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Wirtschaft

Walmart gegen Amazon

Kampf der Giganten

Die Supermarktkette Walmart will sich im Überlebenskampf mit Amazon nicht kampflos geschlagen geben. Und tatsächlich macht der US-Traditionskonzern Boden gut. Wie das?

Francis Dean/ Dean Pictures/ imago; Kyodo News/ imago

Kombo/ Walmart/ Amazon

Von , Washington
Montag, 08.04.2019   21:10 Uhr

Den Begriff "Konsumlust" hat niemand erfunden, der bei Walmart shoppen war.

Das Einkaufen in den Supermärkten des größten Einzelhandelskonzerns der Welt ist kein Vergnügen. Links und rechts der nicht enden wollenden Gänge stapeln sich lieblos aufgetürmte Waren. Gleich nach den Beauty-Produkten kommt das Autoöl, und hinter der Kasse am Ausgang überprüft eine Angestellte nochmals, ob der Kunde wirklich alles bezahlt hat, was im Wagen liegt.

Aber Walmart hat etwas, was Amerikas Mittelschicht trotzdem in die Filialen lockt: Die Preise sind niedrig - jedenfalls, wenn man es mit dem Konkurrenten vergleicht, den sich Amazon vor zwei Jahren einverleibt hat: Whole Foods. "Whole Paycheck" nennen Spötter die Öko-Kette, weil man dort bei jedem Einkauf einen Wochenlohn lässt.

Der schnörkellose Billigheimer auf der einen, die Bio-Boutique auf der anderen Seite - die Rollen schienen klar verteilt. Doch nun greift Whole Foods den Konkurrenten in dessen Kerndisziplin an. Zum dritten Mal seit der Übernahme wurden die Preise gesenkt. Zwar ergibt der Vorher-Nachher-Vergleich, dass es mit den vermeintlichen Schnäppchen nicht so weit her ist, wie behauptet (die Schale Öko-Erdbeeren kostet gar 50 Cent mehr). Den Mitgliedern von Amazon Prime allerdings gewährt Whole Foods bei vielen Waren Sonderkonditionen. Die Erdbeeren zum Beispiel bekommen sie für 2,99 statt 4,99 Dollar. Dahinter steht ein klares Kalkül: Amazon will seine bislang schwache Position im Lebensmittelsektor ausbauen und dazu seine Dominanz im Digitalgeschäft nutzen.

Selbsternanntes Technologieunternehmen

Doch auch der Gegner schläft nicht. Walmart hat damit begonnen, sein Geschäftsmodell radikal umzubauen. Aus der etablierten Supermarktkette soll ein selbsternanntes "Technologieunternehmen" werden, das den Strukturwandel der Branche vorantreibt, statt den Veränderungen hinterherzulaufen. Dafür hat sich der Konzern

Die wichtigste Veränderung allerdings finde in den Köpfen statt, hat Konzernchef Doug McMillon bekannt: "Bei Walmart ist ein Kulturwandel im Gange. Und wir genießen das."

Anders gesagt: Der Dinosaurier will zur Gazelle mutieren.

Damit ist der Kampf um die Vorherrschaft im Lebensmittel-Einzelhandel voll entbrannt. Lange waren Walmart und Amazon ganz gut aneinander vorbeibekommen. Denn beide sind Giganten und Zwerge zugleich.

Mit mehr als 500 Milliarden Dollar ist Walmart das umsatzstärkste Unternehmen der Welt, und mit 2,2 Millionen Beschäftigten der größte private Arbeitgeber. Amazon kommt mit seinen knapp 650.000 Beschäftigten nicht einmal auf die Hälfte des Umsatzes.

Im Onlinehandel aber kehren sich die Verhältnisse um. Walmart hält im E-Commerce-Sektor der USA nur vier Prozent Marktanteil, während Amazon in seiner kurzen Geschichte 45 Prozent erobert hat. Und noch eine Kennzahl lässt das 1962 von Sam Walton gegründete amerikanische Traditionsunternehmen ziemlich alt aussehen: Amazons Marktkapitalisierung ist gut drei Mal so hoch wie die von Walmart - ein eindeutiges Votum der Investoren, die auf die Zukunft spekulieren. Denn der stationäre Einzelhandel der USA ist zum Friedhof klangvoller Namen geworden. Sears und Toys'R'US gingen pleite, andere wie Macy's, J.C. Penney, Victoria's Secret oder Gap schließen Filialen, um zu überleben.

Onlineumsätze um 40 Prozent gestiegen

REUTERS

Endlose Regale und Kassen in einem Walmart in New Jersey

Doch wer auch Walmart ein schnelles Ende voraussagte, hat sich geirrt. Im Gegenteil macht der Konzern Boden gut. Im Geschäftsjahr 2018/2019 sind die Onlineumsätze in den USA um 40 Prozent gestiegen. Damit ist Walmart in der Rangliste an die dritte Stelle vor Apple gerückt.

Die Supermarktkette hat eine Reihe kleiner Internetanbieter übernommen und Partnerschaften geschlossen, um ihr Sortiment zu erweitern. Aber "es ist nicht unser Plan, uns den Weg zum Erfolg zu erkaufen", versichert Firmenchef McMillon. Stattdessen wird experimentiert und riskiert. Zum Beispiel mit "Jetblack", einem persönlichen Einkaufsservice, mit dem vielbeschäftigte New Yorker für 600 Dollar im Jahr per SMS Espressokapseln, eine Yogamatte oder auch Vorschläge für den sechsten Geburtstag des Sprösslings anfordern können.

Der einfache Küchenzuruf soll funktionieren

Walmart macht mit dem personalintensiven Geschäft Verluste, sammelt aber Daten und Erfahrungen, um ein automatisiertes System mit künstlicher Intelligenz aufzubauen. In Arizona testet der Konzern selbstfahrende Lieferfahrzeuge. Und demnächst können die Kunden Brot und Butter über Googles Sprachassistenten ordern. Nach ein paar derartigen Bestellungen soll der einfache Küchenzuruf "Milch" reichen, damit der Kunden die 3,8-Liter-Flasche fettarme Ein-Prozent-Bio-Milch seiner präferierten Marke vor der Haustür findet. "Ich will, dass Sie Walmart neu denken", forderte der Firmenchef die Investoren auf.

Entscheiden könnte die Schlacht aber letztlich etwas anders: Walmart will aus seiner vermeintlichen Schwäche der flächendeckenden Präsenz eine Stärke machen. 90 Prozent der Amerikaner leben höchstens zehn Meilen von der nächsten Filiale entfernt. Mit "Click & Collect" können sie nun an vielen Standorten online bestellen und wenig später die Waren auf dem Parkplatz in den SUV laden. Der Kundschaft scheint das zu gefallen. Der Finanzdienstleister Cowen & Co. schätzt das Marktvolumen auf 35 Milliarden Dollar in 2020.

Gerüchte um Amazon

Amazon aber wird das Feld dem Konkurrenten nicht kampflos überlassen. Auch Whole Foods offeriert in vielen Städten inzwischen Click & Collect sowie die kostenlose Lieferung für Prime-Mitglieder. Und in der Branche verdichten sich Spekulationen, dass Amazon nach dem 14-Milliarden-Dollar-Zukauf nun eine weitere konventionelle Lebensmittelkette in den USA aufbauen will. In Seattle können die Kunden von Amazon Fresh schon in zwei Geschäften Obst und Gemüse selbst abholen. Das könnte die Blaupause sein.

Zumindest in dieser Hinsicht fühlt sich Walmart dank seines riesigen Warenlagers und der angestammten Führungsrolle im Lebensmittelbereich mit einem Marktanteil von 23 Prozent überlegen. Die Anpassung an die Zukunft allerdings hat Tücken.

Als Walmart kürzlich die Lieferung von Frischeprodukten aus dem Supercenter in North Bergen im Bundesstaat New Jersey startete, kam das bei den Kunden etwas zu gut an. Den Bestellknopf klickten vor allem Käufer im gegenüber liegenden Manhattan. Was Walmart nicht bedacht hatte: bei jeder Fahrt durch den Tunnel unter dem Hudson River werden 15 Dollar Mautgebühr fällig. Nach ein paar Tagen stoppte die Supermarktkette die Lieferungen nach New York.

