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Für 750 Dollar werden Artikel schneller geprüft

Ein wissenschaftliches Fachblatt begutachtet eingereichte Studien schneller, wenn die Autoren 750 US-Dollar bezahlen. Nun gibt es Streit über das Projekt. Ein Herausgeber ist zurückgetreten und warnt vor einer Zweiklassen-Wissenschaft.

DPA

Wissenschaftliche Bibliothek: Überholspur für Forscher?

Montag, 30.03.2015   11:44 Uhr

Warten nervt. Aber wer bereit ist, einen höheren Preis zu zahlen, muss sich nicht so lange gedulden wie alle anderen. Fast Lane (Überholspur) heißt das bei mancher Fluggesellschaft oder auch Fastpass im Vergnügungspark. Für Geld darf man sich vordrängeln.

Nun gibt es eine solche Überholspur auch für wissenschaftliche Artikel. Eingeführt hat sie in Form eines Pilotprojekts das Fachblatt "Scientific Reports", das zur Nature Publishing Group (NPG) gehört und bei der auch das renommierte Magazin "Nature" erscheint. Wenn Wissenschaftler bereit sind, 750 US-Dollar zu bezahlen, verspricht das Magazin über eine eingereichte Studie binnen drei Wochen zu entscheiden.

Insbesondere die Begutachtung einer eingereichten Arbeit durch Forscherkollegen, auch Peer Review genannt, kann sich sonst über Monate hinziehen. Mit dem Peer Review soll sichergestellt werden, dass Studien keine Fehler enthalten und dem Stand der Wissenschaft entsprechen. Viele Forscher erledigen diese Arbeit als Gutachter, Peer Review ist ein fester Bestandteil ihrer Arbeit.

Die schnellere Prüfung gegen Bezahlung sorgt für Streit: Zwei Tage nach dem Start des Pilotprojekts verkündete Mark Maslin via Twitter seinen Rücktritt als Herausgeber des Fachblatts "Scientific Reports". Der Professor für Geografie am University College London sagte gegenüber "Nature", die Sache habe "einen Nerv getroffen". Er fürchte, dass finanziell gut ausgestattete Forscher und ärmere Kollegen beim Publizieren künftig verschiedene Wege gehen könnten. "Ich denke, das führt zu einem Zweiklassensystem."

Pro Artikel 1500 Dollar

Die Nature Publishing Group erklärte, es gebe Diskussionen über das seit 24. März laufende Pilotprojekt. Man habe dies ausdrücklich als Test deklariert, glaube aber, dass es Forschern Vorteile bringen könne. Eine Umfrage habe 2014 ergeben, dass 70 Prozent der Wissenschaftler frustriert seien wegen der langen Dauer der Überprüfung. 67 Prozent der Befragten hätten dafür plädiert, alternative Begutachtungssysteme auszuprobieren.

Bezahlen müssen Wissenschaftler übrigens immer, wenn sie einen Artikel im Fachblatt "Scientific Reports" veröffentlichen. Denn es handelt sich um ein Open-Access-Magazin - die publizierten Studien sind frei zugänglich. Um die Kosten des Verlagshauses für Prüfung, Layout und Publikation abzudecken, verlangt "Scientific Reports" eine Gebühr von 1500 US-Dollar. Dies ist gängige Praxis bei Open-Access-Zeitschriften. Bei den Journalen der Public Library of Science ("PLoS") zahlen Autoren sogar bis zu 2900 Dollar pro Artikel.

hda

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