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Wissenschaft

Archäologischer Fund in Württemberg

Die Perlen-Frau von Ammerbuch

Sie lebte vor mehr als 7000 Jahren: Archäologen sind in Baden-Württemberg auf das Grab einer Frau gestoßen. Ihr Schmuck verrät, woher die ersten Bauern nach Süddeutschland kamen.

L. Brandstetter/ Universität Tübingen/ DPA

Die Tote gehörte zu den ersten Bäuerinnen in Württemberg

Donnerstag, 17.10.2019   10:57 Uhr

Es muss gebrannt haben in dem steinzeitlichen Dorf in Württemberg. Der Graben, der die Siedlung vor mehr als 7000 Jahren umgab, ist gefüllt mit dem Schutt abgebrannter Häuser und verkohlter Getreidekörner. Die Überreste verraten, wie die ersten Bauern in Deutschland gelebt haben.

Heute erinnert kaum etwas an die uralte Siedlung in der Nähe von Ammerbuch-Pfäffingen bei Tübingen. Die Erde hat sie verschluckt. Erst als Archäologen die Gegend mit Geomagnetik untersuchten, stießen sie auf Strukturen im Untergrund. Die Messungen zeigten ein riesiges Grabensystem, das einst große Teile einer steinzeitlichen Siedlung umgab. Solche Anlagen waren im Neckarraum bisher unbekannt.

In einem der Gräben haben Archäologen im Frühjahr die Überreste einer Frau entdeckt, wie das zuständige Landesamt für Denkmalpflege und die Universität Tübingen nun bekannt gaben. Die 30- bis 40-Jährige lag - typisch für diese Zeit - auf der linken Seite, die Beine angehockt.

Die Spur führt nach Osten

In dem Grab stießen die Archäologen auf 16 fein gearbeitete Perlen aus Kalkstein, die an Marmor erinnern. Die Tote trug sie einst als Kette um den Hals.

Doch wie kam die Frau zu dem außergewöhnlichen Schmuck? Für Süddeutschland sind die Perlen absolut untypisch, bisher ist noch keine einzige bekannt, die vergleichbar wäre. Allerdings gibt es ähnliche Funde aus dem Karpatenbecken und dem Balkanraum. Kam die Frau oder ihre Vorfahren einst von dort nach Deutschland?

Es spricht einiges dafür. Genetische Analysen deuten darauf hin, dass die ersten Bauern aus dem Balkanraum nach Mitteleuropa kamen - mitsamt Haustieren und Kulturpflanzen. Sie brachten eine völlig neue Lebensform mit sich: Statt jagend und sammelnd umherzustreifen, zäunten sie ihre Beute ein und säten die Pflanzen, die sie zum Überleben brauchten.

Die Landwirtschaft änderte alles: Plötzlich konnten die Menschen viele Dinge gut gebrauchen, die Jägern und Sammlern nur hinderlich gewesen wären, weil man sie hätte mitschleppen müssen. Die Menschen der Jungsteinzeit formten Keramiktöpfe, die sie mit Linienmustern verzierten, sie erfanden Rad und Wagen, gründeten Dörfer - die Grundlage, für das Zusammenleben, wie wir es heute kennen.

Was geschah mit den Jägern und Sammlern?

Die Veränderungen waren so gravierend, dass Archäologen auch von der "neolithischen Revolution" sprechen. Neuere Forschungen zeigen jedoch, dass es einige Zeit dauerte, bis sich das Bauerndasein endgültig durchsetzte. Die ständige Plackerei beim Viehfüttern, Pflügen und Säen wirkte offenbar abschreckend. Einige halten die Sesshaftwerdung gar für eine Falle von Steuereintreibern. (Mehr dazu lesen Sie hier.)

Die Tote von Ammerbruch-Pfäffingen gehört ohne Zweifel zu den ersten Bäuerinnen Württembergs. Warum sie in dem Graben bestattet wurde, ist unklar. Sie ist jedoch nicht die Einzige, die dort ihre letzte Ruhe fand. In einer Nische fanden sich die Überreste eines etwa vierjährigen Mädchens, auch sie lag auf der Seite mit angehockten Beinen. Außerdem entdeckten Archäologen einen einzelnen Schädel. Wo der Rest des Körpers geblieben ist, wissen die Forscher nicht. Von anderen steinzeitlichen Fundplätzen sind jedoch ähnliche Funde bekannt.

Die weiteren Untersuchungen sollen nun klären, welche Rolle die Jäger und Sammler spielten, die weiter in der Region lebten und ob sie am Ende doch noch sesshaft wurden - oder ausstarben.

koe

insgesamt 15 Beiträge
mimas101 17.10.2019
1. Hmm Tja
Könnte es sein das ein Ganzkörperbegräbnis so teuer war das sich der Otto-Normal-Steinzeitiensis nur eine Kopfbestattung leisten konnte... ? Denn eine Kette zu haben, schon feinpoliert, und die mit ins Grab zu nehmen dürfte [...]
Könnte es sein das ein Ganzkörperbegräbnis so teuer war das sich der Otto-Normal-Steinzeitiensis nur eine Kopfbestattung leisten konnte... ? Denn eine Kette zu haben, schon feinpoliert, und die mit ins Grab zu nehmen dürfte eher für eine reiche Dame sprechen. Im Ernst: Ich finde der Fund bestätigt eigentlich nur die These das die Seßhaftigkeit sich langsam über Ostafrika, dem Nahen Osten und über den Balkan in die Tundren und Birkenwälder jenseits der Alpen ausgebreitet hatte.
vox veritas 17.10.2019
2.
"Die Landwirtschaft änderte alles: Plötzlich konnten die Menschen viele Dinge gut gebrauchen, die Jägern und Sammlern nur hinderlich gewesen wären, weil man sie hätte mitschleppen müssen. " Die These ist zur [...]
"Die Landwirtschaft änderte alles: Plötzlich konnten die Menschen viele Dinge gut gebrauchen, die Jägern und Sammlern nur hinderlich gewesen wären, weil man sie hätte mitschleppen müssen. " Die These ist zur Hälfte richtig. Der weitaus wichtigere Punkt ist die gesicherte Versorgung mit Lebensmitteln und auch die Tatsache, daß weniger Kalorien verbrannt wurden, als beim ständigen Suchen nach verwertbarem Essen.
Freidenker10 17.10.2019
3.
Das Leben der Jäger und Sammler war sicherlich auch sehr beschwerlich, vor allem im Winter! Kann mir gut vorstellen wie es auf die Jungs gewirkt haben muss als der erste anfing sich eine warme Hütte zu bauen, Zäune zum Schutz [...]
Das Leben der Jäger und Sammler war sicherlich auch sehr beschwerlich, vor allem im Winter! Kann mir gut vorstellen wie es auf die Jungs gewirkt haben muss als der erste anfing sich eine warme Hütte zu bauen, Zäune zum Schutz usw. das muss seine Wirkung gehabt haben. Die Kultivierung von Pflanzen, das domestizieren von Haustieren, Brunnenbau usw. usw. haben das Leben sicherlich sehr viel einfacher als das der J&S gemacht, hat also sicherlich einen gewissen Neid geweckt und zur Nachahmung angeregt! Woher die ersten Fähigkeiten zum Hüttenbau usw. kamen wäre noch spannend zu erfahren.
matthias111 17.10.2019
4. Man kann beruhigt sein, die Jäger und Sammler sind nicht ausgestorben,
wohl aber die Kulturbringer. https://de.wikipedia.org/wiki/Linearbandkeramische_Kultur#Die_Bandkeramiker_und_die_Frage_nach_den_Vorfahren_der_modernen_Europäer
wohl aber die Kulturbringer. https://de.wikipedia.org/wiki/Linearbandkeramische_Kultur#Die_Bandkeramiker_und_die_Frage_nach_den_Vorfahren_der_modernen_Europäer
curiosus_ 17.10.2019
5. Na ja, die..
..Jäger- und Sammler-Menschen wurden aber deutlich größer als die Bauern, die wiesen wohl eine ähnliche Körpergrößenverteilung auf wie sie erst wieder in der Neuzeit erreicht wurde. Die Bauern waren dann eher [...]
Zitat von vox veritas"Die Landwirtschaft änderte alles: Plötzlich konnten die Menschen viele Dinge gut gebrauchen, die Jägern und Sammlern nur hinderlich gewesen wären, weil man sie hätte mitschleppen müssen. " Die These ist zur Hälfte richtig. Der weitaus wichtigere Punkt ist die gesicherte Versorgung mit Lebensmitteln und auch die Tatsache, daß weniger Kalorien verbrannt wurden, als beim ständigen Suchen nach verwertbarem Essen.
..Jäger- und Sammler-Menschen wurden aber deutlich größer als die Bauern, die wiesen wohl eine ähnliche Körpergrößenverteilung auf wie sie erst wieder in der Neuzeit erreicht wurde. Die Bauern waren dann eher Schrumpfgermanen (oder - Alemannen oder was da sonst noch unterwegs war). Außerdem war z.B. der Zahnstatus bei den Bauern deutlich schlechter, da war die low-carb-Diät der Jäger und Sammler deutlich zuträglicher (auch für die Körpergröße). Wie steht bei Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Steinzeit#Nahrung): Eine der größten Erfindungen des Menschen und eine gewaltige Zäsur stellte die Neolithische Revolution dar, der bewusste und gesteuerte Anbau von Nahrungsmitteln (Ackerbau) und die Viehzucht. Dies ermöglichte ..eine Bevölkerungsexplosion, weil mehr Menschen satt werden konnten. *Für die Individuen verschlechterte sich durch diese Entwicklung die Ernährungslage im Durchschnitt allerdings eher* (geringerer Proteinanteil, Hungersnöte durch Missernten), was sich unter anderem in einer *Abnahme der Körpergröße gegenüber den Jägern und Sammlern* zeigt. ..dass die nun dichter lebende Bevölkerung von einer Vielzahl von vorher unbekannten Infektionskrankheiten befallen wurde. Ein weiterer Punkt: Jäger und Sammler hatten eine durchschnittliche tägliche Arbeitszeit von 2 bis 6 Stunden, im Schnitt wohl 4 Stunden (https://www.zeit.de/2012/13/Stimmts-Steinzeitarbeit). Die Bauern dürften da deutlich mehr zu tun gehabt haben. Der einzige Grund warum die bäuerliche Lebensweise sich durchgesetzt hat dürfte gewesen sein, dass sich die Bauern deutlich stärker vermehrt haben. Bei deutlich geringerer Lebensqualität. Kein Wunder, dass die jagenden und sammelnden Nachbarn keinen Anlass sahen nun auch Landwirtschaft zu betreiben.

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