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Wirtschaft

Industrie, Bauwirtschaft, Verbraucher

Wie die Brexit-Politik die Wirtschaft lähmt

Das politische Chaos in Großbritannien strahlt immer stärker auf die Wirtschaft ab. Die Industrieproduktion schrumpft, der Pfund-Kurs rutscht ab. Die Brexit-Hardliner basteln sich selbst daraus noch Erfolgsmeldungen.

Peter Nicholls/ REUTERS

Containerschiff in Southampton: Auf Warenimporte angewiesen

Von , London
Dienstag, 03.09.2019   20:40 Uhr

Die britische Politik taumelt, und die Wirtschaft wankt mit ihr. Schon bevor an diesem Dienstag der nächste schwere Schlagabtausch zwischen der Regierung und dem Parlament begann, rutschte der Wechselkurs des Britischen Pfund am Morgen unter die Marke von 1,20 Dollar. Zum Vergleich: Am 23. Juni 2016, dem Tag des EU-Referendums, war das Pfund noch 1,47 Dollar wert. Im Fall eines No-Deal-Brexits, so warnen einige Experten, könnte es für die britische Währung sogar noch weiter nach unten gehen.

Brexit-Unterstützer wenden an dieser Stelle gerne ein, dass britische Exporteure von einem schwachen Pfund profitierten, weil ihre Waren im Rest der Welt billiger werden. Das stimmt zwar theoretisch. In Wirklichkeit wird dieser Effekt jedoch dadurch zunichte gemacht, dass Großbritannien stark darauf angewiesen ist, Güter zu importieren. 2018 betrug das Leistungsbilanzdefizit 31 Milliarden Pfund. Dabei fährt das Land vor allem beim Handel mit Waren aller Art jedes Jahr ein riesiges Defizit ein (138 Milliarden Pfund). Das wird nur durch einen großen Überschuss bei den Dienstleistungen aufgewogen (107 Milliarden Pfund).

Höhere Ausgaben für Verbraucher

Die Folgen des Pfund-Verfalls schlagen deshalb schon jetzt auf die britische Wirtschaft durch: zum Beispiel durch höhere Lebenshaltungskosten. Der ehemalige Staatssekretär im Schatzamt, Nick MacPherson, sagte kürzlich der "Financial Times", von der Schwäche des Pfunds gingen "gewaltige Risiken aus, und das umso mehr, als die jüngsten Abwertungen wenig zum Export beigetragen und gleichzeitig den Lebensstandard eindeutig gesenkt" hätten. Forscher der London School of Economics kamen schon vor einiger Zeit zu dem Schluss, dass der durchschnittliche britische Verbraucherhaushalt bereits Mitte 2017 wegen des Brexits höhere Ausgaben in Höhe von 404 Pfund im Jahr hatte.

Auch das produzierende Gewerbe kämpft derzeit mit heftigen Problemen: Die Industrie verzeichnete zuletzt die schwersten Einbußen seit sieben Jahren. Laut einem Bericht des Finanz-Informationsdiensts IHS Markit und des Branchenverbands CIPS sank der sogenannte Einkaufsmanagerindex im August auf den niedrigsten Wert seit Juli 2012. Viele Kunden in EU-Staaten haben dem Bericht zufolge ihre Lieferketten von Großbritannien wegverlegt, um das Risiko von Versorgungsproblemen im Fall eines ungeordneten Brexits zu verringern. Zugleich seien Aufträge aus den USA und aus Asien wegen der weltweiten Verlangsamung der Wirtschaft zurückgegangen - was darauf hindeute, wie problematisch Bestrebungen der Londoner Regierung verlaufen könnten, nach dem Brexit Handelsabkommen mit den USA und mit asiatischen Staaten abzuschließen.

Phil Noble/ REUTERS

Skyline von London: "Chaos, Verzögerungen und höhere Kosten"

"Ohne ein Abkommen aus der EU zu stürzen, würde für unsere Importeure, Exporteure und in deren Lieferketten zu Chaos, Verzögerungen und höheren Kosten führen", warnt Neil Foster von der Gewerkschaft GMB. Die Regierung müsse daran arbeiten, das Vertrauen wiederherzustellen. "Stattdessen riskieren die Minister mit ihrer rücksichtslosen Herangehensweise immer mehr anständige Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe."

Der Bauboom ist vorbei

Die Unsicherheit setzt auch dem Bausektor immer mehr zu. So berichtete IHS Markit am Dienstag, dass Bauunternehmen derzeit den stärksten Rückgang an Neuaufträgen seit März 2009 verzeichnen - als Großbritannien wegen der Finanzkrise in einer Rezession steckte. Demnach war der Mai bereits der fünfte Monat in Folge, in dem die Zahl der Neuaufträge sank. Der Bausektor scheine seit Jahresbeginn zu schrumpfen.

Dass es derzeit noch keine massenhaften Entlassungen gibt, liegt allerdings ebenfalls am Brexit: Denn seit dem EU-Referendum vor drei Jahren haben so viele osteuropäische Arbeiter das Land verlassen, dass in der Bauindustrie großer Personalmangel herrscht. Offenbar halten die Bauunternehmen deshalb lieber an ihren Beschäftigten fest, statt nach einem Ende der Krise ohne Arbeiter dazustehen.

Wie man aus all diesen Hiobsbotschaften noch eine Brexit-Erfolgsgeschichte stricken kann, zeigt der "Daily Telegraph": Die Zeitung hat sich seit dem EU-Referendum vor drei Jahren in eine Art Kampfblatt für Brexit-Hardliner verwandelt. Aktuell räumt das Blatt zwar in einem Artikel ein, dass die Hauspreise nach einem No Deal-Brexit im kommenden Jahr um bis zu 20 Prozent einbrechen könnten. Doch das habe wohl eher mit Problemen bei der Erschwinglichkeit von Immobilien zu tun als mit dem Brexit.

Mehr noch: Aus einem Einbruch bei den Hauspreisen ergäben sich Chancen für Erstkäufer. Denn die wären dann wieder in der Lage, sich Wohnungen in Städten wie London zu leisten.

Alles also halb so wild. Keep calm and carry on.

insgesamt 34 Beiträge
holgerkantz 03.09.2019
1. Nicht alles hat mit dem Brexit zu tun
Man sollte jetzt nicht alles dem Brexit anlasten. Dass sich die Wirtschaft abkühlt kann auch ganz andere Gründe haben, damit haben wir doch in (Festland-)Europa auch zu kämpfen. Ich denke der Brexit ist für die Bürgerinnen [...]
Man sollte jetzt nicht alles dem Brexit anlasten. Dass sich die Wirtschaft abkühlt kann auch ganz andere Gründe haben, damit haben wir doch in (Festland-)Europa auch zu kämpfen. Ich denke der Brexit ist für die Bürgerinnen und Bürger problematisch (Ungewissheit wegen Visum, Aufenthaltserlaubnis usw.). Für die Wirtschaft hingegen ändert sich doch am Ende nicht viel. Die hatten immer schon ihren Pfund und wir den Euro. Die Zölle bleiben die gleichen.
Wirrrkopf 03.09.2019
2.
Sie wissen schon das es innerhalb der EU keine Zölle gibt, ausserhalb sehr wohl? Nochmal in Einfach: Solange UK teil der EU ist gibt es keine Zölle auf Waren die zwischen UK und EU ausgetauscht werden. Sobald UK kein [...]
Zitat von holgerkantzMan sollte jetzt nicht alles dem Brexit anlasten. Dass sich die Wirtschaft abkühlt kann auch ganz andere Gründe haben, damit haben wir doch in (Festland-)Europa auch zu kämpfen. Ich denke der Brexit ist für die Bürgerinnen und Bürger problematisch (Ungewissheit wegen Visum, Aufenthaltserlaubnis usw.). Für die Wirtschaft hingegen ändert sich doch am Ende nicht viel. Die hatten immer schon ihren Pfund und wir den Euro. Die Zölle bleiben die gleichen.
Sie wissen schon das es innerhalb der EU keine Zölle gibt, ausserhalb sehr wohl? Nochmal in Einfach: Solange UK teil der EU ist gibt es keine Zölle auf Waren die zwischen UK und EU ausgetauscht werden. Sobald UK kein teil der EU ist wird es zwangsweise Zölle auf die Waren zwischen EU und UK geben.
alt-nassauer 03.09.2019
3. Ist doch bekannt...
Also das der Warenfluss - Import und Export ins Trudeln kommt. Das ist und bleibt der Vorteil innerhalb der EU. GB will raus, also stoppt dieser Fluss - oh Wunder! Es gibt doch Beispiele. Zum einen wie im TV gezeigt wurde. Das [...]
Also das der Warenfluss - Import und Export ins Trudeln kommt. Das ist und bleibt der Vorteil innerhalb der EU. GB will raus, also stoppt dieser Fluss - oh Wunder! Es gibt doch Beispiele. Zum einen wie im TV gezeigt wurde. Das eine Irische Gabelstaplerfirma -speziell für die Britischen Landwirte Geräte baut. Seit Mitte der 90 er Jahr die Sitze aus GB bekam. Wegen der Lage Brexit, man den Vertrag kündigte und sich nun aus Hamburg die Sitze beschafft. Das das keine Lösung für die Irische Firma ist, keine Frage. Denn ihr Verkaufsgebiet ist GB. Dennoch hat man den Ablauf seit gut einem Jahr schon verändert. Zumindest das man Produzieren kann. Auf wessen Kosten und zu welchem Vorteil? Produktionskette innerhalb der EU aufrecht erhalten und gegebenenfalls weiter aus der EU zu exportieren. Völlig frei von GB, so weit möglich. Anderes Beispiel. So in diesem Sommer erfahren. Firma in der EU (Festland) bezieht Chemisches Vorprodukt aus GB. Wegen deren Problem (Brexit würde dort Kräfte binden), käme es zu Lieferschwierigkeiten. Das man in unserem Unternehmen, dem Lieferanten (Festland) die Gelb/Rote Karte zeigen musste. Somit ist dieser raus aus dem Geschäft. Anderer Lieferant scheinbar ohne Zulieferer aus GB, kann liefern. So kann es eben ergehen und mal ganz Ehrlich. So groß wie auch der Markt GB für Import und Export auch sein mag. Wo in der Geschäftswelt würde man wegen Verlust eines "Großkunden" denn Verständnis zeigen. Die Wirtschaft hier und dort hatte drei Jahre Zeit gehabt - auch für Tag X ohne Deal. Also die Papiere hier in der EU raus und eben nach WTO-Regeln Handel betreiben. Wer dürfte da der Gewinner oder Verlierer sein. Denken hier einige nicht daran das GB mit dem 31. Oktober alle Handelsbeziehungen die zwischen der EU zu anderen Staaten mit verliert... China, Japan usw. Auch den USA.. Zumindest solange bis man einen Vertrag hat.. Tja und der Austritt dauert ja schon drei Jahre. Wie schnell kommen die Briten zu Handelsverträge. Oder sie werden sich über den Tisch ziehen lassen müssen. Brexit war ja der Ausstieg aus der EU, wohl aber nicht mit der Wirtschaftlichen Konsequenz daraus bis ans Ende durch gedacht.
alt-nassauer 03.09.2019
4. Welche Zölle?
Innerhalb der EU - Länder ist "freier" Handel vorhanden, somit alles Zollfrei! Es gibt nichts zu verzollen.... GB muss verzollen und die EU auch... bei "No Brexit Deal", gelten die Regeln der WTO. [...]
Zitat von holgerkantzMan sollte jetzt nicht alles dem Brexit anlasten. Dass sich die Wirtschaft abkühlt kann auch ganz andere Gründe haben, damit haben wir doch in (Festland-)Europa auch zu kämpfen. Ich denke der Brexit ist für die Bürgerinnen und Bürger problematisch (Ungewissheit wegen Visum, Aufenthaltserlaubnis usw.). Für die Wirtschaft hingegen ändert sich doch am Ende nicht viel. Die hatten immer schon ihren Pfund und wir den Euro. Die Zölle bleiben die gleichen.
Innerhalb der EU - Länder ist "freier" Handel vorhanden, somit alles Zollfrei! Es gibt nichts zu verzollen.... GB muss verzollen und die EU auch... bei "No Brexit Deal", gelten die Regeln der WTO. Daran muss sich GB und die EU halten. Solange bis es irgend eine Regelung gibt - sprich Handelsverträge.
holgerkantz 03.09.2019
5.
Ich glaube jetzt verwechseln Sie gerade die EU mit der Eurozone. Und die Briten waren meines Wissens nie Teil der Eurozone
Zitat von WirrrkopfSie wissen schon das es innerhalb der EU keine Zölle gibt, ausserhalb sehr wohl? Nochmal in Einfach: Solange UK teil der EU ist gibt es keine Zölle auf Waren die zwischen UK und EU ausgetauscht werden. Sobald UK kein teil der EU ist wird es zwangsweise Zölle auf die Waren zwischen EU und UK geben.
Ich glaube jetzt verwechseln Sie gerade die EU mit der Eurozone. Und die Briten waren meines Wissens nie Teil der Eurozone

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