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Wissenschaft

Nach mysteriösem Waffentest

Rätsel um russische Atom-Messstationen

Anfang August ging in Russland vermutlich ein Waffentest schief, mehrere Menschen starben. Ein Messnetzwerk hätte davon radioaktive Spuren erfassen können. Doch die Stationen in Russland waren zum fraglichen Zeitpunkt ausgefallen. Zufall?

REUTERS

Russischer Marschflugkörper bei einer Präsentation (Symbolbild)

Von und
Mittwoch, 21.08.2019   19:19 Uhr

Was für ein technisches Gerät genau am 8. August auf einer Militäreinrichtung in der Nähe des russischen Ortes Njonoksa am Weißen Meer getestet wurde, ist bis heute nicht klar. Klar ist aber, dass der Versuch schiefging und mehrere Menschen ums Leben kamen. Und klar ist auch, dass die radioaktive Belastung der Region unmittelbar danach zeitweise angestiegen ist.

Das in der Natur vorkommende Niveau sei in der Spitze um das 16-Fache überschritten worden, hatte der russische Wetterdienst Rosgidromet mitgeteilt. Die Einrichtung gab den Höchstwert der atomaren Verstrahlung mit 1,78 Mikrosievert pro Stunde an. Der natürliche Wert in der Region von Sewerodwinsk liege bei 0,11 Mikrosievert.

Im Raum steht der Vorwurf, Russland habe eine Rakete des Typs SSC-X-9 "Skyfall" ausprobiert, davon spricht auch US-Präsident Donald Trump. Dabei handelt es sich um ein von Präsident Wladimir Putin als Wunderwaffe gepriesenen atomar betriebenen Marschflugkörper (Hintergründe zu den Rüstungsplänen lesen Sie hier).

Zwar ist bis heute unklar, ob die Waffe tatsächlich getestet wurde. Die russischen Behörden gaben sich allerdings wortkarg. Experten der CTBTO (Organisation des Vertrages über das umfassende Verbot von Nuklearversuchen) machten sich daraufhin daran, die Daten aus ihrem Messnetz auszuwerten. Tatsächlich hatten drei seismische Stationen und eine zur Messung von Infraschall die Explosion in Njonoksa erfasst, teilten die Experten der Organisation mit Sitz in Wien mit.

Ein Animation, die CTBTO-Chef Lassina Zerbo über Twitter verbreitete, zeigte außerdem, wie sich eine Wolke mit radioaktiven Teilchen über Europa und Asien verteilt haben könnte. Könnte, wohlgemerkt. Denn ob es sie gab, ist nicht belegt.

Die Simulation machte einige Experten nun stutzig. Denn die CTBTO verwaltet ein ganzes Netzwerk von Messstationen und verfügt über Seismometer, Infraschall- und teils auch Radionuklidsensoren, die bei Atomexplosionen freigesetzte radioaktive Partikel erfassen. Nach der Explosion von Njonoksa haben die Stationen auf russischem Boden allerdings keinerlei Ergebnisse aufgezeichnet.

Kein Wunder, denn die Stationen, die sich am nächsten am Verbreitungsgebiet der möglichen radioaktiven Wolke befinden, stoppten zum fraglichen Zeitpunkt die Übermittlung von Daten an das CTBTO-Hauptquartier in Wien.

War das Zufall? So mancher Experte will daran nicht glauben. US-Rüstungsfachmann Jeffrey Lewis vom Middlebury Institute of International Studies in Monterey hat sich angeschaut, wo und wann die Stationen in Russland ausfielen und das mit der Simulation der Wolke verglichen.

SPIEGEL ONLINE

IMS Radionuklid-Messstationen in Russland

Das Muster sei ziemlich verdächtig, teilte er per Twitter mit. Es waren genau die Stationen nicht online, die die Wolke erfasst hätten. Dauerhaft defekt sind sie nicht, denn inzwischen liefern sie wieder Daten.

Ein Sprecher der CTBTO bestätigt auf Anfrage des SPIEGEL den Ausfall der beiden Stationen in Dubna und Kirow am 10. August. Drei Tag später stellten außerdem zwei weitere, östlich gelegene Stationen die Datenübermittlung ein.

Die Messstationen werden von russischen Institutionen betrieben und nicht von der CTBTO selbst. Wie der Sprecher weiter berichtet, habe man keine Hinweise auf anstehende Wartungsarbeiten gehabt und sei von dem Stopp der Datenübermittlung überrascht worden. Es habe keine Mitteilungen von russischer Seite an die Experten gegeben, dass die Stationen für eine bestimmte Zeit vom Netz gehen würden.

Die CTBTO soll die Einhaltung eines internationalen Kernwaffenteststopp-Vertrages überwachen. Das Abkommen haben bisher 183 Staaten unterschrieben, auch die USA und Russland. Ratifiziert, also formal bestätigt, haben den Vertrag aber nur 168 Länder. Russland ist dabei, die USA fehlen nach einem entsprechenden Votum des Senats im Oktober 1999.

insgesamt 3 Beiträge
The Restless 22.08.2019
1. Nichts Neues im Osten
Es wäre konsequent für Russlands Informationspolitik, dass die ihre eigenen Messstationen in kritischen Situationen abschalten. Übrigens gab es ähnliche Maßnahmen auch bei uns, nach dem Tschernobyl-Unfall: Innenminister [...]
Es wäre konsequent für Russlands Informationspolitik, dass die ihre eigenen Messstationen in kritischen Situationen abschalten. Übrigens gab es ähnliche Maßnahmen auch bei uns, nach dem Tschernobyl-Unfall: Innenminister Zimmermann verbot die Veröffentlichung der Strahlenwerte in Deutschland, 'um die Bevölkerung nicht zu verunsichern'. Natürlich versicherte er damals, dass eine Gefährdung der deutschen Bevölkerung 'absolut auszuschließen' sei. Ein Nuklearunfall, der im selben Jahr beim GKSS in der Elbmarsch passiert sein soll (siehe Leukämiecluster), wurde geheimgehalten und bis heute nicht bestätigt.
permissiveactionlink 22.08.2019
2. Bedauerlicherweise
kann man Gammastrahlung, die beim radioaktiven Zerfall von Spaltprodukten in charakteristischen Wellenlängen frei wird, nicht mit Satelliten vom Erdorbit aus nachweisen. Die Erdatmosphäre verhindert das, zumindest in den [...]
kann man Gammastrahlung, die beim radioaktiven Zerfall von Spaltprodukten in charakteristischen Wellenlängen frei wird, nicht mit Satelliten vom Erdorbit aus nachweisen. Die Erdatmosphäre verhindert das, zumindest in den relevanten Wellenlängenbereichen. Also ist man auf bodengebundene Stationen angewiesen, und die lassen sich manipulieren. Wären diese gegen Manipulation gesichert und verplomt, würden entweder die Lufteinlässe der Messgeräte blockiert oder mit scheinbar sauberer Außenluft geflutet, oder die Datenverbindungen unterbrochen. Das gezielte Deaktivieren der Messstationen in Russland sagt aber sehr viel aus : Nichts ist vielsagender und aussagekräftiger, als mächtige alte Männer, die schweigen....
Newspeak 22.08.2019
3. ....
Es ist doch klar, dass die Russen die Stationen abgeschaltet haben. Man täuscht und lügt wie vor 30 Jahren. Dieses Land ist eine einzige Schande.
Es ist doch klar, dass die Russen die Stationen abgeschaltet haben. Man täuscht und lügt wie vor 30 Jahren. Dieses Land ist eine einzige Schande.

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