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Wissenschaft

Analyse alter Traubenkerne

Dieser Wein schmeckt fast wie im Mittelalter

Chardonnay, Weißer Traminer oder ein Chablis - Weinliebhaber haben die Qual der Wahl. Eine Studie zeigt: Viele der heute gebräuchlichen Sorten tragen ein jahrhundertealtes Erbe.

REUTERS / Denis Balibouse

Weinflasche aus dem Jahr 1774 (Archivbild)

Dienstag, 11.06.2019   12:15 Uhr

Schon vor etwa 6000 Jahren wurde die Weinrebe domestiziert und gehört seitdem zu den weltweit verbreitetsten und ökonomisch wertvollsten Anbaupflanzen. In Frankreich wurde Wein vermutlich zunächst im 6. Jahrhundert vor Christus in der griechischen Kolonie Massali angebaut, dem heutigen Marseille. Die Kunst der Weinherstellung breitete sich dann entlang der Mittelmeerküste aus, bis sie die Römer schließlich im 1. Jahrhundert vor Christus großflächiger in Südfrankreich verbreiteten.

Eine aktuelle Gen-Studie zeigt, dass heutige Weinbauern noch immer einige Weinsorten anbauen, die schon seit Jahrhunderten in Frankreich genutzt werden. Sorten aus der Römerzeit sind aber nicht mehr im Einsatz. Forscher um Jazmin Ramos-Madrigal von der Universität im dänischen Kopenhagen hatten Traubenkerne untersucht, die an archäologischen Stätten gefunden wurden. Im Fachblatt "Nature Plants" berichten sie von ihren Ergebnissen.

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Als Menschen begannen, Weinreben gezielt anzubauen, haben sie diese meist vegetativ vermehrt - also, indem sie Stecklinge von einer Pflanze in den Boden gesetzt haben. Das führte dazu, dass das Genom sehr alter Rebsorten heute noch fast unverändert vorliegt. So lässt sich die Herkunft einzelner Weinsorten über lange Zeiträume zurückzuverfolgen.

Insgesamt untersuchten die Forscher 28 Samen aus neun französischen Ausgrabungsstätten. Das Alter der Traubenkerne datierten sie über den archäologischen Kontext. Es reicht vom Mittelalter über die Römerzeit bis hin zur Eisenzeit etwa 500 Jahre vor Christus. Die Forscher verglichen das in den Kernen steckende Erbgut mit DNA-Daten von heutigen Zuchtsorten und wilden Weinsorten.

Stecklinge über Hunderte Kilometer transportiert

Die Auswertung ergab, dass alle Samen von domestizierten Pflanzen stammten - und nicht von wilden Weinpflanzen. Das galt selbst für die älteste Probe aus der Eisenzeit. Hinweise darauf, dass etwa die Römer oder die Menschen des Mittelalters wilde Beeren gesammelt und diese gesät hatten, lieferten die Untersuchungen nicht.

Weitere Analysen zeigten, dass die Kerne genetisch solchen Weinsorten am stärksten ähnelten, die heute in West- und Zentraleuropa angebaut werden. Drei Proben aus römischer Zeit zeigten Verwandtschaft zu Sorten vom Balkan und der iberischen Halbinsel.

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"Das ist eine sehr spannende Studie, weil sie unter anderem zeigt, wie alt die heutigen Sorten zum Teil schon sind", sagt Ernst Weinmann vom Staatlichen Weinbauinstitut Freiburg, der nicht an der aktuellen Studie beteiligt war.

Die Untersuchung belegt laut den Forschern, dass sich der kultivierte Wein schon vor 2000 Jahren im heutigen Frankreich von seinen Vorläufern aus dem Nahen Osten unterschied. Später entwickelten sich aus ihm die Weinsorten, die heute noch in Westeuropa angebaut werden, schreiben die Wissenschaftler.

Übereinstimmend mit historischen Berichten legten die Daten nahe, dass Weinbauern die Weinreben seit der Römerzeit vegetativ vermehrt und über lange Strecken von Hunderten Kilometern transportiert haben. So seien zwei genetisch identische Kerne aus römischen Stätten geborgen worden, die mehr als 600 Kilometer auseinander lagen.

"Traube wird heute ganz anders weiterverarbeitet"

Die Ergebnisse zeigen auch, dass die Weißweinsorte Savagnin Blanc bereits seit 900 Jahren unverändert in Frankreich kultiviert wird. Die Sorte wird auch Weißer Traminer genannt und ist nicht mit dem berühmteren Sauvignon blanc zu verwechseln. Der von den Forschern untersuchte Kern stammte aus dem Zeitraum zwischen 1050 bis 1200. Heute wird die Rebsorte hauptsächlich im französischen Jura angebaut und getrunken.

"Der Geschmack der Traube wird heute noch ähnlich sein wie früher", vermutet Weinmann. "Aber die Herstellung von Wein hat sich seitdem stark verändert. Die Traube wird heute ganz anders weiterverarbeitet. Das verändert natürlich auch den Geschmack des Weines."

Für die römischen Kerne fanden die Forscher keinen identischen Treffer unter heutigen Sorten, allerdings eine sehr nahe Verwandtschaft zu verschiedenen Traubensorten.

chs/dpa

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