Schrift:
Ansicht Home:
Wirtschaft

Neues Jahr, neues Glück?

Was deutsche Manager-Verlierer nun machen

Sie wurden gefeuert - oder verhaftet: 2018 gingen mehrere Vorstandsvorsitzende großer deutscher Unternehmen spektakulär von Bord. Womit sich die einstigen Chefs nun beschäftigen.

dpa/ reuters/ picture alliance

Deutsche Manager

Von den manager-magazin-Redakteuren , Thomas Werres und Dietmar Palan
Freitag, 28.12.2018   16:36 Uhr

Selten mussten so viele Chefs ihren Posten räumen wie in diesem Jahr. Deutsche Topmanager wurden vom Aufsichtsrat gefeuert, von aktivistischen Investoren genervt - oder gar von Staatsanwälten verhaftet. Womit sich die einstigen Unternehmenslenker nun beschäftigen - und warum manche richtig stillhalten. Der Überblick.

Rupert Stadler: Wieder frei, aber trotzdem still

REUTERS

Rupert Stadler

Nach seinem Abgang als Audi-Chef bleibt Rupert Stadler erst mal auf Tauchstation. Seine elfeinhalb Jahre lange Ära als Vorstandschef von VWs Luxustochter Audi fand im Sommer ein jähes Ende: Am 19. Juni 2018 ließen Staatsanwälte den langjährigen Audi-Chef Rupert Stadler verhaften. Weil er versucht haben soll, Zeugen zu beeinflussen, musste Stadler wegen "Verdunklungsgefahr" monatelang in Untersuchungshaft. Audi beurlaubte Stadler zunächst, im Oktober trennte sich der Volkswagen-Konzern endgültig von Stadler. Anfang November schafften es Stadlers Anwälte, ihn gegen Kaution aus der Untersuchungshaft zu holen.

Seit seiner Freilassung ist es um den Automanager still geworden. Bei Kultur- oder Sportveranstaltungen in Ingolstadt ließ sich Stadler zuletzt nicht blicken, heißt es in Berichten süddeutscher Medien. Für den Komplettrückzug aus der Öffentlichkeit hat Stadler gute Gründe: Zu seinen Kautionsauflagen gehört auch ein Kontaktverbot zu Personen, die für das Ermittlungsverfahren relevant sind.

Dass die Staatsanwälte Anklage gegen ihn erheben, gilt als wahrscheinlich - die Anklageschrift soll im späten Frühjahr 2019 fertig sein. Bis dahin dürfte Stadler wohl zahlreiche Termine mit seinen Anwälten haben, um seine Verteidigungsstrategie festzulegen.

Matthias Müller: Zum Berater degradiert

DPA

Matthias Müller

Von seinem bevorstehenden Rauswurf soll er erst Stunden zuvor erfahren haben: Am 12. April 2018 endete Matthias Müllers Zeit als VW-Konzernchef ziemlich abrupt. Die VW-Aufsichtsräte ersetzten ihn durch den bisherigen VW-Markenchef Herbert Diess. Die Gründe für Müllers Rauswurf sollen einige mediale Alleingänge und eine zunehmende Entfremdung von den VW-Eigentümerfamilien Porsche und Piech gewesen sein. Dabei hatte Müller den Konzern durchaus erfolgreich durch die Niederungen des Abgasskandals gesteuert - und die Wende Richtung Elektromobilität eingeläutet.

Auf öffentlichen VW-Veranstaltungen gesichtet wurde der Manager seither nicht mehr, dabei ist er seinem alten Arbeitgeber noch über ein Jahr lang verbunden. Müllers Vorstandsvertrag läuft noch bis Ende Februar 2020. Bis dahin steht er dem Unternehmen beratend zur Verfügung, hieß es bereits im April.

Was er dabei genau tut, kann der Konzern nicht beantworten. Über Müllers Beratungstätigkeit sei Vertraulichkeit vereinbart worden, heißt es auf Nachfrage. Eine Abfindung hat Müller aber nicht erhalten. Dafür kassiert er weiter sein Vorstandsgehalt, das in guten Jahren schon mal bei 10 Millionen Euro lag.

John Cryan: Rückzug in die USA

DPA

John Cryan

Europa erstmal adé - nach dieser Devise lebt John Cryan nach seinem Rauswurf bei der Deutschen Bank. Am 8. April wurde der gebürtige Brite als Chef des größten deutschen Bankhauses abberufen und durch Christian Sewing ersetzt. Deutsche-Bank-Chefkontrolleur Paul Achleitner erklärte dazu, dass unter Cryan Entscheidungen zu langsam getroffen und umgesetzt wurden.

Bekannten hat Cryan seither erklärt, dass er nun erst mal privatisiere. Bei seinem Rückzug geht Cryan ziemlich konsequent vor. Seinen Lebensmittelpunkt hat er aus Frankfurt in die USA verlegt: Er lebt nun in Annapolis nahe Washington, wo seine Frau Mary seit knapp einem Jahrzehnt ein Anwesen besitzt.

