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Wissenschaft
Samstag, 19.10.2019   09:52 Uhr

Rohfleisch für Vierbeiner

Liebe Leserin, lieber Leser,

die folgenden Zeilen könnten Sie ziemlich aufbringen, sofern Sie Hundebesitzer sind, und für ihr Haustier eine "Biologisch artgerechte Rohkostfütterung" (Barf) bevorzugen.

Titelbild

Mehr dazu im SPIEGEL

Heft 43/2019
Die Ka­pi­tu­la­tion des Westens
Wie der Sieg der Despoten in Syrien ein Volk zerstört, den IS stärkt und Europa bedroht

Ich weiß, wovon ich spreche, denn vor elf Jahren habe ich für den SPIEGEL erstmals über diesen damals noch recht jungen Trend der Hundefütterung berichtet. Auf die Veröffentlichung des Textes folgte eine Welle empörter, teils sogar wütender Leserbriefe. Ich musste damals an die Worte meines ersten Chefs in einer Berliner Lokalredaktion denken: "Du kannst alles machen, aber du darfst dich nicht mit Hundebesitzern anlegen", meinte er nur halb im Scherz zu mir.

Anhänger des Barfens gehen davon aus, dass unsere Haushunde auf die gleiche Weise fressen und verdauen wie ihr wilder Verwandter, der Wolf. Und deshalb, so die Theorie, soll im Napf der Hunde vor allem rohes Fleisch und Gemüse landen. Modernes Trockenfutter hingegen ruiniere gemäß dieser Futterideologie die Gesundheit der Tiere. Meiner Recherche zufolge ließ sich jedoch ein positiver Effekt der Rohkostdiät in keiner Weise belegen.

imago images

Junghund frisst rohes Rehfleisch, Barfen

Schlimmer noch: Die Experten warnten einhellig vor den Gesundheitsrisiken durch Salmonellen oder andere Krankheitserreger, die vom rohen Fleisch und Gemüse erst auf den Hund übergingen und anschließend von dem Tier über Kot und Speichel in Haus oder Wohnung verteilt würden. Besonders für Kinder und ältere Menschen, aber auch für Schwangere könnten diese Erreger zur Gefahr werden.

Auch elf Jahre später hat sich der Ruf des Barfens unter den Wissenschaftlern nicht gebessert, im Gegenteil. Eine neue Studie des Instituts für Lebensmittelsicherheit und -hygiene der Universität Zürich kommt zu einem alarmierenden Befund: Die Forscher untersuchten 51 Rohfutterproben von verschiedenen Anbietern. In 61 Prozent - also in mehr als jeder zweiten - fanden sie sogenannte ESBL (Extended Spectrum Beta-Lactamasen) bildende Bakterien. ESBL ist ein Enzym, das insbesondere Breitbandantibiotika wirkungslos machen kann. In 73 Prozent der Proben war der zulässige Grenzwert für Enterobakterien erhöht - dazu zählen jene Krankenhauskeime, die insbesondere Menschen mit schwachem Immunsystem gefährlich werden können.

Die Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass die Fütterung eines Hundes mit Rohfleisch eindeutig ein Gesundheitsrisiko darstelle sowie "ein bedeutender Risikofaktor für die Übertragung von antibiotikaresistenten Bakterien" sei.

Wissen Sie schon, was Sie Ihrem Hund heute in den Napf tun?

Herzlich

Ihr Frank Thadeusz

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Bild der Woche

Hamilton James / Hamilton James/ Wildlife Photographer of the Year 2019

Sie treffen sich bei Nacht in den Straßen von New York und gehen auf Raubzug im Müll, hier im Süden Manhattans - einst aus Asien und Europa eingeschleppt, haben Ratten die US-Metropole großflächig besiedelt. Schätzungen zufolge leben rund zwei Millionen von ihnen in New York; 17.353-mal wurde allein im vergangenen Jahr nach Rattensichtungen ein Notruf getätigt. Eine neuartige, jüngst vorgestellte Falle soll helfen, die Zahl der vermehrungsfreudigen Nager zu dezimieren. Leckeres Futter lockt die Tiere auf eine Box, wo sie schließlich durch eine Falltür in eine mit Alkohol gefüllte Schale plumpsen und ertrinken. Vorteil: Die Kadaver werden sogleich desinfiziert. Das Foto ist eines der Gewinnerbilder des Wettbewerbs "Wildlife Photographer of the Year".

