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Wirtschaft

Die Börse im Bann der Wahl

Clinton-Häkchen - oder doch Trump-Crash?

Seit das FBI Hillary Clinton entlastet hat, ist auch die Talfahrt der Börsen gestoppt, Investoren rechnen mit einem Sieg der Demokraten. Doch was passiert an den Märkten, wenn sie irren?

REUTERS

Händler an der New Yorker Börse

Von und
Dienstag, 08.11.2016   16:09 Uhr

Das Rennen um die US-Präsidentschaft hat die Börsen weltweit auf eine Achterbahnfahrt geschickt. Unternehmen und Anleger haben den Wahlkampf verfolgt. Und jede neue Wendung in dem an neuen Wendungen reichen Duell hat zu fiebrigen Ausschlägen an den Börsen geführt.

Ein Beispiel: Als eine US-Firma den Preis für ein Medikament um 5000 Prozent anhob und sich Hillary Clinton darüber via Twitter empörte und Gegenmaßnahmen in Aussicht stellte, brach daraufhin der Nasdaq-Biotechnologie-Index um fünf Prozent ein, laut "Financial Times" entsprach das einem Wertverlust von 15 Milliarden Dollar.

Clinton oder Trump: Hat die Börse einen Favoriten?

In jedem Falle haben die Investoren einen Liebling im Wahlkampf. Hillary Clinton hat sich zwar ebenfalls kritisch gegenüber der Wall Street und den Exzessen an den Kapitalmärkten geäußert - Bankerkritik gehört seit der Finanzkrise auch in den USA zum guten Ton. Allerdings hat Clinton auch Millionenhonorare für Reden eingestrichen, die sie bei Großbanken gehalten hat. Wirtschaftspolitisch steht sie zudem für einen deutlich berechenbareren Kurs als ihr Kontrahent, und Unsicherheit ist Gift für Finanzmärkte.

Entsprechend nervös haben die Märkte auf Trumps Aufholjagd in den Umfragen reagiert. Die Nachfrage nach komplexen Wertpapiergeschäften, mit denen sich Investoren gegen mögliche Kursverluste absichern, war in der vergangenen Woche in die Höhe geschossen. Der Aktienindex S&P 500 verlor dagegen neun Tage in Folge an Wert, die längste Negativserie sei 1980.

Der Abwärtstrend ist gestoppt, seit das FBI klar gestellt hat: Clinton hat sich in der E-Mail-Affäre nicht strafbar gemacht. Der S&P-Index legte umgehend zwei Prozent zu. Auch bei Dax Chart zeigen, Nikkei Chart zeigen und Dow Jones Chart zeigen das gleiche Bild: Das langsame Abrutschen der vergangenen Tage und Wochen endet mit dem FBI-Statement abrupt, mit einem Haken nach oben. Die Börsen sind offenbar sicher: Clinton macht das Rennen.

Ein weiteres Indiz: Der Wert des mexikanischen Peso schwankt seit Monaten mit Trumps wechselnden Wahlaussichten. Der republikanische Präsidentschaftskandidat will eine Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen. Inzwischen gehen die Märkte allerdings offenbar nicht mehr davon aus, dass es dazu noch kommen wird: Der Kurs der mexikanischen Währung steigt.

Wie werden die Börsen auf einen Clinton Sieg reagieren?

Hillary Clinton steht für Kontinuität, im Guten wie im Schlechten. Sie dürfte die Wirtschaftspolitik Obamas weitgehend fortführen, ein Wahlsieg Clintons wird die ohnehin großen Erwartungen, die US-Notenbank werde im Dezember den Leitzins erhöhen, weiter befeuern. Clinton erscheint den Märkten berechenbarer als ihr Konkurrent, Kursgewinne sind deshalb wahrscheinlich.

Das Analyse-Unternehmen Macroeconomic Advisers rechnet mit einem Anstieg des US-Indexes S&P 500 um zwei Prozent. Der Zuwachs dürfte allerdings schon deshalb begrenzt sein, weil die Börsen in Erwartung eines Clinton-Erfolgs bereits jetzt ins Plus gedreht sind. Die Wall Street hat den Sieg eingepreist.

Auf einige Branchen dagegen könnte dieser Wahlausgang negative Auswirkungen haben: Die auf Wirtschaftsthemen spezialisierte Nachrichtenagentur Bloomberg erwartet, dass Aktien von Banken und Arzneimittelherstellern unter Druck geraten könnten. Clinton hat angekündigt, diese Branchen stärker zu regulieren.

Allerdings: Nicht immer hat sich der erste Impuls von Investoren nach dem Ausgang einer US-Präsidentschaftswahl als korrekt erwiesen. So weist das "Wall Street Journal" etwa darauf hin, der Dow Jones sei nach Barack Obamas Wahl 2008 um satte fünf Prozent eingebrochen - habe anschließend aber bis zum Ende von Obamas Amtszeit um rund 100 Prozent zugelegt. Ähnlich falsch lagen die Märkte zum Beispiel bei Franklin D. Roosevelt und George W. Bush.

Was passiert, wenn doch Trump gewinnt?

Ein Sieg Donald Trumps mag unwahrscheinlich sein, ausgeschlossen ist er nicht. Die Kandidaten trennen in Umfragen nur wenige Prozentpunkte. Während des Wahlkampfs hat Trump alles Mögliche angekündigt: Freihandelsabkommen will er neu verhandeln, die amerikanische Wirtschaft stärker abschotten, an der Grenze zu Mexiko seine berühmte Mauer bauen.

