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Wissenschaft

Fund am Strand

Hiroshima-Atombombe hinterließ winzige Glaskugeln

Im Sand einer japanischen Halbinsel entdeckte ein Geologe zufällig einige seltsam geformte, glasartige Objekte. Nun zeigte sich: Sie sind wahrscheinlich vor mehr als 70 Jahren beim Atomangriff auf Hiroshima entstanden.

UC Berkeley
Mittwoch, 15.05.2019   17:18 Uhr

Eigentlich war Mario Wannier auf der Suche nach kleinen Tieren. Als er 2015 im Sand von der japanischen Halbinsel Motoujina nach mikroskopisch kleinen Meereslebewesen suchte, erregte jedoch schnell etwas anderes seine Aufmerksamkeit.

Unter dem Mikroskop fand der Geologe winzige glasartige Partikel und eine ganze Reihe ungewöhnlich geformter Objekte im Sand. "Ich habe bereits Hunderte Proben von Stränden in Südostasien untersucht und kann mineralische Körner leicht von tierischen Partikeln unterscheiden", sagt der pensionierte Forscher.

Welchen Ursprungs die seltsamen Stücke im Sand waren, konnte sich Wannier zunächst allerdings nicht erklären. Die Fundstücke erinnerten ihn an Gebilde, die bei gewaltigen Meteoriteneinschlägen entstehen, wie jenem Brocken, der vor 65 Millionen Jahren die Dinosaurier auslöschte. Verflüssigte Metalle aus dem Boden werden dabei in die Atmosphäre geschleudert und bilden gläserne Tropfen.

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Steinchen am Strand: Ein Rest Hiroshima

Doch einige der nun entdeckten zwischen 0,5 und einem Millimeter großen Gebilde passten nicht zur Meteoriten-Theorie. Sie waren nicht rund und teils aus mehreren Objekten zusammengeschmolzen (siehe Bilderstrecke oben). Schließlich zeigten chemische Analysen: Die seltsamen Teile sind wahrscheinlich bei der Explosion der Atombombe von Hiroshima im Jahr 1945 entstanden. Die Bombe war nur wenige Kilometer entfernt von der Halbinsel Motoujina detoniert.

"Das schlimmste menschengemachte Ereignis, das es je gab"

Einige Kügelchen enthalten auch Stahl oder Eisen, berichtet Wannier gemeinsam mit Forschern vom Berkeley National Laboratory in Kalifornien im Fachmagazin "Anthropocene". Andere umschließen Baumaterialien wie Beton, Marmor, Edelstahl oder Gummi. Radioaktive Bestandteile fanden die Forscher bislang nicht, das sei aber kein Gegenargument für ihre Theorie, schreiben sie. Strahlende Substanzen würden nicht zwingend in alle Partikel eingeschlossen.

Kristalle in den Partikeln legten nahe, dass die besonderen Objekte bei mehr als 1800 Grad Celsius entstanden seien. Vermutlich hätten sich die Gebilde in großer Höhe um den aufsteigenden Feuerball der Bombe gebildet.

"Der Untergrund wurde durch die Gewalt der Explosion aufgewirbelt, und die Hitze in der Atomwolke hat die physikalischen Eigenschaften der herumfliegenden Teilchen verändert", so Wannier. Dabei seien einzelne Kügelchen zusammengeschmolzen, so sei die ungewöhnliche Form der Fundstücke entstanden.

"Der Atomangriff auf Hiroshima war eines der schlimmsten menschengemachten Ereignisse, die es je gab", sagt Wannier. Bei der Attacke vor mehr als 70 Jahren kamen 70.000 Menschen ums Leben, ungefähr noch einmal so viele starben infolge der Strahlung, ein Großteil der Gebäude wurde zerstört. "Man hatte eine Stadt und eine Minute später war nichts mehr da. Man fragt sich: Wo ist das ganze Material hin?" Einen kleinen Teil haben die Forscher nun wiedergefunden.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels stand, die Atombombe von Hiroshima sei vor mehr als 60 Jahren detoniert. Genauer sind es mehr als 70 Jahre. Wir haben die Angabe präzisiert.

jme

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