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Wirtschaft

Angeklagter Nissan-Ex-Chef Ghosn

Vom Supermanager zum Superschurken

Carlos Ghosn galt jahrelang als Topmanager der Autobranche. Jetzt, da er in Haft auf den Prozess wartet, scheint das vergessen zu sein. Viele distanzieren sich. Auch, weil sie froh sind, dass niemand ihre eigene Rolle hinterfragt.

Kyodo/ REUTERS

Carlos Ghosn vor wenigen Tagen in Tokio

Eine Analyse von , Paris
Montag, 08.04.2019   19:59 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Er sitzt jetzt wieder dort, wo er am wenigsten stört. In einer Zelle in Kosuge, in jenem Gefängnis nördlich von Tokio, wo sie vor ein paar Monaten Japans berühmtesten Terroristen erhängten: Sektenführer Shoko Asahara, verantwortlich für die Gasanschläge auf die Tokioter U-Bahn im Jahr 1995. Nun aber ist Carlos Ghosn Japans berühmtester Gefängnisinsasse.

Er hat in Kosuge eine Zelle wie alle anderen, auf sechseinhalb Quadratmetern, in der nie das Neonlicht ausgeht. 108 Tage währte sein erster Aufenthalt dort. Jetzt drohen ihm weitere Wochen Polizeigewahrsam auf Befehl der japanischen Staatsanwaltschaft. Eine neue Anklage gegen ihn macht es möglich. Es ist schon die vierte. Diesmal geht es um Millionen, die er angeblich im Oman veruntreut hat.

So beschäftigen die Kapriolen der einst mächtigsten Autobosse Europas die Ankläger anderer Länder: Ex-VW-Chef Martin Winterkorn steht von Mai an in den USA vor Gericht, Ex-Renault-Nissan-Chef Ghosn wahrscheinlich ab dem Herbst in Japan. Ihre bevorstehenden Prozesse beweisen auch: Europas Autoindustrie ist zwar noch die stärkste, aber ihr Stern sinkt.

Ghosn, so entschied der neu aufgestellte Aufsichtsrat von Renault vergangene Woche, werde seine Sonderrente von 65.000 Euro pro Monat bis ans Lebensende nicht bekommen (seine reguläre Rente ist davon unberührt). Weitere geplante Vergütungen in vielfacher Millionenhöhe für Ghosn strich der Aufsichtsrat ebenfalls. Auch wenn ihm bisher nichts nachgewiesen wurde und Ghosn seine völlige Unschuld beteuert: Seine Karriere ist zu Ende. Am Montag wurde er auch aus dem Verwaltungsrat von Nissan herausgewählt.

Lange Zeit sah es so aus, als könne Ghosn auf Rückhalt in Frankreich zählen. Jetzt sagte Finanz- und Wirtschaftsminister Bruno Le Maire nach Ghosns erneuter Verhaftung bloß: "Carlos Ghosn ist ein Angeklagter wie alle anderen, er genießt Konsularschutz und die Unschuldsvermutung." Mehr aber auch nicht.

Nicht nur die Justiz, auch seine alten Arbeitgeber machen jetzt Jagd auf den Manager. Erst kamen die Anschuldigungen nur von Nissan, jenem Konzern, den Ghosn nach branchengeläufiger Auffassung um die Jahrtausendwende vor dem Bankrott rettete. Inzwischen aber hat auch Renault eigene Anwälte gegen Ghosn eingesetzt, obwohl der Konzern unter dem Ex-Chef endlich wieder an ruhmreiche Zeiten als französisches Vorzeigeunternehmen anknüpfen konnte.

Aber die Geschichten, die man sich jetzt in beiden Häusern über Ghosn erzählt, sind so abstoßend, dass es für die Konzernführungen aussichtslos, ja gefährlich erscheint, daneben auch Ghosns Verdienste hochzuhalten, so unbestritten sie vor Kurzem noch waren. Also besser die abstoßenden Geschichten selbst erzählen. Und Ghosn den Prozess machen.

Wie er 2016 im berühmten Schloss von Versailles heiratete und sich die Schlossmiete über 50.000 Euro für seinen Hochzeitstag angeblich vom Betrieb bezahlen ließ - was für ein Absahner! Wie er dann laut Staatsanwaltschaft Millionen aus einem Sonderbudget des Vorstandsvorsitzenden an eine befreundete Firma im Oman überweisen ließ, um damit letztlich eine Familienjacht und das Start-up seines Sohnes in San Francisco zu bezahlen - was für ein korrupter Verbrecher!

Was früher bewundert wurde, macht ihn heute verdächtig

Früher hatte man ihn als Mann von Welt mit drei Staatsangehörigkeiten verehrt - er hat die französische, brasilianische und libanesische. Nun werden ihm luxuriöse Apartmentwohnungen in Brasilien und im Libanon angekreidet, in denen er einem ausufernden Lebensstil gefrönt haben soll, angeblich wieder auf Firmenkosten.

Ghosn, der Lebemann, der Patriarch, der Möchtegernschlossherr - der neue Großschurke in der globalen Konzernwelt. Ist es da nicht gut, dass er endlich in Kosuge sitzt? So zumindest lautet heute die von Renault und Nissan mitgetragene, von der japanischen Staatsanwaltschaft verbreitete und von vielen Medien gekaufte Version der Ghosn-Story.

AFP

Carlos Ghosn und seine Frau Carole

Dagegen mühen sich nun die Anwälte und Angehörigen des schillernden Häftlings. Eine "Justiz der Geiselnahme" nannte der im Februar neu bestellte Anwalt Ghosns in Tokio, Junichiro Hironaka, die japanische Staatsanwaltschaft.

Mit Hironaka wechselte Ghosn seine Verteidigungsstrategie - er glaubt offenbar nicht mehr an die Chance des Angeklagten im japanischen Justizwesen und stellt nun mit dem Systemkritiker Hironaka das gesamte Vorgehen gegen ihn an den Pranger. Inklusive des Neonlichts in der Nacht.

Das dürfte ihm vor seinem Richter wenig nützen, Japans Justiz agiert rücksichtslos gegenüber dem einzelnen Angeklagten. Er will damit aber zumindest die westliche Öffentlichkeit überzeugen.

Die Konzerne sind offenkundig heilfroh, weil sich die Kritik nicht gegen sie richtet. Dass sich Ghosn aber wie Ghosn verhielt, weil es ins System passte, wird ausgeblendet.

Ghosns Selbstdarstellung und Renaults Erfolgsgeschichte gehören zusammen

Seine schillernde Selbstdarstellung half dem Renault-Konzern lange, die eigene Erfolgsgeschichte zu erzählen. Ghosns Luxushochzeit 2016 ist ein gutes Beispiel. So ein Fest im alten Königsschloss von Versailles verbietet sich eigentlich gerade für einen Renault-Chef, der immer auch mit der ex-kommunistischen CGT als stärkster Gewerkschaft zusammenarbeiten muss. Doch die öffentliche Kritik blieb damals sparsam, offenbar schien den neuen Autokönigen alles erlaubt zu sein.

Jetzt, da er im Gefängnis sitzt, gilt das nicht mehr. Nur werden auch seine Verdienste ausgeblendet: Er war der Einzige im Westen, der die technologische Stärke und geostrategische Schwäche der japanischen Automobilindustrie für seinen Konzern zu nutzen wusste. Auch, indem er als Erster ernsthaft in die Elektrifizierung der Branche investierte.

So dient der Fall Ghosn allem, nur nicht der kritischen Aufarbeitung der jüngsten europäischen Automobilgeschichte. Eine Pressekonferenz, die Ghosn für den 11. April angekündigt hatte, um "die Wahrheit" zu erzählen, fällt mit seiner Verhaftung wohl aus. Das dürfte vielen durchaus recht sein.

Vor seiner Festnahme am vergangenen Donnerstag gab Ghosn dem französischen Fernsehsender LCI und dem US-amerikanischen Fox noch schnelle Interviews. Warum auch nicht? So lange ihm keine Schuld nachgewiesen wird, gehört er genau dahin: in die Talkshows. Es gibt viel zu erzählen aus dieser Branche.

Zusammengefasst: Carlos Ghosn werden schwere Vergehen vorgeworfen. Doch bislang sind sie unbewiesen, die Untersuchungshaft in Japan hart. Gemessen daran ist erstaunlich, wie stark sich nun alle von dem Manager distanzieren. Seine großen Verdienste, bis vor Kurzem noch unbestritten, scheinen kaum mehr zu zählen.

insgesamt 20 Beiträge
Newspeak 08.04.2019
1. ...
Vermutlich hat sich Ghosn irgendwo echte Feinde gemacht. Die finanziellen Eskapaden sind doch fuer unsere Eliten nicht wirklich besonders schlimm ausgefallen. Ansonsten koennte man vermutlich beinahe jeden Topmanager anklagen. [...]
Vermutlich hat sich Ghosn irgendwo echte Feinde gemacht. Die finanziellen Eskapaden sind doch fuer unsere Eliten nicht wirklich besonders schlimm ausgefallen. Ansonsten koennte man vermutlich beinahe jeden Topmanager anklagen. Eine uebereifrige Justiz ist entweder besonders am Recht interessiert, oder auch nur gekauft.
Marzus1 08.04.2019
2. Kontrolle
"Seine großen Verdienste, bis vor kurzem noch unbestritten, scheinen kaum mehr zu zählen." Hmm. Wo ist denn dann SPON? Wo sind die anderen Journalisten, die die Rolle seiner Arbeitgeber beleuchten? Hat er sich all die [...]
"Seine großen Verdienste, bis vor kurzem noch unbestritten, scheinen kaum mehr zu zählen." Hmm. Wo ist denn dann SPON? Wo sind die anderen Journalisten, die die Rolle seiner Arbeitgeber beleuchten? Hat er sich all die nicht-monetären Leistungen rechtswidrig erschlichen? Oder waren die Teil seiner Arbeitsverträge, die von den Aufsichtsräten gebilligt wurden? Und inwiefern sind die Vorwürfe eigentlich strafrechtlich relevant? Es gäbe hier ziemlich viel zu beleuchten, wenn man das wollte...
heino.dengel 08.04.2019
3.
Warum sollte man sich nicht von ihm distanzieren. Der hat Macht ausgeübt und bestimmt nicht immer freundlich. Im Gegenteil, denke ich, sind viele froh, dass er weg ist. Das Geld hat er ja selber mutmaßlich, veruntreut. Da [...]
Warum sollte man sich nicht von ihm distanzieren. Der hat Macht ausgeübt und bestimmt nicht immer freundlich. Im Gegenteil, denke ich, sind viele froh, dass er weg ist. Das Geld hat er ja selber mutmaßlich, veruntreut. Da muss er auch selber dazu stehen
Referendumm 08.04.2019
4.
Erst einmal danke für den doch recht ausgewogenen Bericht. Was mich bei diesem Thema völlig irritiert: Welcher Topmanager und Nichtjapaner wird nach dem Fall Ghosn das Land Japan überhaupt noch ein einziges Mal betreten [...]
Erst einmal danke für den doch recht ausgewogenen Bericht. Was mich bei diesem Thema völlig irritiert: Welcher Topmanager und Nichtjapaner wird nach dem Fall Ghosn das Land Japan überhaupt noch ein einziges Mal betreten wollen? Wenn man so leicht in die Klauen der anscheinend knallharten japanischen Justiz geraten kann, wäre man doch mit dem Klammerbeutel gepudert, dass man freiwillig dorthin geht. Was wäre allerdings passiert, wenn es kein Franzose, sondern ein US-Amerikaner gewesen wäre? Egal ob und wie hoch die Schuld seitens Ghosn ist, aber das Ganze hat ja nun mehr als ein wenig Geschmäckle. Nissan, und das dürfte unbestritten sein, will von Renault und den Franzosen unabhängiger werden. Und dann ziehen die Japaner so eine knallharte Show ab? Und Renault geht hin, und durchforstet jetzt ernsthaft sämtliche Dienstreisekostenabrechnungen von Ghosn? Hieß es früher wohl: He, die Feierei im Schloss von Versailles geht ganz klar auf Kosten des Hauses Renault und nun, weil es ein "Gentlemen's Agreement" war, wird es jetzt Ghosn zur Last gelegt? Wenn Ghosn wirklich der jahrelange Schurke, ja sogar der jahrelange Verbrecher ist und war, was sagt das dann über die Abteilung Compliance oder gar über die Abteilung Controlling bei Renault aus? Dort müssen ja die reinsten Nullnummern, die extremsten Minderleister arbeiten. Gleiches gilt selbstverständlich für Nissan. Wie gesagt, es irritiert mich ein wenig, was da passiert. Ist schon ein starkes Stück - oder handelt es sich dabei nur um sehr hungrige Hunde, die dann kurz vor dem endgültigen Aus übereinander herfallen und sich gegenseitig zerfleischen?
kgmjack 08.04.2019
5. Wäre er doch...
... auf der Höhe seines Zenits zurückgetreten, dann er hätte als moderner Industriekapitän wirklich alles haben können: Verdienst, Ruhm, Geld, Macht und dazu (evtl) eine reine Weste! So erntet er am Ende einer tollen Karriere [...]
... auf der Höhe seines Zenits zurückgetreten, dann er hätte als moderner Industriekapitän wirklich alles haben können: Verdienst, Ruhm, Geld, Macht und dazu (evtl) eine reine Weste! So erntet er am Ende einer tollen Karriere halt nur Schimpf und Schande, weil sein Ego größer war als sein Können, weil er wie so viele andere der schnöden Geldgeilheit erlag und weil er den Rachen nicht vollbekommen konnte. Schade, schade, denn der Kerl konnte wirklich was....
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