Schrift:
Ansicht Home:
Wissenschaft

Studie der Royal Society

Brexit-Hickhack kostete britische Wissenschaft mehr als eine Milliarde Euro

Was bedeutet der Brexit für die Wissenschaft im Vereinten Königreich? Seit dem Referendum im Jahr 2016 herrscht Unsicherheit. Sie führte laut einer aktuellen Analyse zu Geld- und Exzellenzeinbußen.

Lorne Campbell/ REUTERS

Boris Johnson im Science and Industry Museum in Manchester: Es gibt ein neues Brexit-Abkommen

Von
Freitag, 18.10.2019   04:20 Uhr

Seit Großbritannien im Juni 2016 entschieden hat, die EU zu verlassen, sind Wissenschaftler und Forschungseinrichtungen verunsichert. Was passiert nach dem EU-Austritt mit wichtigen Forschungskooperationen und mit den durch sie finanzierten Projekten? Eine aktuelle Studie legt nahe, dass sich allein die Entscheidung für einen EU-Austritt auf Großbritanniens Status als renommierte Forschungsnation negativ ausgewirkt hat.

Demnach ist der Anteil Fördergelder, den Großbritannien seit 2016 vom großen EU-Forschungsförderprojekt Horizont 2020 abgerufen hat, jährlich um ungefähr ein Drittel gesunken. Das entspreche einem Minus von 460 Millionen Euro im Jahr, berichtet die britische Wissenschaftsgesellschaft Royal Society, die die Rechnung erstellt hat. Hochgerechnet auf die zweieinhalb Jahre seit dem Referendum sind das 1,15 Milliarden Euro.

Die Europäische Kommission hat für Horizont 2020 etwa 77 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt. Seit 2014 werden aus dem Topf Forschungsprojekte gefördert, an denen Wissenschaftseinrichtungen aus verschiedenen EU-Staaten gemeinsam arbeiten. 2021 soll das Förderprogramm durch das 100 Milliarden Euro umfassende Projekt Horizont Europa abgelöst werden.

Weniger renommierte Forscher aus dem EU-Ausland kommen nach Großbritannien

Laut der aktuellen Auswertung hat Großbritannien im Jahr 2015, also vor dem Brexit-Referendum, 16 Prozent der in dem Jahr im Rahmen von Horizont 2020 gewährten Zuschüsse erhalten. Bis 2018 sank der Wert auf 11 Prozent (siehe Grafik).

Gleichzeitig haben sich seit dem Brexit-Referendum immer weniger britische Forschungseinrichtungen und Forscher auf Horizont-2020-Fördergelder beworben. Hofften 2015 noch knapp 20.000 Institutionen auf eine Förderung, probierten 2018 nur noch gut 10.000 ihr Glück.

Auch der Anteil renommierter Forscher aus Nicht-EU-Staaten, die im Rahmen eines Horizont-2020-Stipendiums ins Vereinte Königreich kamen, schrumpfte im Untersuchungszeitraum. 2015 kamen noch 515 Nicht-EU-Forscher über ein Horizon 2020-Stipendium ins Land, 2018 waren es nur noch 336.

Gleichzeitig stieg die Zahl der Stipendien für in die Schweiz und nach Italien wechselnde Wissenschaftler 2018 um jeweils 53. Auch nach Irland, Spanien, Belgien, Norwegen und Schweden wechselten mehr Forscher aus dem EU-Ausland als im Jahr 2015.

"Der aktuell chaotische Zustand beim Brexit schadet der Wissenschaft"

Dabei galt Großbritannien lange als ein Wunschziel internationaler Forscher. Im EU-Vergleich konnte es im Rahmen von Horizont-2020-Stipendien stets die meisten internationalen Experten für sich gewinnen. Noch belegt das Land Platz eins des Rankings, büßt seinen Vorsprung aber immer weiter ein.

Ob der Rückgang allein auf den Brexit zurückzuführen ist oder ob es weitere Einflussfaktoren gibt, kann die Studie allerdings nicht klären.

Mehr zum Thema

"Der aktuell chaotische Zustand beim Brexit schadet der Wissenschaft in Großbritannien und ist damit nicht im nationalen Interesse", sagte Venki Ramakrishnan, Präsident der Royal Society, am Mittwoch, bevor bekannt wurde, dass ein neues Abkommen ausgehandelt wurde. Führende Wissenschaftler seien nicht bereit, nach Großbritannien zu wechseln, wenn nicht klar sei, ob das Land in der Lage sein werde, seine wissenschaftliche Führungsrolle zu behalten.

Was das aktuelle Abkommen für die Forschung in Europa bedeutet, ist noch unklar. Bevor die Regeln in Kraft treten, muss das britische Parlament den Inhalten am Samstag noch zustimmen.

Großbritannien hatte am 23. Juni 2016 entschieden, aus der EU austreten zu wollen. Seither war lange unklar, wie das Ergebnis des Referendums umgesetzt werden soll. Es drohte ein ungeregelter Brexit. Mit dem jetzt ausgehandelten Abkommen steigt die Hoffnung, den Austritt geordnet über die Bühne bringen zu können.

insgesamt 12 Beiträge
isi-dor 18.10.2019
1.
Eine Milliarde ist für Johnson doch kein Problem, das kann er aus den gesparten EU-Beiträgen locker verkraften. Schließlich sparen die Briten dann pro Woche 300 Millionen Pfund, die man schön an alle ausschütten kann. Oder?
Eine Milliarde ist für Johnson doch kein Problem, das kann er aus den gesparten EU-Beiträgen locker verkraften. Schließlich sparen die Briten dann pro Woche 300 Millionen Pfund, die man schön an alle ausschütten kann. Oder?
k70-ingo 18.10.2019
2. Ein wichtiger Aspekt wurde nicht erwähnt,
derjenige, daß mit Eintreten des Brexits nicht nur sofort alle EU-Forschungsprojekte in Großbritannien gestoppt werden, sondern auch die Projekte in anderen EU-Ländern, die aufgrund des brexitbedingten Abzuges von britischem [...]
derjenige, daß mit Eintreten des Brexits nicht nur sofort alle EU-Forschungsprojekte in Großbritannien gestoppt werden, sondern auch die Projekte in anderen EU-Ländern, die aufgrund des brexitbedingten Abzuges von britischem Personal, britischen Institutionen oder Fördermitteln eingestellt werden müssen. Bei EU-Forschungsprojekten muß immer eine Mindestzahl von beteiligten Ländern, bzw. Personal aus verschiedenen EU-Ländern gewährleistet sein. Fallen diese weg, ist das Projekt sofort hinfällig und wird unmittelbar eingestellt. Diese grobe Zusammenfassung dieses komplexen Themas bekam ich aus erster Hand. Jemand aus meinem familären Umfeld sitzt an der verantwortlichen Stelle in der EU-Kommission.
c.PAF 18.10.2019
3.
Wenn nach dem Brexit die Forscher aus UK wegfallen, fällt kein Personal aus einem EU-Land weg. UK ist dann nur ein Drittland. Und ich halte die EU nicht für so dumm, daß sich Projekte innerhalb der EU deswegen pauschal [...]
Zitat von k70-ingoderjenige, daß mit Eintreten des Brexits nicht nur sofort alle EU-Forschungsprojekte in Großbritannien gestoppt werden, sondern auch die Projekte in anderen EU-Ländern, die aufgrund des brexitbedingten Abzuges von britischem Personal, britischen Institutionen oder Fördermitteln eingestellt werden müssen. Bei EU-Forschungsprojekten muß immer eine Mindestzahl von beteiligten Ländern, bzw. Personal aus verschiedenen EU-Ländern gewährleistet sein. Fallen diese weg, ist das Projekt sofort hinfällig und wird unmittelbar eingestellt. Diese grobe Zusammenfassung dieses komplexen Themas bekam ich aus erster Hand. Jemand aus meinem familären Umfeld sitzt an der verantwortlichen Stelle in der EU-Kommission.
Wenn nach dem Brexit die Forscher aus UK wegfallen, fällt kein Personal aus einem EU-Land weg. UK ist dann nur ein Drittland. Und ich halte die EU nicht für so dumm, daß sich Projekte innerhalb der EU deswegen pauschal abbricht.
kmussfeldt 18.10.2019
4.
In der Eu gibt es dieses Prinzip überall. Mehr als 60 % der Länder und dann so und so viel in Abhängigkeit der Parität. Welche Projekte sollen das dann sein? 2Mann-Projekte wo einer britischer Staatsbürger ist? In [...]
Zitat von k70-ingoderjenige, daß mit Eintreten des Brexits nicht nur sofort alle EU-Forschungsprojekte in Großbritannien gestoppt werden, sondern auch die Projekte in anderen EU-Ländern, die aufgrund des brexitbedingten Abzuges von britischem Personal, britischen Institutionen oder Fördermitteln eingestellt werden müssen. Bei EU-Forschungsprojekten muß immer eine Mindestzahl von beteiligten Ländern, bzw. Personal aus verschiedenen EU-Ländern gewährleistet sein. Fallen diese weg, ist das Projekt sofort hinfällig und wird unmittelbar eingestellt. Diese grobe Zusammenfassung dieses komplexen Themas bekam ich aus erster Hand. Jemand aus meinem familären Umfeld sitzt an der verantwortlichen Stelle in der EU-Kommission.
In der Eu gibt es dieses Prinzip überall. Mehr als 60 % der Länder und dann so und so viel in Abhängigkeit der Parität. Welche Projekte sollen das dann sein? 2Mann-Projekte wo einer britischer Staatsbürger ist? In denke mal das ist vernachlässigenswert. Aber ich habe vor ein paar Jahren mehrere Arbeitsangebote aus UK gehabt. Danke abgelehnt mit Hinweis auf den Brexit. Seit dem ist Funkstille. Wer also glaubt, der Brexit hätte keine Auswirkungen täuscht sich. Leider weisst man nicht welche Auguren Recht haben werden. Da aber der aktuelle Deal vielleicht nicht durchgeht, die EU aber an die Verlängerungen Bedingungen knüpft, die Klein-Boris nicht erfüllen will, haben eventuell bald die Gewissheit, was der Hard-Brexit tun wird.
k70-ingo 18.10.2019
5.
Eben - UK ist dann Drittland. Genau das ist der Knackepunkt. Es muß bei Forschungsprojekten eine Mindestzahl von Personal und Institutionen aus verschiedenen EU-Ländern (üblicherweise mind. drei) gewährleistet sein. [...]
Zitat von c.PAFWenn nach dem Brexit die Forscher aus UK wegfallen, fällt kein Personal aus einem EU-Land weg. UK ist dann nur ein Drittland. Und ich halte die EU nicht für so dumm, daß sich Projekte innerhalb der EU deswegen pauschal abbricht.
Eben - UK ist dann Drittland. Genau das ist der Knackepunkt. Es muß bei Forschungsprojekten eine Mindestzahl von Personal und Institutionen aus verschiedenen EU-Ländern (üblicherweise mind. drei) gewährleistet sein. Wird diese "EU-Quote" nicht erfüllt, ist das ganze Projekt sofort hinfällig. Das hat nichts mit Dummheit zu tun, sondern mit der Sach- und Rechtslage.

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Verwandte Themen

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP