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Wissenschaft

Umstrittene Studie über Erbgut des Serienmörders

Rätsel um die Ripper-DNA

Jack the Ripper hat mindestens fünf Frauen ermordet. Bis heute weiß niemand, wer hinter dem Pseudonym steckte. Nun wollen Experten dem Geheimnis auf die Spur gekommen sein - doch es gibt erhebliche Zweifel.

Getty Images

Motiv von Jack the Ripper in einem Pub in London

Mittwoch, 20.03.2019   20:29 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Jack the Ripper war seit jeher ein beliebter Charakter bei Geschichtenerzählern, er war Teil von Verschwörungstheorien und Objekt der Forschung. Doch bis heute gibt der Mann, der im Herbst des Jahres 1888 in London fünf Prostituierte getötet haben soll, viele Rätsel auf. Unter anderem ist offen, wie er wirklich hieß. Gefasst wurde er nie.

Nun wollen Forscher aus Großbritannien das Geheimnis gelüftet haben. "Bild.de" und "Focus.de" berichteten Anfang der Woche darüber, auch zahlreiche internationale Medien griffen die Nachricht auf. Eine DNA-Analyse soll Aaron Kosminski, einen zur Zeit der Taten 23-jährigen Friseur und Hauptverdächtigen, überführt haben. Mehrere Wissenschaftler äußerten jedoch erhebliche Bedenken.

Jari Louhelainen von der Liverpool John Moores University und David Miller von der University of Leeds hatten einen Seidenschal untersucht, der neben dem vierten Opfer des Serienmörders, Catherine Eddowes, gefunden worden sein soll. Der Schal hat Flecken, die durch Blut und Sperma verursacht worden sein könnten. Ob es sich tatsächlich um diese Substanzen handelt, ist jedoch unklar.

Getty Images/ iStockphoto

Ergebnis würde vor Gericht nicht standhalten

Louhelainen und Miller nahmen Erbgut-Proben vom Schal und verglichen diese mit Informationen aus einer Gendatenbank. Der Fokus lag dabei auf Fragmenten sogenannter mitochondrialer DNA, die von der Mutter vererbt wird, schreiben die Forscher im "Journal of Forensic Sciences".

Laut der Analyse passen die untersuchten Sequenzen zu lebenden Nachfahren von Eddowes und Kosminski. Ihre DNA sei damit den vermeintlichen Blutflecken zuzuordnen, seine DNA den angeblichen Spermaflecken.

Auf Twitter weist der britische Genetiker Adam Rutherford darauf hin, dass die Untersuchung bereits 2014 in einem Buch von Russel Edwards veröffentlicht worden sei. Schon damals hatte er seine Zweifel geäußert. "Ich habe den Autor gefragt, ob der Nachweis heute vor Gericht standhalten würde, und er hat nein gesagt", schreibt er.

imago/ Science Photo Library

Proben in einem Labor

Rutherford bezeichnet die Studie als Nonsens und als ein Beispiel für schlechte Wissenschaft. Es sei nicht einmal sicher, dass Eddowes den Schal zum Zeitpunkt des Mordes überhaupt getragen habe. "Selbst falls das der Fall war, und der Schal im Gegensatz zu allen anderen Kleidungsstücken auch noch ungewaschen aufgehoben wurde, ist eine DNA-Analyse heute hochproblematisch", erklärte Rutherford.

Es gebe Fotos von Leuten, die mit dem Stück in der Hand posierten. Auch Angehörige von Opfer Eddowes hätten das Teil schon angefasst. Zunächst hatte "Forbes.com" über Rutherfords Kritik berichtet.

Untersuchte DNA lässt keinen Rückschluss auf Ripper-Verwandtschaft zu

Auch die mit historischen Fällen erfahrene Genetikerin Turi King von der University of Leicester äußert ihre Zweifel. Sie hatte wesentlich dazu beigetragen, Skelette, die im September 2012 bei Bauarbeiten unter einem Parkplatz in Leicester gefunden worden waren, dem englischen König Richard III. zuzuordnen. Die aktuelle Studie zu Jack the Ripper habe mehr Lücken als Schweizer Käse, schrieb sie nun.

Sie könne sich nicht erklären, wie es die Arbeit überhaupt durch den in der Wissenschaft üblichen Begutachtungsprozess geschafft habe. Es sei nicht nachvollziehbar, welche Methoden die Forscher zu dem Ergebnis gebracht hätten. Wesentliche Daten und Informationen seien nicht angegeben. Es ließe sich nicht einmal prüfen, welches Labor die DNA-Proben analysiert habe.

Hinzu komme, dass mitochondriale DNA generell ungeeignet sei, um Genmaterial eines männlichen Täters mit dessen Nachfahren abzugleichen. Denn diese DNA wird über die Mutter vererbt. Es sei also theoretisch möglich, Nachfahren des weiblichen Opfers mit diesem in Verbindung zu bringen. Die Forscher behaupten aber, dass von ihnen nachgewiesene mitochondriale DNA auch zu Nachfahren des Täters passte - dabei hat der diese gar nicht weiter vererbt.

"Frage nach der Identität wird ungeklärt bleiben"

Auf der Nachrichtenseite des Fachmagazins "Science" gibt Hansi Weissensteiner von der Medizinischen Universität in Innsbruck zudem zu bedenken, dass Analysen mit Mitochondrien-DNA nur sicher nachweisen könnten, dass zwei DNA-Proben nicht in Verbindung stehen. Die Proben, die dem Opfer zugeordnet wurden, könnten demnach auch zu einer anderen Frau gehören.

Es ist nicht das erste Mal, dass Forscher versucht haben, Jack the Ripper über DNA-Tests zu identifizieren. Vor zwei Jahren hat die Krimibuch-Autorin Patricia Cornwell Wissenschaftler beauftragt, das Erbgut auf Briefen auszuwerten, die der Serienmörder mutmaßlich an die Polizei geschickt hatte. Sie erklärte anschließend den Maler Walter Sickert für schuldig (mehr dazu lesen Sie hier). Kritiker halten die Briefe allerdings für gefälscht.

imago/ Science Photo Library

DNA-Doppelhelix

Andere Untersuchen legten Nahe, dass Jack the Ripper eine Frau gewesen sein könnte. Nichts davon konnte je einer kritischen Begutachtung standhalten. "Die Frage nach der Identität von Jack the Ripper, wird ungeklärt bleiben, da bin ich sicher", schlussfolgert Rutherford.


Zusammengefasst: Mit DNA-Analysen wollen Forscher nach 130 Jahren die Identität des Serienmörders Jack the Ripper geklärt haben. Kritiker halten die Studie allerdings für nicht nachvollziehbar. Es sei nicht möglich, mit der untersuchten mitochondrialen DNA eine Verbindung zwischen dem Täter von damals und seinen heute noch lebenden Nachfahren herzustellen, argumentieren sie. Wer sich hinter dem Pseudonym Jack the Ripper verbirgt, bleibt ein Rätsel.

jme

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