Schrift:
Ansicht Home:
Wissenschaft

Sonderbericht

Weltklimarat mahnt zur Kehrtwende beim Fleischkonsum

Der Mensch bedroht eine seiner wichtigsten Lebensgrundlagen: Böden, Wälder und damit auch die Landwirtschaft. Der Weltklimarat warnt vor Gefahren für die Lebensmittelversorgung und mahnt zu einem Wandel unserer Ernährung.

Johannes Simon/ Getty Images

Oktoberfest in München: "Eine ausgewogene Ernährung, die reich an pflanzlichen Bestandteilen ist"

Von
Donnerstag, 08.08.2019   10:03 Uhr

Steigende Temperaturen, veränderte Niederschläge und häufigere Wetterextreme haben schon heute weltweit Auswirkungen auf die Ernährungssicherheit. Umgekehrt sind Land- und Forstwirtschaft und andere Formen der Landnutzung für 23 Prozent des menschengemachten Treibhausgas-Ausstoßes verantwortlich. So steht es im neuen Sonderbericht zu Klimawandel und Landsystemen, den der Weltklimarat IPCC am Donnerstag in Genf vorgelegt hat. Ein internationales Team aus 107 Wissenschaftlern hat dafür in dreijähriger Arbeit über 7000 Studien ausgewertet.

In vielen Regionen der Erde sind dem Weltklimarat zufolge die Getreideernten bereits zurückgegangen. "Der Klimawandel und vor allem die damit einhergehenden Wetterextreme wie Hitze, Trockenheit und Flut sind vielerorts ein Risiko für Ernteausfälle", sagt Almut Arneth vom Karlsruher Institut für Technologie und Mitautorin des Berichts.

Die Klimaeffekte unterscheiden sich allerdings je nach Region: Manche Gegenden in höheren Lagen profitieren dem IPCC zufolge sogar von steigenden Ernteerträgen. Mit häufigeren Wetterextremen werde das weltweite Angebot an Nahrungsmitteln aber insgesamt mit hoher Gewissheit instabiler. Höhere CO2-Konzentrationen könnten außerdem Qualität und Nährwert von Nutzpflanzen mindern. Modellrechnungen zufolge könnte der Klimawandel die Getreidepreise bis zur Mitte des Jahrhunderts um durchschnittlich 7,6 Prozent nach oben treiben. Die Folge wäre ein höheres Risiko für Hungersnöte.

Mehr dazu

Wechselwirkungen zwischen Naturzerstörung und Klimawandel

Sogar wenn das Klimaziel von Paris eingehalten und der weltweite Temperaturanstieg auf maximal 1,5 Grad im Vergleich zu vorindustrieller Zeit begrenzt wird, hat die Klimänderung Folgen: Bei einer Erwärmung um 1,5 Grad wären 178 Millionen Menschen von einer angespannten Wasserversorgung betroffen - bei einer Erwärmung um 2 Grad sogar 220 Millionen.

Die Klimakrise trifft einen Planeten, den seine Bewohner ohnehin immer stärker ausbeuten. In ihrem Bericht gehen die IPCC-Forscher auch auf die Wechselwirkungen zwischen Umweltzerstörung und Klimawandel ein:

- Auf konventionell bestellten Äckern erodieren die Böden schätzungsweise hundertmal schneller, als sich neuer Boden bilden kann. Der Klimawandel verschärft diese Entwicklung. Je kürzer Ackerflächen nutzbar sind, desto höher ist der Druck, beispielsweise durch Rodung neue fruchtbare Flächen zu erschließen.

- Seit den Sechzigerjahren hat sich der Pro-Kopf-Verbrauch von Fleisch mehr als verdoppelt, was die Nachfrage nach Futtergetreide und Eiweißpflanzen wie Soja ankurbelt. Dies erhöht etwa in Südamerika wiederum den Druck auf die noch intakten Teile des Regenwaldes, die als Anbauflächen für Tierfutter herhalten sollen.

- Von der globalen Nahrungsmittelproduktion werden dem IPCC zufolge inzwischen 25 bis 30 Prozent verschwendet, dadurch wird permanent mehr Nahrung produziert als eigentlich benötigt wird - mit allen damit verbundenen negativen ökologischen Auswirkungen

Weltweit könnten durch klimaschonende Verfahren im Ackerbau und bei der Tierhaltung laut IPCC langfristig 2,3 bis 9,6 Milliarden Tonnen Treibhausgase pro Jahr gespart werden. Das wäre ein Vielfaches der gesamten deutschen Emissionen von zuletzt 866 Millionen Tonnen.

MEHR ZUM THEMA

Umstellung der Ernährung hätte einen großen Klimaschutzeffekt

Ähnlich effektiv wäre eine Umstellung der Ernährung. Pro Jahr würde so 0,7 bis 8 Milliarden Tonnen weniger CO2 verursacht. "Eine ausgewogene Ernährung, die reich an pflanzlichen Bestandteilen ist, und der moderate Verzehr von Fleisch, Fisch und Milchprodukten sind wichtige Möglichkeiten, um Treibhausgas-Emissionen zu verringern", sagt die IPCC-Autorin Joana Portugal Pereira vom Imperial College London. "Außerdem bringt die Umstellung auf eine nachhaltigere Ernährung wichtige Vorteile für die menschliche Gesundheit."

In Deutschland wird gerade eine Debatte darüber geführt, die Mehrwertsteuer auf Fleisch zu erhöhen und die Mehreinnahmen für mehr Tierwohl einzusetzen. Nach Angaben des Bundesumweltministeriums entstehen pro Kilo Rindfleisch mehr als 13 Kilogramm CO2-äquivalente Treibhausgase. Bei einem Kilogramm Gemüse seien es dagegen nur 153 Gramm.

Klimaschutz sollte aber nicht nur als Einschränkung oder Kostentreiber gesehen werden - auch das geht aus dem Klimabericht hervor. Die IPCC-Forscher betonen, dass Maßnahmen gegen die Klimakrise positive Effekte auf andere Herausforderungen haben: Sie würden insgesamt die Ernährungssicherheit verbessern und den Trend zur Wüstenbildung bremsen helfen. Insgesamt sei Klimaschutz auch ein Beitrag zur Umkehr der Landdegradation. Damit sind alle Einflüsse gemeint, die die biologische Qualität von Landökosystemen verschlechtern: Versiegelung durch menschliche Bauten, Erosion durch Wind und Wasser, Verschmutzung durch Schadstoffe sowie Beeinträchtigungen der nährstoffreichen und CO2 speichernden Humusschicht aus abgestorbenen Pflanzen.

Mehr dazu

"Deutschland hat verschiedene Möglichkeiten, der Landdegradation entgegenzuwirken", sagt Arneth. "Von einer schonenderen Bearbeitung landwirtschaftlicher Böden über die Renaturierung von Mooren bis zu einem Umbau von Wäldern hin zu einem Mix aus mehreren Baumarten statt Monokulturen".

insgesamt 315 Beiträge
klarasmeinung 08.08.2019
1. Bezugsscheine
Wenn immer klarer wird, dass jede Steuerung über den Preis unsozial wird, helfen nur noch Bezugsscheine auf CO2-teure Güter wie Fleisch und Mobilität. Klimaschutz muss so wichtig werden wie eine Kriegs- Mobilmachung! [...]
Wenn immer klarer wird, dass jede Steuerung über den Preis unsozial wird, helfen nur noch Bezugsscheine auf CO2-teure Güter wie Fleisch und Mobilität. Klimaschutz muss so wichtig werden wie eine Kriegs- Mobilmachung! Lebensmittelmarken auf Fleisch und Kerosin!
ingofischer 08.08.2019
2. 7,6% Getreidepreissteigerung - das sollte das kleinste Problem sein
Lese ich richtig, eine Preissteigerung um 7.6% beim Getreide? Hat sich die SPON Redaktion da nicht etwa um ein paar Kommastellen geirrt? Diese geringe Preissteigerung innerhalb von 30 Jahren, würde die Endprodukte, welche aus [...]
Lese ich richtig, eine Preissteigerung um 7.6% beim Getreide? Hat sich die SPON Redaktion da nicht etwa um ein paar Kommastellen geirrt? Diese geringe Preissteigerung innerhalb von 30 Jahren, würde die Endprodukte, welche aus Getreide bestehen ja gerademal um 1-2% teurer machen. In Anbetracht dessen, was man für Preisschwankungen innerhalb weniger Wochen bei Produkten (nicht nur Nahrungsmittel) hat, ist das doch jetzt wohl ein schlechter Witz, wenn das jetzt die besorgniserregende Auswirkung vom Klimawandel wäre. Ich glaube da kommen ganz andere Probleme mit dem Klimawandel auf uns zu als für ein Brot ein paar Cent mehr zu bezahlen.
salomon17 08.08.2019
3. Endlich handeln,...
... statt nur reden. Denn während wir darüber diskutieren, ob wir etwas unternehmen oder nicht, fährt unser Containerschiff weiter auf ein Riff zu, das rechts und links bis zum Horizont geht. Und der Bremsweg ist laaaang!
... statt nur reden. Denn während wir darüber diskutieren, ob wir etwas unternehmen oder nicht, fährt unser Containerschiff weiter auf ein Riff zu, das rechts und links bis zum Horizont geht. Und der Bremsweg ist laaaang!
kratzdistel 08.08.2019
4. spiegel 42/69 lesen
was der klimarat jetzt prognostiziert hatte bereits der bekannte psvchoanalytiker Dr. Alexander Mitscherlich 1969 in der Paulskirche prognostiziert https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45520870.html
was der klimarat jetzt prognostiziert hatte bereits der bekannte psvchoanalytiker Dr. Alexander Mitscherlich 1969 in der Paulskirche prognostiziert https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45520870.html
WilhelmMeister 08.08.2019
5. Gute Nachrichten
für Investoren und Spekulanten: u.a. Getreide und Landflächen werden knapp. Da wird sich ja wohl ein schöner Schnitt machen lassen. Also nicht alles immer so negativ sehen.
für Investoren und Spekulanten: u.a. Getreide und Landflächen werden knapp. Da wird sich ja wohl ein schöner Schnitt machen lassen. Also nicht alles immer so negativ sehen.
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP