Schrift:
Ansicht Home:
Wissenschaft

Thonis-Herakleion

In Ägyptens versunkener Stadt

Am Nildelta liegt einer der größten altägyptischen Schätze, die versunkene Stadt Thonis-Herakleion. Dort entdeckten Unterwasserarchäologen nun überraschend einen griechischen Tempel.

Christoph Gerigk/ Franck Goddio/ Hilti Foundation
Von
Donnerstag, 29.08.2019   04:59 Uhr

Man kann nur noch erahnen, was sich in Thonis-Herakleion ereignet hat, aber das Unglück, dass die Stadt am Nildelta vor mehr als 2000 Jahren heimsuchte, muss verheerend gewesen sein:

Auf ein Erdbeben folgte ein gewaltiger Erdrutsch, der die Gebäude metertief ins Meer riss. Eine Flutwelle besiegelte dann endgültig das Schicksal des Mittelmeerhafens und seiner Bewohner.

Übrig blieb eine kleine archäologische Sensation. Sie liegt unweit vom heutigen Alexandria vor der Bucht von Abukir im Meer.

2001 entdeckten Unterwasserarchäologen auf der Suche nach einem Wrack zufällig die ausgezeichnet erhaltenen Reste der Ansiedlung. Im Meeresboden steckten große Steinbrocken. Säulen lagen im Sand, als hätten sie gestern noch einen Tempel gestützt.

Im Laufe der Jahre wurden etliche Wracks, Statuen und Steintafeln mit Inschriften freigelegt. Ägyptologen konnten durch ihre Entzifferung überhaupt erst nachweisen, dass sie Herakleion gefunden hatten. So nannten die Griechen den Ort, die Ägypter tauften ihn Thonis.

MEHR ZUM THEMA

Die zahlreichen Entdeckungen hat die Fachwelt Franck Goddio und seinem Team vom Europäischen Institut für Unterwasserarchäologie (IEASM) zu verdanken. Der Franzose, eigentlich einst als Finanzexperte tätig, hat sich seit Jahren der Archäologie verschrieben, ist ein anerkannter Experte. Mit Unterstützung des ägyptischen Ministeriums für Altertümer taucht er seit gut 20 Jahren in der Bucht von Abukir.

Goddio gelangen viele kleinere Funde, die zusammengenommen ein immer aussagekräftigeres Bild von Herakleion und seinem Untergang lieferten. Nun haben seine Mitstreiter einen Tempel untersucht, der einst Amun geweiht war, dem höchsten altägyptischen Gott. Der Bau war durch den Erdrutsch offenbar nahezu vollständig in einen Kanal geglitten, folgern die Archäologen. Sie entdeckten die Mauerreste und zahlreiche weitere Gegenstände des täglichen Lebens - wie Keramik und Münzen - etwa 3,5 Meter unter dem Meeresboden.

Der Tempel stammt aus der Zeit der 30. Dynastie zu Beginn des 4. Jahrhunderts vor Christus und befand sich unter der Regentschaft von Ptolemaios VIII., als sich die Katastrophe ereignete. Die Regierungszeit des wegen seiner Leibesfülle auch "Physkon" (der Dicke) genannten Herrschers fiel in die ptolemäische Zeit, also jene Periode, in der Ägypten von makedonisch-griechischen Machthabern dominiert wurde.

Fotostrecke

Archäologie in Ägypten: Die letzten Geheimnisse von Thonis-Heracleion

Neben dem Amun-Tempel, so schreibt Goddio in einer Mitteilung, entdeckte das Team noch einen griechischen Rundtempel. Bekannt ist ein sogenannter Tholos aus dem berühmten Ausgrabungsort Delphi. Der Bau war offenbar während desselben Erdrutsches zerstört worden. Auch hier fanden die Forscher gut erhaltene Gegenstände aus Bronze und Silber.

Einige Münzen stammen möglicherweise aus Zypern. Ein weiterer Beleg dafür, dass der Ort, der sich in der Antike einst direkt an der Nilmündung befand, nicht nur ein religiöses Zentrum, sondern auch ein bedeutendes Handelszentrum war.

