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Wissenschaft

Reformen für den Nobelpreis

Der Nobelpreis hat ein Frauenproblem

Dieselbe Prozedur wie im letzten Jahr: Bei den Nobelpreisen wurden wieder nur ältere, weiße Männer ausgezeichnet. Erst 2069 wird man erfahren, ob überhaupt Frauen nominiert waren.

Steffen Trumpf/ DPA

Nobelpreismuseum in Stockholm: In hundert Jahren kaum Veränderung beim Geschlechterverhältnis

Ein Gastbeitrag von Nils Hansson und Thorsten Halling
Mittwoch, 09.10.2019   19:09 Uhr

Die Nobelkomitees in Stockholm haben es erneut getan: Am Montag ging der Nobelpreis für Medizin an drei Männer mittleren Alters. Am Dienstag, bei der Vergabe des Physik-Preises, war es ähnlich. Und beim Chemie-Nobelpreis gewannen, na klar, erneut drei ältere Männer. Preisträger John Goodenough, betagte 97 Jahre alt, stellte sogar einen neuen Rekord auf. Kein Nobelpreisträger war zum Zeitpunkt der Verkündung älter.

Die Kritik an diesen Entscheidungen: wieder einmal keine Frau. Und wieder werden ausschließlich Forscher von renommierten Institutionen in Nordamerika und Europa geehrt. Einzige Ausnahme ist Chemie-Preisträger Akira Yoshino, er forscht in Japan.

Zur Person

Ob es überhaupt Alternativen für Preisträger gegeben hätte und ob unter den aus der Gemeinschaft der Wissenschaft vorgeschlagenen Forschern überhaupt eine Frau gewesen wäre: Wir werden es erst in 50 Jahren erfahren, wenn die Archive die Akten freigeben.

Alfred Nobel legte in seinem Testament fest, dass die Preise an die Würdigsten ihres Fachs vergeben werden sollten, unabhängig von ihrer Nationalität. Nahezu Jahr für Jahr zeigt sich: Die Praxis ist eine andere. Die USA sind bei der Anzahl der Preisträger mit deutlichem Vorsprung Nummer eins. Auch beim Geschlechterverhältnis hat sich in den letzten 100 Jahren kaum etwas verändert. Nur fünf Prozent der Laureaten der Wissenschaftspreise Medizin, Physik und Chemie sind Frauen.

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In der Physik wurde mit Donna Strickland im vergangenen Jahr die erste Frau seit 55 Jahren und die dritte überhaupt ausgezeichnet. Wie kommt es zu diesem extremen Ungleichgewicht? Ist das eine Folge des sogenannten Matilda-Effekts, der systematische Benachteiligung von Frauen im Wissenschaftsbetrieb beschreibt?

Auch wenn andere international bedeutende Wissenschaftspreise wie der Gairdner Award in Kanada und der Lasker Award in den USA ähnliche Statistiken aufweisen, ist vor allem der Nobelpreis zum Symbol einer scheinbar unauflösbaren Chancenungleichheit der Geschlechter in den Wissenschaften avanciert.

Redakteure der führenden Medizinfachzeitschrift "The Lancet" forderten deshalb die wissenschaftlichen Institutionen auf, ihre eigene Rolle für die Fortschreibung von Ungleichheiten anzuerkennen. Ebenfalls haben sie gefordert, dass die Preiskomitees ihre Auswahlprozesse transparenter gestalten sollten.

Aufschluss über die Entscheidungsprozesse bei der Preisvergabe bietet das Archiv der Nobelstiftung. Die von uns durchgeführte Lektüre der Gutachten über vor Jahrzehnten in der engeren Wahl stehenden Kandidaten für den Medizinnobelpreis offenbarte: Im Herzstück des Nobelsystems operierten einst sehr viele "old boys networks". Die Chancenungleichheit beginnt damit, dass die preiswürdigen Forscherinnen erst gar nicht nominiert wurden (mehr zum Thema lesen Sie hier).

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Göran Hansson, der derzeitige Sekretär der Königlich Schwedischen Akademie, die für die Chemie- und Physikpreise zuständig ist, sprach kürzlich in einem "Nature"-Interview über vielfältige Bemühungen und Fortschritte in der Geschlechterfrage. Die Unterlagen darüber sind allerdings erst in 50 Jahren - nach Ablauf der immer noch gültigen Sperrfrist für die Nominierungen und Gutachten - einsehbar. Wer durfte also dieses Jahr nominieren, welche Weltregionen wurden dabei bevorzugt, wer stand zur Auswahl? Waren auch Frauen dabei und welche Argumente wurden für ihre Exzellenz angeführt? Spätere Generationen werden es frühestens im Jahr 2069 erfahren.

Es gilt, die Nominierungen in den Nobelkomitees direkt transparent zu machen. Damit würde die wissenschaftliche Gemeinschaft in Mithaftung genommen werden, denn vielleicht ist sie es, die Jahr für Jahr den Komitees eine bezüglich Geschlecht und Herkunft wenig diverse Auswahl an Kandidatinnen und Kandidaten bietet. So können verkrustete Strukturen erkannt und endlich aufgebrochen werden.

Öffnet die Archive! Nur dann kann die Kritik an der zur Karikatur gewordenen Preisverkündung der "alten Männer aus Stockholm für alte weiße Männer aus Europa und Nordamerika" überflüssig werden.

insgesamt 144 Beiträge
ksail 09.10.2019
1. Alte weiße Männer...
Waren wir nicht schon etwas weiter, als jedes Problem auf alte weiße Männer zu reduzieren? Das ist inzwischen doch etwas abgegriffen und wenig kreativ. Schade, dass man den Artikel dann kaum mehr liest. Plakativer: An unseren [...]
Waren wir nicht schon etwas weiter, als jedes Problem auf alte weiße Männer zu reduzieren? Das ist inzwischen doch etwas abgegriffen und wenig kreativ. Schade, dass man den Artikel dann kaum mehr liest. Plakativer: An unseren gesellschaftlichen Problemen sind in der Regel weder die Migranten noch die alten weißen Männer schuld...
frenado 09.10.2019
2.
Natürlich kann man die mangelnde Transparenz der Nobelpreisverleihungen kritisieren. Aber dies an den oberflächlichsten Merkmalen festzumachen und dabei den aus Übersee herübergeschwappten Kampfbegriff des "alten weißen [...]
Natürlich kann man die mangelnde Transparenz der Nobelpreisverleihungen kritisieren. Aber dies an den oberflächlichsten Merkmalen festzumachen und dabei den aus Übersee herübergeschwappten Kampfbegriff des "alten weißen Mannes" zu mobilisieren, halte ich für unredlich. Mehr Sachlichkeit und Tiefgang, bitte.
Fuxx81 09.10.2019
3. Erwartungswert
---Zitat--- Alfred Nobel legte in seinem Testament fest, dass die Preise an die Würdigsten ihres Fachs vergeben werden sollten, unabhängig von ihrer Nationalität. Nahezu Jahr für Jahr zeigt sich: Die Praxis ist eine andere. [...]
---Zitat--- Alfred Nobel legte in seinem Testament fest, dass die Preise an die Würdigsten ihres Fachs vergeben werden sollten, unabhängig von ihrer Nationalität. Nahezu Jahr für Jahr zeigt sich: Die Praxis ist eine andere. Die USA sind bei der Anzahl der Preisträger mit deutlichem Vorsprung Nummer eins. ---Zitatende--- Das ist kein Widerspruch. Die US-Forschung ist nun mal Weltspitze. Die Chinesen holen auf, die Deutschen fallen zurück. Damit sind die Würdigsten ihres Faches, eben meistens Amerikaner. Die Preisverteilung entspricht dem Erwartungswert. Was Frauen angeht: Hier habe ich keine Statistiken vorliegen, es würde mich aber wundern, wenn in der Spitzenforschung mehr als 10% Frauen vertreten wären. Das ist sicher kein erstrebenswerter Zustand, aber keinesfalls Schuld oder Problem des Nobel-Komitees. Der Artikel bleibt Nominierungsvorschläge ja nun auch schuldig...
kangootom 09.10.2019
4. Erzieher/in des Jahres
Bei der Wahl der/des Erziehers/in des Jahres in Kindergärten würden jedes Jahr nur Frauen gewählt. Wie groß wäre der Aufschrei wenn wegen der Gleichberechtigung abwechselnd Mann/Frau gewählt werden müssen. Es ist leider mal [...]
Bei der Wahl der/des Erziehers/in des Jahres in Kindergärten würden jedes Jahr nur Frauen gewählt. Wie groß wäre der Aufschrei wenn wegen der Gleichberechtigung abwechselnd Mann/Frau gewählt werden müssen. Es ist leider mal so, dass Frauen in der Forschung erst langsam aufholen. Und da der Nobelpreis oft für Forschung vergeben wird, die erst Jahrzehnte später unser Leben verändert, ist das Verhältnis entsprechend hintendran .
mainzer2 09.10.2019
5. Ist Diskrimierung der Grund?
Ist wirklich Diskriminierung der Grund oder die einfache Tatsache, dass Frauen in den Zeiträumen, die in die Bewertung einfließen, sehr selten in naturwissenschaftlichen Fachbereichen tätig waren? Marie Curie und ihre [...]
Ist wirklich Diskriminierung der Grund oder die einfache Tatsache, dass Frauen in den Zeiträumen, die in die Bewertung einfließen, sehr selten in naturwissenschaftlichen Fachbereichen tätig waren? Marie Curie und ihre Kolleginnen sind doch eher der Nachweis dafür, als das Gegenteil! Das kann heute anders sein, aber die Nobelpreisträger von heute hatten ihr Schaffensdrang vor 20 Jahren oder deutlich mehr...Auch heute noch finden Frauen leider in Naturwissenschaften nicht in der Häufigkeit statt! Oder wollen wir in Zukunft Preise nach Geschlechterproporz vergeben und nicht nach Qualität? Das wäre den hochqualifizierten Frauen in den naturwissenschaftlichen Bereichen gegenüber noch ungerechter!
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