Schrift:
Ansicht Home:
Wissenschaft

Massenvergiftung

Arsen bedroht Hunderte Millionen Menschen

Vergiftungen durch arsenhaltiges Trinkwasser sind nicht auf Bangladesh beschränkt: Wie Studien zeigen, betrifft das Problem Menschen in 17 Staaten - darunter eine halbe Milliarde Einwohner im Gangestal.

Sonntag, 10.08.2003   08:30 Uhr

Arsen im Brunnenwasser gefährdet neuen Untersuchungen zufolge das Leben von weitaus mehr Menschen als angenommen. Betroffen ist demnach nicht nur das gesamte Gangestal bis hinauf zum Himalaja mit über einer halben Milliarde Einwohnern. Nach einer Studie, die der Experte Jack Ng von der University of Queensland im Oktober im Fachblatt "Chemoscope" veröffentlichen wird, haben insgesamt 17 Staaten ein solches Giftproblem - darunter China, Vietnam, Argentinien und die USA.

Bislang galten vor allem die Bewohner von Bangladesh durch das arsenhaltige Brunnenwasser als hoch gefährdet - allein dort sind 50 Millionen Menschen betroffen. Doch wie das Wissenschaftsmagazin "New Scientist" unter Berufung auf verschiedene Untersuchungen berichtet, ist auch das Trinkwasser in anderen Teilen des Gangestals stark belastet. So hätten zum Beispiel Mediziner bereits Anfang 2002 für eine Region Nepals Alarm geschlagen, wo schon viele Menschen Vergiftungssymptome zeigten.

Neuer Fokus ist der indische Bundesstaat Bihar flussaufwärts vom Gangesdelta mit seinen 83 Millionen Einwohnern. Nach Häufungen von Leber- und Hautkrebs habe der Umweltwissenschaftler Dipankar Chakraborti aus Kalkutta dort 3000 einfache, mit Handpumpen betriebene Rohrbrunnen untersucht, so das Magazin. Der gerade erst abgeschlossenen Analyse zufolge lag die Arsenbelastung in 40 Prozent der Fälle über dem Grenzwert der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Mehr als die Hälfte der Erwachsenen zeigen nach Angaben des Forschers Anzeichen einer Arsenvergiftung.

Auch in Vietnam könnte eine Arsenkrise bevorstehen. Schweizer Experten um Michael Berg von der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz in Dübendorf wiesen in Brunnenwasser aus dem Delta des Roten Flusses Arsenkonzentrationen nach, die das WHO-Limit teilweise um das 300-fache überstiegen. Die ersten Vergiftungssymptome könnten Berg zufolge bald auftreten, da die frühesten belasteten Rohrbrunnen in der Region, in der elf Millionen Menschen leben, vor sieben Jahren gebohrt wurden.

Das Krebs erregende Arsen reichert sich über viele Jahre im Körper an, vor allem die Basalzellen der Haut, Nieren und Leber sind von Krebs betroffen. In den meisten gefährdeten Gebieten gewinnen die Menschen erst seit 20 bis 30 Jahren ihr Trinkwasser aus Rohrbrunnen. Dazu waren sie von Hilfsorganisationen aufgefordert worden, um nicht länger verschmutztes Flusswasser zu trinken. Flüsse waschen Arsen aus dem Gebirgsgestein und transportieren es in die Flusstäler, wo das Gift sich in den Böden ablagert.

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP