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Wissenschaft

Flugschreiber-Auswertung

Die Piloten der Boeing hatten keine Chance

Der erste Untersuchungsbericht zur Absturzursache der Boeing 737 Max in Äthiopien bestätigt, dass sich die Piloten an die Notfallpläne gehalten haben. Dennoch senkte sich die Nase des Flugzeugs mehrfach.

Foto: BEA/HANDOUT/EPA-EFE/REX
Donnerstag, 04.04.2019   12:59 Uhr

Die Piloten der Boeing 737 Max von Ethiopian Airlines konnten den Absturz offenbar nicht aufhalten, obwohl die Crew genauestens dem Notfallplan von Hersteller Boeing gefolgt sei. Dies geht aus einem ersten offiziellen Untersuchungsbericht hervor, den die zuständige äthiopische Ministerin Dagmawit Moges am Donnerstagvormittag vorstellte. Demnach habe sich die Nase des Flugzeugs mehrfach gesenkt, der Sinkflug ließ sich nicht stoppen.

Das spricht dafür, dass ein Softwarefehler den Absturz mitverursacht haben könnte. Die bisherigen Daten lieferten aber keinen Beweis dafür, dass es ein grundsätzliches technisches Problem mit der Boeing 737 Max gibt. Trotzdem fordern die äthiopischen Behörden von Boeing, das Kontrollsystem überprüfen zu lassen.

Die Boeing 737 Max 8 war am 10. März sechs Minuten nach dem Start nahe der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba abgestürzt. 157 Menschen aus über 30 Nationen kamen ums Leben. Erst fünf Monate zuvor, im Oktober 2018, war eine Boeing des gleichen Typs in Indonesien kurz nach dem Start verunglückt. Bei dem Crash der Lion-Air-Maschine starben 189 Menschen.

Der vorläufige Untersuchungsbericht stützt sich auf Daten der Flugschreiber. Diese waren kurz nach dem Absturz der Ethiopian-Airlines-Maschine von Experten in Frankreich ausgelesen worden. Die sogenannten Blackboxes, die sich zur Unfalldiagnose an Bord aller größeren Verkehrsflugzeuge befinden, zeichnen alle Flugdaten auf. Die ebenfalls an Bord befindlichen Voice-Recorder auch die Stimmen und Geräusche im Cockpit.

Umstrittene MCAS-Software

Bereits kurz nach dem Absturz des Flugzeugs von Ethiopian Airlines geriet die Steuerungssoftware MCAS (Maneuvering Characteristics Augmentation System) in Verdacht, den Absturz mitverursacht zu haben. Das System wurde eigens für die Boeing 737 Max entwickelt und drückt bei einem drohenden Strömungsabriss die Flugzeugnase nach unten. Allerdings wird vermutet, dass das System mehrfach fälschlicherweise in die Steuerung eingegriffen hat und die Nase des Flugzeugs Richtung Boden senkte, ohne dass die Piloten den Fehler korrigieren konnten.

Das System wird auch für den Absturz der Lion-Air-Maschine in Indonesien mitverantwortlich gemacht. Weil beide Abstürze nach einem ähnlichen Muster verliefen, gingen Experten schnell davon aus, dass es auch beim Absturz im März eine Rolle gespielt haben könnte. Erste Ergebnisse der Black-Box-Auswertung waren bereits am Freitag bekannt geworden. Demnach war MCAS eingeschaltet, als die Boeing 737 Max in Äthiopien auf die Erde schlug.

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Die äthiopische Regierung hat zuvor bereits erklärt, dass der Absturz "klare Ähnlichkeiten" mit dem Crash einer baugleichen Maschine in Indonesien im Oktober aufweise.

Bis zur genauen Klärung der Unglücksursachen wurden nach dem Absturz in Äthiopien weltweit Startverbote für die Serie angeordnet. Die rund 370 bislang ausgelieferten Maschinen des neuen Flugzeugtyps stehen seither am Boden. Flüge ohne Passagiere sind jedoch erlaubt. Boeing arbeitet derzeit an einem Softwareupdate für das MCAS. Dieses muss allerdings noch von den Luftfahrtbehörden genehmigt werden.

Zuvor hatte bereits das "Wall Street Journal" berichtet, die Piloten der Ethiopian-Airlines-Maschine hätten sich zunächst an die von Boeing vorgegebene Notfallprozedur gehalten. Sie hätten das MCAS abgeschaltet, das Flugzeug aber trotzdem nicht unter Kontrolle bekommen und das System wieder angeschaltet.

Untersuchungen dauern noch Monate

Allerdings war zunächst unklar, wie das MCAS wieder aktiviert werden konnte. In Ermittlerkreisen hieß es, das System habe sich womöglich selbst wieder eingeschaltet. Zu diesem Vorwurf äußersten sich die äthiopischen Behörden bisher nicht.

Auch die US-Luftfahrtbehörde FAA ist nach den Flugzeugabstürzen in die Kritik geraten. Der US-Senat prüft derzeit Vorwürfe eines Whistleblowers, nach denen sich Boeing und die Aufsichtsbehörde zu nahestehen. Die Sicherheitsinspektoren der FAA seien demnach nicht angemessen ausgebildet und zertifiziert gewesen, um die Boeing 737 Max überhaupt zuzulassen.

Ein endgültiger Bericht soll laut äthiopischen Behörden in sechs bis zwölf Monaten vorliegen. Ein internationales Team von 18 Experten soll die Unfallursache untersuchen.

koe/dpa/Reuters

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