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Wissenschaft

Erreger-Stammbaum

Forscher halten Pest-Pandemie für möglich

Die Pest gehört der Vergangenheit an? Nicht unbedingt, mahnen Forscher. Sie haben das Erbgut des Erregers entziffert - sein Stammbaum zeige, dass erneut Pandemien möglich sind.

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Pestarzt um 1656: Warum manche Pesterreger später verschwanden, lassen die Forscher offen

Dienstag, 28.01.2014   15:26 Uhr

Aus den Genomen Dutzender Erregervarianten haben Wissenschaftler einen Stammbaum des Pest-Bakteriums erstellt. Während mache Stämme von Yersinia pestis vermutlich längst ausgestorben sind, haben sich andere weltweit etabliert, folgert ein internationales Forscherteam mit deutscher Beteiligung im Fachblatt "The Lancet Infectious Diseases". Demnach können Pest-Erreger jederzeit erneut Pandemien verursachen, mahnen die Autoren. Allerdings verweisen sie auch auf heute erhältliche Antibiotika gegen die Bakterien, so dass eine große Ausbreitung unwahrscheinlicher sei als zu früheren Zeiten.

Die Forscher um David Wagner von der Northern Arizona University in Flagstaff konzentrierten sich auf drei Pest-Pandemien: Die Pest des Justinian raffte im 6. Jahrhundert in Asien, Nordafrika und Europa schätzungsweise 30 bis 50 Millionen Menschen dahin. Der Schwarze Tod kostete allein bei der Welle zwischen 1347 und 1351 vermutlich etwa 50 Millionen Menschen das Leben. Zudem startete eine neuzeitliche Pestepidemie im 19. Jahrhundert in China, der ebenfalls Millionen Menschen zum Opfer fielen.

Genom des Erregers veröffentlicht

Die Wissenschaftler sequenzierten das Genom des frühesten Pesterregers aus Zähnen zweier Opfer, die vermutlich um das Jahr 540 starben und im bayrischen Aschheim bestattet wurden. Einen ersten genetischen Nachweis der Pest-Erreger in dem Ort bei München hatten Forscher bereits im vergangenen Jahr veröffentlicht. Das nun entzifferte Erbgut, den Forschern zufolge das älteste sequenzierte Genom eines Krankheitserregers, verglichen sie mit dem von 131 Typen späterer Pest-Erreger und erstellten daraus einen Stammbaum der Art.

Die frühe Variante, die den in Aschheim bestatteten Menschen zum Verhängnis wurde, habe keine näheren Verwandten mehr und sei vermutlich ausgestorben, schreiben die Forscher und sprechen von einer "evolutionären Sackgasse". Der spätere Stamm sei dagegen zwischen Asien, Afrika und Europa hin- und hergeschwappt. Mit diesem eng verwandt sei jener Typus, der die Pandemie im 19. Jahrhundert auslöste. Diese Variante habe sich weltweit etabliert.

Verbreitung hat eine Klimakonstante

"Wir folgern, dass Y. pestis zu mehreren Zeitpunkten der Geschichte aus Reservoiren bei Nagetieren auftauchte und Pandemien bei Menschen auslöste", schreiben sie. Noch immer gebe es Varianten des Bakteriums weltweit unter Nagetieren, die wieder auftauchen und neue Pandemien auslösen könnten, "wie sie es wiederholt in der Vergangenheit getan haben".

Warum manche Pesterreger verschwanden, lassen die Forscher offen. Doch die drei Pandemien könnten mit dem Klima zusammenhängen: "Allen gingen Perioden außergewöhnlichen Regens voraus und alle endeten in Zeiten klimatischer Stabilität", schreiben sie.

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Der "Schwarze Tod": Bakterien lösten historische Pestwellen aus

nik/dpa

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Die Pest

Der Erreger
dapd

Das Pestbakterium Yersinia pestis befällt Menschen vor allem durch den Biss von Flöhen, aber auch beim direkten Kontakt mit Kleintieren, durch Einatmen oder in seltenen Fällen auch durch den Verzehr infizierten Materials. Unbehandelt führt die Pest nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in 30 bis 60 Prozent der Fälle zum Tod.
Verbreitung und Symptome
Die Pest ist in vielen Längern Afrikas, in Nord- und Südamerika sowie in Asien endemisch, tritt also immer wieder auf und ist kaum auszurotten. Im Jahr 2003 wurden laut WHO in neun Ländern insgesamt 2118 Infektionen und 182 Todesfälle registriert, davon jeweils knapp 99 Prozent in Afrika. Mit der Pest infizierte Menschen entwickeln zunächst grippeähnliche Symptome - allerdings waren sie dann schon drei bis sieben Tage lang infiziert und konnten den Erreger weiter verbreiten. Es folgen plötzliches Fieber, Schüttelfrost, Kopf- und Gliederschmerzen sowie Müdigkeit, Übelkeit und Erbrechen.
Varianten
Die Pest tritt abhängig vom Infektionsweg in drei Formen auf:

Die Beulenpest ist die häufigste Form der Pest. Sie wird vom Biss eines infizierten Flohs verursacht. Das Pestbakterium dringt durch die Haut in die Blutbahn ein, wandert durch das Lymphgefäßsystem bis zum nächsten Lymphknoten, wo sich der Bazillus stark vermehrt und eine Entzündung verursacht. Der geschwollene Lymphknoten bildet eine "Bubo" genannte Eiterbeule, die starke Schmerzen verursachen und aufplatzen kann.

Die septikämische Pest tritt auf, wenn sich die Infektion ohne Beulenbildung in der Blutbahn verbreitet und eine Blutvergiftung, eine sogenannte Sepsis, verursacht. Die Symptome sind hohes Fieber mit Schüttelfrost und Kopfschmerzen sowie Blutungen an Haut und inneren Organen. Die Pestsepsis kann auch eine Folge einer Beulen- oder Lungenpest sein und endet unbehandelt meist innerhalb von 36 Stunden mit dem Tod.

Die Lungenpest ist die ansteckendste und zugleich am wenigsten verbreitete Form der Pest. Oft ist sie eine Folge einer fortgeschrittenen Beulenpest-Erkrankung. Ansonsten wird sie durch das Einatmen ansteckender Tröpfchen ausgelöst und kann sich auf diese Weise von Mensch zu Mensch verbreiten. Unbehandelt führt die Lungenpest in über 90 Prozent der Fälle zum Tod.

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