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Wissenschaft

Umweltgefahr

Großbritannien will alte Öl-Bohrinseln in der Nordsee verrotten lassen

Im Schatten des Brexits spitzt sich ein Konflikt um den Rückbau von vier Bohrinseln in der Nordsee zu. Die Bundesregierung fürchtet, dass Tausende Tonnen Öl ins Meer sickern könnten.

Ian Forsyth/ Getty Images

Bohrinsel "Brent Bravo": 640.000 Kubikmeter ölhaltiges Wasser

Mittwoch, 04.09.2019   13:40 Uhr

In der Nordsee sind die fetten Jahre des Ölbooms lange vorbei. Die Ölfelder unter dem Meeresspiegel sind weitgehend erschöpft, seit den Siebzigerjahren haben Norwegen, Großbritannien, die Niederlande, Dänemark und Deutschland auf mehr als 400 Ölplattformen Millionen Barrel Öl gefördert.

Doch seit der Jahrtausendwende ist die Ölproduktion immer weiter zurückgegangen. Die neue Aufgabe der beteiligten Unternehmen und Nationen: einen umweltverträglichen Rückbau der Bohrinseln zu organisieren. Decommissioning nennen das die Experten.

Im Schatten des Brexits ist es dabei nun zu einem Streit zwischen Deutschland und Großbritannien gekommen. Das Land hat zudem den Ärger weiterer EU-Länder auf sich gezogen. Denn die britische Regierung plant, dem Ölkonzern Shell eine Ausnahmegenehmigung zu erteilen. Dadurch dürfte das Unternehmen ausgediente Bohrinseln teils in der Nordsee stehen lassen.

Konkret geht es um die Reste von vier Plattformen, die zum Brent-Ölfeld gehören, es liegt etwa 180 Kilometer nordöstlich der Shetlandinseln im britischen Gebiet der Nordsee. Geplant ist, das von den Bohrinseln "Brent Bravo", "Brent Charlie" und "Brent Delta" jeweils die Basiskonstruktionen stehen bleiben sowie von "Brent Alpha" eine Stahlgerüstplattform. Demnach blieben nicht nur die in den Meeresboden ragenden Pfeiler erhalten, sondern auch Teile, die über die Wasseroberfläche ragen.

Wie das Bundesumweltministerium schreibt, hätte das möglicherweise schwerwiegende Folgen für die Umwelt: 62 circa 65 Meter hohe Öltanks und Bohrkammern würden im Meer verbleiben. Sie sind gefüllt mit etwa 640.000 Kubikmeter ölhaltigem Wasser sowie 40.000 Kubikmeter ölhaltigem Sediment mit einem Anteil von mehr als 11.000 Tonnen Rohöl. Eine tickende Zeitbombe, glauben Experten. Denn sollten die Tanks der Plattformen, die bereits in den Siebzigerjahren gebaut wurden, marode werden, könnte das Öl ins Meer sickern.

Deshalb hatte Deutschland ein Veto gegen die Pläne der Briten eingelegt, dem haben sich nun auch Schweden, Belgien, die Niederlande und Luxemburg angeschlossen. Inzwischen wurden dem britischen Umweltministerium auch die Bedenken der Europäische Kommission übermittelt. Darin heißt es, dass der Inhalt der Tanks als gefährlicher Abfall eingestuft würde.

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Schicksal alter Bohrinseln: Fluch und Segen

Ein Bericht des "Guardian" zitiert Jochen Flasbarth, Staatssekretär im deutschen Umweltministerium. "Ich bin wirklich überrascht über die Entscheidung der Briten", sagte er. Auch in Großbritannien sei man sehr besorgt über den Zustand der Ozeane. Er würde aber nicht verstehen, warum man dann Tausende Tonnen kontaminiertes Wasser in der Nordsee lasse.

Die Mitgliedsstaaten von Ospar (Übereinkommen zum Schutz der Meeresumwelt des Nordost-Atlantiks) hoffen, dass die Briten vielleicht doch noch einlenken. Vertreter von 15 Nationen wollen sich im Oktober in London treffen, dabei soll auch über die Sondergenehmigung für Shell gesprochen werden. Doch angesichts der zahlreichen offenen Fragen des Brexits, dürfte bei vielen EU-Staaten derzeit ein Misstrauen bestehen. Kommt Großbritannien seinen Verpflichtungen gegenüber europäischen Partnern möglicherweise nicht mehr nach?

Shell behauptet, dass keine Gefahr für die Umwelt bestehe und man verschiedene Szenarien zum Umgang mit den Plattformen geprüft habe. Der Verbleib der Plattformen im Meer sei laut Shell am umweltverträglichsten. Das hätten zahlreiche Studien ergeben. Dem widerspricht ein Gutachten, das die Bundesregierung in Auftrag gegeben hatte. Demnach sei schon die Methodik der Shell-Untersuchungen anzuzweifeln.

Der Rückbau von Bohrinseln verursacht hohe Kosten. Die Plattformen müssen über weite Strecken über das Meer in Küstenhäfen gezogen werden. Dort werden die Tausende Tonnen schweren Konstruktionen auseinandergebaut, der Stahl kann recycelt werden.

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Dass es nicht unbedingt eine schlechte Idee der Betreiberfirmen sein muss, die Träger der Plattformen im Meer stehen zu lassen, hatten Forscher schon häufiger nachgewiesen. Mit der Zeit lagern sich an den riesigen Stahlkonstruktionen Tonnen von Meereslebewesen wie Muscheln, Schwämme, Korallen, Austern, Krabben und Garnelen an. Auch zahlreiche Fische fühlen sich an den künstlichen Riffen wohl. Im Golf von Mexiko konnten so bereits neue Lebensräume aus Bohrinseln entstehen.

Shell hatte bereits Mitte der Neunzigerjahre die Idee, den Öltank "Brent Spar" in der Nordsee zu versenken und in ein Riff zu verwandeln. Doch sie scheiterte damals am Protest von Umweltschützern.

Ein solches Riff könnte auch bei den vier Plattformen entstehen, über die nun gestritten wird. Allerdings bestünde weiterhin die Gefahr, dass Öl ins Meer sickert. Das Öl zuvor abzupumpen, sei zwar eine schwierige Aufgabe, aber nicht unmöglich, so Flasbarth. Vor allem sei es aber teuer. Und offenbar wolle die britische Regierung diesmal den billigsten Plan umsetzen. Und nicht den umweltfreundlichsten.

joe

insgesamt 90 Beiträge
kmgeo 04.09.2019
1. Präzedenzfall Brent Spar
Wie gut, dass es einen Präzedenzfall gibt: Dort wurde ein Boykott organisiert, der dann auch die gewünschte Wirkung entfaltete. Nach meiner Erinnerung war das lange vor Verbreitung des Internets. Also machen wir das nochmals [...]
Wie gut, dass es einen Präzedenzfall gibt: Dort wurde ein Boykott organisiert, der dann auch die gewünschte Wirkung entfaltete. Nach meiner Erinnerung war das lange vor Verbreitung des Internets. Also machen wir das nochmals und tanken woanders - die einzige Sprache, die Shell&Co verstehen!
j.vantast 04.09.2019
2. Verantwortungslos
immer das gleiche Spiel. Erst wird mächtig Geld verdient und die Reste lässt die Industrie dann einfach liegen und drückt sich vor der Entsorgung. Jede Tankstelle die geschlossen wird muss ihre Erdtanks ausgraben und entsorgen. [...]
immer das gleiche Spiel. Erst wird mächtig Geld verdient und die Reste lässt die Industrie dann einfach liegen und drückt sich vor der Entsorgung. Jede Tankstelle die geschlossen wird muss ihre Erdtanks ausgraben und entsorgen. Aber es zeigt sich mal wieder dass die Sauerei einfach nur im grossen Stil praktiziert werden muss um damit durchzukommen.
baertschi2 04.09.2019
3. Rückbaukosten
Die Kosten zum Rückbau bei solchen Plattformen und auch bei AKW's sollten von Anfang an berücksichtigt und angehäuft werden. Bei jeder Flasche Mineralwasser und bei Kühlschränken gehts auch.
Die Kosten zum Rückbau bei solchen Plattformen und auch bei AKW's sollten von Anfang an berücksichtigt und angehäuft werden. Bei jeder Flasche Mineralwasser und bei Kühlschränken gehts auch.
JanHelbig 04.09.2019
4. Shell in Haftung nehmen
Dann soll doch Shell für Folgekostenvertrags gerade stehen oder seine Tankstellen in der EU schließen.
Dann soll doch Shell für Folgekostenvertrags gerade stehen oder seine Tankstellen in der EU schließen.
kumi-ori 04.09.2019
5.
Das Niveau wird immer bodenloser. Zur "Strafe" für die EU will also das Vereinigte Königreich den Tierbestand in der Nordsee vernichten. Wenn es eine Ressource gibt, die den Engländern auch nach dem Brexit noch [...]
Das Niveau wird immer bodenloser. Zur "Strafe" für die EU will also das Vereinigte Königreich den Tierbestand in der Nordsee vernichten. Wenn es eine Ressource gibt, die den Engländern auch nach dem Brexit noch einigermaßen verlässlich bleibt, dann ist es der Fischbestand in der Nordsee. Möchten die Engländer jetzt aus lauter heroischem Trotz verhungern? Nein, das ist nicht heldenhaft oder beeindruckend. Das ist lächerlich und albern und sonst gar nichts.

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