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Wissenschaft

Kampf gegen Klimakrise

Die Bevölkerungsexplosion fällt aus

Bei Diskussionen über den Klimawandel taucht regelmäßig dieses Argument auf: Wir können ohnehin nichts tun, solange wir nicht das ungebremste Wachstum der Weltbevölkerung stoppen. Dabei ist diese Phase längst vorbei.

Orbon Alija/ Getty Images

Fußgänger auf einem Zebrastreifen in New York

Eine Kolumne von
Sonntag, 23.06.2019   13:24 Uhr
"Die Weltbevölkerung wird neun Milliarden Menschen nie erreichen. Sie wird ihren Gipfelpunkt von acht Milliarden im Jahr 2040 erreichen und dann zurückgehen."

Jørgen Randers, Mitautor der Studie "Die Grenzen des Wachstums" des Club of Rome, zitiert im Buch "Empty Planet" (2019)

Bitte beantworten Sie im Kopf mal eben folgende Frage, ohne groß darüber nachzudenken: Wächst die Weltbevölkerung heute langsamer als 1962, genauso schnell oder schneller?

Ich habe den Verdacht, dass viele Leser dieser Kolumne, gutinformierte Menschen also, "schneller" gedacht haben. Die Vorstellung, dass es bis heute eine "Bevölkerungsexplosion" gibt, ein ungebremstes, exponentielles Wachstum der Anzahl der Menschen, die auf diesem Planeten leben, ist sehr hartnäckig und tief verwurzelt. Sie ist aber falsch.

"Nachhaltig begrenzen"?

Es gibt da einen engen Zusammenhang mit der Debatte über die Klimakrise. In jeder Diskussion über dieses Thema, auch mit gutinformierten Menschen, taucht früher oder später dieses Argument auf: Das kann sowieso nicht klappen, weil die Weltbevölkerung ja immer weiterwächst und all die zusätzlichen Menschen auch immer mehr zusätzliches CO2 produzieren werden, bis in alle Ewigkeit.

Vor einigen Wochen sprach zum Beispiel Wolfgang Kubicki (FDP) in einem Gastbeitrag für die "Welt" wieder vom angeblich "ungebremsten Bevölkerungswachstum", das wir "nachhaltig begrenzen" müssten, sonst könnten wir uns "alle nationalen und EU-weiten umwelt- und klimapolitischen Maßnahmen sparen". Kubicki nannte sogar die damals noch korrekte Zahl, nämlich "über elf Milliarden Menschen" bis 2100.

Das war bis diese Woche die Prognose der Uno für die Bevölkerungszahl in 80 Jahren. Was Kubicki wegließ: Spätestens zu diesem Zeitpunkt wird die Weltbevölkerung nicht mehr weiterwachsen, sondern zu schrumpfen beginnen. Möglicherweise auch schon viel früher.

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Und die Zahl selbst hat die "Population Division" der Uno gerade leicht nach unten korrigiert: Jetzt liegt die Prognose bei 10,9 Milliarden Menschen im Jahr 2100.

Um zwischendurch mal die Frage aus dem ersten Absatz zu beantworten: Im Jahr 1962 und 1963 wuchs die Weltbevölkerung stärker als je zuvor und danach. Die Wachstumsrate lag damals bei 2,2 Prozent. Heute ist sie nur noch etwa halb so groß. Die Weltbevölkerung wächst immer langsamer. In absehbarer Zeit wird sie damit aufhören und beginnen zu schrumpfen. Die Frage ist nicht mehr, ob, sondern nur noch, wann.

Auch das Wachstum in absoluten Zahlen geht bereits zurück: Die meisten zusätzlichen Menschen kamen um das Jahr 1990 hinzu, damals waren es 90 Millionen in einem Jahr.

Diese und viele andere Zahlen kann man sich, sehr anschaulich aufbereitet, auf der Webseite "Our World in Data" ansehen. Sie ist oft sehr hilfreich, wenn man das Bedürfnis hat, seine Vorstellungen von der Welt der Realität anzupassen.

Entscheidend ist dies: Die Weltbevölkerung wächst eben nicht exponentiell, es gibt keine "Bevölkerungsexplosion". Heute geborene Kinder haben gute Chancen, das Ende des Wachstums persönlich mitzuerleben.

Mehr Menschen heißt nicht mehr CO2

Das soll nicht heißen, dass fast elf Milliarden Menschen im Jahr 2100 und bereits 9,7 Milliarden bis 2050 nicht eine gewaltige Herausforderung wären, sowohl was Nahrungs- als auch was Energieversorgung angeht. Aber es ist eben auch weit entfernt von der ständig herbeigeredeten Bevölkerungsapokalypse. Mehr Menschen bedeuten auch nicht zwangsläufig mehr CO2 - man muss eben Energieversorgung und Ernährung neu organisieren.

Wenn Wolfgang Kubicki möchte, dass die Leute in Afrika weniger Kinder bekommen, sollte er sich übrigens einfach für mehr gezielte Entwicklungshilfe einsetzen, insbesondere für Investitionen in Bildung für Mädchen und Frauen und für bessere medizinische Versorgung in Entwicklungsländern, etwa in Zentral-, Ost- und Westafrika. Seine Partei, die FDP, möchte aber in Wahrheit lieber weniger Geld in Entwicklungshilfe stecken. Das wird natürlich vornehmer formuliert: Die FDP will lieber "auf Qualität statt auf Quantität der eingesetzten Mittel" setzen.

Je besser es Frauen geht, desto besser geht es der Gesellschaft

Die Mechanismen, die in vielen Ländern der Welt längst zu sinkenden Fortpflanzungsraten geführt haben, sind bekannt: Bildung für Frauen, Gesundheitsversorgung, Urbanisierung und der Zugang von Frauen zum Arbeitsmarkt. Diese Faktoren sorgen dafür, dass Frauen nicht mehr vier oder fünf, sondern irgendwann im Schnitt nur noch ein oder zwei Kinder bekommen. Je besser es den Frauen einer Gesellschaft geht, desto besser geht es der Gesellschaft - und desto weniger Kinder werden geboren.

Wie gesagt: In einer Reihe von Ländern der Welt ist das und mehr längst passiert, ihre Bevölkerungen schrumpfen. Deutschland gehört dazu, Japan, viele Staaten Osteuropas. Selbst China wächst kaum noch. Das wird ganz neue Probleme mit sich bringen: Überalterung, Rentenlücken, Innovationsrückgang. Mit dem Klimawandel aber hat all das nichts zu tun.

Vielleicht geht es noch viel schneller

Es gibt eine Reihe durchaus namhafter Forscher, die noch weiter gehen als die Uno, die in den vergangenen Jahrzehnten mit ihren Prognosen fast vollständig richtig lag: In dem faszinierenden Buch "Empty Planet" von Darrel Bricker und John Ibbitson kann man ihre Positionen und Argumente nachlesen - darunter auch die Position des eingangs zitierten Norwegers Jørgen Randers. (Mehr zu diesem Buch können Sie hier nachlesen.)

Randers hat einst an "Die Grenzen des Wachstums" mitgearbeitet, der Studie des Club of Rome, die 1972 vor einem Kollaps der menschlichen Zivilisation warnte. Mittlerweile hat er seine Meinung geändert.

Es gibt nämlich gute Argumente dafür, dass der Schrumpfungsprozess deutlich vor 2100 beginnen wird. Etwa, dass die Fruchtbarkeitsraten in vielen Ländern in jüngerer Zeit viel schneller gefallen sind als erwartet.

Egal ob neun oder elf Milliarden: Auf uns kommt eine gewaltige Herausforderung zu. Sie ist aber lösbar. Und das Argument, "gegen den Klimawandel etwas zu tun, bringe ohnehin nichts, weil die Bevölkerung ungebremst wächst", ist schlicht falsch.

insgesamt 577 Beiträge
bb1337 23.06.2019
1. Hoffentlich stimmt das - hoffentlich hört das Bevölkerungswachstum auf
Viele Probleme der heutigen Zeit resultieren an der Menge an Menschen die es jetzt gibt. Man stelle sich vor auf der Welt leben nur drei Milliarden Menschen. Für alle wäre genug da. Man könnte ohne schlechtes Gewissen leben, [...]
Viele Probleme der heutigen Zeit resultieren an der Menge an Menschen die es jetzt gibt. Man stelle sich vor auf der Welt leben nur drei Milliarden Menschen. Für alle wäre genug da. Man könnte ohne schlechtes Gewissen leben, billige Immobilien kaufen, es gäbe weniger Armut, weniger Hunger, weniger Krieg, weniger Flüchtlinge und natürlich wäre es auch der notwendige Segen für Klima und Umweltschutz. Wenn das erreicht wird indem es Frauen besser geht, kann ich nur sagen: Sorgt dafür, dass es ihnen gut geht.
thomasconrad 23.06.2019
2. Einmal Deutschland
JEDES Jahr dazu ist natürlich leicht verkraftbar... NICHT! Seit wann ist eigentlich langsamere Wachstum gleich Schrumpfung? DAS wird da immer suggeriert... Weniger mehr ist immer noch MEHR. Und so am Rande... was wir da so in [...]
JEDES Jahr dazu ist natürlich leicht verkraftbar... NICHT! Seit wann ist eigentlich langsamere Wachstum gleich Schrumpfung? DAS wird da immer suggeriert... Weniger mehr ist immer noch MEHR. Und so am Rande... was wir da so in Zukunft für viel Geld einsparen wird vom Bevölkerungswachstum und den Indern und Chinesen lockerst mitverbrannt
Ökofred 23.06.2019
3. Guter Artikel
Ich hoffe ja, dass man jetzt diese dämlichen Kommentare "Man ja nix machen, es gibt viel zu viele Menschen und alle wollen einen SUV. Also machen wir hier gar nix.." nicht mehr lesen muß. Und ich bin gespannt, durch [...]
Ich hoffe ja, dass man jetzt diese dämlichen Kommentare "Man ja nix machen, es gibt viel zu viele Menschen und alle wollen einen SUV. Also machen wir hier gar nix.." nicht mehr lesen muß. Und ich bin gespannt, durch was sie ersetzt werden....
larsmach 23.06.2019
4. Beispiel Rhön - Familiengrößen sind kollabiert!
Schon ein Quentchen Wohlstand reicht aus, um Familiengrößen kollabieren zu lassen. Das haben wir zuletzt bei uns in Deutschland gesehen, als Gebiete elektrifiziert wurden usw. (zum Beispiel in der Rhön). Auch bei Migranten aus [...]
Schon ein Quentchen Wohlstand reicht aus, um Familiengrößen kollabieren zu lassen. Das haben wir zuletzt bei uns in Deutschland gesehen, als Gebiete elektrifiziert wurden usw. (zum Beispiel in der Rhön). Auch bei Migranten aus Ländern mit großen Familien fällt auf, dass die Geburtenrate der ersten in Deutschland lebenden Generation dramatisch einbricht. Fragwürdig bei der (westlichen!) Diskussion um Bevölkerungsgrößen ist jedoch die Tatsache, dass es UNSERE Länder sind, welche unvorstellbar dicht besiedelt wurden - während die meisten afrikanischen Staaten meilenweit davon entfernt sind - auch solche mit idealen Böden und sehr geeigneten Klimazonen für Landwirtschaft. Wenn dort in einigen Fällen Hungersnöte etc. auftreten, dann wegen einer Handvoll korrupter Regierungen. Betrachtet man das Angebot an Primärenergie (Sonne, Geothermie, Mondanziehungskraft) und deren zahlreicher Derivate, so gibt es keinen Grund zur Sorge: Es ist genug für alle da - auch bei wachsendem Wohlstand. Es ist alles eine Frage des "wie".
asoetjen 23.06.2019
5. Sehr interessantes Video zu dem Thema
von Hans Rosling auf TED. Ist auch schon fast 12 Jahre alt, soviel zum Thema Aktualität. https://www.youtube.com/watch?v=hVimVzgtD6w
von Hans Rosling auf TED. Ist auch schon fast 12 Jahre alt, soviel zum Thema Aktualität. https://www.youtube.com/watch?v=hVimVzgtD6w
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