Wie ernst meint es Trump? Weil das zurzeit niemand weiß, könnten sich Anleger in sichere Werte flüchten, dann würden etwa der Goldpreis und der Schweizer Franken steigen. Sinken dürften hingegen Titel aus exportstarken Schwellenländern, da Trump angekündigt hat, mehr auf die heimische Wirtschaft zu setzen.

Und die Börsen in den Industrieländern? Experten vergleichen einen möglichen Wahlsieg Trumps mit dem überraschenden Brexit-Votum. Damals brach der Dax um zehn Prozent ein. Mit ähnlichen Kursrückgängen an den Börsen in Europa und den Vereinigten Staaten rechnen auch diesmal viele Beobachter. Trump selbst sprach zuletzt davon, sein Erfolg werde Folgen haben wie ein "Brexit hoch fünf".

Allerdings: Manche Branchenkenner halten die Angst vor einem Trump-Crash auch für übertrieben. Dagfin Norum vom norwegischen 51-Milliarden-Dollar-Fonds Storebrand rechnet nicht mit großen Verwerfungen. "Wir denken nicht, dass die Effekte so groß sein werden, dass sie zu einer Rezession führen", sagte Norum der US-Agentur Bloomberg. Es werde lediglich "ein bisschen Lärm geben und dann beruhigen sich die Märkte".

insgesamt 12 Beiträge
zeichenkette 08.11.2016
1. Einfach auszurechnen
Trump will "Brexit hoch fünf". Das Pfund hat 18% verloren, ist also auf 0,82 geschrumpft. 0,82 hoch fünf macht 0,37. Der Dollar wird also 63% verlieren. Hmm. Ernsthaft, was passieren würde, richtet sich danach, ob [...]
Trump will "Brexit hoch fünf". Das Pfund hat 18% verloren, ist also auf 0,82 geschrumpft. 0,82 hoch fünf macht 0,37. Der Dollar wird also 63% verlieren. Hmm. Ernsthaft, was passieren würde, richtet sich danach, ob Trump das umsetzen kann, wovon er geredet hat oder nicht. Wenn ja, wird die Wirtschaft der USA und die von anderen Ländern kollabieren. Denn wenn er z.B. Strafzölle einführen will, um US-Stahl in den USA wieder konkurrenzfähig zu machen, heißt das ja nur, dass in den USA Stahl erheblich teurer wird. Und so weiter. Wenn er das nicht schafft, gibt es ein jahrelanges Gerangel mit ökonomischer Lähmung. Egal, allein die Tatsache, dass keiner weiß, was er tun wird (und wahrscheinlich er selbst auch nicht) wird die Märkte erstarren lassen.
ackergold 08.11.2016
2. Er labert nur
Trump hat gar nicht die Macht, Zölle einzuführen und die Globalisierung zurückzudrehen, denn wenn er es auch nur erwäge, würde ihm der Kongress in die Parade fahren, denn erstens ist die USA auch mit Trump keine Trumpdatur [...]
Trump hat gar nicht die Macht, Zölle einzuführen und die Globalisierung zurückzudrehen, denn wenn er es auch nur erwäge, würde ihm der Kongress in die Parade fahren, denn erstens ist die USA auch mit Trump keine Trumpdatur und zweitens würden die Firmen in Scharen das Land verlassen.
magic88wand 08.11.2016
3. Wie sich die Zeiten ändern
Früher haben die Finanzmärkte jubiliert, wenn ein Republikaner wie Reagan ran kam. Und sie sind abgetaucht bei Demokraten. Heute ist es anders rum.
Früher haben die Finanzmärkte jubiliert, wenn ein Republikaner wie Reagan ran kam. Und sie sind abgetaucht bei Demokraten. Heute ist es anders rum.
thinking_about 08.11.2016
4. Die Globalisierung
wie man sie sich einmal vorgestellt hat, ist ohnehin dabei, zu scheitern. Bei dem Weltwirtschaftsgipfel letztens in Davos im Frühjahr ergab eine Umfrage unter den "Wirtschaftseliten", daß nur noch 15% der [...]
Zitat von ackergoldTrump hat gar nicht die Macht, Zölle einzuführen und die Globalisierung zurückzudrehen, denn wenn er es auch nur erwäge, würde ihm der Kongress in die Parade fahren, denn erstens ist die USA auch mit Trump keine Trumpdatur und zweitens würden die Firmen in Scharen das Land verlassen.
wie man sie sich einmal vorgestellt hat, ist ohnehin dabei, zu scheitern. Bei dem Weltwirtschaftsgipfel letztens in Davos im Frühjahr ergab eine Umfrage unter den "Wirtschaftseliten", daß nur noch 15% der Globalisierung eine Chance einräumen. Die Begründung: immer mehr Staaten ziehen sich wieder auf ihre Nation zurück.
schwerpunkt 08.11.2016
5.
Na dann werden die Firmen eben per Dekret daran gehindert, das Land zu verlassen. Wer sich nicht beugt, wird schone, neue Trumpwelt kennenlernen. Ein Terroist ist schlieslich das, was "man" darunter definiert.
Zitat von ackergoldTrump hat gar nicht die Macht, Zölle einzuführen und die Globalisierung zurückzudrehen, denn wenn er es auch nur erwäge, würde ihm der Kongress in die Parade fahren, denn erstens ist die USA auch mit Trump keine Trumpdatur und zweitens würden die Firmen in Scharen das Land verlassen.
Na dann werden die Firmen eben per Dekret daran gehindert, das Land zu verlassen. Wer sich nicht beugt, wird schone, neue Trumpwelt kennenlernen. Ein Terroist ist schlieslich das, was "man" darunter definiert.

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