Im Frühsommer kappte er eine weitere Verbindung nach Europa: Er zog sich als Chairman der britischen Stiftung Gabrieli zurück, die klassische Musik inszeniert. Nur eine Verbindung in Europas Finanzszene hält er noch: Beim britischen Hedgefonds Man Group bleibt er bis mindestens 2020 im Board. Ähnlich rigoros war Cryan auch nach seinem Abschied bei der UBS im Jahr 2011 vorgegangen.

Kurt Bock: Erste Erfahrungen als Unternehmenskontrolleur

picture alliance / dpa

Kurt Bock

Bei seinem Abschied als Chef auf der Hauptversammlung der BASF im Mai rechnete Kurt Bock mit den Kritikern, die ihm unternehmerische Verzagtheit vorgeworfen hatten, harsch und öffentlich ab. Wer Visionen habe, solle besser zum Arzt gehen, zitierte der nüchterne Ostwestfale damals den einstigen Bundeskanzler Helmut Schmidt.

Seitdem ist es komplett ruhig um ihn geworden. Tatsächlich muss Bock ja auch abkühlen. Um im Mai 2020 an alter Wirkungsstätte in Ludwigshafen den Aufsichtsratsvorsitz von Jürgen Hambrecht übernehmen zu können.

Bock bewegt sich nun vor allem in exklusiven Zirkeln wie der Schmalenbach-Gesellschaft, der Jacob-Gould-Schurman-Stiftung oder dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. Zusätzlich sammelt er in den Aufsichtsraten von BMW und Münchener Rück Erfahrung als Unternehmenskontrolleur. Sein Lebensmittelpunkt ist nach wie vor Heidelberg. Von da aus hat er es später nicht weit bis zur BASF.

Heinrich Hiesinger: Hausarbeit statt Stahlkonzern-Umbau

REUTERS

Heinrich Hiesinger

Unmittelbar nachdem Heinrich Hiesinger Anfang Juli genervt von den beiden Großaktionären Krupp-Stiftung und Cevian seinen Posten als Chef von ThyssenKrupp hinschmiss, räumte er sein Büro. Zu Hause machte sich der Ingenieur gleich an dort liegen gebliebene Aufgaben. Die Bewässerungsanlage im Garten brachte er in Schuss. Auch um die Beleuchtung kümmerte er sich.

Bis auf Weiteres bleibt er zurückgezogen. Für jene, die seine Meinung schätzen, ist er aber erreichbar. Ab und an geht's nach München zu BMW, wo er seit 2017 dem Aufsichtsrat angehört.

Carsten Kengeter: Kampf mit juristischer Altlast

DPA

Carsten Kengeter

Carsten Kengeter, bis zum Herbst 2017 Vorstandsvorsitzender der Deutschen Börse, privatisiert bis auf Weiteres. Bevor er, der gelernte Investmentbanker (Goldman Sachs, UBS), wieder für Aufsichts- und Beiratsmandate satisfaktionsfähig ist, muss eine juristisch heikle Altlast beseitigt werden. Noch immer ermittelt die Frankfurter Staatsanwaltschaft gegen Kengeter wegen des Verdachts auf Insiderhandel. Kengeter bestreitet die Vorwürfe und sieht sich zu Unrecht beschuldigt.

Die Angelegenheit ist vertrackt und hat ihre Ursache in einem Vergütungspaket, das der Aufsichtsrat der Börse im Herbst 2015 speziell für Kengeter zurechtgeschnürt hat. Sollte der damalige Börsenchef bis Ende Dezember 2015 Aktien seines Arbeitsgebers im Wert von 4,5 Millionen Euro aus eigenem Vermögen erwerben, wollte die Börse noch einmal Gratisaktien im Wert von 4,5 Millionen Euro draufpacken. Weil Kengeter und sein Aufsichtsratschef Joachim Faber just zu diesem Zeitpunkt über einen Zusammenschluss mit der London Stock Exchange sprachen, nahmen die Frankfurter Staatsanwälte später Ermittlungen wegen des Verdachts auf Insiderhandel auf.

Bereits im Herbst 2016 versuchte Faber das Verfahren mit einem Deal zu beenden. 10,5 Millionen Euro sollten mit Zustimmung von Börsen-Aufsichtsrat- und -Vorstand in Einstellung und Rechtsfrieden investiert werden. 10 Millionen wollte das Unternehmen aufbringen, 500.000 sollten von Kengeter kommen. Der Handel scheiterte am Veto des Amtsgerichts Frankfurt. Unter anderem deswegen, weil das Bundesamt für Finanzdienstleistungsaufsicht, das auch hinter den Ermittlungen der Staatsanwälte stand, auf eine Zahlung Kengeters pochte, die zumindest die Gewinne aus dem strittigen Deal abschöpfen sollte.

Nun unternimmt Aufsichtsratschef Faber offenbar einen neuen Anlauf. Die Börse will demnach weiterhin 10 Millionen Euro anbieten, Kengeter selbst soll fünf Millionen Euro bezahlen. Von Bafin, Unternehmen, Kengeter und Faber war keine Bestätigung zu erhalten, Anfragen blieben entweder unbeantwortet oder kamen mit dem Vermerk "kein Kommentar" zurück. Innerhalb der Bafin heißt es nur, es sei "Bewegung in die Angelegenheit gekommen".

insgesamt 12 Beiträge
competa1 28.12.2018
1. Herr Müller von VW...
..hätte ja nun Zeit endlich mal einen Englischkurs zu besuchen!
..hätte ja nun Zeit endlich mal einen Englischkurs zu besuchen!
frankfurtbeat 28.12.2018
2. größtenteils ...
größtenteils handelt es sich um Nieten in Nadelstreifen die nicht einmal davor zurückschrecken die Politik, die Menschen anzulügen, zu betrügen. Weshalb dieser Spezie überhaupt noch eine Zeile gegeben wird kann ich daher [...]
größtenteils handelt es sich um Nieten in Nadelstreifen die nicht einmal davor zurückschrecken die Politik, die Menschen anzulügen, zu betrügen. Weshalb dieser Spezie überhaupt noch eine Zeile gegeben wird kann ich daher nicht nachvollziehen. Was machen sie denn wohl ... das Geld welches sie über Jahre hinweg eingesackt haben ausgeben und gegebenenfalls noch Ansprüche stellen ...
karl_idstein 28.12.2018
3. Altersgemäß, zumindest teils
Es wäre gut gewesen, wenn im Artikel immer auch das Alter der jeweiligen Person genannt worden wäre. Matthias Müller etwa ist 65. Falls er nun ab 2020 nicht mehr beruflich exponiert in Erscheinung treten wird, so ist das keiner [...]
Es wäre gut gewesen, wenn im Artikel immer auch das Alter der jeweiligen Person genannt worden wäre. Matthias Müller etwa ist 65. Falls er nun ab 2020 nicht mehr beruflich exponiert in Erscheinung treten wird, so ist das keiner Erklärung wert, sondern sehr "normal". Schauen wir mal. Bei etlichen DAX-Unternehmen ist sogar 60 die intern übliche Altersgrenze fürs Ausscheiden von Vorstandsmitgliedern. Also vieles im grünen Bereich. Aufregung weitgehend unnötig.
upalatus 28.12.2018
4.
Echt niedlich gedacht, das amtliche Kontaktverbot für Stadler. Wie soll das gehen, bei der provinziell-jedermitjedemverwandtenbekannten 'familiären' Audistruktur in und um IN? Da gibts ja auch noch ein weiteres Audi-Urgestein [...]
Echt niedlich gedacht, das amtliche Kontaktverbot für Stadler. Wie soll das gehen, bei der provinziell-jedermitjedemverwandtenbekannten 'familiären' Audistruktur in und um IN? Da gibts ja auch noch ein weiteres Audi-Urgestein namens Müller Matthias ohne Kontaktverbot und viel Zeit....... . Gibt genügend Gefälligkeitsboten oder -kanäle, die für sehr gute Kommunikation sorgen. Zeit genug bis nächstes Frühjahr, 'Schnittstellen' ehem. Audi oder VW irgendwo entfernt abzuparken. Aus der Schusslinie bringen, nennt sich das. Dass Stadler nicht mehr so öffentlich auftritt, dürfte auch daran liegen, dass ihm die 'Uniform' genommen wurde, und mancher Strahler ist ohne nun mal nichts. Müller, der zweite im buchstäblichen Konzern-Bunde, wurde ja vollkommen unsichtbar. Trotz, Beleidigtsein, Rachepläne schmiedend, oder massive psychische Probleme damit, dass manch Audikollegen vom nahen Ende trotz guter Arbeit informiert sein mussten, nur er nicht? Wenn man wie er die interne Ehrlichkeit und Offenheit propagiert hat und auf diese messerblitzende Weise 'die Audi' wohl mal selbst kennlernen durfte, wär ein break down verständlich.
Johann Dumont 28.12.2018
5. im nächsten Jahr ist Bayer dran
im nächsten Jahr könnte man Herrn F. Merz dazu befragen wie es dazu kommen konnte - schließlich ist Blackrock an Bayer und Monsanto beteiligt. Herr Werner Baumann steht aber auf der Liste 2019.
im nächsten Jahr könnte man Herrn F. Merz dazu befragen wie es dazu kommen konnte - schließlich ist Blackrock an Bayer und Monsanto beteiligt. Herr Werner Baumann steht aber auf der Liste 2019.

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP