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Wirtschaft

No-Deal-Szenario

Banker gegen Brexit-Zugeständnisse der EU

Der Brexit ohne Austrittsvereinbarung kommt - damit rechnet zumindest die Mehrheit der deutschen Finanzmanager. Für deren Geschäfte muss das aber gar nicht schlecht sein.

Thomas Lohnes / Getty Images

Bankentürme in Frankfurt am Main: Fühlen sich super vorbereitet

Dienstag, 13.08.2019   15:58 Uhr

Die deutsche Finanzbranche hat sich damit abgefunden, dass es wahrscheinlich zu einem No-Deal-Brexit kommt, also einem Ausscheiden Großbritanniens aus der EU ohne Anschlussabkommen. So lässt sich das das Ergebnis einer Umfrage des Center for Financial Studies (CFS) zusammenfassen.

Demnach halten es rund 55 Prozent der Befragten für wahrscheinlich, dass Großbritannien ohne ein Austrittsabkommen aus der EU ausscheidet. Weitere 31 Prozent halten das sogar für sehr wahrscheinlich. Nur rund 14 Prozent glauben eher nicht, dass es so weit kommt.

Das CFS erstellt seit 2007 den CFS-Index, der die Situation und die Aussichten der Finanzbranche zusammenfasst. Befragt werden "Schlüsselpersonen", die Entscheidungen bei deutschen Banken und Finanzdienstleistern treffen. Bei den vierteljährlichen Erhebungen beantworten sie auch immer Sonderfragen, diesmal zum Brexit.

Folgen des Brexit ohne Deal

Laut der aktuellen Umfrage sieht die Finanzindustrie den harten Brexit nicht so negativ, wie man meinen könnte: 70 Prozent finden, dass die EU nicht mehr mit den Briten nachverhandeln solle, um den No-Deal-Brexit zu vermeiden. Es bleibt ja ohnehin nicht viel Zeit: Wenn EU und britische Regierung keine neuen Verhandlungen mehr aufnehmen, dann tritt Großbritannien Ende Oktober automatisch ohne Deal aus.

Knapp 88 Prozent der Befragten denken, dass es dann "zu vermehrten Verlagerungen von Geschäftsaktivitäten/Beschäftigten nach Kontinentaleuropa kommen wird" - wovon auch die deutschen Institute profitieren könnten.

Allerdings wird es in dieser krisenhaften Situation sicher zu Marktverwerfungen kommen: Die Nachteile für die Realwirtschaft dürften beträchtlich sein, die politische Unsicherheit vor allem an der irischen Grenze groß. Solche Marktturbulenzen befürchten 61 Prozent der Finanzakteure.

63 Prozent davon geben allerdings an, dass der deutsche Finanzsektor ausreichend auf den No-Deal-Brexit vorbereitet ist. Das liest sich sehr optimistisch, Erfahrungen mit so einer Situation hat schließlich niemand. Doch wenn es weitergeht wie bisher, werden die deutschen Geldhäuser bald unter Beweis stellen können, wie gut sie die Lage wirklich im Griff haben.