Fußnote

54 Sorten von Früchten, Gemüse, Gewürzen und Milchprodukten untersuchten indische Wissenschaftler auf ihre mögliche lindernde Wirkung bei Beschwerden durch Kater nach üppigem Alkoholkonsum; die Ergebnisse erscheinen jetzt im Journal "Current Research in Food Science". Demnach wird durch den Verzehr von Birnen die Bildung jener Enzyme besonders stark angeregt, die den Abbau des Alkohols im Körper bewirken. Annähernd hilfreich zeigten sich sonst nur Limetten.


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* Quiz-Antworten: Drei. Der Grund: Hämocyanin, der Blutfarbstoff der Kraken, ist weniger effizient als beispielsweise Hämoglobin und kann nicht so viel Sauerstoff transportieren. Daher entwickelten die Tiere im Laufe der Evolution zwei zusätzliche Herzen. / Ein in Slowenien hausender brauner Höhlenkäfer, den ein Sammler 1937 als neue Art erkannte und nach dem Nazidiktator benannte. / Nein, nicht für seine Relativitätstheorien, sondern für seine Entdeckung des Gesetzes des fotoelektrischen Effekts (die Befreiung von Elektronen aus einem Metall durch Lichtbestrahlung).

insgesamt 61 Beiträge
brux 19.10.2019
1. Häh?
Muss man das verstehen? Rohes Fleisch von verschiedenen Anbietern? Also doch "processed food"? Unser Hund bezieht sein rohes Fleisch vom örtlichen Metzger, wie auch der Rest der Familie. Und ich selbst verzehre auch [...]
Muss man das verstehen? Rohes Fleisch von verschiedenen Anbietern? Also doch "processed food"? Unser Hund bezieht sein rohes Fleisch vom örtlichen Metzger, wie auch der Rest der Familie. Und ich selbst verzehre auch gelegentlich rohes Fleisch, bekannt als Tartar.
Aberlour A ' Bunadh 19.10.2019
2. Wissen Sie schon, was Sie Ihrem Hund heute in den Napf tun?
Mit Sicherheit kein Trockenfutter, sondern natürlich Nassfutter aus der Dose aus dem Premiumsegment. Die Idee, sich bei der Hundekost an die Ernährungsgewohnheiten des Wolfes anzudocken, ist grundsätzlich nicht verkehrt. Dazu [...]
Mit Sicherheit kein Trockenfutter, sondern natürlich Nassfutter aus der Dose aus dem Premiumsegment. Die Idee, sich bei der Hundekost an die Ernährungsgewohnheiten des Wolfes anzudocken, ist grundsätzlich nicht verkehrt. Dazu gibt es ein breites Angebot an Trocken- und Nassfuttersorten der bekannten Premiumanbieter. Trockenfutter ist zwar auf Dauer erheblich günstiger, aber Nassfutter schmeckt dem Hund einfach besser. Ist ja eigentlich selbsterklärend. Wenn jemand unbedingt barfen will, dann aber lieber alles abkochen.
igb 19.10.2019
3. @2
Barfen und Abkochen passt nicht zusammen.
Barfen und Abkochen passt nicht zusammen.
Kata 19.10.2019
4. Stimmt nicht
Wir "barf"en unsere Hunde seit über 10 Jahren, füttern sie also mit rohem Fleisch, rohen Knochen, rohem Fisch, rohem Gemüse, rohem Obst und Milchprodukten wie Joghurt. Die Hunde (Rüden, nicht kastriert) stinken selbst bei [...]
Wir "barf"en unsere Hunde seit über 10 Jahren, füttern sie also mit rohem Fleisch, rohen Knochen, rohem Fisch, rohem Gemüse, rohem Obst und Milchprodukten wie Joghurt. Die Hunde (Rüden, nicht kastriert) stinken selbst bei nassem Wetter nicht, ihr Fell glänzt, sie haben schneeweiße und gesunde Zähne - ohne Paradontose, ohne Karies - und sind topfit. Und niemand hat sich bisher bei uns angesteckt, auch die Kinder nicht...Mit Trockenfutter kann man das alles leider nicht erreichen...
dasfred 19.10.2019
5. Man kann es auch umständlich machen
Der Hund, mit dem ich aufgewachsen bin, bekam Mittags das selbe wie wir und abends ein Schwarzbrot mit Leberwurst. Mein eigener Hund später fast nur seine Dose Hundefutter aus dem Supermarkt. Beide sind gesund geblieben und [...]
Der Hund, mit dem ich aufgewachsen bin, bekam Mittags das selbe wie wir und abends ein Schwarzbrot mit Leberwurst. Mein eigener Hund später fast nur seine Dose Hundefutter aus dem Supermarkt. Beide sind gesund geblieben und überdurchschnittlich alt geworden. Das ganze Gewese ums Futter dient nur dem Wohlbefinden des Herrchens.
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