, nicht die Airline. Von daher können die Zahlen für Boeing schon noch heftig einbrechen, aber verzögert. Nämlich dann, wenn die Fluggäste die Airline wechseln oder gar den Urlaub ganz anders verbringen. Und dann wird abbestellt, und zwar ziemlich zügig.
gigi76 19.03.2019
3. bei der Kalkulation fehlt der Faktor Passagier
Wer wird bei seiner Flugbuchung nicht kontrollieren, was für eine Maschine er bucht und freiwillig in die nächste Boing 737Max steigen? Das Flugzeug ist unter diesem Namen nicht mehr verkaufbar. Selbst ein Softwareupdate wird es [...]
Wer wird bei seiner Flugbuchung nicht kontrollieren, was für eine Maschine er bucht und freiwillig in die nächste Boing 737Max steigen? Das Flugzeug ist unter diesem Namen nicht mehr verkaufbar. Selbst ein Softwareupdate wird es nicht retten. Boing wird nicht darum herumkommen, für die Triebwerke ein neues Flugzeug zu konstruieren.
foerster.chriss 19.03.2019
4.
Die Passagiere entscheiden letztlich, ob sie in diese Maschinen noch einsteigen. Bleibt die Sicherheit auf dem üblichen Niveau aus, interessiert die bisherige Flottenplanung auch nicht mehr...
Die Passagiere entscheiden letztlich, ob sie in diese Maschinen noch einsteigen. Bleibt die Sicherheit auf dem üblichen Niveau aus, interessiert die bisherige Flottenplanung auch nicht mehr...
karlo1952 19.03.2019
5. Warum sollte Boeing auch
große Einbußen befürchten müssen. In der Automobilindustrie hat der Dieselskandal auch keine nachhaltigen Umsatzeinbußen geschaffen, bei VW hat es sogar zu einem neuen Rekordjahr in 2018 gereicht.
große Einbußen befürchten müssen. In der Automobilindustrie hat der Dieselskandal auch keine nachhaltigen Umsatzeinbußen geschaffen, bei VW hat es sogar zu einem neuen Rekordjahr in 2018 gereicht.

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP