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Wirtschaft

Marktreaktionen

Pfund stürzt auf tiefsten Stand seit 1985

Das Pfund bricht ein, die Börsen rutschen ins Minus: Die Anleger reagieren nervös auf den Brexit. Beim Dax wird zu Handelsbeginn ein Minus von sieben Prozent erwartet. Auch der Euro gibt deutlich nach.

REUTERS

Kurve des Pfunds nach Brexit-Votum

Freitag, 24.06.2016   09:38 Uhr

Der prognostizierte Sieg des Brexit-Lagers beim EU-Referendum hat an den Märkten für heftige Turbulenzen gesorgt. Das Pfund sackte am Freitagmorgen elf Prozent auf unter 1,33 US-Dollar ab. Das ist der tiefste Stand seit 1985. Am späten Donnerstagabend hatte die britische Währung noch etwas mehr als 1,50 Dollar gekostet.

Auch der Euro gab deutlich nach. Am frühen Morgen fiel die Gemeinschaftswährung um mehr als vier Prozent auf 1,09 Dollar. Experten rechnen im Handelsverlauf mit weiter starken Bewegungen. Besonders heftig traf es auch Bankaktien. Die in Hongkong gehandelte HSBC brach um mehr als elf Prozent ein. Die Deutsche Bank verlor vorbörslich 21 Prozent - für Handelsbeginn wird ein neues Rekordtief erwartet.

Die Ratingagentur Standard & Poor's teilte mit, es sei wahrscheinlich, dass Großbritannien seine Bestnote verliere. "Wir glauben, dass ein 'AAA'-Rating unter diesen Umständen nicht haltbar ist", sagte der Leiter der Ratingabteilung, Moritz Krämer. Die Bank of England kündigte an, alle notwendigen Schritte zu unternehmen, um die finanzielle Stabilität des Landes zu wahren.

An den Börsen in Tokio und Shanghai zeigte sich die Nervosität der Anleger: Je größer der Vorsprung der EU-Gegner wurde, desto stärker rutschten die Werte ins Minus. Nach einem Auf und Ab, brach der Nikkei-225-Index in Tokio um mehr als acht Prozent ein. Die Börsen in Südkorea und Australien notierten ebenfalls rund 3,5 Prozent im Minus. (Lesen Sie hier den Brexit-Newsblog)

Das Abstimmungsergebnis dürfte auch für massive Verluste am deutschen Aktienmarkt sorgen. Auf außerbörslichen Plattformen ging es bereits vor Handelsbeginn rauf und runter: Gegen fünf Uhr notierte es bereits 700 Punkte - rund 6,75 Prozent - im Minus, drei Stunden später waren es bereits Minus elf Prozent. Es könnte der größte Kurssturz seit 2008 werden.

Anleger flüchten sich in Gold

In den vergangenen Tagen waren die Aktienkurse noch gestiegen, der Dax schloss am Donnerstag deutlich über 10.000 Punkte. Die Anleger hatten darauf gehofft, dass es noch einmal gut gehen würde. "Alle sind falsch positioniert", sagte ein Händler am frühen Morgen. Es gebe einen immensen Absicherungsbedarf. "Keiner hat damit gerechnet, dass die Briten wirklich austreten."

Die Anleger flüchteten sich stattdessen in Gold. Der Preis notierte fast mehr als sieben Prozent höher und erreichte den höchsten Stand seit August 2014. Auch Anleihen waren gefragt.

Der japanische Yen legte massiv zu: Zwischenzeitlich kostete ein Pfund nur noch 133,31 Yen. Damit ist der Pfundkurs zum Yen am Freitag um über 14 Prozent abgestürzt, im Gegenzug war der Yen zum Pfund so viel wert wie zuletzt im Dezember 2012.

Internationaler Währungsfonds, die US-Notenbank Fed, Händler, Politiker und Wirtschaftsexperten hatten vor dem Referendum immer wieder vor den schweren wirtschaftlichen Folgen eines Brexits und einem Beben an den Finanzmärkten gewarnt. Die EU riskiere einen "schwarzen Freitag", sagte die Investorenlegende Georgs Soros Anfang der Woche im "Guardian".

Der Chefvolkswirt der Dekabank verglich die Entscheidung der Briten mit dem Fall des Eisernen Vorhangs. "In der Wirtschaft muss und wird es aber weitergehen", ist sich Kater sicher. Unternehmen und Finanzmärkte würden als Erste daran gehen, die Nach-Brexit-Welt umzugestalten. "Diese Neuausstattung ist teuer: Wir rechnen mit einer Rezession im Vereinigten Königreich und einer konjunkturellen Delle in Euroland."

Aus Sorge vor den wirtschaftlichen Folgen des Brexits fiel auch der Ölpreis deutlich. Ein Barrel der Nordseesorte Brent kostete am Morgen 47,92 US-Dollar. Das waren gut 5,87 Prozent weniger als am Vortag.

Videokommentar: Jetzt muss die EU erst recht zusammenwachsen

Foto: SPIEGEL ONLINE

brk/dpa/Reuters

insgesamt 48 Beiträge
Oberleerer 24.06.2016
1.
Die Trader sind manchmal so vorhersehbar. Morgen normalisiert sich alles wieder, weil sich herumspricht, daß sich rein garnichts ändern wird, außer daß GB nicht mehr an Auflagen der EU gebunden ist und auch die Regulierung [...]
Die Trader sind manchmal so vorhersehbar. Morgen normalisiert sich alles wieder, weil sich herumspricht, daß sich rein garnichts ändern wird, außer daß GB nicht mehr an Auflagen der EU gebunden ist und auch die Regulierung der Finanzindustrie stark abgebaut wird.
shechinah 24.06.2016
2. Ähem - nö
noch im letzten November oder Juli stand das Pfund deutlich niedriger
noch im letzten November oder Juli stand das Pfund deutlich niedriger
theodor11 24.06.2016
3.
Breit hin oder her. Viel mehr Sorgen bereiten die unseriösen Finanzmärkte. Ginge es um Realwerte, bräuchte der Markt nicht so volatil reagieren. Hier sieht man wieder, dass die Bänker sich in einer virtuellen Welt befinden und [...]
Breit hin oder her. Viel mehr Sorgen bereiten die unseriösen Finanzmärkte. Ginge es um Realwerte, bräuchte der Markt nicht so volatil reagieren. Hier sieht man wieder, dass die Bänker sich in einer virtuellen Welt befinden und von Realwirtschaft wenig Ahnung haben. Hoch lebe das Spielcasino.
doc1234 24.06.2016
4. was ist da so schlimm dran?
Wenn an der Börse = Casino Werte verloren gehen nur weil ein Land auf die EU, so wie sie jetzt ist keene Lust hat? An der Börse geht es doch nicht immer nach oben oder habe ich da einen Denkfehler? Die Menschen die all ihr [...]
Wenn an der Börse = Casino Werte verloren gehen nur weil ein Land auf die EU, so wie sie jetzt ist keene Lust hat? An der Börse geht es doch nicht immer nach oben oder habe ich da einen Denkfehler? Die Menschen die all ihr Vermögen ins Casino getragen haben sollten wissen was passieren kann. Ausserdem in der B-Republik sind Aktien in Privathand ja eh nicht so der Renner. Auch die Wirtschaft wird sich nach ein paar turbulenzen wieder ehrolen. Nur das die da oben in Brüssel es doch mal auf den Schirm bekommen sollten das es so nicht weitergeht. und es ist doch nur Papiergelt ungedecktes was da ins Nirvana geht. Kopf hoch es geht weiter, auch für mich als Minderheit und Aktionär
Newspeak 24.06.2016
5. ...
"Alle sind falsch positioniert", sagte ein Händler am frühen Morgen. Es gebe einen immensen Absicherungsbedarf. "Keiner hat damit gerechnet, dass die Briten wirklich austreten." Großartig. Machen die [...]
"Alle sind falsch positioniert", sagte ein Händler am frühen Morgen. Es gebe einen immensen Absicherungsbedarf. "Keiner hat damit gerechnet, dass die Briten wirklich austreten." Großartig. Machen die Master of the Universe auch mal Fehler. Hoffentlich zerlegt es die Spekulanten jetzt richtig. Ein Dominostein nach dem anderen sollte umfallen und das ganze verdammte Finanzsystem in den Abgrund reißen. Rule Brittania, Brittania rule the waves...

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