Thonis-Herakleion wurde auf mehreren kleinen Inseln errichtet. Das Forscherteam hatte in der Vergangenheit Dutzende Schiffswracks entdeckt. Einige brachten Waren aus dem Mittelmeerraum in den Hafen. Dort wurden Handelsgüter wie Edelmetalle oder Holz auf kleinere Lastenkähne verteilt, die sie über ein dicht verzweigtes Kanalnetz weiter im Reich verteilten.

Mehr zum Thema

Thonis-Herakleion war aber nicht die einzige Siedlung im westlichen Nildelta. Unweit lag der Hafen von Kanopus, auch er wurde bei dem Beben nahezu dem Erdboden gleich gemacht. Bei der Untersuchung der Überreste fanden Archäologen aber Hinweise darauf, dass dort das ägyptisch-griechische Leben nach der Katastrophe weiterging. Davon zeugen Tempel sowie ein christliches Kloster.

Bei den diesjährigen Ausgrabungen wurden auch römische Strukturen gefunden. Dabei handelt es sich wohl um ein Wasserleitungssystem, das zu einem Badehaus gehört. Die Archäologen entdeckten islamischen und byzantinischen Schmuck und Goldmünzen. Datierungen verraten, dass die Ausgrabungsregion vom 6. Jahrhundert vor Christus bis zum 8. Jahrhundert nach Christus besiedelt war.

Etwa um diese Zeit war es mit dem Multikulti auch in Thonis-Herakleion endgültig vorbei. Alles, was nach der Katastrophe Mitte des 2. Jahrhunderts vor Christus wieder aufgebaut wurde, fiel nun erneut einem Beben zum Opfer, glauben Forscher. Offenbar hatten die Menschen danach endgültig keinen Mut mehr, den Ort wieder aufzubauen.

Im Video: Ägyptens versunkene Schätze

Foto: SPIEGEL TV

Verwandte Artikel

Verwandte Themen

Archäologische Methoden der Datierung

Radiokarbondatierung
Das radioaktive Kohlenstoffisotop C-14 wird in der Atmosphäre ständig durch kosmische Strahlung erzeugt und gelangt in Form von Kohlendioxid (CO2) in die Biosphäre. Pflanzen, die CO2 aufnehmen, werden von Tieren und Menschen gegessen. Sie enthalten eine niedrige Aktivität, die überall und über lange Zeiträume gleich ist. Stirbt ein Lebewesen, nimmt es kein C-14 mehr auf und die Aktivität klingt in 5730 Jahren um die Hälfte ab. Je älter ein Fund, desto geringer seine Aktivität. Man kann damit bis zu einem Alter von circa 50.000 Jahren datieren.
Lumineszenzdatierung
Sie beruht auf einem Strahlenschaden durch die fast überall vorhandenen radioaktiven Elemente Uran, Thorium und Kalium. Die Halbwertszeiten der Radionuklide dieser Elemente sind so lang, dass man von einem konstanten Radioaktivitätspegel ausgehen kann. Als Sensoren für die Strahlenschäden verwendet man meist Quarz und Feldspäte, die in Keramik und in Sedimenten immer vorhanden sind. Diese Minerale senden Licht aus, wenn sie erhitzt werden (Thermolumineszenz) oder beleuchtet werden (optisch stimulierte Lumineszenz). Je älter die Keramik, desto stärker das Leuchten.
Stratigraphie
Über die Stratigraphie wird das Alter eines Gegenstands anhand der Erdschicht bestimmt, in der er vorgefunden wurde. Die Schichten (lateinisch Straten) entstehen durch natürliche Ablagerungen und menschliche Aktivitäten. Die Stratigraphie kann deshalb gut mit den anderen Methoden kombiniert werden. Wurde beispielsweise ein Holzstück mit der C-14-Methode präzise datiert, erlaubt das Rückschlüsse auf das Alter eines Fundstücks, das in direktem Zusammenhang in derselben Erdschicht lag. Allerdings liefert dieses Verfahren keine absolute Altersangabe wie die C14-Methode. Die Archäologen können so nur feststellen, dass ein Artefakt etwa zur gleichen Zeit in die Erde gelangt ist.

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP