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Wirtschaft

Radikalumbau

"Die Deutschbanker holen sich die Deutsche Bank zurück"

Der Tag nach der Ankündigung für den Großumbau der Deutschen Bank: Analysten loben den Mut des Vorstandschefs, Aktionäre zweifeln und Gewerkschafter hoffen, dass die Jobs an der richtigen Stelle abgebaut werden. Doch das ist teils noch offen.

Leon Neal / Getty Images
Von
Montag, 08.07.2019   18:23 Uhr

Christian Sewing versuchte, nicht enttäuscht zu wirken, als er am Montag nach der flauen Reaktion der Börse auf seinen Umbauplan gefragt wurde. Zwei Prozent niedriger, bei sieben Euro, lag der Kurs am Nachmittag, obwohl Sewing doch gerade noch einmal erklärt hatte, dass er und sein Team die Deutsche Bank neu erfunden hätten. Eine solch tiefgreifende Veränderung messe er doch nicht an der Kursreaktion am ersten Tag. Das Feedback, das er von Aktionären bekomme, sei sehr positiv.

Tatsächlich waren sich Anteilseigner, Analysten und Arbeitnehmer in den vergangenen Jahren selten so uneins in ihrem Urteil über die Deutsche Bank wie an diesem historischen Montag. Sewing hatte am Vortag einen Großumbau und große Pläne verkündet:

Mindestens sechs Milliarden Euro wolle die Bank dann vor Steuern verdienen, fünf Milliarden Euro an die Aktionäre ausschütten und die Kosten auf 70 Prozent der Erträge gesenkt haben.

Die mutigen Umbaupläne seien das erste Mal nicht halbgar, sondern stellten einen echten strategischen Schwenk dar, urteilte der einflussreiche Analyst Kian Abouhossein von der amerikanischen Großbank J.P. Morgan. Viele andere blieben aber skeptisch - wohl auch, weil die Bank in den vergangenen Jahren immer wieder Verbesserungen angekündigt und unter Sewings Vorgängern regelmäßig schuldig geblieben war. Jernej Omahen von der Investmentbank Goldman Sachs sagte, die strukturellen Probleme seien nicht gelöst, es fehle weiterhin an renditeträchtigen Geschäftsfeldern.

Ob Analysten und Aktionäre sich mit Sewings Plänen anfreunden können, dürfte für seinen Erfolg eine wesentliche Rolle spielen. Nur wenn die Bank von dem Verliererimage wegkommt, das ihr in den vergangenen Jahren anhaftete, dürfte sie in der Lage sein, ihre ehrgeizigen Ziele zu erreichen. Außerdem hängt es vom Wohlwollen des Kapitalmarkts ab, welche Zinsen die Deutsche Bank zahlen muss, für die Unsummen, die sie wie andere Großbanken Woche für Woche aufnimmt, um ihre Geschäfte zu finanzieren. Wer sich zu teuer finanziert, ist schnell aus dem Geschäft.

Zwei Gründe für die Gelassenheit der Gewerkschafter

Es sind erstaunlicherweise ausgerechnet die Arbeitnehmer, die sich sofort hinter Sewings Pläne gestellt haben - obwohl nie zuvor ein Deutsche-Bank-Chef einen ähnlich krassen Stellenabbau verkündet hat. "Es ist schade, dass so viele Jobs wegfallen", sagt Stephan Szukalski, Aufsichtsratsmitglied und Chef der Bankangestellten-Gewerkschaft DBV. "Aber die grundlegende Entscheidung, den Einfluss der Investmentbank zu verringern, ist richtig. Es ist gut, dass der Schwanz nicht mehr mit dem Hund wedelt."

Ver.di-Chef Frank Bsirske hatte schon am Sonntagabend erklärt, die Gewerkschaft begrüße "diesen radikalen Schritt, um die Deutsche Bank und damit die Arbeitsplätze in Deutschland langfristig zu stabilisieren.

Die Gelassenheit der Gewerkschafter dürfte vor allem zwei Gründe haben.

Erstens: Sowohl Ver.di als auch der DBV gehen davon aus, dass der Personalabbau vor allem im Investmentbanking stattfindet sowie in der zentralen Verwaltung. Das träfe vor allem die Standorte in London und New York, von wo aus das Investmentbanking gesteuert wird, aber auch kleinere Standorte wie Sydney in Australien. An mehreren der genannten Orte wurden Mitarbeiter schon am Montag dabei beobachtet, wie sie Umzugskartons aus den Gebäuden der Deutschen Bank schleppten. Am ersten Tag sollen bereits etwa 750 Bankmitarbeiter vor die Tür gesetzt worden sein, heißt es in Konzernkreisen.

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Kündigungswelle: Deutschbanker mit Pappkartons

Aus dem Aktienhandel will sich die Deutsche Bank ganz zurückziehen, das betrifft nach SPIEGEL-Informationen etwa 2000 Jobs weltweit. Auch in anderen Bereichen des Handelsgeschäfts soll es Einschnitte geben, damit werden auch Stellen in der zentralen Verwaltung des Investmentbankings überflüssig, zumal Sewing erklärte, es gebe noch immer viele Doppelfunktionen. Diese Jobs verteilen sich auf Standorte wie New York, London, aber auch Frankfurt und Berlin, wo beispielsweise ein großer Teil des Risikomanagements sitzt.

Genauer beziffern wollte der Bankchef am Montag noch nicht, wie viele Stellen an welchen Orten wegfallen. Zumindest in Deutschland will er darüber zuerst mit den Arbeitnehmervertretern sprechen, anderswo ist der Arbeitnehmerschutz laxer.

Jobabbau bei der Postbank einberechnet

Der zweite Grund für die positiven Reaktionen deutscher Arbeitnehmervertreter ist, dass für das Privatkundengeschäft im Zusammenhang mit der Integration der Postbank schon lange ein größerer Stellenabbau angekündigt ist. Dabei geht es jetzt noch um etwa 6000 Jobs, diese Zahl ist in den 18.000 inbegriffen, die Sewing nun ausgerufen hat. Zwar will die Bank auch im Privatkundengeschäft den Sparkurs noch einmal verschärfen, aber dabei dürfte es nicht mehr um Tausende Stellen gehen.

Um all die Mitarbeiter auszuzahlen oder abzufinden, will die Deutsche Bank etwa 2,5 Milliarden Euro aufwenden. Insgesamt soll der Umbau 7,4 Milliarden Euro kosten, 5,1 Milliarden davon sollen noch 2019 verbucht werden und dürften die Bank tief in die roten Zahlen reißen.

Das müssen die Anleger offenbar erst einmal verdauen. Entscheidender aber wird für ihr Urteil sein, ob die neue Strategie funktioniert, was wiederum maßgeblich von den neuen Managern und der neuen Führungsorganisation abhängen dürfte. "Die Deutschbanker holen sich die Deutsche Bank zurück", kommentierte ein Deutschbanker die Veränderungen in Geschäftsmodell und Führung.

Mit dem früheren SAP-Manager Bernd Leukert und dem Rechtsanwalt Stefan Simon rücken zwei Deutsche in das Gremium, der Südafrikaner Garth Ritchie und die Französin Sylvie Matherat scheiden aus. Christiana Riley, die künftig für das Amerika-Geschäft zuständig sein soll, ist zwar Amerikanerin, hat aber Deutsch gelernt, um als Aufsichtsrätin der Postbank besser kommunizieren zu können.

Überraschungen beim Management

Kritisch wird der Wechsel Simons aus dem Aufsichtsrat in den Vorstand gesehen. Er galt in dem Kontrollgremium als Sachwalter der Großaktionäre aus Katar, auch wenn ihm Aufsichtsratskollegen attestieren, dass er dort nicht erkennbar deren Interessen vertreten habe. Nun soll er im Vorstand die Rechtsabteilung verantworten und die Beziehungen zu den Aufsichtsbehörden verbessern.

Überrascht zeigten sich Beobachter über das Ausscheiden des langjährigen Postbank-Chefs Frank Strauß, der zuletzt Privatkundenvorstand war. Seine Verantwortung im Vorstand übernimmt der bisherige Rechtsvorstand Karl von Rohr, das eigentliche Geschäft wird aber Manfred Knof leiten, der frühere Deutschlandchef der Allianz. Strauß, so heißt es in Frankfurt, hatte sich in wesentlichen Fragen mit Sewing überworfen. Er soll unter anderem nicht damit einverstanden gewesen sein, dass das Firmenkundengeschäft der Postbank der neuen Einheit für Unternehmenskunden zugeschlagen werden soll.

In einer Hinsicht bewegt sich die Bank zurück in die Vergangenheit. Sie legt ein Modell wieder auf, in der Hoffnung, dass es im zweiten Anlauf besser funktioniert: Sewing will ein Management-Komitee (GMC) unterhalb des Vorstands installieren, in dem die Geschäftsbereiche vertreten sind. Etwas Ähnliches gab es in der Ära von Josef Ackermann und Anshu Jain, erst dessen Nachfolger John Cryan löste das Gremium auf. Es hatte in den wilden Jahren des Investmentbankings ein Eigenleben entwickelt beziehungsweise eine effektive Kontrolle der Handelsgeschäfte durch den Vorstand eher verhindert.

insgesamt 67 Beiträge
matti99 08.07.2019
1. ade, bereits heute morgen entlassen
das da bereits heute früh personal in london entlassen wurde, ausweis entzogen, edv-zugang gesperrt .... zeigt doch nur, daß diese mitarbeiter besonders hoch qualifiziert waren - aber vielleicht mit übermäßig hohen [...]
das da bereits heute früh personal in london entlassen wurde, ausweis entzogen, edv-zugang gesperrt .... zeigt doch nur, daß diese mitarbeiter besonders hoch qualifiziert waren - aber vielleicht mit übermäßig hohen gehaltsvorstellungen dort beschäftigt. eine planvolle entlassung, die rücksicht auf noch lfd. geschätfte nimmt, wo kenntnisse von mitarbeitern auf andere übertragen werden müssen, sieht anders aus.
telarien 08.07.2019
2. Ich glaube nicht dran
Wer in den letzten 20 Jahren Banker werden wollte, der hatte doch bewusst einen Job zwischen Zocker und Drückerkolonne angepeilt. Die älteren Kollegen, die noch aus der Zeit von Kundenberatung gekommen sind, werden das [...]
Wer in den letzten 20 Jahren Banker werden wollte, der hatte doch bewusst einen Job zwischen Zocker und Drückerkolonne angepeilt. Die älteren Kollegen, die noch aus der Zeit von Kundenberatung gekommen sind, werden das Unternehmen bald verlassen. Und die junge Generation wird das Konto eher nicht bei Trumps Hausbank führen.
larsmach 08.07.2019
3. Dafür haben die DB Humankapitalisten sicher Verständnis!
Jene Humankapitalisten, für die die Welt nur aus Zahlen und Wettscheinen besteht, und die meinen, man könne als Milliardenkonzern zweistellig wachsen, während die Volkswirtschaft dies nur nahe der Nulllinie tut, werden sicher [...]
Jene Humankapitalisten, für die die Welt nur aus Zahlen und Wettscheinen besteht, und die meinen, man könne als Milliardenkonzern zweistellig wachsen, während die Volkswirtschaft dies nur nahe der Nulllinie tut, werden sicher Verständnis für den Abbau ihrer seit jeher von Bremsklötzen wie Produktivität und Wertschöpfung befreiten Kostenstellen (alias "Arbeitsplätzen") aufbringen. Das ist genau ihre Welt!
melnibone 08.07.2019
4. Soviel Gewese ...
um diese Winzigbank. Schade um jeden einzelnen Arbeitsplatz! Und man stelle sich den echten volkswirtschaftlichen Schaden vor: ... man hätte den Minions noch zuvor gestattet die Commerzbank zu schlucken. Der Kapitalismus [...]
um diese Winzigbank. Schade um jeden einzelnen Arbeitsplatz! Und man stelle sich den echten volkswirtschaftlichen Schaden vor: ... man hätte den Minions noch zuvor gestattet die Commerzbank zu schlucken. Der Kapitalismus scheut sich in der BRD aber vor wirklich keiner Blöße.
koenigslinde 08.07.2019
5. Es hat lange gedauert
m. E. zu lange. Sowohl die Deutsche Bank als auch die damals 2. größte Deutsche Bank die Dresdner Bank wurden von Investmentbankern übernommen, von McKinsey sturmreif geschossen und dann unter den Haien aufgeteilt oder so stark [...]
m. E. zu lange. Sowohl die Deutsche Bank als auch die damals 2. größte Deutsche Bank die Dresdner Bank wurden von Investmentbankern übernommen, von McKinsey sturmreif geschossen und dann unter den Haien aufgeteilt oder so stark geschwächt dass Sie wie die Deutsche Bank nur noch überleben und das verdiente Geld an die Investment-Banker weiterreichen. Selbstbedienung an der Supermarkt-Kasse heisst das man dafür bezahlen muss. Nicht so im Investmentbanking der 90er und 00er Jahre. Da wurde einfach nur das Geld der Aktionäre genommen und an die Banker weitergereicht und die Unternehmen mehr und mehr geschwächt und ausgeblutet. Vielleicht gelingt es ja wenigstens dieses Geldhaus auf welches die Bundesrepublik mit Recht Stolz sein konnte einen vernünftigen Weg gehen kann und dann auch das tun kann für was die Branche da ist: Den Kunden ein verlässlicher Partner sein und nebenbei auch Geld zu verdienen. Good Luck

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