mamk

insgesamt 53 Beiträge
bartsuisse 13.08.2019
1. oder nicht im Griff haben
Frankfurt hat zwar nach London die zweitgrösste Börse des Kontinents, aber als Finanzplatz liegt es hinter Zürich (Börse und Finanzplatz ist NICHT das Gleiche). Der Traum des Verschiebens von Aktivitäten von London nach [...]
Frankfurt hat zwar nach London die zweitgrösste Börse des Kontinents, aber als Finanzplatz liegt es hinter Zürich (Börse und Finanzplatz ist NICHT das Gleiche). Der Traum des Verschiebens von Aktivitäten von London nach Frankfurt hat sich nicht verwirklicht. Somit sind die beiden grössten Finanzplätze Europas ab Oktober beide NICHT in der EU und nicht in der Eurozone. Ob es dann relevant ist wie gut oder schlecht deutsche Finanzler sind werden wir sehen. Ich denke Deutschland hat auch andere Probleme mit dem Einbruch der industriellen Produktion
archi47 13.08.2019
2. klar, es wird auch in bestimmten Kreisen Gewinner eines Brexit geben
zwar nicht die breite Masse der Bevölkerung, aber bestimmte spezielle Aufwendungen, Transaktionen müssen trotzdem stattfinden und bezahlt werden. Kapital ist ein flüchtig Ding und geht dahin, wo es Profit verspricht. Speziell [...]
zwar nicht die breite Masse der Bevölkerung, aber bestimmte spezielle Aufwendungen, Transaktionen müssen trotzdem stattfinden und bezahlt werden. Kapital ist ein flüchtig Ding und geht dahin, wo es Profit verspricht. Speziell Finanzdienstleister dürften hier auch Nutzen daraus ziehen können, sogar auf der Insel. Nicht umsonst sickert immer wieder durch, dass die härtesten Befürworter eines Brexit daran persönliches Interesse haben dürften. Es geht ums eigene Gerschle. In der Annahme, dass die Ursachen eines allgemeinen Niedergangs in GB ohnehin der EU zugeschrieben werden können, wähnen sie sich fein raus. Die Bereitschaft so einer Kampagne aufzusitzen besteht ja. Die Murdoch-Medien werden ihr Übriges dazu tun ...
kp229 13.08.2019
3. Warum auch?
Es kommt selten vor, aber hier gehe ich mit den meisten Bankern absolut konform. Entweder das UK-Parlament stimmt dem von beiden Seiten gemeinsam ausgehandeltem Austrittsvertrag zu oder wir haben einen Brexit ohne Vertrag - in [...]
Es kommt selten vor, aber hier gehe ich mit den meisten Bankern absolut konform. Entweder das UK-Parlament stimmt dem von beiden Seiten gemeinsam ausgehandeltem Austrittsvertrag zu oder wir haben einen Brexit ohne Vertrag - in jedem Fall aber bitte spätestens am 31.10.2019! Und für die Banken sehe ich in der Tat in beiden Fällen keine großen Risiken. Mit Vertrag wird sich zunächst kaum etwas ändern, ohne Vertrag kann man davon ausgehen, dass zum einen sicherlich ein paar Brosamen für Frankfurt abfallen, wenn die EU-weiten Geldgeschäfte nicht mehr wie bisher zum größten Teil über die Londoner City laufen und zum anderen wickeln die Banken auch schon heute Geldgeschäfte außerhalb der EU ab, wo ist also das Problem für die Banken? Dass die Realwirtschaft mit Sicherheit auf beiden Seiten des Kanals leiden wird, dürfte hinlänglich bekannt sein, wobei mMn die Leiden auf der Insel spürbar größer sein werden.
De facto 13.08.2019
4. Banking - die Kohleindustrie von Heute
Digitalisierung, Algorithmen, Nullzinspolitik, Regulierung etc. Eine lange Liste die die Branche zu schaffen macht. Die Finanzbranche verliert Arbeitsplätze mehr und schneller als was ein potentieller no-Deal Brexit bringen mag.
Digitalisierung, Algorithmen, Nullzinspolitik, Regulierung etc. Eine lange Liste die die Branche zu schaffen macht. Die Finanzbranche verliert Arbeitsplätze mehr und schneller als was ein potentieller no-Deal Brexit bringen mag.
merho2 13.08.2019
5. Mal warten
Ein Teil der Aktivitäten wird sich am 1.9. sehr wohl schieben, weil sie illegal werden. Zum Beispiel, EU Banken werden nicht mehr Sicherungen in London halten dürfen. Ich glaube, dass um die tatsächliche Effekten von [...]
Zitat von bartsuisseFrankfurt hat zwar nach London die zweitgrösste Börse des Kontinents, aber als Finanzplatz liegt es hinter Zürich (Börse und Finanzplatz ist NICHT das Gleiche). Der Traum des Verschiebens von Aktivitäten von London nach Frankfurt hat sich nicht verwirklicht. Somit sind die beiden grössten Finanzplätze Europas ab Oktober beide NICHT in der EU und nicht in der Eurozone. Ob es dann relevant ist wie gut oder schlecht deutsche Finanzler sind werden wir sehen. Ich denke Deutschland hat auch andere Probleme mit dem Einbruch der industriellen Produktion
Ein Teil der Aktivitäten wird sich am 1.9. sehr wohl schieben, weil sie illegal werden. Zum Beispiel, EU Banken werden nicht mehr Sicherungen in London halten dürfen. Ich glaube, dass um die tatsächliche Effekten von Brexit zu schätzen, brauchen wir noch ein Paar Wochen.
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