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Wissenschaft

Klimadebatte

Leugnen ist zwecklos

Das Wasser steigt, der Wald leidet: Die zerstörerische Kraft der Erderhitzung setzt die Regierungen der Welt unter Zeitdruck. Viele aber ziehen es vor, nicht die Krise anzugehen - sondern die, die vor ihr warnen.

Visual China Group/ Getty Images

Eine Kolumne von
Sonntag, 29.09.2019   13:08 Uhr
"Diese Ignoranz gegenüber den Folgen der Kohlenstoffverbrennung hatte das Eis entfesselt, das den Welthandel ruinierte und eine Wirtschaftskrise verursachte, die die Angehörigen dieser Generation noch schlimmer schädigte als die damit einhergehende Flüchtlingskrise." Kim Stanley Robinson, "New York 2140" (Roman, 2017)

Die Wortfolge der Woche lautet: "Schneller als erwartet."

"Der Klimawandel hat uns deutlich schneller getroffen als erwartet", sagte Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner diese Woche beim sogenannten Waldgipfel. 800 Millionen Euro zusätzlich für Waldschutz und Aufforstung sind ein gutes Beispiel für diese schlichte Wahrheit: Es ist viel teurer, nichts zu tun, als endlich zu handeln.

Dass Julia Klöckner jetzt so tut, als komme das alles ein bisschen überraschend, ist nicht überraschend, aber trotzdem peinlich.

"Schneller als erwartet" steigt laut dem jüngsten Bericht des Weltklimarates auch der Meeresspiegel. Weil das Eis in Grönland und der Antarktis sowie die Gletscher immer schneller schmelzen, sich das immer wärmere Meerwasser ausdehnt. Das wird "tropische Zyklone und Regen, Extremwellen und einen Anstieg des relativen Meeresspiegels" mit sich bringen und damit mehr "extreme Meeresspiegelereignisse und Gefahren für Küstengebiete".

Botschaft an Friedrich "Blackrock" Merz

Vorgestellt wurde der Bericht im Zwergstaat Monaco, der in einem Küstengebiet liegt. Prinz Albert II. war bei der Präsentation des Berichtes anwesend und sah angemessen bedrückt aus. Zur Erinnerung: Viele der größten Städte und auch viele der teuersten Immobilien der Welt liegen sehr nah am Meer. Wenn Sie sich gruseln wollen, spielen Sie mal ein bisschen mit dieser Karte hier.

Wer Schwierigkeiten hat, sich die Konsequenzen eines langfristigen Anstiegs des Meeresspiegels - der würde 2100 übrigens nicht einfach aufhören - vorzustellen, dem sei der eingangs zitierte Roman von Kim Stanley Robinson ans Herz gelegt. Auch die Zukunft des Immobilienmarktes spielt darin eine zentrale, sehr interessante Rolle. Das sollte eigentlich sogar Friedrich "Blackrock" Merz interessieren.

Würde der Meeresspiegel abrupt um, sagen wir mal, einen Meter steigen, würde sich der klägliche Rest von Ostfriesland in eine Halbinsel verwandeln, Cuxhaven und Emden wären weitgehend unter Wasser. Und Hamburg läge endlich am Meer. Das mit dem einen Meter ist nicht aus der Luft gegriffen, sondern laut dem aktuellen IPCC-Bericht zum Thema ein in etwa 80 Jahren durchaus plausibles Szenario. Wenn wir nicht schleunigst unseren CO2-Ausstoß drastisch reduzieren.

Das Gegenteil von Hype

Man kann künftige Minister fast schon sagen hören, das sei jetzt alles etwas überraschend gekommen, "schneller als erwartet".

Wenn der Weltklimarat übrigens mitteilt, dass etwas schneller passiert als erwartet, dann ist das wirklich ein Grund zur Sorge: Es zeigt nämlich, dass die Wissenschaftler bislang genau das Gegenteil von dem tun, was ihnen die Abwiegler gerne vorwerfen: Panik schüren oder einen "Hype" befeuern.

Die IPCC-Prognosen und -Projektionen sind in der Regel sehr vorsichtig und konservativ. Das hat zur Folge, dass immer wieder Dinge schneller passieren als erwartet. Erinnern Sie sich noch, dass jetzt auch der Permafrostboden in der Arktis auftaut, 70 Jahre früher, als der IPCC das erwartet hatte?

Schneller als erwartet flog der Regierungskoalition auch ihr Klimapäckchen um die Ohren, sodass schon in der Bundestagsdebatte angedeutet wurde, man könne die Tonne CO2 vielleicht doch noch ein klitzekleines bisschen teurer machen als eine Maß Bier auf dem Oktoberfest.

Das eigentliche Problem heißt doch Greta!

Viele Kommentatoren in Deutschland und anderswo aber finden ein anderes Thema viel dringlicher: Das eigentliche Problem ist demnach Greta Thunberg.

"Wie können Sie es wagen, so zu tun, als könne all das mit 'business as usual' und ein paar technischen Ansätzen gelöst werden? Mit den Emissionsmengen von heute wird das verbleibende CO2-Budget in weniger als achteinhalb Jahren verbraucht sein", sagte die 16-Jährige beim Uno-Gipfel in New York, und das ist absolut korrekt.

Eine Reihe von älteren Herren (und ein paar Frauen) sahen sich trotzdem wieder einmal bemüßigt zu behaupten, die Forderung nach der Einhaltung der Ziele, die die 196 Unterzeichnerstaaten des Pariser Abkommens vereinbart haben, sei "antidemokratisch". Donald Trump versuchte es, wie es so seine Art ist, mit ein bisschen Häme auf Twitter, aber das ging bekanntlich ziemlich nach hinten los.

Das deutsche Magazin "Cicero" fragte in einem bemerkenswert herablassenden Text, ob Thunberg das Klima nicht "vergifte". Die "Welt" nannte sie - auf der Titelseite - eine "Populistin", warf ihr "emotionale Eskalation" vor und brachte all das geschmackssicher mit dem "Ende der Pubertät" in Zusammenhang.

Friedrich Merz und das "kranke Mädchen"

Der weiterhin ohne Parteiamt für die CDU schwadronierende Friedrich Merz, dessen Vorstellung von "Leitkultur" offenbar elementare Höflichkeitsregeln ausspart, nannte Thunberg "krank". Er beklagte, kein Witz, die Regierungskoalition sei "durch Greta Thunberg und den Uno-Weltklimagipfel unter einen enormen Zeitdruck geraten". Durch das "kranke Mädchen", wohlgemerkt, nicht durch die drohende Klimakatastrophe.

In der Psychologie nennt man solches Verhalten übrigens "Versuch der kognitiven Dissonanzreduktion durch Abwertung der Informationsquelle".

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Und was sagt die Stimme der Vernunft?

Nikolaus Blome, stellvertretender Chefredakteur der "Bild"-Zeitung, fragte auf Twitter, wo denn die "Stimme der Vernunft" sei, die mit "ähnlicher Wucht" wie Thunberg eine "Gegenrede" halte.

Die Frage ist: Was würde diese "Stimme der Vernunft" wohl sagen? Würde sie in männlich-rationalem Tonfall raten, Immobilien in Küstennähe lieber schnell zu verkaufen? Würde sie empfehlen, entlang der europäischen Außengrenzen einen vier Meter hohen Elektrozaun zu errichten, damit der fertig ist, wenn die Klimaflüchtlinge kommen? Würde sie vorschlagen, sicherheitshalber in Gold zu investieren? Eine Klimaanlage einbauen zu lassen, um die kommenden Hitzesommer besser zu überstehen? Würde sie sagen: "Seid vernünftig, solange ich noch am Leben bin, wird das noch nicht so schlimm, also lassen wir doch erst mal alles so, wie es ist?"

Jeder blamiert sich eben, so schnell er kann

Oder klingt eine "Stimme der Vernunft", die auch ältere Männer überzeugt, vielleicht so wie die von Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, einem Spitzenforscher von internationalem Renommee? Rahmstorf kommentierte die Attacken auf Thunberg so: "Ich kann dafür bürgen, dass sie aus ihrer eigenen authentischen Motivation heraus handelt, und sie kennt die Wissenschaft. Ich würde mir wünschen, mehr Politiker wären so gut über die Klimaforschung informiert. Warum ist das nicht der Fall?"

Auch das ist eine Folge der Klimakrise: Mit peinlichen Ablenkungsmanövern und Ad-Hominem-Attacken statt Argumenten blamiert man sich heute schneller als erwartet.

insgesamt 1256 Beiträge
ansch 29.09.2019
1. Heute so und morgen so
Vor einigen Jahren lief die Panik beim Spiegel noch in die andere Richtung: https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41667249.html ARD Report über die Glaubwürdigkeit des IPCC: https://www.youtube.com/watch?v=00iXUkHUmbY
Vor einigen Jahren lief die Panik beim Spiegel noch in die andere Richtung: https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41667249.html ARD Report über die Glaubwürdigkeit des IPCC: https://www.youtube.com/watch?v=00iXUkHUmbY
spiegelwatcher 29.09.2019
2. Die Politiker sind überrascht, nur wer...
hat sie gewählt? Solange wir nicht so mutig sind, selbst unsere Lebensweise drastisch zu ändern, werden sich keine Politker an der Macht halten, die konsequent den Verbrauch fossiler Brennstoffe verteuern. Um auf das Autofahren [...]
hat sie gewählt? Solange wir nicht so mutig sind, selbst unsere Lebensweise drastisch zu ändern, werden sich keine Politker an der Macht halten, die konsequent den Verbrauch fossiler Brennstoffe verteuern. Um auf das Autofahren und auf Flugreisen zu verzichten, brauche ich keine Politiker - das habe ich selbst in der Hand! Der Verweis auf die Unfähigkeit der Politik ist nur der hilflose Versuch der Bürger von den eigenen Verantwortung abzulenken.
bontus.lodde 29.09.2019
3. Auf den Punkt!
Ich warte auf die ersten relativieren Beiträge à la Deutschland ist ja nur ein kleiner Teil der Welt, die anderen machen ja auch nichts bla bla bla. Statt sich endlich auf den Arsch zu setzen und an den Lösungen zu arbeiten [...]
Ich warte auf die ersten relativieren Beiträge à la Deutschland ist ja nur ein kleiner Teil der Welt, die anderen machen ja auch nichts bla bla bla. Statt sich endlich auf den Arsch zu setzen und an den Lösungen zu arbeiten wird nur noch gemotzt dass das ÜBERLEBEN UNSERER SPEZIES ja vielleicht die schwarze Null gefährdet und das 16 jährige junge Frauen sowieso keine Ahnung haben. Zum Glück sind wir alle bald weg vom Fenster, die Erde wird uns nicht vermissen.
petra,köln 29.09.2019
4. Fakt ist:
Das Problem der Erde und der Menschheit ist der Mensch selbst! Die Überbevölkerung, die Gier von Immobilienhaien, die, im Land zu gewinnen, Brände legen ... Der Mensch, der auf nichts verzichten möchte, sei es das zweite oder [...]
Das Problem der Erde und der Menschheit ist der Mensch selbst! Die Überbevölkerung, die Gier von Immobilienhaien, die, im Land zu gewinnen, Brände legen ... Der Mensch, der auf nichts verzichten möchte, sei es das zweite oder gar dritte Auto in der Familie, sei es der Urlaub, der immer weiter und abenteuerlicher sein muss, sei es der Mensch, der jeden Tag sein Steak bzw. Stück Fleisch!! braucht (von der Sorte kenne ich genügend). Der Mensch wird nicht umdenken, wenn er auf seinen bisherigen Standard verzichten soll. ich bspw. (inzwischen über 50) fahre mit offensichtlichen Verkehrsmitteln, fliege und fahre nicht in Urlaub, esse liebend gerne Pizza, Pasta, Salate und Gemüse, besitze kein Auto, keinen Fernseher, freue mich aber über meinen Balkon und das Vogelgezwitscher und lebe trotzdem gern. Das reicht der übrigen Menschheit aber leider heute nicht mehr aus. Das ist das Problem!
kassandra21 29.09.2019
5. Nicht nur...
..."die Regierungen" prügeln wohlfeil auf die Überbringer der Botschaft ein. Die Medien sind fleißig mit dabei. Vielleicht wird es dringend Zeit, sich als Journalist zu fragen, was einige "Kollegen" da [...]
..."die Regierungen" prügeln wohlfeil auf die Überbringer der Botschaft ein. Die Medien sind fleißig mit dabei. Vielleicht wird es dringend Zeit, sich als Journalist zu fragen, was einige "Kollegen" da eigentlich so absondern. Ich verweise da mal auf die 'Welt'. Da wird eindeutig in als Meinung getarntem Artikel vor "Gretaismus" als Religion gewarnt und aus der tränenreichen UN-Rede gefolgert, daß das alles ja nichts mit Politik zu tun habe. Die logische Herleitung dieses Non sequitur bleibt der Autor natürlich schuldig. Der Tenor der "Greta-Religion" ist exakt derselbe Blödsinn, den selbsternante Klimaskeptiker gerne der Gegenseite vorwerfen. Die sei längst eine religiöse Bewegung. Das alles von Personen, die jede Woche ihr fossiles Gefährt streicheln und polieren wie eien Monstranz. Überall leuchten die missionarischen Botschaften der einzigen Religion des Planeten. "Kaufe! Konsumiere! Denn sonst bist du nicht glücklich! Du kannst nur Mensch sein, wenn du nicht fragst, sondern konsumierst!" Unsere Religion hat Priester, Tempel, Missionare, Umerziehungslager, Zeremonie und Klimbim. Börsenkurse, Ökonomie-Experten, 5.000 neoliberale Labertascheninstitute, deren Prediger nicht weniger realitätsfern und -resistent sind als die katholische Kirche. 'in God we trust' steht auf den Scheinen des Petro-Dollars. Und die willfährigen Verteidiger des business-as-usual, dessen Fassade vor aller Augen seit Jahrzehnten wegrottet, werfen anderen ernsthaft Tränenreichtum, Erlöserlegenden und Religionsgedöns vor? Ich kann Orwell bis hier hin lachen hören über uns. Ich glaube, es war Henri Nannen, der sagte, ein Journalist dürfe sich mit keiner Sache gemein machen, auch keiner guten. Ich halte das für falsch. Wer seinen Kindern und auch sich selbst noch einen brauchbaren Restplaneten gönnen möchte, der muß sich gemein machen und Stellung beziehen. Wer nicht für uns ist, ist gegen das Überleben. Natürlich ist das propagandistisch. Oder populistisch. Aber es ist exakt die Methodik, die von der Chicagoer Ökonomieschule seit Jahrzehnten benutzt wird, um den Planeten in aller Ruhe plündern zu können. "Schießen Sie stets auf den Pianisten" ist schon längst das Motto von Springer-Fakenews und der Politik, die niecht mal die Traute hatte, einem Snowden Asyl anzubieten, um mal zu hören, was die andere Seite zu sagen hat. Gut. Dann schißet der Pianist eben in Zukunft zurück.
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