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Wissenschaft

Menschheitsgeschichte

Homo sapiens kam 150.000 Jahre früher nach Europa als gedacht

Schon lange diskutieren Forscher darüber, wann der moderne Mensch Europa besiedelt hat. Eine aktuelle Studie zeigt: Es könnte viel früher passiert sein als bislang angenommen.

Katerina Harvati, Eberhard Karls/ University of Tübingen

Schädel mit digitaler Rekonstruktion: Der gerundete Hinterkopf deutet auf eine frühe Form des Homo sapiens hin

Donnerstag, 11.07.2019   08:21 Uhr

Der Homo sapiens hat Afrika viel früher verlassen und sich 150.000 Jahre eher in Europa angesiedelt als bisher angenommen, berichten Forscher. Sie haben den Schädel eines modernen Menschen analysiert, der in den Siebzigerjahren in einer Höhle in Südgriechenland entdeckt worden war. Ein unabhängiger Experte warnt jedoch, voreilige Schlüsse aus den Ergebnissen zu ziehen.

Die Forscher um Katerina Harvati von der Universität Tübingen haben beschädigte Teile des Schädels virtuell rekonstruiert und die Knochen auf ein Alter von 210.000 Jahren datiert. Unter anderem aufgrund des gerundeten Hinterkopfs ordneten sie den Schädel einer frühen Form des Homo sapiens zu.

Der Schädel stamme damit vom ältesten modernen Menschen, der außerhalb Afrikas gefunden wurde, schrieben die Wissenschaftler im Fachmagazin "Nature". Bisher bekannte Homo-sapiens-Funde in Europa sind mehr als 150.000 Jahre jünger.

Neandertaler und moderner Mensch trafen sich in Griechenland

Es gilt als Konsens in der Wissenschaft, dass sich der anatomisch moderne Mensch in Afrika entwickelt und von dort auf der ganzen Welt verbreitet hat. Die jetzt veröffentlichten Forschungsergebnisse zeigten, dass er sich viel früher in Europa ausgebreitet habe als zuvor angenommen, erklärt Paläoanthropologin Harvati.

Katerina Harvati, Eberhard Karls/ University of Tübingen

Rekonstruktion des Hinterkopfes: Der Mensch lebte wohl vor 210.000 Jahren

Einen zweiten Schädel vom gleichen Fundort identifizierten die Forscher als Überrest eines Neandertalers. Ihrer Erkenntnis nach ist er 170.000 Jahre alt.

Die Wissenschaftler schließen daraus, dass in der Epoche des Mittelpleistozän im heutigen Griechenland erst eine frühe Population des Homo sapiens und später Neandertaler lebten. Die Schädelanalysen deuten darauf hin, dass die Neandertaler später wiederum von neu ankommenden anatomisch modernen Menschen verdrängt wurden.

Nach Angaben von Faysal Bibi vom Museum für Naturkunde in Berlin fügen sich die Forschungsergebnisse in eine Reihe von Entdeckungen der vergangenen Jahre etwa aus Israel oder China, die die Geschichte des Homo sapiens immer älter und komplexer scheinen lassen.

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Er äußerte aber Vorbehalte, weil die jetzt neu interpretierten Schädelknochen aus Griechenland nur noch in Bruchstücken vorhanden sind. Zudem sei die von den Forschern verwendete radiometrische Datierungsmethode umstritten. In der Vergangenheit habe sie oft falsche Ergebnisse geliefert.

"Es braucht mehr und bessere Fossilien, um jeden zu überzeugen, dass Homo sapiens so früh in Griechenland lebte, und Daten, die das bestätigen", sagte Bibi. "Die neue Studie liefert aber exzellente Gründe, weiter in die Richtung zu forschen."

