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Wissenschaft

Waldbrände und Klimaschutz

Drei Menschheitsfallen - und wie wir ihnen entkommen

Wenn man sich ansieht, was derzeit in Brasilien passiert, könnte man verzweifeln: Die brennenden Wälder zeigen, wie unfähig wir Menschen sind, uns selbst zu retten. Doch es gibt Hoffnung.

Ueslei Marcelino/ REUTERS

Waldbände in Brasilien: Nötig ist gegenseitiger Zwang in gegenseitigem Einverständnis

Eine Kolumne von
Sonntag, 25.08.2019   15:07 Uhr
"Jeder ist in einem System gefangen, das ihn dazu bringt, seine Herde grenzenlos zu vergrößern - in einer begrenzten Welt. Wenn in einer Gesellschaft, die an die Freiheit des Allgemeinguts glaubt, alle ihre eigenen Interessen verfolgen, rasen alle auf den Ruin zu."
Garrett Hardin, "The Tragedy of the Commons" (1968)

In Brasilien brennt der Regenwald, seit Wochen, in gigantischem Ausmaß. Das verschärft ein Problem, für das der rechtsradikale Präsident Jair Bolsonaro selbst maßgeblich mitverantwortlich ist: Die Abholzung der Amazonaswälder hat sich unter seiner Präsidentschaft noch einmal beschleunigt. Ohne den Dschungel aber, da sind sich Fachleute einig, funktioniert das Ökosystem Erde nicht mehr richtig. Der Regenwald geht die ganze Menschheit etwas an.

Als Frankreichs Präsident aber bei Twitter auf die Brände aufmerksam machte und zum Handeln aufrief, erklärte Bolsonaro: "Ich bedaure, dass Präsident Macron versucht, eine interne Angelegenheit Brasiliens und anderer Länder der Amazonasregion zum eigenen politischen Vorteil zu instrumentalisieren."

Beim Klimaschutz gibt es keine inneren Angelegenheiten

Was Atmosphäre und Artenschutz angeht, gibt es aber keine "internen Angelegenheiten" mehr. Dem Klima sind Staatsgrenzen gleichgültig, das Erdsystem nimmt auf die willkürlichen Unterteilungen, die wir Menschlein vorgenommen haben, keine Rücksicht. Die größten Probleme, die es derzeit gibt, betreffen uns alle gleichermaßen. Auch, wenn die Auswirkungen von Klimakrise und Artensterben sich in verschiedenen Regionen zunächst ganz unterschiedlich zeigen werden. Wir können uns nur als Menschheit retten, nicht als Nationen.

Was man in dieser Situation politisch bräuchte, wären Staatsmänner und -frauen mit globalem Verantwortungsgefühl. Aber in vielen großen Nationen, etwa in den USA, Russland, Brasilien und auf den Philippinen regieren derzeit Männer mit den politischen Instinkten von Schulhofschlägern. Und auch Indiens hindu-nationalistischer Präsident Narendra Modi ist eher der Auffassung, dass erstmal die anderen machen sollen, man selbst habe ja noch so viel nachzuholen. Dabei gehört sein Land zu denen, die der Temperaturanstieg jetzt schon am härtesten trifft.

Die drei Fallen

Diese Grundhaltung: Sollen doch erstmal die anderen machen, beziehungsweise: Wenn wir handeln, machen die anderen ja doch nicht mit, ist derzeit das größte Hindernis auf dem Weg zur Eindämmung der Katastrophe.

Auf nahezu jeder Ebene des möglichen Handelns zum Klimaschutz greift das gleiche Prinzip: Not in my backyard. Windräder? Gern, aber bitte nicht in Sichtweite. Weniger Kohleverstromung? Gern, aber bitte ohne, dass bei uns jemand den Arbeitsplatz wechseln muss. Weniger CO2 durch Flugverkehr? Gern, aber bitte ohne, dass Fliegen teurer wird. Wälder retten? Gern, solange das nicht mit den Interessen unserer Landwirtschaft kollidiert.

Wenn alle immer mehr wollen, aber nicht bereit sind, sich dem Gemeinwohl zuliebe einzuschränken, muss das in einer Welt mit begrenzten Ressourcen in den Untergang führen. Das hat der Ökologe Garrett Hardin im eingangs zitierten Artikel schon 1968 als "Tragödie der Allmende" bezeichnet. Irgendwann sind die Weiden alle abgegrast, die riesigen Herden verhungern.

In der Psychologie spricht man von drei Arten von Fallen, die Menschen in solche selbstzerstörerischen Handlungsweisen führen:

All diese Haltungen sind fatal, wenn eine für alle lebensnotwendige Ressource unwiederbringlich verbraucht oder zerstört wird.

In eine dieser drei Kategorien fällt nahezu jedes Argument, das derzeit gegen wirksame, konzertierte Klimaschutzmaßnahmen in Stellung gebracht wird. Weniger Kohleverstromung? Wozu, in Polen baut man doch weiter Kraftwerke. Schnelle Klimaschutzmaßahmen? Wozu, im Moment ist doch noch alles halbwegs in Ordnung. Weniger CO2 durch Flüge, etwa durch die Abschaffung der steuerlichen Begünstigung für Kerosin? Das klappt doch ohnehin nicht, dann tanken die Fluggesellschaften eben woanders.

Der schwarze Regen von São Paulo

Garrett Hardin empfahl übrigens schon damals Regulierung, weil er nicht daran glaubte, dass Menschen ihre natürliche Kurzsichtigkeit und ihren Egoismus individuell überwinden können. Seine Empfehlung lautete: "Mutual Coercion mutually agreed upon", zu Deutsch: "Gegenseitiger Zwang in gegenseitigem Einverständnis."

Es gibt in diesem Zusammenhang drei gute Nachrichten:

Die Probleme sind bekannt, die Bereitschaft, etwas dagegen zu tun, wächst - sogar bei den Anhängern der Republikaner in den USA -, und wir verstehen die Mechanismen, die das bewirken, immer besser.

Es gilt, hartnäckig, unbeirrbar und entschlossen zu sein. Wir dürfen den Schulhofschlägern nicht das Feld überlassen.

insgesamt 139 Beiträge
joshuaschneebaum 25.08.2019
1. Bravo für diesen Text!
Einfach nur ein Bravo für diesen Text! Die Worte stehen da.
Einfach nur ein Bravo für diesen Text! Die Worte stehen da.
salomon17 25.08.2019
2. Richtig, und außerdem
... haben wir heute viele technische Möglichkeiten, die es uns erlauben würden, ohne große Einschränkung unseres Lebensstandards diese Probleme zu lösen. - Es kommt darauf an, was wir als Lebensstandard definieren. Da mir [...]
... haben wir heute viele technische Möglichkeiten, die es uns erlauben würden, ohne große Einschränkung unseres Lebensstandards diese Probleme zu lösen. - Es kommt darauf an, was wir als Lebensstandard definieren. Da mir völlig klar ist, dass nicht alle 550 Millionen Europäer eine Kreuzfahrt machen sollten, tu ich es eben auch nicht. Ich verzichte nicht darauf, sondern lasse es einfach bleiben.
zeroo_ 25.08.2019
3. neue technische Möglichkeiten nutzen und Landverbauch reduzieren
Die Zerstörung des Regenwaldes ist nicht neu, sondern ein seit Jahrzehnen laufender Prozess. Tropenhölzer zu verwenden ist deswegen schon seit einiger Zeit ein Nogo. An der Landgewinnung für den Sojaanbau ist auch gerade Europa [...]
Die Zerstörung des Regenwaldes ist nicht neu, sondern ein seit Jahrzehnen laufender Prozess. Tropenhölzer zu verwenden ist deswegen schon seit einiger Zeit ein Nogo. An der Landgewinnung für den Sojaanbau ist auch gerade Europa schuld und Deutschland im besonderen weil hier einiges an Fleisch produziert wird. Alles das ist nicht notwendig, denn statt Soja können auch Mehlwürmer verfüttert werden. Die brauchen keinen Platz und werden einfach übereinander gestapelt. Der landwirtschaftliche Flächenverbrauch ist also völliger Unsinn. Wenn statt Soja Mehlwürmer, die in den Niederlanden schon in Fabriken produziert werden, verwendet werden, könnte auf den Flächen wieder Wald entstehen und so etwas für das Klima getan werden. Soja als Futter anzubauen ist also eine total veralterte Technik. Längst bieten sich mit der Produktion von Mehlwürmen ganze andere wunderbare technische Möglichkeiten, die jetzt genutzt werden müssen, um das Klima zu verbessern.
kohle+reibach 25.08.2019
4. Nützt gar nichts
Früher fand ich Endzeitfilme immer so spannend, weil man sich die Szenarien nicht vorstellen konnte. Meistens spielte das ja nach einem Atomkrieg. Die Welt ist nicht zu retten, es sei denn wir: 1) bauen die Überbevölkerung [...]
Früher fand ich Endzeitfilme immer so spannend, weil man sich die Szenarien nicht vorstellen konnte. Meistens spielte das ja nach einem Atomkrieg. Die Welt ist nicht zu retten, es sei denn wir: 1) bauen die Überbevölkerung ab (kann sein, dass das die Natur selbst erledigt, siehe Ebola, Dengue o.ä.) 2) Wir schaffen Globalität und Mobilität ab, denn so wie wir es heute kennen, geht es nicht weiter. 3) Kein Raubbau an der Erde (Rohstoffe etc..) Zusammengefasst müssten wir ein Leben leben, welches wir uns heute nicht mehr vorstellen könnten. Das wird nicht funktionieren, machen wir uns nix vor. Deshalb lieber Party und der letzte macht das Licht aus.
Gluehweintrinker 25.08.2019
5. Zweifel am Erfolg sind weiterhin angebracht
Da, wie wir wissen. der menschliche Egoismus grenzenlos ist und quasi sogar über Leichen geht, habe ich große Zweifel, ob es gelingen kann, den Hebel in Richtung Nachhaltigkeit schnell genug umzulegen. Zu scheinbar wirksam sind [...]
Da, wie wir wissen. der menschliche Egoismus grenzenlos ist und quasi sogar über Leichen geht, habe ich große Zweifel, ob es gelingen kann, den Hebel in Richtung Nachhaltigkeit schnell genug umzulegen. Zu scheinbar wirksam sind die bekannten Funktionen des Selbstbetrugs von "ich trenne doch meinen Müll schon und nun soll ich noch auf die 8 Kurzflugreisen im Jahr verzichten?" Die Evolution hat des Erzielen des eigenen Vorteils offenbar unausrottbar ins Genom aller lebenden Wesen programmiert. Es ist quasi das BIOS unseres Betriebssystems. Diesen Quellcode zu ändern dürfte unmöglich sein. Allenfalls Vernunft könnte helfen, die aber basiert auf Bildung. Eine App also soll den BIOS austricksen. Ob das gelingen kann? Gesellschaftliche Programmierer sind gefragt. Und das schleunigst.
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