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Wissenschaft

Indien

Baden in Unsterblichkeit

Alle zwölf Jahre wird das indische Allahabad zur Megacity. Dann feiern rund 70 Millionen Menschen hier ein spirituelles Festival - mit Opferriten und Bädern in der Brühe des Ganges. Wer eintaucht, dem bieten sich wundersame Szenen.

NATIONAL GEOGRAPHIC/ Alex Webb
Von "National Geographic"-Autor Alex Webb
Sonntag, 09.02.2014   15:54 Uhr

Gelber Dunst hing in der Luft. Es war der Nebel, der über den Ganges ins schwache Licht der Natriumdampflampen am Ufer von Allahabad zog. Die ersten Pilger krochen aus ihren Zelten. Frühmorgens, noch vor Sonnenaufgang, konnten sie sich beinahe ungestört ihren Opferritualen widmen und ihre spirituellen Waschungen zelebrieren. Intime Momente, in denen ich etwas von der Spiritualität spüren konnte, die das Hindu-Fest Kumbh Mela verströmt.

Es war auch jene Zeit des Tages, in der ich ungehindert fotografieren konnte. Wenig später war es damit vorbei. Menschenmassen bevölkerten die riesige Zeltstadt im Norden Indiens, in die zwischen Mitte Januar und März etwa 70 Millionen Hindus pilgerten. Rauch und Staub schwängerten die Luft. Aus den Lautsprechern klangen Musik und Gebete. Am Hauptbadetag beherbergte die temporäre Megacity mit eigens errichteten Krankenhäusern, Straßen, Feuerwehrstationen und Brücken 30 Millionen Menschen - mehr als London, Tokio und New York zusammen.

Reinwaschen von allen Sünden

Dem Mythos nach haben die Götter hier einst mit den Dämonen um einen Krug (kumbh) gestritten, der mit Unsterblichkeitsnektar gefüllt war. Dabei verschütteten sie vier Tropfen des kostbaren Saftes. Sie fielen auf die Erde, auf Allahabad, Haridwar, Ujjain und Nashik. Wer dort ein Bad nimmt, so heißt es, wäscht sich rein von allen Sünden und wird selber unsterblich. Alle zwölf Jahre, wenn Sonne, Mond und Jupiter besonders günstig zueinander stehen, begehen die Hindus das "Fest des Kruges" in Allahabad, wo Ganges, Jamuna und der nur in der Mythologie existierende Saraswati zusammenfließen.

Nun ist der Ganges nicht gerade ein Fluss, in dem ein Bad zu empfehlen wäre - von einer Kostprobe der dreckigen Brühe ganz zu schweigen. In den heiligen Fluss der Hindus fließen massenweise Industrieabwässer und Fäkalien, auch wenn an seinen Ufern nicht Millionen Menschen meditieren. Trotzdem baden die Pilger in dem Wasser und trinken davon. Ich war einigermaßen erstaunt, dass die einzige Krankheit, an der manche Gläubige litten, eine ganz normale Erkältung war.

Zugewandt und hilfsbereit

Ich selber habe mich nur bis zur Hüfte in den Fluss gewagt. Aber ich hatte ja auch nicht vor, spirituelle Erleuchtung zu finden. Ich wollte Fotos machen - und dafür war ich bereit, einiges zu riskieren. An den Hauptbadetagen, an denen Millionen Menschen ins Wasser drängten, war es nicht so leicht, an jene Stellen zu gelangen, die ich mir zum Fotografieren ausgesucht hatte.

Manchmal kam ich in der Menge nicht mehr vorwärts. Dann bahnte ich mir einen Weg zurück, um im weiten Bogen das Meer von Pilgern zu umrunden. Das hat mich viel Zeit gekostet. Die Tribünen für die Presseleute standen sehr weit weg vom Wasser. Um dichter heranzukommen, kroch ich unter Absperrungen hindurch, immer darauf bedacht, mich nicht von der Polizei erwischen zu lassen. Einmal enterte ich einen hohen Zaun, klebte mit einem Tape mein Stativ an einem Pfahl fest und wartete. Ein Kollege musste mich dabei am Bein festhalten, weil ich sonst heruntergefallen wäre.

Angst vor der Menge hatte ich nie, sie strahlte eine sehr positive Energie aus. Einen Unfall gab es erst bei der Abreise. Auf dem Bahnhof brach eine Panik aus, und 36 Menschen kamen ums Leben. Es ist ein Wunder, dass während des Kumbh-Mela-Festivals nicht mehr passiert. Vielleicht liegt es daran, dass die Pilger in eine Art kollektives Bewusstsein eintauchen. Vereint in ihrem Glauben, wirken sie zugewandt und hilfsbereit. Ich bin froh, dass ich beim größten Fest der Erde dabei sein durfte. Es hat mir eine Vorstellung davon vermittelt, wie es sein kann, wenn Millionen Menschen friedlich zusammenleben.

Gekürzte Fassung aus "National Geographic Deutschland", Ausgabe Februar 2014, www.nationalgeographic.de

insgesamt 6 Beiträge
joachim_m. 09.02.2014
1. optional
Zitat aus Artikel: "Ich bin froh, dass ich beim größten Fest der Erde dabei sein durfte. Es hat mir eine Vorstellung davon vermittelt, wie es sein kann, wenn Millionen Menschen friedlich zusammenleben." Klar bleibt [...]
Zitat aus Artikel: "Ich bin froh, dass ich beim größten Fest der Erde dabei sein durfte. Es hat mir eine Vorstellung davon vermittelt, wie es sein kann, wenn Millionen Menschen friedlich zusammenleben." Klar bleibt es friedlich, wenn Gleichgesinnte zusammen sind und vor allem, wenn es darum geht, sich mal eben in wenigen Tagen die Unsterblichkeit, so wie es die Religion lehrt, abzuholen. Aber: eine ganze Reihe dieser Pilger werden, wenn sie nach zu Hause zurückkehren wieder Anhänger anderer Religionen verfolgen, von wegen, man hat eine Vorstellung, wie es sein kann, wenn Millionen Menschen friedlich zusammenleben, dies ist eine reine Wunschvorstellung, zum einen sind die Menschen nicht von Natur aus so, sie sind insoweit aus Sicht der Wunschvorstellung janusköpfig, mal friedlich und kooperativ, mal unfriedlich und nur kooperativ gegenüber jenen, die als Kampfgefährten mithelfen, andere zu verletzen und zu töten, zum anderen sorgen gerade die Religionen (ebenso wie radikale und extremistische Ideologien) dafür, dass Mord und Totschlag im Namen der absoluten Wahrheit nicht aussterben. Solche Feste festigen über das rein religiöse hinaus nur das Zusammengehörigkeitsgefühl der eigenen Gruppe, bestenfalls sorgt es dafür, dass gruppeninterne Meinungsverschiedenheiten weniger unfriedlich ausgetragen werden, aber gegenüber allen anderen Menschen sind sie bestenfalls neutral, häufiger passiert es sogar eher, dass das gestärkte Bewusstsein für die Ingroup dafür sorgt, dass man sich deutlicher gegen die Outgroup, also alle anderen Menschen, die nicht zur eigenen Gruppe gehören, stärker abgrenzt. Das ist das Janusgesicht solcher Veranstaltungen und man sollte sich daher nicht täuschen lassen, wenn die Gläubigen bei solchen Gelegenheiten extrem friedlich wirken, schon morgen, wenn sie nach Hause zurückgekehrt sind und auf andere treffen, die nicht zu ihrer Religionsgemeinschaft gehören, kann die gesamte Veranstaltung auch schnell ins Gegenteil umschlagen; und Probleme mit spirituell beglückten haben wir ja weltweit mehr als genug, egal, ob Salafisten, Evangelikale, Katholiken (hier ist nach Ländern zu unterscheiden, in Europa benehmen sie sich bis auf Einzelfälle relativ zivilisiert, in anderen Ländern sieht das bis heute ganz anders aus), Orthodoxe (derzeit insbesondere die russisch-orthodoxe Kirche mit ihrem Schwulenhass), bestimmte Hindugruppen, die Bombay in Mumbai umbenannt haben, Buddhisten, die Muslime mehr oder weniger systematisch ermorden und und und. Ja, Marxisten und (nichtreligiöse, die anderen sind ja schon oben enthalten) Faschisten sind auch nicht besser, aber das ändert nichts daran, das in den ersten 14 Jahren dieses Jahrhunderts religiöser Wahn mehr Menschen umgebracht hat als alle Kommunisten, Faschisten und Kriminellen weltweit zusammen. Von wegen friedlich und spirituell beglückend, da holen sich auch viele religiöse Fanatiker die Kraft, die sie brauchen, um andere umzubringen!
redbayer 09.02.2014
2. Baden sterblich
["... vereint in ihrem Glauben, wirken sie zugewandt und hilfsbereit. Ich bin froh, dass ich beim größten Fest der Erde dabei sein durfte. Es hat mir eine Vorstellung davon vermittelt, wie es sein kann, wenn Millionen [...]
["... vereint in ihrem Glauben, wirken sie zugewandt und hilfsbereit. Ich bin froh, dass ich beim größten Fest der Erde dabei sein durfte. Es hat mir eine Vorstellung davon vermittelt, wie es sein kann, wenn Millionen Menschen friedlich zusammenleben" quote] Schön beschrieben, aber nahezu alle Folgerungen daraus nicht haltbar - eben religiös. Wenn alle Rücken zu Rücken hintereinander wie Lemmige in die Gangesbrühe laufen, kann wohl wohl schlecht von "einander zugewandt und hilfsbereit" sprechen (siehe Foto). Warum dieser Aufmarsch von Millionen auch noch "friedliches Zusammenleben" darstellen soll, bleibt wohl ihr Geheimnis. Das Zusammenleben in Indien ist keineswegs besonders friedlich und wenn diese Menschenmassen sich auch noch Zusammenrotten um gleichzeitig in den Fluss zu steigen, ist eher Gefahr in Verzug. Es ist leicht vorauszusagen, dass bei dieser Praxis in Zukunft noch mehr passieren wird (siehe Rock Festival in Duisburg) oder wenn der Fluss nur noch eine Salzsäure Brühe ist - dann war es eben Gott. Wenn überhaupt ein Symbol, dann zeigt dieser Marsch die Dumpheit der zivilisatorischen Entwicklung, die sich auch im 21. Jahrhundert immer noch religiös darstellt.
Pulmoll 09.02.2014
3. Schöner Bericht
Ein sehr schöner Reisebericht. Kritik daran kann ich nicht verstehen. Ich selber lebe in Fernost. Der Blick von innen heraus ist immer besser als die Beurteilung von außen. Vergleichen, be- und verurteilen ist nicht [...]
Ein sehr schöner Reisebericht. Kritik daran kann ich nicht verstehen. Ich selber lebe in Fernost. Der Blick von innen heraus ist immer besser als die Beurteilung von außen. Vergleichen, be- und verurteilen ist nicht angebracht. Dazu ist die Kultur in Indien auch zu komplex. In Asien leben 2/3 der Weltbevölkerung. Ich erlebe immer wieder, das Gäste kommen und dann über die Leute vor Ort ( ich lebe in China ) die Nase rümpfen. Ich sage dann immer: Asien ist Mainstream. Die "komische Minderheit" sind nicht die großen Völker und Kulturen Asiens, sondern die paar Männekes in Europa die immer noch meinen, etwas besonderes zu sein :-)
derweltbuerger 09.02.2014
4. Das Maha Kumbh Mela war vor einem Jahr
Es ist wirklich schön, hier einen Bericht über dieses wahnsinnig tolle Festival zu lesen. Es hätte ruhig erwähnt werden können, dass es vor genau einem Jahr stattgefunden hat. Am 10. Februar 2013 war der Hauptbadetag von dem [...]
Es ist wirklich schön, hier einen Bericht über dieses wahnsinnig tolle Festival zu lesen. Es hätte ruhig erwähnt werden können, dass es vor genau einem Jahr stattgefunden hat. Am 10. Februar 2013 war der Hauptbadetag von dem der Autor spricht, ich war selber dort. So hat es den Anschein, es habe gerade erst stattgefunden. Und es schadet übrigens nicht, im Fluss zu baden. Ich habe das jeden Tag getan. Man sollte es aber nur tun, wenn man keine Angst davor hat, denn der Geist hat einen großen Einfluss auf unsere Gesundheit. Besonders schön und wahr finde ich übrigens die letzten Sätze: "Es ist ein Wunder, dass während des Kumbh-Mela-Festivals nicht mehr passiert. Vielleicht liegt es daran, dass die Pilger in eine Art kollektives Bewusstsein eintauchen. Vereint in ihrem Glauben, wirken sie zugewandt und hilfsbereit. Ich bin froh, dass ich beim größten Fest der Erde dabei sein durfte. Es hat mir eine Vorstellung davon vermittelt, wie es sein kann, wenn Millionen Menschen friedlich zusammenleben."
Layer_8 09.02.2014
5. "Asien ist Mainstream"
Es sind ja damit eher genau 2 Länder/Kulturkreise gemeint, wo die Massen leben. In einem kenn ich mich auch ein bisschen aus. Indien-Pakistan-Bangla Desh. Da ist alles krasse Masse. Im Westen meint mancher vielleicht, viele [...]
Zitat von PulmollEin sehr schöner Reisebericht. Kritik daran kann ich nicht verstehen. Ich selber lebe in Fernost. Der Blick von innen heraus ist immer besser als die Beurteilung von außen. Vergleichen, be- und verurteilen ist nicht angebracht. Dazu ist die Kultur in Indien auch zu komplex. In Asien leben 2/3 der Weltbevölkerung. Ich erlebe immer wieder, das Gäste kommen und dann über die Leute vor Ort ( ich lebe in China ) die Nase rümpfen. Ich sage dann immer: Asien ist Mainstream. Die "komische Minderheit" sind nicht die großen Völker und Kulturen Asiens, sondern die paar Männekes in Europa die immer noch meinen, etwas besonderes zu sein :-)
Es sind ja damit eher genau 2 Länder/Kulturkreise gemeint, wo die Massen leben. In einem kenn ich mich auch ein bisschen aus. Indien-Pakistan-Bangla Desh. Da ist alles krasse Masse. Im Westen meint mancher vielleicht, viele schlechte Nachrichten kommen von dort, in vielerlei Beziehungen, jedoch relativiert sich das ziemlich schnell, pro Kopf gerechnet. Schöner Artikel, und Leute, die noch nie dort waren sollten dann auch nicht gleich rumnölen.

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