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Wissenschaft

Gender-Workshop am Cern

Physiker beleidigt Kolleginnen und wird suspendiert

"Die Physik wurde von Männern erfunden und aufgebaut": Ein Physiker am weltweit größten Forschungszentrum für Teilchenphysik hat sich diffamierend über Frauen geäußert. Das hat Konsequenzen.

Getty Images

Gebäude am Cern

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Dienstag, 02.10.2018   10:58 Uhr

Am Freitag sollte es bei einem Workshop am Cern um das Thema Gender und Teilchenphysik gehen. Unter anderem war Chancengleichheit unter weiblichen und männlichen Forschern ein Thema. Doch die Veranstaltung lief zumindest an einer Stelle anders ab, als sich die meisten Teilnehmer wohl vorgestellt hatten.

Auf Twitter berichtet eine Teilnehmerin, dass der Physiker Alessandro Strumia in einem Beitrag ausgeführt habe, dass Frauen bevorteilt würden, obwohl sie oft schlechter arbeiteten. Strumia ist Professor an der Universität von Pisa und im Rahmen eines Förderprojekts des European Research Council am Cern.

Physik als männliche Erfindung

"Eine kurze Zusammenfassung zu Strumias Vortrag: Frauen sind nicht so gut in Physik wie Männer und bekommen zu viel Förderung/werden unfairerweise in wichtige Positionen befördert", schreibt die promovierte Physikerin Jess Wade vom Imperial College London auf Twitter. Wade hatte selbst auch einen Vortrag beim Workshop gehalten.

Zwar hat das Cern die Präsentation inzwischen aus dem Netz genommen, online kursieren jedoch Kopien. Auf einer Folie, die auch Wade auf Twitter zeigt, listet Strumia als ein Beispiel für die Bevorzugung von Frauen namentlich die Kommissarin des Nationalen Instituts für Kernphysik (INFN) in Rom und eine ebenfalls dort angestellte Frau auf.

Daneben ist angegeben, wie häufig wissenschaftliche Veröffentlichungen der Personen in anderen Fachartikeln zitiert wurden. Die Aussage: Strumias Arbeiten wurden deutlich häufiger aufgegriffen als die der Frauen. Dennoch habe er keinen vergleichbaren Posten wie die beiden Frauen.

Cern distanziert sich von den Ausführungen

Auf einer anderen Folie heißt es, die Physik sei von Männern erfunden und aufgebaut worden, man bekomme dafür keine Einladung. Laut einem Bericht des "Guardian" verwies er zudem darauf, dass Forscherinnen in Italien von einer günstigeren universitären Ausbildung profitierten, während die Oxford-Universität in England die Examenszeiten zum Vorteil von Frauen verlängere.

Das Cern bezeichnete den Vortrag zunächst als beleidigend und nahm die Präsentation aus dem Netz. Man habe den Inhalt vorab nicht gekannt, hieß es. Am Montagabend entschied die Einrichtung, Strumia vorerst von allen Aufgaben am Cern zu suspendieren. Man toleriere keine persönlichen Attacken und Beleidigungen.

Das Cern im Kanton Genf ist das größte Forschungszentrum auf dem Gebiet der Teilchenphysik. An der Forschungseinrichtung arbeiten mehrere Tausend Menschen unterschiedlicher Nationalitäten.

"Verhalten inakzeptabel"

Zuvor hatte Strumia seine Ausführungen noch verteidigt. Man wolle versuchen, ihn wie ein Monster dastehen zu lassen, das Frauen diskriminiert, zitiert ihn der "Guardian" in seiner Onlineausgabe. Dabei zeigten seine Daten, dass Frauen bevorzugt würden, wenn es um Anstellungen gehe. Das habe man auf der Konferenz nicht hören wollen.

"Die Leute machen sich Sorgen über Probleme, die keine sind", so Strumia. "Wir diskriminieren keine Frauen, ihnen wird seit Jahren geholfen."

In der Forschergemeinde sehen die meisten das anders. Die Abteilung für Physik und Astronomie der University of California in Irvine stellte klar, dass sie die Ausführungen ablehnt und sich weiter für Gleichberechtigung einsetzen wird.

Auch der Präsident des European Research Council (ERC), durch dessen Förderung Strumia ans Cern kam, stellte klar, man setze sich dafür ein, dass Männer und Frauen die gleichen Chancen haben. Obwohl bei der Auswahl der geförderten Personen die Qualität der Forschung im Vordergrund stehe, werde professionelles Verhalten erwartet. Der ERC will sich mit dem Cern in Verbindung setzen, um über das weitere Vorgehen zu entscheiden.

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