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Wissenschaft

Trinkkultur vor 2600 Jahren

Das süße Leben der Kelten

Savoir-vivre im alten Frankreich: Die Kelten tranken importierte Weine aus exotischen Schalen oder befüllten diese mit heimischem Bier. Eine neue Studie unterstreicht auch ihr Faible für Süßes.

P. Frankenstein/H. Zwietasch/Landesmuseums Württemberg/dpa

Attische Trinkschale aus Keramik mit Goldauflage: "Das war eine Zeit des Wandels"

Donnerstag, 20.06.2019   18:49 Uhr

Schon die Kelten pflegten den mediterranen Lebensstil. Sie tranken gerne Wein und nutzten dazu griechische Trinkgefäße aus Keramik. Forscher fanden nun heraus, wie die Menschen auf dem Gebiet des heutigen Frankreichs die Trinkkultur der Griechen übernahmen und sie weiter entwickelten.

Demnach schlürften sie aus den griechischen Schalen nicht nur edle Weine, sondern auch Bier. "Die Kelten haben die fremden Traditionen nicht einfach nur übernommen. Sie nutzten die Gefäße und Produkte auf ihre eigene Weise und für ganz unterschiedliche Zwecke", sagte Philipp Stockhammer von der Ludwig-Maximilians-Universität München. "Das war eine Zeit des Wandels."

Die Forscher hatten Nahrungsrückstände auf 99 heimischen oder aus Athen importierten Keramikgefäßen aus der Zeit um 500 vor Christus chemisch untersucht. Die Stücke waren an der ehemaligen keltischen Siedlung am Mont Lassois im französischen Burgund gefunden worden. Die Region im Osten von Frankreich galt einst als bedeutender Ort im damaligen europäischen Handelsnetz.

Victor S. Brigola/Landesmuseums Württemberg/dpa

Frühkeltische Gefäße im Archiv des Landesmuseums Württemberg

Die Analyse zeigte, dass die Bewohner der Siedlung unterschiedliche Trinkkulturen pflegten: So hätten die Soldaten, die am Tor der stadtähnlichen Ansiedlung lebten, wahrscheinlich Hirsebier getrunken, sagt Stockhammer. Diese Biersorte wurde den Forschern zufolge wahrscheinlich von Menschen mit niedrigem Status konsumiert.

Frauen durften offenbar an Trinkgelagen teilnehmen

Bier auf Gerstenbasis trank dagegen wohl die etwas höher gestellte Bevölkerung. Entsprechende Reste wurden in Gefäßen aus dem Handwerkerviertel entdeckt, schreiben die Forscher in der Fachzeitschrift "Plos One". Wein fanden die Wissenschaftler bei den bessergestellten Einwohnern vor allem in Kochgefäßen. Vermutlich wurde mit dem Getränk also auch Nahrung zubereitet. Importiert wurden die Weine neben Griechenland auch aus Italien und Südfrankreich.

Die Forscher fanden die Trinkgefäße zudem in Gräbern. Weil sie Männern und Frauen gleichermaßen mit auf die letzte Reise gegeben wurden, geht Stockhammer davon aus, dass Frauen vor 2600 Jahren grundsätzlich auch an Festen teilnehmen konnten, bei denen Alkohol getrunken wurde. Es gebe "keinen Grund anzunehmen, dass Frauen nicht auch bei Gelagen dabei sein durften".

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Die Forscher entdeckten in den Gefäßen auch andere Lebensmittelreste, etwa von Olivenöl, Milch und Bienenwachs. Letzteres fand sich in der Hälfte der heimischen Töpferstücke, was darauf hindeutet, dass Met ein beliebtes fermentiertes Getränk war oder dass die frühen Kelten ihre Getränke gern mit Honig süßten.

Dass die Kelten einst Bier und importierten Wein konsumierten, ist auch schon aus früheren Grabungen bekannt. Sogar schriftliche Quellen berichten darüber: Der griechische Geschichtsschreiber Poseidonios beschrieb im 1. Jahrhundert vor Christus die keltischen Gelage in einem Reisebericht aus der Region des heutigen Südfrankreichs. Auch er erwähnt Bier- und Weinkonsum.

Die keltische Kultur breitete sich in einem großen Gebiet in Europa vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer aus. Sie prägte die europäische Eisenzeit maßgeblich. Dabei unterschieden sich die einzelnen Stämme durchaus in ihren Lebensweisen. Bekannte keltisch geprägte Kulturen sind etwa die Hallstattkultur (8. bis 5. Jahrhundert vor Christus), die nach einem Fundort im heutigen Österreich benannt ist, und die Latènekultur (5. bis 1. Jahrhundert vor Christus), die ihren Ursprung in der Schweiz hat.

jme/joe/dpa

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