jme/dpa

insgesamt 106 Beiträge
Koda 11.07.2019
1. An nd für sich sind viele Vorgänge mäglich
Mehrere Auswandererwellen oder Rückwanderungswellen könnten ebenso möglich sein => heißt dass eine oder mehrere Sippen sich nach Norden in Richtung Europa wagten, dann aber - je nach Umweltbedingungen oder Wanderbewegungen [...]
Mehrere Auswandererwellen oder Rückwanderungswellen könnten ebenso möglich sein => heißt dass eine oder mehrere Sippen sich nach Norden in Richtung Europa wagten, dann aber - je nach Umweltbedingungen oder Wanderbewegungen der Tiere - auch wieder zurück gingen. Stammeskonflikte oder Sippenkonflikte könnten aufleben oder beigelegt worden sein, Epedemien Teile der Sippen ausgerottet haben und deren Gebiet nach zwei drei Generationen wieder von Anderen besiedelt worden sind und ein Hin- und Her der Siedlungsbewegung ermöglicht haben. Und vom Prinzip könnte das ebenso das Aufeinandertreffen von Neandertalern und Homo Sapiens betroffen haben.
LJA 11.07.2019
2. Tatsächlich
wären solche Funde, wenn sie sich bestätigten, nur ein Beweis dafür, daß einzelne Individuen oder kleinere Gruppen schon früher in diese Gegend vorgestoßen waren. Nicht sehr überraschend, zumal dieser Teil Europas doch [...]
wären solche Funde, wenn sie sich bestätigten, nur ein Beweis dafür, daß einzelne Individuen oder kleinere Gruppen schon früher in diese Gegend vorgestoßen waren. Nicht sehr überraschend, zumal dieser Teil Europas doch quasi in direkter Nachbarschaft Afrikas liegt und auch die Lebensbedingungen dort vermutlich ähnlich waren. Somit könnte man derartige Vorstöße sogar mehrmals und regelmäßig erwarten. Ob sich daraus eine wirkliche "Verbreitung" innerhalb Europas ableiten lässt, also auch in die zumeist deutlich kälteren Regionen im Norden und Westen, kann allerdings bezweifelt werden.
dirk.resuehr 11.07.2019
3. Die Migrantengesellschaft
in den Genen aller Europäer finden sich wohl Spuren auch aus Afrika. Ist also ganz und gar nicht neu und braucht vielleicht eine Auffrischung. Also Reichsbürger usw.: Eure Vorfahren waren bunt!
in den Genen aller Europäer finden sich wohl Spuren auch aus Afrika. Ist also ganz und gar nicht neu und braucht vielleicht eine Auffrischung. Also Reichsbürger usw.: Eure Vorfahren waren bunt!
Malshandir 11.07.2019
4. Entstehung unabhängig voneinander
Es gibt auch wissenschaftliche Untersuchungen, dass es wohl mehrere Gruppen des Homo Sapiens gab, die sich unabhängig voneinander entwickelt haben. So gibt es fossile Funde Alter etwa 400.000 Jahre in israel, 280.000 jahre in [...]
Es gibt auch wissenschaftliche Untersuchungen, dass es wohl mehrere Gruppen des Homo Sapiens gab, die sich unabhängig voneinander entwickelt haben. So gibt es fossile Funde Alter etwa 400.000 Jahre in israel, 280.000 jahre in China. Nun 210.000 Jahre in griechenland, 270.000 Jahre in marokko. Während man in Ost- & Südafrika oft daten um die 160-210k Jahre antrifft. Es ist daher durchaus denkbar und nicht unwahrscheinlich, dass sich der Homo Sapiens eben im Mittelmeerraum entwickelt hat und das es eben auch mehrere Wellen gab. Unstrittig ist, dass es eine vermischung des Genpools gab.
Uban 11.07.2019
5. Der Out-Of-Afrika "Konsens" ist eigentlich ....
....im letzten Jahrzehnt grösstenteils widerlegt worden. Ancient-DNA Forscher sind jetzt der Meinung , dass nur eine sehr "frühe Form des Homo sapiens" - wie richtig im Artikel erwähnt - aus Afrika vor 100 Tausende [...]
....im letzten Jahrzehnt grösstenteils widerlegt worden. Ancient-DNA Forscher sind jetzt der Meinung , dass nur eine sehr "frühe Form des Homo sapiens" - wie richtig im Artikel erwähnt - aus Afrika vor 100 Tausende Jahren ausgewandert ist. Man kann sie eher als Homo erectus bezeichnen. Der tatsächliche, anatomisch moderne Mensch hat sich durch mehrfache Vermischung in Eurasien entwickelt und von da aus in der ganzen Welt verbreitet, inklusive zurück nach (Nord)Afrika. Im Vergleich dazu hat sich der Neandertaler schon vor 700 000 Jahren aus dem gemeinsamen Stamm abgespaltet, sich mit dem modernen Maenschen vor ung. 50 000 Jahren - zum sehr kleinen Teil - wieder vermischt und ist vor 39 000 Jahren verschwunden Für die Neugierigen kann ein Buch der US amerikanischen Forscherpaar David u. Eugenie Reich aus dem Jahr 2018 wärmstens empfehlen: "Who we are and how we got here : ancient DNA and the new science of the human past" und den neuesten Wissensstand darstellt. David Reich hat unter Svante Pääbo gearbeitet - die grö0te Kapazität auf dem Gebiet, der auch das volle Neandertaler Genom veröffentlicht hat - betreibt aber seit 2013 eigenes Forschungslabor. Vielleicht gibt es das Buch auch auf Deutsch.

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