insgesamt 59 Beiträge
Nordstadtbewohner 08.04.2019
1. Amazon wird sich durchsetzen
Die Zeiten des stationären Handels neigen sich langfristig dem Ende zu. Die Menschen kaufen mehr und mehr über das Internet ein. Dort bekommen sie alles, was der Markt bietet, zu günstigen Preisen. Da wird Walmart auf Dauer [...]
Die Zeiten des stationären Handels neigen sich langfristig dem Ende zu. Die Menschen kaufen mehr und mehr über das Internet ein. Dort bekommen sie alles, was der Markt bietet, zu günstigen Preisen. Da wird Walmart auf Dauer nicht mithalten können. Walmart erinnert ein wenig an die Automobilhersteller, die sich verzweifelt an den Verbrennungsmotor klammern. Eine Weile wird es noch laufen, aber das Ende wird kommen. Schade darum ist es nicht, denn im Internet einzukaufen, ist für mich viel bequemer und stressärmer.
solna 08.04.2019
2. Überfordert und überfrachtet
Ich sag's nicht gern, aber manchmal sehnt man sich zurück in sozialistische Zeiten, in denen es einheitliche Preise gab von Rostock bis Dresden. Ich bin zwar auf der anderen Seite der Mauer groß geworden, aber aktuell finde ich [...]
Ich sag's nicht gern, aber manchmal sehnt man sich zurück in sozialistische Zeiten, in denen es einheitliche Preise gab von Rostock bis Dresden. Ich bin zwar auf der anderen Seite der Mauer groß geworden, aber aktuell finde ich das Einheitspreisige ganz schön. Die ewige Schnäppchenjägerei, die Mitgliedschaften, die Bonuskarten und der ganze andere Firlefanz halten uns davon ab, zum Kern des Lebens vorzudringen. Wir erstarren in einem dumpfen Konsumerismus. Sorry, aber jetzt muss ich mal schnell weg, Schnäppchen gucken auf einer Deals-Webseite. Man will ja nix verpassen.
d.oldendorf 08.04.2019
3. Hoffentlich hat der Autor von Kommentar 1 unrecht
Es ist wohl tatsächlich zu befürchten, dass die volldigitalisierten Bestelldienste den Kuchen im Laufe der Zeit unter sich aufteilen. Aber bevor einfach alles, was wir täglich benötigen, von Jeff Bezos kommt, wären wir gut [...]
Es ist wohl tatsächlich zu befürchten, dass die volldigitalisierten Bestelldienste den Kuchen im Laufe der Zeit unter sich aufteilen. Aber bevor einfach alles, was wir täglich benötigen, von Jeff Bezos kommt, wären wir gut damit beraten, unsere Kaufentscheidungen gezielt mal da und mal dort zu platzieren. Wenn einzelne Marktteilnehmer Monopoly spielen wollen, sollten wir nicht auch noch die Steigbügel dafür hinhalten - das Preisdiktat kommt in dem Fall ganz sicher als Dankeschön an die Konsumenten zurück. Und davor kann uns nur die Vielfalt der Anbieter bewahren.
huz6789 08.04.2019
4. zu 1. Amazon wird sich durchsetzen
Diese Bequemlichkeit wird in naher Zukunft ziemlich teuer werden. Wer sich ein bisschen auskennt, der weiß: Die Lieferung nach Hause ist auf Dauer nicht finanzierbar. Amazon wird schon bald auch Prime-Kunden dazu erziehen, [...]
Zitat von NordstadtbewohnerDie Zeiten des stationären Handels neigen sich langfristig dem Ende zu. Die Menschen kaufen mehr und mehr über das Internet ein. Dort bekommen sie alles, was der Markt bietet, zu günstigen Preisen. Da wird Walmart auf Dauer nicht mithalten können. Walmart erinnert ein wenig an die Automobilhersteller, die sich verzweifelt an den Verbrennungsmotor klammern. Eine Weile wird es noch laufen, aber das Ende wird kommen. Schade darum ist es nicht, denn im Internet einzukaufen, ist für mich viel bequemer und stressärmer.
Diese Bequemlichkeit wird in naher Zukunft ziemlich teuer werden. Wer sich ein bisschen auskennt, der weiß: Die Lieferung nach Hause ist auf Dauer nicht finanzierbar. Amazon wird schon bald auch Prime-Kunden dazu erziehen, ihre Ware in Lockerboxen abzuholen und Heimzustellung wird aus Sicht des sparsamen Deutschland unerschwinglich teuer werden. Wenn Sie aber wieder wohin fahren müssen, um ihre Ware wieder abzuholen, dann werden die Karten im Onlinehandel neu gemischt. Amazon eröffnet in USA Stores. Was glauben Sie wohl warum ? Ob sie dann bei Amazon - wie meistens üblich - freiwillig 10-20% mehr bezahlen als bei der Konkurrenz, dürfen Sie dann selbst entscheiden.
sgvs 08.04.2019
5. @#1
Blos nicht. Zumindest Obst und Gemüse muß ich nicht nur sehen sondern auch fühlen. Und die Optische Auswahl des gewünschten Einzelstückes gibt es ja auch noch nicht!
Blos nicht. Zumindest Obst und Gemüse muß ich nicht nur sehen sondern auch fühlen. Und die Optische Auswahl des gewünschten Einzelstückes gibt es ja auch noch nicht!

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