Schrift:
Ansicht Home:
Wirtschaft

Deutsche Bank und Commerzbank

Der geplatzte Traum vom deutschen Finanzgiganten

Nach dem Scheitern der Fusion von Commerzbank und Deutscher Bank brauchen Deutschlands führende Geldhäuser einen neuen Plan. Während sich das eine auf Interessenten aus dem Ausland freuen darf, droht dem anderen Siechtum.

Foto: Frank Rumpenhorst / DPA
Von
Donnerstag, 25.04.2019   15:14 Uhr

Der Brief von Christian Sewing dürfte für Erleichterung gesorgt haben: bei den Mitarbeitern der Deutschen Bank und bei Sewing selbst. "Die Gespräche mit der Commerzbank waren sehr intensiv, konstruktiv und von gegenseitigem Respekt geprägt", schrieb der Bankboss am Donnerstag per E-Mail an seine knapp 92.000 Beschäftigten weltweit. "Dennoch haben wir nun beschlossen, diese Möglichkeit nicht weiterzuverfolgen."

Damit hat das Fusionsdrama, dass die ganze Finanzbranche seit dem vergangenen Sommer in Atem hielt, ein vorläufiges Ende. Endlich, sagen Arbeitnehmervertreter, die im Falle einer Fusion den Abbau von bis zu 30.000 Stellen fürchteten. Und endlich, denkt womöglich auch Sewing selbst, der der Fusion von Anfang an eher skeptisch gegenüberstand, sich dann aber durch politischen Druck und die schlechte Lage des eigenen Konzerns genötigt sah, einen Zusammenschluss mit dem Konkurrenten auszuloten.

Sewing war es denn auch, der am Ende nicht mitziehen wollte und die Gespräche platzen ließ. Zu kompliziert und riskant schien ihm der Zusammenschluss - und zu groß war der Gegenwind von Arbeitnehmervertretern, Öffentlichkeit und Aktionären. Ob diese Absage richtig war, ist hochumstritten. "Ihm fehlte der Mut", sagen die einen. "Er hat die Bank damit vor Schlimmerem bewahrt", heißt es bei den anderen.

Klar ist, dass die Deutsche Bank Chart zeigen nun einen neuen Plan braucht. Eine Fusion mit der Commerzbank Chart zeigen wäre in der Umsetzung schwierig und von ungewissem Nutzen gewesen. Doch sie hätte dem seit Jahren kriselnden Finanzhaus zumindest eine kleine Hoffnung geboten, aus dem ewigen Siechtum herauszufinden.

Nun muss es die Deutsche Bank erst einmal wieder allein versuchen - und das ist extrem schwierig. Schon ein paar einfache Zahlen verdeutlichen, wie schlecht es um das einstige Prunkstück der deutschen Wirtschaft steht:

Bankchef Sewing war im April vergangenen Jahres angetreten, um die Bank aus der Misere zu führen. Er setzt vor allem darauf, die Kosten zu drücken und hat sich von einzelnen Geschäften im Investmentbanking verabschiedet. Doch seine Erfolge sind bisher eher überschaubar. Zwar schaffte die Bank 2018 nach drei Verlustjahren in Folge wieder einen Mini-Gewinn von 341 Millionen Euro. Doch die Aktienkursentwicklung zeigt, dass das den Investoren bei Weitem nicht ausreicht: Seit Sewings Amtsantritt ging es um mehr als 30 Prozent nach unten.

Daran ändert auch der Gewinn von 200 Millionen Euro im ersten Quartal wenig, den die Deutsche Bank am Donnerstag schon mal schnell vorab verkündete, um zu zeigen, auf welch gutem Weg man auch allein sei. Zwar lag die Zahl deutlich über den Erwartungen der Analysten - und auch über dem Ergebnis des Vorjahreszeitraums. Doch erstens ist das erste Quartal in der Bankenbranche traditionell das stärkste - hier wird der größte Teil der Erträge für das Gesamtjahr gemacht. Und zweitens sind 200 Millionen Euro Gewinn für ein Institut von der Größe und dem Anspruch der Deutschen Bank immer noch sehr wenig. Zum Vergleich: Die US-Investmentbank Goldman Sachs Chart zeigen wurde gerade von den Aktionären abgestraft, weil sie "nur" 2,2 Milliarden Dollar im ersten Quartal verdient hat. Das ist umgerechnet ziemlich genau das Zehnfache der Deutschen Bank.

"Die Fusion war ein Versuch der Politik, die Bank zu stabilisieren"

Wie also weiter? Experten sind sich einig, dass die Deutsche Bank auch ohne Fusion heftige Einschnitte vornehmen muss, um auf Dauer überlebensfähig zu sein. "Wenn sich die Konjunktur deutlich verschlechtert, wird es eng für die Deutsche Bank", sagt etwa Dieter Hein, Analyst bei Fairesearch. "Die Fusion war im Grunde ein Versuch der Politik, die Bank zu stabilisieren. Das ist jetzt gescheitert."

Also muss die Bank sich selbst retten. Im Gespräch sind etwa ein weiterer Rückzug aus dem amerikanischen Markt und ein Schrumpfen des Wertpapierhandelsgeschäfts. Die schlechten Teile könnten dabei in eine sogenannte Bad Bank abgespalten werden.

SPIEGEL ONLINE

Was immer die Bank auch macht: Die Zahl der Mitarbeiter dürfte weiter drastisch sinken. Statt des großen, schnellen Kahlschlags im Falle einer Fusion, dürfte es nun einen langen Weg nach unten geben.

Und bei der Commerzbank?

Auch hier dürfte Jobabbau ein Thema werden. Insgesamt steht die Commerzbank allerdings deutlich besser da. Zwar hätte ihr Chef, Martin Zielke, sich gern in eine Fusion mit der Deutschen Bank begeben - wohl auch weil sein Haus dabei angesichts der Schwäche des Partners eine gewichtigere Rolle gespielt hätte als noch vor wenigen Jahren.

Doch Zielke kann auch ohne die Deutsche Bank weitermachen - und wird womöglich andere Partner finden. Mit der italienischen Unicredit Chart zeigen und der niederländischen ING Chart zeigen haben bereits zwei ausländische Großbanken ihr Interesse an der Commerzbank angemeldet. Auch die französische BNP Paribas Chart zeigen wird immer wieder genannt.

Hilft die UBS der Deutschen Bank?

Bei allen drei Varianten wäre die Commerzbank zwar eindeutig Juniorpartner. Alle Interessenten bieten aber angeblich sogenannte Doppelsitz-Lösungen an, bei denen ein Sitz des fusionierten Instituts im jeweiligen Herkunftsland des Käufers und der andere in Frankfurt bleiben würde.

Das wäre eine Lösung, mit der womöglich auch die Bundesregierung leben könnte, die mit einem Anteil von 15 Prozent immer noch Großaktionär der Commerzbank ist - ein Überbleibsel aus der Rettungsaktion während der Finanzkrise.

Auf Dauer dürfte die Commerzbank jedenfalls kaum allein bleiben.

Ob das auch für die Deutsche Bank gilt, ist fraglich. So richtig traut sich bisher niemand an das als toxisch geltende Finanzhaus ran - selbst wenn es im vergangenen Jahr offenbar vorsichtige Gespräche mit der Schweizer UBS gab und beide Banken aktuell offenbar auch über eine Fusion ihrer Vermögensverwaltungssparten reden.

UBS-Chef Sergio Ermotti ließ am Donnerstag in einer Telefonkonferenz jedenfalls durchblicken, dass er das Fusionsfieber in der europäischen Bankenbranche noch nicht für beendet hält. Der geplatzte Zusammenschluss von Deutscher Bank und Commerzbank "ändert nichts daran, dass man früher oder später eine Art von Konsolidierung in der Branche sehen wird", sagte Ermotti. Wer genau dabei sein wird, ließ er offen.

insgesamt 39 Beiträge
Ayanami 25.04.2019
1. Besser ist das
Zwei misswirtschaftende Konzerne zu verheiraten ist ja wohl auch keine Premium-Idee. Deutschland hat auch ganz andere Sorgen.
Zwei misswirtschaftende Konzerne zu verheiraten ist ja wohl auch keine Premium-Idee. Deutschland hat auch ganz andere Sorgen.
KlausSeibel 25.04.2019
2. Seltsame Rechnung
Dass Goldman Sachs gegenüber der Deutschen Bank den zehnfachen Gewinn macht, wird im Artikel deutlich hervorgehoben. Wenn dabei aber Goldman Sachs zwanzigfach so viel Wert ist, scheint mir der Gewinn der Deutschen Bank im [...]
Dass Goldman Sachs gegenüber der Deutschen Bank den zehnfachen Gewinn macht, wird im Artikel deutlich hervorgehoben. Wenn dabei aber Goldman Sachs zwanzigfach so viel Wert ist, scheint mir der Gewinn der Deutschen Bank im Verhältnis zum Börsenwert gar nicht schlecht. Ob hier nicht doch mehr Potenzial liegt, etwas aus der Deutschen Bank zu machen, als sie zu verscherbeln?
chilischweiz 25.04.2019
3. über...
die Vertreter von 30'000 überflüssigen und überbezahlten Beschäftigten wehren sich erfolgreich gegen eine Fusion. Da stört es nicht, dass die grösste US Bank an der Börse 20X so viel wert ist, wie die grösste Deutsche und [...]
die Vertreter von 30'000 überflüssigen und überbezahlten Beschäftigten wehren sich erfolgreich gegen eine Fusion. Da stört es nicht, dass die grösste US Bank an der Börse 20X so viel wert ist, wie die grösste Deutsche und dass der Gewinn von Goldman Sachs in Q1 2019 20 x mal so hoch ist, wie der 1. der Deutschen Bank nach 4 Jahren mit substantiellen Verlust. Und im Hintergrund tönt ein Wirtschaftsminister, der vom Ausverkauf deutscher Fähigkeiten warnt. Man kann nur hoffen, dass wenigstens der wettbewerbsfähige deutsche Mittelstand vernunftbegabte Vertreter in der Politik hat.
kritischer-spiegelleser 25.04.2019
4. Der Traum vom deutschen Finanzgiganten
Ja, die Deutsche Bank war mal wer. Auch international. Und wurde dann von einem Ausländer, Herrn Ackermann, mit falschen Zielen und falschen Geschäften zugrunde gerichtet. Mit Einverständnis der deutschen Politik.
Ja, die Deutsche Bank war mal wer. Auch international. Und wurde dann von einem Ausländer, Herrn Ackermann, mit falschen Zielen und falschen Geschäften zugrunde gerichtet. Mit Einverständnis der deutschen Politik.
larsmach 25.04.2019
5. Too big too fail - und anderer Irrsinn einer Finanz-"industrie"
Wie wäre es mit einer RICHTIGEN Bank!? Muss man heutzutage Wettscheinhandel, Beratungen (bei sinnfreien Konzern-Fusionen, die nachher verlustreich rückabgewickelt werden) usw. usw. als "Bankgeschäft" betrachten!? [...]
Wie wäre es mit einer RICHTIGEN Bank!? Muss man heutzutage Wettscheinhandel, Beratungen (bei sinnfreien Konzern-Fusionen, die nachher verlustreich rückabgewickelt werden) usw. usw. als "Bankgeschäft" betrachten!? Waren Banken nicht einmal Einzel- und Großhändler, die - wie Auto- oder Fahrradverleiher - ein Gut (Geld) in großen Mengen bei der Zentralbank liehen und dann in kleinen oder größeren Menschen weiterverliehen haben, um mit der Zinsdifferenz allgemeine und direkte Kosten sowie einen Gewinn zu finanzieren? Schaut man nach London oder New York so sieht man eine von den "Fesseln" der Produktivität und realer Wertschöpfung losgelöste Idiotie, deren Protagonisten nichts Besseres im Sinn haben, als ihre Boni und Vergütungen international zu vergleichen (und dabei niemals auf die Idee kommen, dass anderswo zu viel gezahlt wird) und die immer neue "Finanzprodukte" entwickeln, die sinnfreier kaum sein könnten und nicht selten im Kern verschleiern, dass mit heißer Luft gehandelt wird. Das Rückrat der deutschen Wirtschaft ist der Mittelstand mit seiner REALEN Wertschöpfung. Was da eine Stadt wie Frankfurt am Main bewegt, sich um die Wettgeschäfte und Zocker Londons zu bemühen, bleibt schleierhaft. - Wie groß muss eine Bank sein? Offenbar groß genug, um im internationalen Zockertum mithalten zu können statt sich auf das zu konzentrieren, was eine Bank eigentlich ausmacht.

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Verwandte Themen

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP