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Archäologie

Als den Menschen das Mondfieber packte

Seit Jahrtausenden fasziniert uns der Mond. Wie archäologische Funde zeigen, dokumentierten Menschen seine Phasen schon lange, bevor sie eine Schrift entwickelten.

Jan Woitas/ dpa-Zentralbild/ DPA
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Dienstag, 16.07.2019   17:54 Uhr

Die vielen kleinen, sichelförmigen Einkerbungen, die Alexander Marshak am Fundort Abri Blanchard in der französischen Dordogne-Region auf einem Adlerknochen entdeckte, waren nicht gerade kunstvoll gestaltet und fast etwas nachlässig in das Skelett geschlagen. Doch waren sie besonders genug, um die Aufmerksamkeit des Hobbyarchäologen zu erregen.

Sein Urheber muss einst sogar unterschiedliche Werkzeuge verwendet haben, um sie abzubilden, wie mikroskopische Analysen später ergaben. So viel Aufwand macht sich niemand nur für ein paar kleine Verzierungen, vermutete Marshack.

Als er genauer hinschaute, glaubte er den Sinn hinter den Sichelkerben zu erkennen: Auf dem Knochen hatte jemand die unterschiedlichen Mondphasen dokumentiert. Denn wie beim zu- und abnehmenden Mond zeigten hintereinander folgenden Sicheln nach links, andere nach rechts. Der Fund ist um die 38.000 Jahre alt. Zwar ist Marshacks Interpretation unter Experten umstritten, doch könnte der Amerikaner Anfang der Siebzigerjahre mit jenem Adlerknochen eine der ältesten Darstellungen der Mondphasen in den Händen gehalten haben.

Sonne und Mond, die auffälligsten Himmelskörper am Firmament, haben nahezu jede Kultur dieser Erde inspiriert. Doch es ist der Mond, der Entdeckersehnsucht weckt. Wohl auch, weil uns der 384.000 Kilometer von der Erde entfernte Körper manchmal besonders nah erscheint und wir mit bloßem Auge sogar seine Krater erkennen.

Vor 50 Jahren schaute die Welt auf den Nasa-Astronauten Neil Armstrong und seinen berühmten ersten Schritt auf die Mondoberfläche. Er steht gewissermaßen für den Forscherdrang der gesamten Menschheit, der vielleicht 38.000 Jahre in die Vergangenheit reicht, vielleicht auch länger. So genau weiß das niemand. Armstrong führte diesen Drang zu einem triumphalen Höhepunkt, der seitdem nie übertroffen wurde.

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Zahlreiche archäologische Zeugnisse aus allen Teilen der Welt zeigen, wie der Mond das Denken und Wirken der Menschen schon vor Jahrtausenden geprägt hat. Mondgottheiten sind aus den Mythologien vieler Kulturen überliefert. Die Römer kannten Luna, die Germanen Mani. Bei den Griechen gab es die Göttin Selene. Die Ägypter glaubten an Thot. Und in China hieß eine auf dem Mond lebende Göttin Chang'e.

Der Mond prägte unser Verständnis von Zeit wie nichts sonst

Schon in der Steinzeit haben Menschen das Firmament sehr genau beobachtet. Schnell dürften sie erkannt haben, dass der Mond seine Phasen wechselt, regelmäßig abnimmt und wieder voller wird. Und auch der etwa 29,5 Tage lange Mondzyklus, also die Zeit von einem Vollmond zum nächsten, wurde wohl schon damals erfasst.

Der Rhythmus der Natur und der Gestirne war nicht nur faszinierend, er hatte auch Einfluss auf den Alltag unserer Vorfahren. Denn als die Menschen diesen Rhythmus begriffen hatten und ihn vorhersagen konnten, war es sehr viel einfacher, sich Umweltereignissen wie dem Wechsel der Jahreszeiten anzupassen. Der Mondzyklus hat unser Verständnis von Zeit geprägt wie nichts sonst. Unser Monat basiert bis heute auf dem Lauf des Mondes.

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Doch wann haben Menschen diesen Zyklus erstmals erfasst und systematisch dokumentiert? Darüber streiten Forscher schon lange. Ohne schriftliche Quellen bleiben manche Funde und ihre Interpretationen vage. Die Disziplin der Archäoastronomie, die sich mit astronomischen Deutungen von Bauwerken wie Stonehenge befasst, genießt unter Archäologen teils einen zweifelhaften Ruf. Und auch manche Interpretationen aus ihren Reihen sind überzogen.

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Das gilt auch für die sogenannte Venus von Laussel, ein etwa 25.000 Jahre altes Steinrelief, das aus derselben Region stammt. Auf der Kalkstein-Darstellung einer wohl nackten und möglicherweise schwangeren Frau sind 13 Einkerbungen an einem sichelförmigen Gegenstand zu erkennen, den sie in der Hand hält.

Zwar handelt es sich bei dem Gegenstand nicht um eine Darstellung des Mondes, sondern um das Horn eines Tieres, sagen Archäologen. Dennoch sei das ein Hinweis auf den Erdtrabanten. Die Zahl könnte für die Anzahl der weiblichen Zyklen pro Jahr stehen und mit den Mondphasen zusammenhängen, glauben manche. Der Mond gilt vielen Kulturen als Symbol der Fruchtbarkeit.

Der Menstruationszyklus ist zwar von Frau zu Frau verschieden, hat aber in etwa die gleiche Länge wie der des Mondes. Das ist auch den Menschen früher nicht verborgen geblieben, wie einige Kulturen zeigen: Die Maya in Mittelamerika verehrten die Mondgöttin Ix Chel, sie war gleichzeitig auch ein Symbol der Weiblichkeit.

Auch im vorgeschichtlichen Irland haben die Menschen schon den Mond beobachtet. Bekannt ist ein Fund aus der Megalithanlage Knowth im County Meath, nördlich von Dublin gelegen. In den steinzeitlichen Grabhügeln des Areals sind die Steinwände teils mit spiralförmigen, kreisrunden oder sichelförmigen Symbolreihen versehen. Mit diesen Gravuren könnten die Menschen vor 5000 Jahren die Laufbahn des Mondes festgehalten haben, glaubten Forscher. Auch eine Skizze der Mondoberfläche selbst sei hier bereits erstellt worden, mutmaßt der Geograf Phillip Stooke.

Die Himmelsscheibe von Nebra gilt als deutlichster Beleg früher Himmelsbeobachtungen

Nachdem er die Bilder mit späteren Mondkarten verglichen hatte, entdeckte er Übereinstimmungen und nimmt an: Schon im Neolithikum haben die Menschen die Oberfläche des Mondes mit seinen Kratern so gut dokumentiert, wie es ihnen mit bloßem Auge möglich war. Doch belegen lässt sich die Geschichte von der Mondkarte nicht, deshalb sehen zahlreiche Forscher diese Deutung kritisch. Denn die Symbole könnten auch eine ganz andere Bedeutung haben.

Als deutlichster Beleg vorgeschichtlicher Himmelsguckerei gilt die berühmte Himmelsscheibe von Nebra. Die etwa 3800 Jahre alte Bronzeplatte mit Goldapplikationen ist eine der aufregendsten archäologischen Entdeckungen Europas - nicht nur wegen der Fundgeschichte.

Die Metallscheibe, die Raubgräber vor ziemlich genau 20 Jahren in Sachsen-Anhalt fanden und die Hehlern in einem Undercover-Polizeieinsatz abgejagt wurde, gilt als die älteste konkrete Darstellung des Himmels. Sie zeigt das Firmament mit Sternen und einem sichelförmigen, zunehmendem Mond. Eine runde Goldplatte in der Mitte könnte den Vollmond darstellen, möglicherweise handelt es sich auch um die Sonne, ganz sicher ist man sich nicht.

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Zusammen mit anderen Forschern hat Sachen-Anhalts Landesarchäologe Harald Meller in der Scheibe ein ausgeklügeltes System ausgemacht. "Sie wirkt so simpel wie ein Verkehrsschild, doch hinter der Himmelsscheibe steckt komplexes Wissen", sagt er.

Bei dem etwa zwei Kilogramm schweren Stück handelt es sich um den ältesten erhaltenen sogenannten Lunisolarkalender nördlich der Alpen. Mit solchen Kalendern konnten unsere Vorfahren ein Problem unserer Zeitrechnung ausgleichen: Der Mond, die Sonne und der Tag basieren alle auf unterschiedlichen astronomischen Vorgängen. Ein Tag entspricht der Zeit, die die Erde braucht, um sich einmal um ihre Achse zu drehen. Der Monat dagegen wird vom Mondzyklus abgeleitet. Und das Jahr entspricht grob der Zeit, in der die Erde einmal um die Sonne kreist.

Die Entwicklung eines Mondkalenders ist vergleichsweise einfach - sie hat aber ihre Tücken

Unser heutiges Kalenderjahr dauert 365 Tage, es richtet sich nach der Sonne. Für einen jährlichen Sonnenkalender, der spätestens mit der Entwicklung der Landwirtschaft wichtig wurde, muss man aber die unterschiedlichen Sonnenphasen mit den beiden jährlichen Sonnenwenden kennen.

Der Lauf der Sonne ist sehr viel komplexer als der des Mondes. Um die Regeln der Sonnenastronomie zu begreifen, dürften frühe Himmelsgucker Jahrzehnte der Beobachtung gebraucht haben. Da hatten sie es mit der Entwicklung eines Mondkalenders sehr viel einfacher. Dabei gibt es aber ein Problem: Das Jahr nach dem Mondkalender ist kürzer.

Bei einer Monatslänge von jeweils 29,5 Tagen ergeben sich bei zwölf Monaten nur 354 Tage. Um das auszugleichen, braucht es gelegentliche Schaltzeiträume - beispielsweise festgelegte Jahre, in denen ein 13. Kalendermonat angehängt wird. So lassen sich das Sonnen- und das Mondjahr synchronisieren.

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Die Forscher um Meller glauben, dass die Himmelsscheibe die Menschen im bronzezeitlichen Sachsen-Anhalt genau daran erinnern sollte. Meller spricht von einer Art Memogramm. Die Scheibe könnte auch praktische Anwendung gefunden haben. Richtet man sie am Fundort flach in westliche Richtung nach dem Brocken im Harz aus, lässt sich an den goldenen Horizontbögen am Rand der Scheibe Sommer- und Wintersonnenwende ablesen.

Dann geht die Sonne genau an den Rändern des Bogens unter. Zudem konnte die Scheibe auch die Tagundnachtgleiche im März und September anzeigen, sie markieren Frühlings- und Herbstbeginn. Und damit die wichtigsten Termine des Jahres für eine Gesellschaft, die von der Landwirtschaft abhängig war. "Das Wissen war für die Menschen im bronzezeitlichen Sachsen-Anhalt von zentraler Bedeutung."

Karol Schauer/ LDA Sachsen-Anhalt

Richtet man die Himmelsscheibe flach in westliche Richtung nach dem Brocken im Harz aus, lässt sich an den goldenen Horizontbögen am Rand der Scheibe Sommer- und Wintersonnenwende ablesen.

Doch woher stammte das astronomische Wissen, das in der Himmelsscheibe steckt? Gut möglich, dass die mitteleuropäischen Hersteller es aus der Fremde mitgebracht haben. Meller glaubt, es könnte aus Mesopotamien kommen, wo ähnliche Himmelsbeobachtungen schon in Keilschrifttexten erwähnt wurden. Derzeit suchen Forscher der Universität Halle nach weiteren Erkenntnissen über den Wissenstransfer in Südeuropa. Die Forscher wollen unter anderem in einer italienischen Grotte rätselhafte Felszeichnungen fotografieren und analysieren.

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Mond-Archäologie: Zeitmesser der Bronzezeit

Fachleute vermuten, dass ähnliche Kalender auch anderswo entwickelt worden sein könnten, entsprechende Funde sind aber alle jünger. Im heutigen Dänemark entdeckten Archäologen beispielsweise einen Wagen mit einer großen Goldscheibe darauf. Der sogenannte Sonnenwagen von Trundholm wurde von einem Bronzepferd gezogen. Vermutlich spielte die Skulptur keine Rolle im Alltag der Menschen, sie wurde nur für religiöse Handlungen angefertigt und hat den Lauf der Sonne dargestellt.

Manche Experten vermuten, dass auch die spiralförmigen Goldornamente auf der Scheibe einen Kalender darstellen. Ähnliches vermutet man für die bekannten Goldhutfunde. Diese kegelförmigen Artefakte aus Goldblech weisen vergleichbare Symbole auf. Auch sie stammen aus der Bronzezeit und wurden einst in Süddeutschland und in Frankreich gefunden.

Durch Ackerbau und Viehzucht wurde der Lauf der Sonne für unsere Vorfahren irgendwann wichtiger als der des Mondes. Dennoch bestimmt der weiße, große Himmelsball unsere Geschicke bis heute - als Studienobjekt in der Astronomie und Raumfahrt. Oder als Künstlermuse, die vom Kinderlied über Goethe bis zu Pink Floyd die Kreativen faszinierte. Und selbst für die Zeitrechnung spielt der Mond heute noch eine Rolle: Der islamische Kalender ist ein reiner Mondkalender.

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